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Popkultur

„Soi i jetzt wem höfn oda ned?“ Ein paar Erkenntnisse aus der Elefantenrunde

Am Montagabend fand die einzige TV-Konfrontation zur Wienwahl 2015 statt—und es gab neben viel Fremdscham auch einiges von Meme-Qualität.

von Markus Lust
05 Oktober 2015, 9:50pm

Meme via @f_fingers, Twitter

Man könnte an dieser Stelle sicher sehr viel über die Elefantenrunde filzmaiern. Aber da ich eher Wrestling-Fan als Politik-Experte (und vermutlich länger wach als der weltbeste Polit-Peter) bin, bleibt mir nur, mit dem Bisschen Verstand, das mir die Fernsehdiskussion gelassen hat, ein paar einfache Gedanken zu formulieren.

Der erste: Diese Elefantenrunde war ein bisschen wie der Geruch in der Nähe einer McDonald's-Filiale. Irgendwie verheißungsvoll, aber eigentlich auch etwas, das man lieber nicht mitbekommen hätte. Hier sind ein paar weitere, formuliert als DON'Ts.

Schlussreden hält man nicht zu Beginn

Irgendwo auf der Uni habe ich mal den schlauen Satz gehört „Eine Geschichte muss man immer von ihrem Ende her erzählen." Es ist zwar gut möglich, dass dieser Satz mitten in der Nacht auf dem Universitäts-WC gefallen ist, während sich in der Kabine nebenan jemand übergeben hat, aber er hat trotzdem einen wahren Kern: Wenn man weiß, wie etwas ausgeht (oder ausgehen soll), ergibt sich der Rest wie von selbst. Blöd nur, wenn man das Ende auch schon am Anfang verrät. Das heißt dann Spoiler und wird im Internet eher nicht so gut gefunden.

Warum Maria Vassilakou gleich bei ihrer ersten Antwort in Full Election Mode gewechselt und es mit einem etwas leeren Kern-Statement der Grünen probiert hat, anstatt zur Abwechslung mal zu antworten, wissen wohl nur sie und ihre Berater (und vielleicht der schlaue Typ vom Uni-Klo).

Man kürt sich nicht selbst zum Charakter-Sieger

„Wenn es um den Charakter geht, hab ich schon gewonnen", sagt Heinz-Christian Strache zu Michael Häupl, weil dieser ihm angeblich Dinge (wie Hetze) vorgeworfen habe, die ihm so gar nicht liegen würden. Weshalb Strache in der ihm gebotenen Bescheidenheit reagiert, sich selbst kurz feiert und anschließend in Bezug auf das angeblich manipulierte Foto vom Flüchtlingsheim Erdberg mit den Dingen weitermacht, die er am besten kann (wie Hetze).

Verschwörungstheorien werden nicht wahrer, wenn man sie wiederholt

Foto von VICE Media

Meinungen sind bekanntlich wie Arschlöcher: Man tauscht sein eigenes nicht so einfach aus. Das gilt auch für Heinz-Christian Strache, der bereits in den ORF Sommergesprächen bewiesen hat, wie sehr er an dem, Pardon, an der seinen hängt, als er den alten Aufreger-Sager von den Abschiebe-Häftlingen, die sich „anurinieren", auf explizite Nachfrage von Hans Bürger einfach noch mal erneuert hat.

Dasselbe gilt seit der Elefantenrunde auch für das Foto aus Erdberg. Wer sich nicht mehr erinnern kann: Hier hat Strache einem Kurier-Fotografen Fälschung unterstellt, nachdem ein Bild von FPÖ-Demonstranten aufgetaucht ist, die ihr „Nein zum Asylantenheim"-Schild auch Familien mit kleinen Kindern unter die Nase hielten. Laut Strache seien damals laut Innenministerium keine Kinder im Heim untergebracht gewesen: „Deshalb ist dieses Foto kritisch zu hinterfragen", so der FPÖ-Obmann. Richtig ist, dass nur an diesem Tag keine Kinder unter den Neuankömmlingen waren, wie uns Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck bestätigt. Aber gut, wer wird schon kleinlich sein, wenn es um Erkenntnisresistenz geht.

Das Internet hat nichts auf Taferln im Fernsehen verloren

Es soll ja Väter geben, die versuchen, YouTube-Videos auszudrucken. Auf Reddit nennt man das „Computer-Analphabetismus"—was den Gemeinten natürlich egal sein kann, weil Reddit für sie nach etwas klingt, das man bei einer Schweizer Bank aufnehmen kann. Jedenfalls sind ausgedruckte Postings aus dem sozialen Netz nur eine Stufe über diesem digitalen Amöben-Zustand.

