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Dieser Taxifahrer fotografiert die Brüste seiner weiblichen Fahrgäste

Wir haben Jürgen Watzlawek auf einer seiner Fahrten durch die Berliner Nacht begleitet.

von Henning Beermann
01 April 2015, 9:50am

Foto: Steffen Ott

Hans-Jürgen Watzlawek ist 70 Jahre alt, fährt nachts Taxi und fragt seine weiblichen Fahrgäste, ob er ihre nackten Brüste fotografieren darf. Die Bilder hat er schon in Galerien ausgestellt, es gibt Bildbände und die Westberliner Kunstszene steht hinter ihm.

Als ich zum ersten Mal von einer seiner Ausstellungen hörte, hielt ich das Ganze zunächst für einen Witz. Ein Taxifahrer, der die nackten Brüste seiner weiblichen Fahrgäste fotografiert und das dann auch noch ausstellt? Ich erzählte einer Freundin davon, für sie ein klarer Fall von „sexistischer Kackscheiße". Sie würde so einen „Triebtäter" ganz bestimmt nie ihre nackten Brüste fotografieren lassen. Und so ganz Unrecht schien sie mir mit ihren Bedenken auch nicht zu haben. Je länger ich darüber nachdachte, umso unangenehmer fand ich die Vorstellung eines alten Taxifahrers, der Nacktbilder seiner Kundinnen macht.

Künstler oder einfach nur ein Freund nackter Frauenhaut? Um diese Frage zu klären, wollte ich Watzlawek persönlich treffen. Nach einem 30-minütigen Telefonat, in dem er mir erklärt, dass es sich bei dem Projekt um eine Hommage an die Frau handelt, bin ich nicht weniger unschlüssig—und mit ihm für ein Treffen in seiner Charlottenburger Hood verabredet.

Eine Woche später treffen wir uns gegen 22:00 Uhr vor der Pilgerstätte der Westberliner Bohème de Paris Bar. Künstler und Poser genießen einen lauwarmen Frühlingsabend bei teuren Drinks und eloquenter Konversation an den Tischen vor dem Lokal. Ein älterer Herr mit Rauschebart und übergroßer Vintage-Brille, welche jedes Hipsterherz höher schlagen ließe, kommt auf mich zu, reicht mir seine weiche Hand und begrüßt mich und den Fotografen mit tiefer, friedlicher Stimme: „N'Abend Jungs. Na, wollen wir erst mal eine Runde drehen?" Meine erste Befürchtung heute Abend auf einen notgeilen Triebtäter zu stoßen, trifft auf den ersten Blick schon mal nicht zu.

Wir steigen in sein Taxi, einen Hybrid japanischer Bauart. Mit einem leisen Summen düsen wir los ins dunkle Charlottenburg.

Nach 30 Jahren als Bäcker fährt der Rentner jetzt mit dem Taxi durch die Nacht, weil ihm sonst zu Hause die Decke auf den Kopf fiele. Er wohnt mit seiner 100-jährigen Mutter und seiner Freundin zusammen. „Da muss man auch mal raus", sagt er mit ruhiger Stimme und berlinert dabei schön. Ich drehe die Lehne zurück und draußen rauscht Berlin vorbei. Hier im Westteil der Stadt hat er sein ganzes Leben verbracht. Wir fahren vorbei an seinem ehemaligen Kindergarten, in dem er vor über 60 Jahren gespielt hat. In Westberlin kennt Watzlawek jede Ecke und scheint zu nahezu allem eine Anekdote auf Lager zu haben. Der Osten ist ihm fremd.

Ich frage, wie das Brust-Projekt überhaupt zustande gekommen ist.

Er habe immer schon eine künstlerische Ader gehabt, erzählt er. Collagen gebastelt, mit seiner Digicam Schnappschüsse gesammelt, dabei alle möglichen Motive festgehalten. Eines Nachts fuhr er eine seiner Stammkundinnen. Sie erzählte ihm von dem Verdacht, schwanger zu sein, weil sich ihre Brüste plötzlich so groß anfühlen. „Zeig mal", hatte er da so vor sich hingesagt und schon zog sie blank. Ihm gefiel, was er sah, und fragte, ob er ein Foto schießen dürfe.

