Drogen

Vom reichen Kind zum Künstler zum größten Drogenschmuggler Großbritanniens

Francis Moreland kommt aus einer reichen Familie und war prominenter Vertreter der „New Generation"-Bildhauerei, bevor er die Kunst an den Nagel hing, um in den 1970ern große Mengen Cannabis durch die Weltgeschichte zu schmuggeln.

von Nick Chester, Fotos von Chris Bethell
06 Jänner 2016, 5:00am

Francis Moreland in seinem Garten

Große Mengen Drogen zu schmuggeln bedarf meist eines gewissen Organisationstalents sowie eines abschreckenden Rufs, der einem vorauseilt. Den Transport ganzer Schiffsladungen Schmuggelware zu koordinieren, während die Behörden sowohl gegen Drogen als auch gegen den Terrorismus Krieg führen, ist keine leichte Aufgabe. Ich stelle es mir auch ziemlich schwierig vor, sich besagte Schiffsladungen nicht von anderen Kriminellen abnehmen zu lassen, immerhin handelt es sich um ein hartes, unehrliches Geschäft. Im Großbritannien der 1960er und 70er gab es allerdings ein paar Schlüsselfiguren, die man als „Schmuggler-Gentlemen" bezeichnen kann. Das waren Mitglieder der Oberschicht, die für ein wenig Spannung und ein paar Abenteuer auf hoher See alles riskierten. Sie waren nicht besonders gut organisiert und passten nicht ins typische Bild des gewalttätigen Verbrechers. Francis Moreland war ein solcher Schmuggler.

Als Industrieerbe erlebte Francis eine Jugend, die mit dem Leben eines durchschnittlichen Schmugglers rein gar nichts gemeinsam hatte. Seine Mutter war eine gefeierte moderne Künstlerin, sein Vater ein bedeutender Arzt. Die Familie ging zu Privatpartys, auf denen Prinzessin Margaret und andere Würdenträger zu Gast waren. Moreland trat in die Fußspuren seiner Mutter und wurde mit seinen Skulpturen zu einem führenden Vertreter der „New Generation"-Bewegung. Dann machte er sich daran, riesige Mengen Stoff durch die Weltgeschichte zu transportieren, und wurde zum ersten bekannten Drogenbaron Großbritanniens. Ich habe mich mit ihm unterhalten, um herauszufinden, wie er zu einem so fleißigen Schmuggler wurde.

VICE: Wie bist du zum Schmuggeln gekommen?
Francis Moreland: Ich habe anfangs Dope für meine Freunde gekauft. Dann kam ein Freund von mir aus Marokko wieder und hatte etwas in seinem Citroën versteckt, und dann wollte ich auch etwas in die Richtung machen. Eins führte zum anderen und daraus entwickelte es sich dann. Es gab vorher nicht wirklich eine Drogenszene, also war das Ganze von sehr viel Spannung und Enthusiasmus durchzogen. Ich war schon immer ein bisschen ein Wagehals, also hat mich das angesprochen.

War das Geld für dich auch eine Motivation?
Ein Teil der Aufregung kam natürlich daher, dass man mit dem Schmuggeln eine Menge Geld verdienen konnte. Als ich anfing, hat man seinen Einsatz in etwa verdreißigfacht, also konnte man immer noch viel verdienen, wenn man Scheiße baute. Die Risiken haben mir Sorgen bereitet, aber gleichzeitig habe ich auch auf die Risiken gepfiffen.

Welche Methoden hast du hauptsächlich eingesetzt?
Ich habe einige verschiedene Methoden verwendet. Unter anderem wurde das Dope in Akkordeons oder Skulpturen versteckt, die in die USA geliefert wurden, oder in Citroëns, die durch ganz Europa geschickt wurden. Wir haben auch Jachten zum Transport verwendet.

Du hast am Ende ja eine Haftstrafe in den USA abgesessen. Wie kam es dazu?
Wir haben mit einem Amerikaner Geschäfte gemacht, der sagte, er könne das Zeug zu den Jungferninseln bringen und dort verstecken. Er sagte uns, das sei amerikanisches Territorium, also könne er Kuriere aus New York auf die Insel St. Thomas schicken, um es zu transportieren, und sie würden auf dem Rückweg nicht durchsucht werden. Als wir auf den Inseln ankamen, stellten wir fest, dass es eine zollfreie Zone gibt, was Durchsuchungen bedeutet. Es ist, wie wenn man von den Kanalinseln zurückkommt. Also konnten wir diese Route nicht nehmen. Dann klaute der Amerikaner etwa 20 Kilo und schickte sie los, versteckt in einem Land Rover mit einem total breiten Junkie. Überraschung! Er wurde hochgenommen und hat der Polizei und dem Zoll alles erzählt.