Also bitte, liebe Politikerinnen und Politiker und vor allem liebe Berater-Teams: Hört auf damit, das, was aus den Glasfaserkabeln kommt auf das, was aus dem Wald kommt zu drucken. Es ist zwar irgendwie passend, dass Menschen, die das Internet ausdrucken, ausgerechnet ins Fernsehen eingeladen werden, aber ganz im Sinne der Fortschrittsbeschwörer (auf Polit- und auf TV-Ebene) ist die Sache wohl trotzdem nicht.

Moderation ist nicht die Abwesenheit von Ordnung

Nach etwa 30 Minuten war der Szenenapplaus keine Belohnung mehr für besonders gute Antworten—stattdessen war eher kein Applaus die Bestrafung für besonders schlechte. Zugegeben, das kann man dem Moderations-Duo nicht direkt vorwerfen; Corinna Milborn hat die Klatsch-Kurzschlussler sogar recht früh als unangenehme Tendenz identifiziert und das Publikum schon am Anfang gebeten, nicht bei jeder Wortmeldung zu applaudieren. Deshalb wurde daraus im Lauf der Sendung auch nur jede eineinhalbte.

Was man den beiden Moderatoren aber schon vorwerfen kann, ist zum einen, wenn ich nach kurzem Wegschauen glaube, der Moderator wäre einer der Kontrahenten und zum anderen, wenn ich für einen Moment vergesse, dass es hier eigentlich eine Gesprächsleitung gibt und der nächste Sprecher nicht nur durch Up- und Downvoting via Applaus gewählt wird.

ERDOĞAN-FANS ERKENNT MAN NICHT AN DER TÜRKEI-FLAGGE

Offenheit? Toleranz? Integration? Pah! Was sich die weltoffene, träge SPÖ da eingetreten hat, sind doch in Wahrheit alles Radikale. Das wollte Heinz-Christian Strache Michael Häupl beweisen, indem er ihm ein Foto von türkischen Fans vor die etwas kleinen Äuglein hielt. Türkische Fans, die bei einem SPÖ-Umzug mitmarschieren, wohlgemerkt. Und die Radikalität? Die erkannte der geübte Kulturanthropologe natürlich an den geschwenkten Türkeiflaggen. Die eher schwache Kausalitätskette erkannte wohl auch Strache spätestens, als Dr. Häupl ihn mit einem Blick bedachte, der ein bisschen wirkte, als hätte Strache ihm gerade etwas anderes von sich gezeigt.

Anekdoten-Politik passt nicht ins Jahr 2015

Immer, wenn ein Politiker eine typische „Average Joe"-Geschichte auspackt, stirbt irgendwo ein Wähler. Das gilt für den US-Präsidentschaftswahlkampf genauso wie für die Landtags- und Gemeinderatswahlen in Wien. Damit will ich gar nicht sagen, dass man es als Politiker mit der Inhaltsvermittlung einfach hat. Kommt man zu trocken daher, wirft einem jeder Biederkeit und Weltfremdheit vor—und wenn man dann umkehrt zu locker-lässig auf „Storytelling" macht, passt es auch wieder keinem.

Ja, Politik ist undankbar. Dieser Umstand wird aber leider auch dadurch nicht besser, dass man Geschichten „von der Straße" erzählt, die man ganz bestimmt genauso erlebt hat. Wenn eine Spitzenkandidatin mir nonchalant erzählt, dass sie einen 16-Jährigen getroffen hat, erweckt das in mir keine Gefühle von Nähe, sondern Fragen zu ihrer Freizeitgestaltung. Als Beate Meinl-Reisinger eine solche Geschichte von einem gewissen Michael auspackt, reagiert der namensgleiche Bürgermeister mit einem „Schicken's ma den jungen Maun vorbei", ergänzt: „Ihre Geschichte halte ich für ... hilfsbedürftig" und konkludiert, nachdem das Hilfsangebot abgelehnt wurde, mit einem verwirrten: „Soll i jetzt wem höfn oda ned?" Noch lieber als eine Pointe vom Bürgermeister wäre mir, er würde eine solche Steilvorlage gar nicht erst bekommen.

Im Fernsehen kann man nicht gewinnen

Zum Schluss noch etwas Versöhnliches, das für alle in der Politik und im Publikum gleichermaßen gilt: Bei TV-Diskussionen kommt es am Ende immer auf dasselbe raus wie damals in der Tagline von Alien vs. Predator: „Whoever wins, we lose".

Markus auf Twitter: @wurstzombie