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Sex

Wie es ist, als fünftes Rad am Wagen mit einem Pärchen zusammenzuwohnen

"Meine Schwester und ihr Freund dachten aufgrund meiner Kopfhörer, dass ich sie nicht hören könnte, und er fragte sie deshalb, ob sie mit ihm schlafen will."

von Tim Noble
02 Juni 2016, 4:00am

"Hey, ich habe auch ganz viel Spaß!" | Foto: Maria Ly | Flickr | CC BY-SA 2.0

Wie man aus diversen Sitcoms und Ben-Stiller-Filmen bereits weiß, gehören schlaflose Nächte voller rhythmischem Gepolter eines Bettgestells gegen die Wand zum fröhlichen Zusammenleben mit einem Pärchen dazu. Im Fernsehen wird das Dasein als fünftes Rad am Wagen immer sehr amüsant dargestellt, aber ist das Ganze im echten Leben auch so spaßig und klischeebeladen?

Vor Kurzem habe ich mich mit einigen Leuten darüber unterhalten, wie es ist, mit den Mitbewohnern der eigenen Studenten-WG zu schlafen. Dieses Mal ging es jedoch um die andere Seite der Medaille—also wenn man selbst anderen Menschen beim Orgasmus zuhören muss oder immer wieder diesen Moment erlebt, in dem sich ein Pärchen tief in die Augen blickt und dann innig küsst.

Daniel
29 Jahre alt
Account Manager

VICE: Wie kam es dazu, dass du mit einem Pärchen zusammengezogen bist?Daniel: Ich komme aus Australien und war damals total verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Bleibe, weil ich aus meiner alten rauswollte. Nachdem ich dann durch eine Anzeige auf das Haus des Pärchens aufmerksam geworden war und sogar eine Zusage bekommen hatte, sagte ich zu. Alles war besser als die Wohnung, in der ich vorher gelebt hatte. Mit dem Pärchen wohnte ich dann ja auch eine Weile zusammen.

Ist es denn jemals so richtig komisch geworden?
Im Grunde war das Ganze schon OK. Die größten Probleme machte wohl der Altersunterschied: Ich war damals 26 und das Pärchen Anfang 30. Dementsprechend haben sie auch eher "erwachsene" Dinge gemacht—zum Beispiel zusammen gebacken oder Dinnerpartys veranstaltet. Irgendwie hatte ich auch immer das Gefühl, zu diesen Dinnerpartys kommen zu müssen. Bei einer haben wir dann für die anderen Gäste Shots zubereitet und ich mischte einem Typen etwas zusammen, der dann anschließend durch die ganze Küche gekotzt und ein Fenster mit der bloßen Faust eingeschlagen hat. Schließlich musste er ins Krankenhaus gebracht werden. Das war doch irgendwie eine ziemlich komische Situation. Am darauffolgenden Tag habe ich auch herausgefunden, dass besagter Typ zu Wutanfällen neigte.

Im betrunkenen Zustand habe ich natürlich ein paar Mal auch Frauen mit nach Hause gebracht und ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mitbewohner uns beim Sex zuhören konnten, weil unsere Zimmer direkt aneinandergrenzten. Manchmal konnte ich auch sie beim Geschlechtsverkehr hören, aber in so einem Fall habe ich einfach meine Kopfhörer aufgesetzt.

Warst du dir beim täglichen Zusammenleben darüber bewusst, dass du da mit einem Pärchen in einem Haus wohnst?
Das war von Anfang an klar, denn sie haben mich auch vor meinem Einzug extra darauf hingewiesen. Im Alltag haben sie es jedoch nicht wirklich offen gezeigt. Ab und an wurde auf der Couch gekuschelt, aber das war's. Ausgemacht hat mir das nichts.

Wie ist das Ganze dann zu Ende gegangen?
Mein Visum lief aus und ich musste zurück nach Australien. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir jedoch alle schon so ziemlich die Nase voll voneinander. Wenn ich in London geblieben wäre, hätte ich auf jeden Fall einen baldigen Umzug geplant. Außerdem weigerten sie sich, mir die Kaution zurückzuzahlen, bis sie mein Zimmer inspizieren durften. Ich habe dann für den letzten Monat einfach keine Miete gezahlt und bin abgehauen.

