häusliche Gewalt

"Bin kein Frauenschläger": Daniele Negroni und die vielleicht dümmste "Entschuldigung" des Jahres

Hätte er seine Ex-Freundin, die Influencerin Tina Neumann, wirklich geschlagen, sagt der Sänger, "wäre sie ausgeknockt gewesen".

von Thomas Vorreyer
26 Juni 2018, 2:47pm

Der Sänger Daniele Negroni | Foto: imago | STAR-MEDIA (bearbeitet) 

Alle 4 Minuten und 54 Sekunden wird eine Frau in Deutschland Opfer von häuslicher Gewalt. Gefühlt tickt die Uhr sogar noch schneller, denn nicht jedes Opfer stellt Strafanzeige oder ruft die Polizei. Und in Österreich waren etwa 30 der bisher 35 Mordopfer Frauen – in den meisten Fällen Beziehungstaten –, was Lebensabschnittspartner zur gefährlichsten Tätergruppe für Frauen in Österreich macht.

Der jüngste Fall eines gewaltsamen Übergriffs von einem Mann gegen seine Freundin ereignete sich in der Nacht zum vergangenen Freitag, als die Berliner Polizei zum Einsatz ausrückte. Auf dem Zimmer eines Berliner Hotels stritten sich Daniele Negroni und Tina Neumann derart heftig, dass es zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen sein soll. Der 22-jährige Sänger und die 16-jährige Influencerin sollen dabei unter Alkoholeinfluss gestanden haben.

Die Teenie-Stars waren erst seit wenigen Wochen öffentlich ein Paar. Negroni wurde als Zweitplatzierter einer bereits weit zurückliegenden DSDS-Staffel bekannt; im Frühjahr fraß er dann im Dschungelcamp angebrütete Enteneier. Neumann unterhält mit Tanz- und Playbackvideos regelmäßig 2,5 Millionen Abonnenten auf der App Musical.ly. Wenige Stunden nachdem sie Strafanzeige wegen Körperverletzung erstattet hatte, schrieb Neumann in einer Insta-Story: "Ich hoffe, alle Frauenschläger dieser Welt bekommen das Karma, das sie verdient haben".

Ein Sprecher der Polizei Berlin hat VICE den Einsatz bestätigt. Auch Negroni hat demnach eine Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen seine Ex-Freundin nachgeschoben. Am Dienstag legte er dann gegenüber einem Reporter der Bild-Zeitung nach. Und der Erklärungsversuch des mutmaßlichen Schlägers ist an Dämlichkeit und Verharmlosung kaum zu überbieten.


Aus dem VICE-Videonetzwerk: Der qualvolle Kampf gegen Rachepornos


Er und Neumann seien beide betrunken gewesen, erklärte er im Interview, sie habe ihn dann noch vor dem Hotel geohrfeigt. An den Grund des Streits will sich Negroni nicht mehr erinnern können, wohl aber daran, dass er Neumann in Runde #2 – mittlerweile auf dem Hotelzimmer – "einmal leicht weggestoßen" habe, woraufhin sie "unglücklich an die Wand im Bad gefallen" sei. "Sie hat nur noch geschrien, ich würde sie schlagen", fuhr er fort. Auf gar keinen Fall sei er aber ein "Frauenschläger", sagte Negroni der Bild.

Tina Neumann hat bislang nicht öffentlich geschildert, was in der Nacht vorgefallen sein soll.

Statt Gewalt generell zu verurteilen, versucht Negroni sicherzustellen, dass niemand seine Männlichkeit in Frage stellt

Online-Medien wie T-Online und Focus.de haben Negronis Äußerungen gegenüber Bild unkommentiert übernommen. Die Klatschseite Promiflash hebt in ihrem Artikel einen Satz durch Fettung ganz besonders hervor: "Eines wolle er aber unbedingt klarstellen: Er sei kein Frauenschläger!"

Der Begriff "Frauenschläger" steht für ein Weltbild, in dem Anstand mit "ritterlicher Männlichkeit" und Menschenrechte mit "Ehre" verwechselt werden: Nicht das Gesetz regelt, wer wann Gewalt anwenden darf, bei Notwehr etwa, sondern Männer klären das "unter sich". Schläge und Tritte sind demnach ein probates Mittel, um Streitigkeiten zu lösen – sofern der Gegner keine Gegnerin ist und dem vermeintlich schwächeren Geschlecht angehört. Das ist derart zeitgemäß, als würde man sich statt über WhatsApp noch per Reitboten austauschen und jeden Tag Jauchehaufen statt lachender Scheiße-Emojis sehen.

Dass Daniele Negroni ziemlich viel von seiner Manneskraft hält, zeigt sich noch in einem anderen Satz, mit dem ihn die Bild zitiert: "Hätte ich das wirklich getan", sprich: sie geschlagen, "wäre sie ausgeknockt gewesen".

Statt sich bei Neumann in aller Form zu entschuldigen, formuliert Daniel Negroni sein ganz persönliches Ich-bin-ja-kein-Schläger-aber. Statt Gewalt generell zu verurteilen, versucht er sicherzustellen, dass niemand seine Männlichkeit in Frage stellt.

Und statt jungen Männern mit Aggressionspotenzial und smartphoneglas-dünner Selbstkontrolle ins Gewissen zu reden, zeigt er jungen Frauen und Mädchen: Auch vor einem schlacksigen, dauergrinsenden Typen mit Haarfarbe "Papagei" sind sie nicht sicher. Vielleicht sind sie sogar noch selbst schuld daran, wenn sie Gewalt erfahren müssen.

Negroni führt nämlich noch einen weiteren Umstand zu einer Verteidigung an, die so wasserfest wie eine zerrissene Jeans ist: Ihm zufolge hätten er und Neumann "die ganze Zeit Wodka Red Bull getrunken". Dementsprechend seien sie "sehr betrunken und sicher beide schuld an dem Streit" gewesen. "Tina verträgt mit 16 natürlich nicht viel", fügte der 22-Jährige hinzu.

Laut dem deutschen Jugendschutzgesetz dürfen Unter-18-Jährige in Deutschland übrigens – ähnlich wie in den meisten Bundesländern Österreichs, mit Ausnahme von Wien und Burgenland – keinen harten Alkohol konsumieren. Warum er als Volljähriger stillschweigend dabei zugesehen haben will, wie sich die Minderjährige betrunken haben soll, sagt er nicht.

Am kommenden Wochenende ist Daniele Negroni im Rahmen der "toggo-Tour" für den Sender Super RTL unterwegs. "toggo" ist das Kinder-Format des TV-Senders. Prä-Teens können hier entscheiden, welche Barbie-Frisur ihnen am besten gefällt, und mit den Drachenreitern aus der Serie Dragons über die animierte Insel Berk fliegen. Die Fans im Grundschul- und Vorstufen-Alter werden Negroni wohl keine kritischen Fragen zum schmerzhaften Ende seiner jüngsten Beziehung stellen.

Auf eine VICE-Anfrage, ob die Termine der Tour wie geplant stattfinden werden und Daniel Negroni überhaupt noch ein geeignetes Vorbild für die Zielgruppe sei, hat Super RTL bislang nicht reagiert.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei VICE Deutschland.