Ohne Kopf versteht sich. Sie willigte ein und war zufrieden mit seinem Werk.

Seitdem fotografiert er nackte Frauenbrüste. „Das erste Bild hat schon auch ein bisschen meinen Jagdinstinkt geweckt. Ich wollte wissen, wie viele Bilder ich bekomme." Mittlerweile sind es mehrere hundert.

Gibt es bei den ganzen nackten Frauen gar keinen Stress mit der Freundin?

„Nein, absolut nicht. Ich habe ihre volle Unterstützung in der Sache. Sie hilft mir zum Beispiel bei den Ausstellungen." Laut dem 70-Jährigen versteht sie seine Bilder als Kunst, als Würdigung der Frau, und will von den Sexismus-Vorwürfen nichts wissen.

Doch wie gewinnt er überhaupt das Vertrauen seiner Modelle? Ich stelle mir vor, wie ich eine fremde Frau frage, ob ich mal ihre Brüste fotografieren darf und mir dann voll eine fange.

Es ist vor allem seine Menschenkenntnis, meint Watzlawek. Erst einmal warm werden mit einer Kundin, sich auf sie und ihre Stimmung einfühlen. Wie ist sie drauf? Ist sie betrunken? Dann kommt ein Foto nicht in Frage, Ehrensache. Ist sie minderjährig? Auch dann werden keine Bilder gemacht. Kommt er mit einer Kundin ins Gespräch, geht es irgendwann immer um das Thema Hobbys, die Frage danach, was er denn sonst so mache. Seine Antwort lautet dann: „Ich habe da so ein Projekt."

Genau wie mir zeigt er dann den Frauen nicht ganz ohne Stolz seinen Bildband, Zeitungsberichte; sogar ein japanischer ist dabei. Noch nie hat er eine unfreundliche Antwort erhalten, sagt er. Ich blättere durch den Bildband und sehe nackte Brüste. Frauen, die ihre massigen Brüste mit beiden Händen zusammenpressen. Große Brüste und kleine. Schöne und weniger schöne. Die Fotos haben etwas Anrüchiges. Ich muss an Terry Richardson und seinen deutschen Abklatsch Oliver Rath denken. Die beiden machen noch weitaus nacktere Bilder und werden dafür vom Feuilleton regelmäßig abgefeiert. Von Pornografie ist hier eher selten die Rede.

Will eine Kundin bei seinem Projekt mitmachen, fährt er rechts ran, lehnt sich rüber und knipst das Objekt der Begierde. Ist denn da noch nie was gelaufen zwischen ihm und seinen weiblichen Fahrgästen? „Angebote habe ich schon bekommen. Andere Frauen wollten auch, dass ich sie untenrum fotografiere. Aber darum geht es mir überhaupt nicht, so was mache ich nicht. Mir geht es nur um die Brust."

Wir fahren rechts ran, er will uns etwas zeigen. Im Kofferraum liegen in eine Deutschlandfahne eingewickelt zwei große, auf Keilrahmen gezogene Arbeiten von ihm. „Das eine mit der Einkaufstüte mag ich ganz besonders. Das ist so eine richtige Momentaufnahme. Die Dame hat mir zwischen Supermarkt und Heimweg mal eben ihren Busen gezeigt. Spontan und unaufgeregt. So mag ich das."

Wir fahren weiter und ich denke immer noch an Terry Richardson. Ich frage Watzlawek nach dem Unterschied zwischen Porno und Kunst in seiner Arbeit. Seine Miene verdüstert sich, ich scheine einen wunden Punkt getroffen zu haben. Der bis jetzt so ruhige Mann wird laut: „Das ist doch keine Pornografie, was ich mache! Was haben Sie denn für ein Verständnis von Pornografie?! Sehen Sie, gehen Sie mal in die Paris Bar. Da hängt ein Bild, das ist reine Pornografie, das, wo der Mann der Frau die Knarre an den Kopf hält und sie ihm einen Schlabbern muss. Das ist doch eigentlich Pornografie. Aber der Fotograf hat halt einen Namen, da ist es eben ein Künstler, der das macht. Das Problem ist doch, wenn ich das hier im Taxi mache, dass ich eben keinen Namen habe und das daher etwas anrüchig ist."