Bis wir in New York ankamen, waren sie schon auf der Suche nach uns, also hatte ich nur etwa fünf Tage dort. Ich reparierte gerade am 79th Street Boat Basin ein Fenster an meinem Boot, als der Zoll wegen mir kam. Ich hatte noch keine Zeit gehabt, alles auszuladen. Die Crew hatte sich aus dem Staub gemacht, weil ich den Fehler gemacht hatte, sie vor dem Ausladen zu bezahlen, also musste ich alles alleine ausladen, auf einen Wagen stapeln, zu einem Auto bringen und dann damit in eine Wohnung fahren, die ich gemietet hatte. Dann musste ich es zu den Leuten bringen, die es in der Innenstadt verkauften. Es war ein logistisches Problem.

Wusste vor diesem Zeitpunkt irgendjemand in der Kunstwelt von deinen Aktivitäten, oder war es ein totaler Schock für alle?
Ich denke, ein paar Leute hatten eine Ahnung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass du besonders viel mit anderen Häftlingen gemeinsam hattest.
Du musst das amerikanische Justizsystem verstehen. Sie haben dort drüben Bundes- und Bundesstaatsgefängnis. Mord ist kein Verbrechen auf Bundesebene, also waren [in dem Bundesgefängnis] Leute, die Morde begangen hatten, aber keine verurteilten Mörder. Es gab also organisierte Verbrecher—zum Beispiel die Mafia—und auch Bankräuber, denn Bankraub ist ein Bundesverbrechen, und dann noch Leute, die wegen Dingen wie Entführung, Schwarzbrennerei, Kannibalismus oder weil sie einen Weißkopfseeadler erschossen hatten, saßen, denn das sind alles Bundesverbrechen. Ich passte in keine der Gruppen und hatte eine ganz bequeme Mittelstellung. Ich war kein Italo-Amerikaner, ich war kein polnischstämmiger Amerikaner, ich war kein Schwarzer aus Detroit oder New York ... also konnte ich einfach sitzen, bei wem ich wollte.

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Wie unterscheidet sich das heutige Schmuggelgeschäft vom damaligen?
Es war chaotisch, amateurhaft und desorganisiert. Heute sind Drogen so komplex und es gibt so viele verschiedene. Zu meiner Zeit gab es nur Cannabis und Heroin, und über Heroin wussten wir kaum etwas.

Ich habe gehört, auf einer karibischen Insel liegt noch eine große Menge Hasch vergraben. Stimmt das?
Das ist in Fallen Jerusalem [einer der Britischen Jungferninseln]. Es muss inzwischen etwa seit 45 Jahren dort liegen und ist vermutlich absolut nutzlos, wenn überhaupt noch etwas davon übrig ist.

Warum liegt es überhaupt dort?
Ich habe eine Tonne ausgeladen und im Sand vergraben. Bei meiner Abreise habe ich noch einmal am Strand 40 Kilo vergraben, sodass ich wenigstens noch das hätte, falls etwas schiefgeht.

Ein kleiner Notgroschen.
Ja, so in der Art.

Francis in seinem Töpferstudio

Was hast du getrieben, seit du mit dem Schmuggeln aufgehört hast?
Ich habe mich mehr und mehr mit Töpferei beschäftigt. Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt.

Der Stil deiner Skulpturen ist ziemlich unkonventionell. Glaubst du, dein Lebensstil hat deine Arbeit irgendwie beeinflusst?
Ja, mit meinen Skulpturen gehe ich ästhetische Risiken ein. Das Schmuggeln hat mir auch die Freiheit gegeben, ohne finanzielle Bedenken einfach eine Skulptur zu machen oder machen zu lassen, wann immer ich will.

Wie empfindest du deine Schmugglervergangenheit rückblickend, jetzt wo du ein wenig zeitlichen Abstand dazu hast?
Wenn ich gewusst hätte, was passieren würde, dann hätte ich es natürlich nicht gemacht. Aber wir sind alle das Ergebnis unserer Erfahrungen, also kann ich mir nicht vorstellen, was für ein Mensch ich wäre, wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Es ist einfach zu hypothetisch.

Danke, Francis.

Mehr über Francis' Schmugglerabenteuer kannst du in seinem neuen Buch The Art of Smuggling lesen.