Wie denkst du rückblickend über das Wohnverhältnis?
Für sie war es wahrscheinlich vorteilhafter als für mich. Ich meine, ich half ihnen dabei, die Hypothek abzubezahlen, machte eigentlich keinen Ärger und schaute auch immer, dass alles ordentlich und sauber ist. Um ehrlich zu sein, handelte es sich bei dem Wohnverhältnis nicht um die coole WG, auf die ich anfangs aus war. Aber ich wohnte in einem sauberen Haus—und so etwas zu finden, ist nicht gerade einfach.

Drei sind einer zu viel | Foto: Valerie Everett | Flickr | CC BY-SA 2.0

Emma*
32 Jahre alt
Arbeitet im Kommunikationsbereich

VICE: Du bist in deiner eigenen Wohnung zum fünften Rad am Wagen verkommen. Wie konnte das passieren?
Emma: Ich hatte schon seit knapp einem Jahr mit einem guten Freund zusammengelebt, als er eine Freundin fand. Diese Freundin ist dann im Grunde auch ziemlich schnell bei uns eingezogen—also sie übernachtete ständig bei uns, verteilte ihr Zeug überall in der Wohnung und benutzte meine teuren Haarpflegemittel und ersetzte sie dann mit irgendwelchem Billigkram aus dem Supermarkt (das mag jetzt vielleicht oberflächlich rüberkommen, aber das ist mir egal). Sechs Monate später wurde dieses neue Wohnverhältnis dann offiziell.

Was ist dann passiert?
Ich habe mit ihnen als Pärchen ungefähr drei Monate lang zusammengelebt. Am Anfang war alles noch ganz friedlich, obwohl ich seine Freundin nicht wirklich mochte. Und da sie nie etwas Bestimmtes tat, über das ich mich wirklich beschweren konnte, hielt ich die Füße still. Je länger die Beziehung jedoch lief, desto mehr beanspruchte sie die Wohnung für sich. Außerdem machte sie kein Geheimnis daraus, dass sie mich nicht mehr dort haben wollte. So kam es auch, dass ich fast keine Zeit mehr zu Hause verbrachte, und wenn es wirklich nicht anders ging, mich in mein Zimmer zurückzog, um nicht auf die beiden zu treffen. Sie gaben mir klar und deutlich zu verstehen, dass die Wohnung nun ihnen gehört. Dazu ließen sie ihren Kram wirklich überall liegen und die Wohnung glich so einem wahren Saustall. Ich musste über Berge von Müll klettern, um irgendetwas machen zu können.

Und wie ging das Ganze dann weiter?
Das Ganze entwickelte sich langsam zu einem richtigen Psychokrieg. So wurde ich zum Beispiel wie ein bockiges Kind ausgeschimpft, wenn ich früh morgens im Bad länger als zehn Minuten brauchte oder Lebensmittel in den riesigen und halb leeren Kühlschrank stellte.

Als ich dann selber einen Typen datete, wurde es fast schon irgendwie witzig, weil ich so ja eine Gefahr für ihren Status als das selbsternannte coole und neue Pärchen darstellte. Deswegen hatten sie auch immer richtig lauten Sex, wenn besagter Typ bei mir übernachtete. Das Ganze war natürlich kein bisschen unangenehm, komisch oder schwer zu erklären.

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Wie stand es um öffentliche Liebesbekundungen?
Da hielten sie sich kein bisschen zurück und ließen alles und jeden an ihrem Glück teilhaben—so nach dem Motto "Hey, schaut alle her, wie verliebt wir sind [Kussgeräusche]!" Die beiden waren wirklich eines dieser nervigen Pärchen, die ihrem Umfeld mit ihrer Beziehung total auf die Nerven gehen, also inklusive Facebook-Bilder mit diversen unmissverständlichen Hashtags. Als wir noch miteinander sprachen, hielten sie sich auch die ganze Zeit in der Küche auf, wenn ich mir was kochte, und streichelten sich gegenseitig übers Gesicht.

Wie ist die Sache dann ausgegangen?
Als mir mein Mitbewohner mitgeteilt hat, dass seine Freundin einzieht, war das gleichzeitig die Nachricht, dass ich ausziehen muss. Damals herrschte zwischen uns noch kein so angespanntes Verhältnis und deswegen meinten sie auch, dass ich mir ruhig Zeit lassen könnte, um eine neue, schöne Bleibe zu finden. Das hat dann gut zwei Monate gedauert. Als ich letztendlich wirklich umzog, beschränkte sich unsere Kommunikation schon nur noch auf knappe WhatsApp-Nachrichten. Mit Ausnahme einiger Diskussionen bezüglich ausstehender Rechnungen habe ich seitdem auch nicht mehr mit ihnen gesprochen.

