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Drogen

Ein Tag im Leben eines Schweizer Gras-Dealers

Benny dealt seit 19 Jahren mit Gras. Ich habe ihn einen Abend lang begleitet.

von Ivan Markovic
11 November 2015, 5:00am

Foto: VICE Media

Benny ist ein netter Kerl, den seine Mitmenschen wegen seiner höflichen und empathischen Art mögen: Er hilft alten Leuten bei der Abfallentsorgung, repariert Mofas mit Kindern aus der Nachbarschaft, setzt grossen Wert auf Anstand—und vertickt seit 19 Jahren Cannabis.

Als ich gegen 18:30 Uhr bei Benny auftauche, öffnet er gestresst die Tür: „Sorry! Bin selbst erst vor fünf Minuten nach Hause gekommen und gleich werden die ersten Leute hier auftauchen. Ich muss schnell was essen, magst du ein Bier?" Die „ersten Leute" sind seine ersten Kunden für diesen Abend. Benny verkauft sein Gras direkt bei sich zu Hause. Leute kommen, Leute gehen und oft verbringen einige gleich den ganzen Abend bei ihm. Benny wählt seine Kundschaft sorgfältig aus. Viele seiner langjährigen Abnehmer sind inzwischen zu guten Freunden geworden. Er erzählt: „Meine Freunde sind meine Kunden und umgekehrt. Fremde brauche ich heute nicht mehr als neue Kunden. Höchstens ein Kumpel bürgt für die neue Person, dann überleg ich's mir."

Für seinen grünen Geschäftszweig hat sich Benny einen getrennten Raum eingerichtet. Dort wartet ein gemütliches Sofa, der vertraute Duft von Mary J und geschätzte 100 Knobelspiele für seine Gäste. Sein Heim ist blitzblank und ordentlich. Alles wird feinsäuberlich recycelt, die vielen Pflanzen sind gepflegt und es herrscht ein striktes Rauchverbot. Für Zigaretten und Joints müssen alle raus auf die Terrasse.

Wie Benny zum Dealen gekommen ist, will ich von ihm wissen: „Ach, das hat sich so ergeben", sagt er mit einem einnehmenden Lächeln bevor er fortfährt: „Meine damalige Freundin hatte bereits eine eigene Wohnung und da bin ich zu ihr. Über sie habe ich einen Typen kennengelernt, der Weed verkaufte und mich regelmässig für meinen eigenen Gebrauch versorgte. Es ging nicht lange, bevor mich die ersten Freunde fragten, ob ich ihnen nicht auch etwas mitbringen würde." Er sei da so reingerutscht, ergänzt Benny.

Foto: cheifyc | Pixabay | CC0

An diesem Abend sitzen wir zu sechst in seinem Chillout-Zimmer—drei Jungs und drei Mädels. Es wird schnell klar, dass sich alle wohlfühlen und nicht zum ersten Mal einen Abend in dieser Wohnung verbringen. Keine Spur von selbstgefälliger Rechtfertigung, Benny dealt aus Überzeugung: „So weiss ich, dass meine Leute saubere Ware ohne jeglichen Dreck bekommen." Abgesehen von den Unmengen an Gras scheint hier ein normaler Feierabend unter guten Freunden stattzufinden: Es wird über den Job gelästert, lustige YouTube-Videos kommentiert und einer hat Bier für alle mitgebracht. Benny selbst verteilt als guter Gastgeber Kaffee und Kuchen.

Nur wenn's zwischendurch ums Geschäftliche geht, verändert sich die Stimmung um eine Nuance: „Wieviel brauchst du?" „Für 200 Franken." Ein Beutel Gras wandert über den Tisch. „Willst du noch ein bisschen Hasch?" „Nein, danke." Und der Abend nimmt weiter seinen Lauf. Ich habe einen sehr ruhigen Abend erwischt, um vorbeizuschauen, lässt mich Benny wissen. Doch es sei vielleicht auch besser so, grinst er mich vielsagend an. „Ohne Voranmeldung läuft hier nichts, dann darf niemand vorbeikommen. So etwas ist für mich eine Selbstverständlichkeit," erklärt er sachlich. Ich frage mich, ob seine Gäste für diesen Abend nach mir unbekannten Kriterien gewählt wurden.

Gegen 23:00 Uhr verlassen die letzten Besucher seine Wohnung und verabschieden sich herzlich voneinander—wie es gute Freunde eben tun. Benny will auch bald seine Ruhe haben. Er müsse morgen früh zur Arbeit, aber ich könne noch ein paar Minuten bleiben, sagt er. Ja, Benny hat nebenbei einen normalen Job. Überrascht hake ich nach, wieso er nicht Vollzeit-Dealer sei. „100 Prozent Dealen wäre mir zu stressig. Dann könnte ich die Leute nicht mehr zu mir nach Hause einladen und müsste wieder raus auf die Strasse. Dort hast du permanent Angst."

Früher habe er eine Zeit lang zu viel Geld umgesetzt und da musste er wegziehen. „Du hörst, dass die Polizei dich will, bevor sie wirklich etwas macht. Da musste ich weg." Er habe sich damals zurückgezogen, habe nichts mehr verkauft—bis er zwei Jahre später wieder reingerutscht sei. Aus purer Gewohnheit.

Bevor ich meine nächste Frage überhaupt stellen kann, erzählt Benny, dass er seinen Kunden das Geld teilweise vorschiesse: „In Ausnahmefällen lasse ich auf Gummi raus. Jeder hat seine Schwächen und das ist meine Art des Glücksspiels."

Während Normalsterbliche im Casino auf das beste Blatt beim Pokern setzen, spielt Benny mit seinen Kunden. „So teste ich meine Menschenkenntnisse—und ich verzocke mich selten." Was denn passiere, wenn sie nicht bezahlen können, frage ich. „Heute nicht mehr viel," mehr verrät er dazu nicht.

Foto: VICE Media

Bevor Benny Feierabend macht, gehen wir für eine letzte Zigarette auf die Terrasse. „Ich muss dir noch was erzählen," sagt er und kann sich sein Grinsen kaum verkneifen. „Es gab da eine, mit der hatte ich eine Weile was laufen. Zuerst hatte diese Affäre keine Ahnung davon, dass ich mit Gras dealte. Als ich ihr schliesslich davon erzählte, wurde sie zur Kundin. Irgendwann hatten wir dann nichts mehr miteinander, doch sie blieb eine Abnehmerin.

Eines Tages war sie knapp bei Kasse und fragte, ob sie nicht trotzdem was haben könne." Er lacht laut auf bevor er zu Ende erzählt: „Ich konnte es nicht lassen. Ich musste es auch mal versuchen. Da sagte ich ihr, wir würden sicher eine Lösung ohne Geld finden. Kaum hatte ich ihr das Gras in die Hand gedrückt, verschwanden wir in meinem Schlafzimmer." Benny, der nette Dealer von nebenan, begleitet mich noch zur Tür und wir geben uns die Hand: „Komm doch bald mal wieder vorbei und danke für das tolle Gespräch." Gras macht halt einfach entspannt, auf Verkäufer- wie auf Konsumentenseite.

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