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Popkultur

Ein Film über den Suizid einer Nachrichtensprecherin vor laufender Kamera

'Kate Plays Christine' ist eine Quasidoku, die die Schauspielerin Kate Lyn Sheil dabei begleitet, wie sie sich auf ihre Rolle als Christine Chubbuck vorbereitet—eine Moderatorin, die sich 1974 im Fernsehen erschossen hatte.

von Julian Morgans
20 Juni 2016, 7:00am

Am 15. Juli 1974 schrieb die amerikanische Nachrichtensprecherin Christine Chubbuck Fernsehgeschichte. Sie war die erste Person, die sich vor laufender Kamera das Leben nahm. Wir sagen "erste", weil sich dieser tragische Akt danach noch mehrmals wiederholen sollte. Zwei Jahre später, 1976, erschien mit Network auch eine Mediensatire, die von diesem Vorfall beeinflusst war. Christines psychische Krankheit war und ist in gewisser Weise nichts Ungewöhnliches—die Art, wie sie ihren Tod öffentlich inszeniert hatte, war es allerdings schon.

Sobald er von der Geschichte gehört hatte, war der amerikanische Filmemacher Robert Greene von dem Vorfall gefesselt. Seine Faszination mündete schließlich in dem Film Kate Plays Christine—einer Quasidokumentation, die Schauspielerin Kate Lyn Sheil dabei begleitet, wie sie sich auf ihre Rolle als Christine Chubbuck in einem weiteren, nicht-existenten Film vorbereitet. Der Zuschauer beobachtet Kate dabei, wie sie versucht, Christine und ihre Beweggründe zu verstehen, und ihr bei diesem Unterfangen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend entgleiten.

VICE hat sich mit Robert getroffen, um mit ihm über Christines Geschichte und seinen ungewöhnlichen Zugang zu diesem Thema zu sprechen.

VICE: Hi Robert, warum Christine Chubbuck?
Robert Greene: Für mich fing das alles 2002 oder 2003 an. Ein Freund meinte zu mir: "Hast du je von dieser Geschichte gehört? Das soll genau wie Network sein." Die ganzen Einzelheiten sind es, die die Sache so außergewöhnlich machen. Sie selbst hatte bereits ein Manuskript für die Berichterstattung über ihren eigenen Suizid vorbereitet [, damit andere Nachrichtensprecher es nach ihrem Tod vorlesen konnten.] Außerdem war das wahrscheinlich einer der letzten Vorfälle dieser Art, von dem es keine Aufnahmen gibt. Es gab damals noch keine Videorekorder und so war der Sender im Besitz der einzigen Aufnahmen. [Es geht seit Jahrzehnten das Gerücht um, dass die einzigen Menschen, die Christines Selbstmord tatsächlich gesehen haben, die Zuschauer der Live-Sendung waren]. Nur wenige Jahre später brachte sich ein anderer Typ bei einer Live-Übertragung um und diese Aufnahmen lassen sich heute bei YouTube finden. Ich war einerseits fasziniert, aber dachte mir gleichzeitig: Ich habe nicht das Recht, diese Geschichte zu erzählen.

Ich hätte damit auch Probleme gehabt.
Ja, wenn man sich die Einzelheiten anschaut, dann ist das, was damals passiert ist, eigentlich unfassbar simpel. Mir war eigentlich sofort klar, dass ich nicht die Person sein würde, die diese Dokumentation macht—oder zumindest nicht die Person, die eine klassische Dokumentation dazu macht. Ich habe lange mit mir gerungen. Aber mit der Zeit kam mir diese Idee: Wir würden Kate diese Rolle spielen lassen und ich würde auf diese Weise meine eigenen Beweggründe hinterfragen. Darum geht es im Endeffekt auch in diesem Film.

