Wie man Ai Weiwei aus Lego bäckt

Der chinesische Künstler Ai Weiwei wollte Lego-Steine in großen Mengen kaufen, aber das Unternehmen bekam es mit der Angst zu tun.

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06 November 2015, 4:00pm

Ai Weiwei will Lego kaufen. Und das in einer Quantität, die das übliche Ausmaß in den Puppenküchen der Welt übersteigt. Das Unternehmen bekommt es mit der Angst zu tun, weil der chinesische Künstler vermutlich irgendetwas Politisches aus den ideologisch unbelasteten Plastikziegeln bauen wird. Lego will den Künstler nicht mit dem Verkauf einer Großmenge unterstützen. Hier lest ihr einen von vielen Berichten dazu auf CNN.

Natürlich kann niemand ein privates Unternehmen daran hindern, die Auslieferung von großen Mengen seines Produkts an einen Künstler zu verweigern—auch ohne Angabe von Gründen. Aber ist das schlau?

Das ist auf den ersten Blick einmal kurzsichtig, weil Lego damit schon mehr Aufmerksamkeit auf die Sache gezogen hat, als das Unternehmen eigentlich vermeiden wollte. Für Ai Weiwei wird jetzt Lego gesammelt und den Rest wird er sich einfach zusammenkaufen.

Dass Ai Weiwei bekommt, was er will, musste Lego klar gewesen sein. Und dass sich das Unternehmen mit jedweden Vorgaben brausen gehen kann, wie das Zeug verwendet werden soll und wie nicht, versteht sich von selbst.

Zwar erkennt Lego in seinem Statement an, dass die kleinen Plastikziegel ein Kreativwerkstoff sind mit dem jede und jeder machen kann, was er oder sie will—was an sich keine Leistung ist. Der Zusatz, dass es sich dabei um keine Unterstützung oder Endorsement handelt ist genauso überflüssig, wie arrogant.

Lego nimmt sich wichtig, gaukelt entzugsfähige Toleranz vor und macht sich damit selbst unnötig klein. Die Marke hat doch längst den Übergang in den Alltag in einem Ausmaß gefunden, das größer ist als sie selbst. Gäbe es Konkurrenz, wäre Lego ein Gattungsname.



Schlimmer noch. Diese öffentliche Zurechtrückung der Meinungsfreiheit darf als Positionierung von Lego zur Meinungsfreiheit und zur Freiheit der Kunst ausgelegt werden, die bei dem Unternehmen schnell an eine Grenze stößt.

Wenn man nach Kunst und Lego googlet (noch so ein Gattungsname, also: wenn man nach Lego suchmaschiniert), dann kommt nicht viel mehr als Langeweile heraus: Irgendwelche naturgetreuen Nachbildungen von Gegenständen, Gebäuden, Personen und Simulationen anderer künstlerischen Leistungen. Mit Lego wird das Set von Fawlty Towers nachgebaut, Star Wars wird 1:1 nachgespielt und so weiter.

Aber Miniaturen oder Mosaike zu bauen, ist keine Kunst—das ist Malen nach Zahlen und kreativistischer Butterkäse, der bestenfalls den ästhetischen Hunger befriedigt, aber frei von jedem Charakter ist. Lego ist nicht charakterlos, das heißt: mit einem unerwünschten Charakter ausgestattet (jaja, Wortwiderspruch, ich weiß), sondern charakterfrei—geradezu dogmatisch charaktersauber.

Denn es reicht dem Unternehmen nicht, Ai Weiwei einfach zu antworten, dass keine Großmengen geliefert werden. Der Hinweis auf die mögliche unerwünschte, wenngleich tolerierte Verwendung ist es, der uns ab sofort Lego ein wenig miefig erscheinen lässt.

Und so sieht es aus, wenn man Ai Weiwei aus Lego bäckt:

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