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Wahlen 2015

Das Comic-Phantom der FPÖ

Die FPÖ fiel in der Vergangenheit in ihren Wahlkampagnen immer wieder mit bizarren Comics auf. Zeichnungen vom selben Stil werden auch für die rechtsextreme NPD angefertigt. Wer steckt dahinter?

von Thomas Hoisl
11 August 2015, 5:30am

Foto vom Autor

Seid gewarnt: Die FPÖ plant für die Kampagne der kommenden Wien-Wahl wieder „etwas Comicartiges". Das hat mir Landesparteisekretär Anton Mahdalik letzte Woche am Telefon bestätigt. In welchem Umfang und ob wir die bizarren Comics wieder alle per Post erhalten, ist noch nicht entschieden, aber irgendetwas mit Comic darf man sich jedenfalls für September erwarten.

Wir erinnern uns noch ziemlich gut an die xenophoben Abenteuer des HC Man, der im letzten Wien-Wahlkampf in den „Sagen von Wien" gegen die Türkenbelagerung kämpfte. Wahrscheinlich sollte das Ganze wohl auf verquere Art eine Parallele zur Gegenwart herstellen—damals die einfallenden Osmanen, heute die drohende Islamisierung.

Auch bei der EU-Wahl 2009 setzten die Freiheitlichen auf Cartoons, als sie einen esoterisch angehauchten „Blaue Planet"-Comic verschickten, indem der blaue Superheld an der Seite von sexy Nymphen und Nixen gegen eine außerirdische EU kämpfte.

Zuletzt, vor der Nationalratswahl 2013, gab es dann die „Sagen aus Österreich", die andeuteten, dass HC Man womöglich tot ist. Noch steht nicht fest, um was es 2015 genau gehen wird—und ob der HC Man vielleicht eine Auferstehung feiert. Wir sind aber zuversichtlich, dass der kindisch-krude Stil beibehalten wird.

Bleibt die Frage, wer dieses Zeug eigentlich zeichnet. Schon zu Beginn der Recherche wird deutlich, dass der oder die Verantwortliche ganz bewusst im Hintergrund bleiben will. Im Impressum der Comics wird weder eine Person, noch eine Firma genannt—verantwortlich sei lediglich die „FPÖ Wien". Comicstrips von genau demselben Stil der Wahl-Comics erscheinen aber auch anderswo, nämlich in der FPÖ-Zeitung „Zur Zeit". Heinz-Christian Strache teilt diese Karikaturen gern auch mal auf seiner Facebookseite. Und vereinzelt scheint dort auch eine Signatur auf—„Hotte".

Das Pseudonym führt zu einem Namen, der auch in Insiderkreisen immer wieder genannt wird: Horst Grimm. Der Comic-Experte Harald Havas, der nicht zuletzt aufgrund der FPÖ-Comics die Plattform „Comics gegen rechts" gegründet hat, nennt Grimm ein „Phantom", über das selbst unter Experten wenig bekannt ist und der sich auch nicht in der gängigen Zeichnerszene bewegt.

Meldungen über Horst Grimm lassen sich tatsächlich spärlich finden und wenn, dann reichen sie einige Jahre zurück. Der Zeichner wurde 1943 in Kärnten geboren. In den 1960er-Jahren soll er als Seemann und Werftarbeiter gearbeitet haben, ehe er an der Universität für Angewandte Kunst in Wien Grafik studierte. Als Comic-Zeichner trat er ab den 70ern in Erscheinung und zeichnete für den bekannten Ehapa-Verlag Fantasy zum Beispiel historische Rittergeschichten wie die „Faustus"-Reihe—„harmlose Dummy-Comics", wie Experte Haas die damaligen Arbeiten bezeichnet, an denen man aber schon unschwer den Stil der späteren HC Man-Comics erkennen kann. Daneben war Grimm auch jahrelang für die Kärntner Tageszeitung tätig.

Selbstportrait von Horst Grimm, erschienen im Kurier in den 1980ern; Scan von Harald Havas

In den 90ern übernahm Grimm dann mehr und mehr Werbeaufträge von Kärntner Firmen und aus dem Tourismusbereich an. Ziemlich schräg ist dabei etwa die Geschichte rund um einen Ein Schloss am Wörthersee-Comic, also einer gezeichneten Variante der bekannten Kitsch-Heimatserie (Rosamunde Pilcher- und ORF 2-Fans erinnern sich). Als Werbe-Goodie designte Grimm dazu auch passende Telefonwertkarten (es waren nun mal die 90er), auf denen ein Bild von Roy Black zu sehen war. Den Erben des damals kürzlich verstorbenen Darstellers war das jedoch nicht recht— sie zettelten einen Rechtsstreit mit Klage von einigen hunderttausend Schilling an.