Watzlawek ist ernsthaft wütend und kann meinen Anwurf mit der Pornokeule überhaupt nicht nachvollziehen. Er sieht seine Arbeit als Hommage an die Frau, nicht als geschmacklose Pornobilder. Schließlich macht er keine Fotos von Leuten, die sich in seinem Taxi einen runterholen.

Ich habe das Gefühl, gleich aus dem Taxi geschmissen zu werden, und versinke auf dem Beifahrersitz. Steffen, der Fotograf, nimmt seine Kamera runter, wirft mir einen besorgten Blick im Rückspiegel zu und schneidet mit dem Zeigefinger seine Halsschlagader durch. Ich versuche, die Wogen zu glätten, und versichere dem Fahrer, seine Arbeit ganz bestimmt nicht für billige Pornografie zu halten. Trotzdem müsse er verstehen, dass sich diese Frage sicherlich den meisten aufdrängen wird, wenn sie von einem Taxifahrer hören, der die Brüste seiner Mitfahrerinnen fotografiert.

Er steckt sich zur Beruhigung einen Clubmaster Zigarillo an und holt nun zur großen Rechtfertigung aus. Es riecht nach Vanille.

„Frauen sind doch das Schönste, was es auf der Welt gibt. Schau dir doch mal bei uns Männern das ganze Gehänge da unten an. Das will doch keiner sehen." Die Brust hat für ihn etwas Natürliches. Er sieht bei seiner Arbeit nicht den sexuellen Reiz. Für ihn spendet sie Nahrung, Geborgenheit und Wärme. „Jede Brust ist auf ihre eigene Art schön. Ob groß oder klein, blau oder grün. Das ist völlig egal."

Vielleicht ist auch das der Grund, warum sich so viele Frauen von ihm ablichten lassen. Die Bilder werden nicht nachbearbeitet, seine Modelle müssen keinem durch die Medien propagierten Schönheitsideal entsprechen und können trotzdem Teil der Kunst sein. Watzlawek scheint seine Arbeit wahrhaftig für eine Hommage an das weibliche Geschlecht zu halten. Das nehme ich ihm ab.

Doch was haben die Frauen überhaupt davon, außer Mittelpunkt der Kunst zu sein, wenn sie mitmachen? Müssen sie dann weniger bezahlen? „Nein, das nicht. Aber wenn ich ein Bild verkaufe, dann bekommen sie einen Anteil vom Erlös. Sie können auch jederzeit ihr Einverständnis zurückziehen, dann wird das Bild gelöscht. Das ist aber erst einmal vorgekommen. Eigentlich sind die Frauen immer sehr zufrieden mit meinen Bildern." Während er das sagt, wirkt er überaus selbstzufrieden.

Ich halte Watzlawek jetzt für einen gutherzigen Menschen, der einfach ein außergewöhnliches Hobby hat, gerne ein bisschen Anerkennung dafür bekommen und vor allem nicht missverstanden werden möchte.

„Eigentlich habe ich keine großen Erwartungen mehr an das Leben. Reichtum, so ein Quatsch. Was will ich damit in meinem Alter? Ich würde mir nur wünschen, dass mein Projekt ein bisschen größer wird, man mich vielleicht auch als Künstler akzeptiert. Dass ich noch das ein oder andere Bild verkaufen kann, weitere Ausstellungen bekomme, so was halt."

Wir kommen wieder vor der Paris Bar zum Stehen und steigen aus. Watzlawek reicht mir seine Hand und hat noch eine letzte Bitte: „Machen Sie keinen Perversen aus mir, ja?!" Dann summt er in seinem Hybrid davon.

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