Ist es vielleicht auch ein Versuch, herauszufinden, wer Christine eigentlich war?
Ja. Wir wollten uns mit Christine auseinandersetzen, also haben wir uns mit Menschen unterhalten, die sie gekannt haben—von denen sie fast alle schon beinahe vergessen hatten. Der Film handelt aber auch davon, wie wir instinktiv damit anfangen, eine Geschichte zu spinnen, wenn jemand einen Selbstmord begeht—vor allem, wenn das auf so spektakuläre Weise geschieht. Sobald man sich nämlich etwas erklären kann, kann man damit auch abschließen. Dieser Instinkt ist aber trügerisch. In dem Film geht es mehr um das Scheitern bei dem Versuch, eine Geschichte über einen Vorfall zu erzählen, der eigentlich unbegreiflich ist. In gewisser Weise schaut man einem Film dabei zu, wie er scheitert. Und er soll auch scheitern. Ich finde, dass man, indem man darin scheitert Christine zu verstehen, letztendlich eine tieferes Verständnis für den echten Schrecken der ganzen Angelegenheit bekommt.

In vielerlei Hinsicht setzt du dich also mit dem Vorgang des Storytelling selbst auseinander?
Nun, was ich an Christine so faszinierend finde, ist, dass sie behauptet hatte, gegen die Sensationsgier und Blutbessessenheit des Fernsehens zu protestieren, aber selbst den reißerischsten und blutigsten Moment der Fernsehgeschichte produzierte.

OK, ich verstehe, dass es in dem Film am Ende nicht wirklich um Christines Selbstmord geht, trotzdem würde ich gerne mehr wissen. Existieren noch Aufnahmen von ihrem Selbstmord?
Das erfährst du in dem Film. Wir haben das Band tatsächlich ausfindig gemacht. Seit etwa einer Woche ist das ein großes Thema in den Nachrichten. Die Person, die im Besitz des Bandes ist, hat es jetzt an einen Rechtsanwalt übergeben.

Wird das Band im Film gezeigt?
Ich will jetzt nicht zu viel vorwegnehmen. Die Bestätigung der Existenz des Bandes und das Hinterfragen, warum wir überhaupt so interessiert daran sind, es sehen zu wollen, ist das tragende Thema des letzten Aktes.

OK. Du hattest erwähnt, dass du mit dir gerungen hast, ob du überhaupt die richtige Person bist, um diesen Film zu machen. Wie fühlst du dich jetzt danach?
Ich bin stolz, dass wir uns eingehend mit diesem Gefühl auseinandergesetzt haben. Ich vermute immer noch, dass sie sich vor laufender Kamera umgebracht hat, um ein Statement zu machen. Gleichzeitig war sie eine psychisch schwerkranke Frau, die Hilfe brauchte. Und jetzt, 42 Jahre später, geben wir ihr noch immer diese Plattform. Mir ist nicht wirklich wohl dabei, weil sie ihr Leben in gewisser Weise auch beendet hat, um diese Plattform zu bekommen.

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Hast du dich jemals gefragt, was sie von deinem Film halten würde?
Ich erlaube mir selbst nicht, darüber nachzudenken. Ein wichtiger Aspekt der ganzen Geschichte ist schließlich, dass wir so wenig darüber wissen, wer sie eigentlich war. Wie ich vorhin schon meinte, gibt es diese Tendenz, aus dem Geschehenen eine Narrative zu spinnen. Gleichzeitig wissen wir aber so wenig. Ihr Bruder lebt noch, aber der hat unmissverständlich klar gemacht, dass er nicht darüber sprechen will. In gewisser Weise fände ich es spannend, wenn er sich den Film anschauen und dann dekonstruieren würde. Ich will aber nicht darüber nachdenken, was Christine vielleicht davon halten würde.

Manche Zuschauer hätten vielleicht eher eine klassische Dokumentation bevorzugt. Bist du mit den Reaktionen auf deinen Film zufrieden?
Ja, die Zuschauer scheinen ihn wirklich zu verstehen. Menschen wollen sich auf Filme einlassen, die versuchen sich auf sie einzulassen. Eine Kritikerin hat geschrieben, dass sie den Film ein zweites Mal gesehen hat und davon überwältigt war, wie aktiv das Publikum oder der Betrachter bei der Schaffung der Deutung ist. Genau das wollte ich erreichen. Ich bin also glücklich.

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