Das alles klingt jetzt nicht gerade nach dem allerbesten Wohnverhältnis.
Für meine Freundschaft zu meinem damaligen Mitbewohner war das Ganze natürlich Gift. Ich meine, davor waren wir wirklich gute Freunde und heute reden wir überhaupt nicht mehr miteinander. Die Atmosphäre in der Wohnung war schrecklich, aber das ist mir erst aufgefallen, als ich keine Angst mehr davor hatte, am Ende des Tages nach Hause zu kommen. Ich weiß nicht, wie sich die ganze Sache auf ihre Beziehung ausgewirkt hat, aber da sie von Anfang an eines dieser "Wir gegen den Rest der Welt"-Pärchen gewesen sind, hat es sie wahrscheinlich nur noch enger zusammenrücken lassen.

Michael*
29 Jahre alt
Arbeitet im PR-Bereich

VICE: Hey Michael. Du hast erwähnt, dass du irgendwann mal mit deiner kleinen Schwester und ihrem Freund zusammengewohnt hast.
Michael:
Als meine Freundin an ihrer Traum-Uni im Ausland angenommen wurde, blieb ich in unserer Wohnung und sie zog aus. Ich versuchte zwar, Freunde dazu zu überreden, bei mir einzuziehen, aber da hat nichts geklappt. Deshalb ist dann letztendliche meine Schwester mit ihrem Freund zu mir gekommen. Die beiden waren damals 20 und ich 27. Ich ging ins kleine Schlafzimmer und überließ ihnen das große mit dem Doppelbett.

Wie war das für dich?
Manchmal war es echt komisch. Meine Schwester und ihr Freund trinken keinen Alkohol und ich hatte dann immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie mitten in der Nacht aufweckte oder jedes Mal, wenn ich mit einer Schnapsfahne nach Hause kam, unglaublich redselig war. Ich bin auf dem Heimweg auch mal überfallen worden und die beiden machten sich deswegen richtige Sorgen. Allgemein gesprochen führten sie einfach ein viel ruhigeres Leben als ich.

Damals arbeitete ich auch als freiberuflicher Journalist und saß abends deshalb oft auf der Couch im Wohnzimmer, schrieb Artikel und hörte dabei über meine Kopfhörer Musik. Eines Abends hatte ich dann zwar mal meine Kopfhörer auf, aber keine Musik an. Meine Schwester und ihr Freund wussten das allerdings nicht und dachten deshalb natürlich, dass ich sie nicht hören kann. Er fragte sie schließlich, ob sie mit ihm schlafen will. Meine Schwester meinte daraufhin nur so ganz komisch: "Sicher ... " Sie sind dann in ihr Zimmer und schlossen die Tür hinter sich. Ich meine, so etwas ist schon schlimm genug, wenn man es nur von seinen normalen Mitbewohnern zu hören bekommen, aber wenn es sich dabei noch um deine kleine Schwester handelt, setzt das dem Ganzen die Krone auf.

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Glaubst du, dass euer Zusammenleben letztendlich eine gute Sache war?
Da wir so verschiedene Lifestyles hatten, passten meine Schwester und ihr Freund natürlich nicht perfekt zu mir. Ich konnte zum Beispiel keine Hauspartys mehr veranstalten, weil ich ja wusste, wie sie zum Thema Alkohol stehen. Irgendwie hatte ich aber auch das Gefühl, meine Schwester so besser kennenzulernen. Es war ja immerhin schon über zehn Jahre her, dass wir das letzte Mal zusammen unter einem Dach gewohnt haben und täglich miteinander zu tun hatten. Ich glaube schon, dass wir in diesen sechs Monaten noch mehr zueinander gefunden haben.

Inzwischen ist jedoch eher das genaue Gegenteil der Fall: Im Grunde reden wir überhaupt nicht mehr miteinander. Zwischen mir und dem Rest meiner Familie gibt es auf jeden Fall mehr Kommunikation. In den sechs Monaten des Zusammenlebens hatten wir irgendwann wohl auch die Schnauze voll von uns—oder zumindest sie von mir. Der oben beschriebene "Willst du Sex haben"-Zwischenfall hat auch seinen Teil dazu beigetragen. Ich bin echt froh, dass sie nicht weiß, dass ich diese Frage gehört habe. Und ich hoffe, dass sie das niemals herausfinden wird.

*Name geändert

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