Irgendwann in dieser Zeit muss Grimm dann mit Jörg Haiders FPÖ in Kontakt gekommen sein. Von da an profilierte er sich zunehmend im rechten Milieu. Neben PR-Arbeit für die Haider-Blauen war er auch für die damals aktive, deutsche Rechtspartei „Die Republikaner" tätig. Nach Broschüren für den Verein Sicheres Tirol und Illustrationen für den Gurker Zwergenpark kam es dann schließlich zur Geburt des HC Man.

Über ein paar Umwege, alte Auftragsfirmen und ehemalige Mitarbeiter, gelingt es mir schließlich, Kontakt zu Grimm persönlich aufzunehmen. Am Telefon behauptet der heute 71-Jährige, dass er mit den Comics gar nichts mehr zu tun habe: „Ich bin seit 8 Jahren in Pension", sagt er, „von Politik will ich nichts mehr wissen." Laut ihm handele es sich um eine Handvoll ehemaliger Schüler, die weiterhin die Comics in seinem Stil zeichnen. Ihre Identität wolle er jedoch nicht preisgeben.

Dass Karikaturen in seinem Stil und mit seiner Signatur „Hotte", zum Teil genau datiert auf 2013 oder 2014, in der FPÖ-Zeitung „Zur Zeit" erschienen, ist laut Grimm trotzdem kein Beweis, dass er hinter diesen Comics steckt: „Das können die anderen auch machen", meint er, und das sei ihm auch egal. „Ich genieße meine Pension, segle ein bisschen am Wörther See und kümmere mich als Gutmensch nur mehr um meine vielen Katzen."

Aus Grimms Sicht ergibt es Sinn, sich von den Comics zu distanzieren, vor allem weil sie in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik standen. Als der HC Man im Comic von 2010 einen Jungen ermutigte, „dem Mustafa doch eine aufzubrennen", gab es eine Debatte um den Tatbestand der Verhetzung. Auch bei den „Sagen aus Österreich" fand sich unterschwellige NS-Symbolik. „Der Zeichner ist von seinen Inhalten fest überzeugt. Diese sind mitunter abfällig bis offen rassistisch.", meint Comic-Experte Havas, „das sieht man bis in die Details."

„Dem Mustafa ane aufbrennen" sorgte 2010 für Diskussionen um mögliche Verhetzung in den Comics; Foto via blog.bassena.org

Wir fassen zusammen: Werbearbeit für Jörg Haider, Kampagnen für „Die Republikaner", HC-Man Comics und Karikaturen für die FPÖ-Zeitung „Zur Zeit". Und die Liste wäre noch nicht perfekt, wenn sich nicht auch noch die rechtsextreme NPD darauf befände: auch im Newsletter „Klartext" der sächsischen NPD, sind regelmäßig Zeichnungen von der Machart Horst Grimms abgedruckt. Versehen mit Titeln wie „Geld für die Oma statt für Sinthi und Roma" scheint auch die Querverbindung zur FPÖ plausibel, könnten Slogans wie dieser auch in Herbert Kickls (Ideen)Schmiede nicht besser formuliert werden. Als Urheber der NPD-Comicstrips wird die „comixfabrix" genannt—eine Firma, die laut Auskunft eines früheren Mitarbeiters nach wie vor von Horst Grimm betrieben wird.

Sollte es wirklich stimmen und die neueren Zeichnungen stammen nicht mehr von Grimm selbst—trotz des Stils, trotz der Signatur und trotz des Verweises auf seine Firma „comixfabrix"—dann beweisen die heutigen Macher (und angeblich früheren Schüler), dass sie gegenüber ihrem Meister jedenfalls zu Scherzen aufgelegt sind: Irgendwo am Rand eines Bildes in den „Sagen aus Österreich" findet sich ein kleiner Vermerk, den wohl auch so mancher Kritiker der Comics unterschreiben würden—„Hotte ist bled".

Thomas auf Twitter: @t_moonshine