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Meinung

Pamela Anderson könnte eine der wichtigsten politischen Aktivistinnen unserer Zeit sein

"Leider hängt sie mit den falschen Leuten rum."

von Lisa Ludwig
09 Mai 2019, 3:44pm

Fotos: Pamela Anderson | imago | Future Images || Julian Assange | imago | ZUMA Press || Collage: VICE

Pamela Anderson wirkt ein bisschen verloren an diesem Mittwochabend in Berlin. Die vielleicht 30 Menschen, die dicht gedrängt um sie herum sitzen, starren gespannt auf eine Leinwand. Arte zeigt eine neue Folge von Durch die Nacht mit, einem Format, bei dem zwei Personen des öffentlichen Lebens einen Abend miteinander verbringen. In diesem Fall sind das der Philosoph Srećko Horvat, Mitbegründer der DiEM25-Bewegung. Und eben Pamela Anderson, die ihre Baywatch-Zeiten lange hinter sich gelassen hat und aktuell vor allem als Aktivistin in Erscheinung tritt. Indem sie ihre Reichweite nutzt, um auf soziale, politische und wirtschaftliche Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen.

Das könnte eine unglaublich schöne feministische Empowerment-Geschichte sein, die andere Frauen ohne Politikstudium oder politischen Hintergrund dazu motiviert, für die Dinge einzustehen, die ihnen wichtig sind. Das Screening macht allerdings deutlich: Ganz so einfach ist es nicht.

Pamela und der Philosoph verbrachten den Abend für die Aufzeichnung der Folge in Graz. Die beiden werden durch die Stadt gefahren, diskutieren über veganen Champagner, klappern klassische Touristenattraktionen ab, und sprechen natürlich auch über die politischen Punkte, auf die sich die meisten ansatzweise progressiven Menschen einigen können: Tierquälerei ist scheiße, Klimawandel und Umweltverschmutzung müssen ernstgenommen werden, Pressefreiheit ist wichtig, Refugees Welcome.


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Während des Screenings wird manchmal leise aufgelacht, manchmal geklatscht. Horvat wirkt euphorisch, beinahe stolz, und trinkt Rotwein. Anderson hingegen rollt geistesabwesend ein Longpaper zwischen ihren Fingern und wirkt stellenweise unangenehm berührt. Vielleicht, weil es selbst für Menschen, die mit ihrem Aussehen berühmt geworden sind, ein seltsames Gefühl ist, sich auf einer Leinwand zu sehen. Vielleicht, weil es ihr in der Folge nicht genug um ihr momentan größtes Anliegen geht: die "Rettung" von Julian Assange.

Das Model und der Wikileaks-Gründer lernten sich über eine gemeinsame Bekannte kennen: die Designerin Vivienne Westwood. Aus den gemeinsamen aktivistischen Interessen wurde über die Jahre wohl eine Freundschaft. Seitdem Assange in London inhaftiert ist, liest sich Pamela Andersons Twitter-Feed wie eine Mahnwache für den 47-Jährigen. Er sei von der ecuadorianischen Botschaft, in der er jahrelang politisches Asyl gesucht hatte, verkauft worden, behauptet Anderson. Und: "Julian Assange ist der unschuldigste Mann der Welt."

Zur Erinnerung: Assange wird vorgeworfen, 2010 eine Schwedin vergewaltigt zu haben. Um dem europäischen Haftbefehl gegen sich zu entgehen, floh er nach London und suchte politisches Asyl in der Botschaft Ecuadors. Die hob dieses Asyl vor Kurzem allerdings auf. Einer der angeblichen Gründe: Der Wikileaks-Gründer soll während seines Aufenthalts in der Botschaft ein "Zentrum der Spionage" errichtet haben. In den USA wird gegen Assange seit längerem wegen "Verbreitung geheimer Informationen" ermittelt – weswegen er nun fürchten muss, in die USA ausgeliefert zu werden. Außerdem wird Assange und Wikileaks nachgesagt, ganz bewusst in den Wahlkampf der letzten amerikanischen Präsidentschaftswahl eingegriffen zu haben, um Donald Trump zu unterstützen.

Sollte man sich nicht freuen, dass das wahrscheinlich bekannteste Ex-Playmate der Welt ihre Reichweite nutzt, um politische Veränderung anzustoßen?

Als Pamela Anderson an diesem Abend gefragt wird, wie es für sie war, Assange im Gefängnis zu besuchen, wiederholt sie ihre Vorwürfe gegen dessen Kritiker. Es gebe eine Schmierkampagne gegen ihren Freund, der zwar "nicht perfekt", aber "ein guter Mensch" sei. Nicht einmal die Hälfte der Anwesenden klatscht. Anderson wirkt irritiert.

Nach der Fragerunde macht die Aktivistin noch pflichtschuldig ein paar Selfies, dann verschwindet sie. Die Screening-Gäste sammeln sich derweil an der Bar. Zwei flüstern sich zu, dass das inhaltlich ja "ganz schön kontrovers" gewesen sei. Es herrscht eine seltsame Stimmung in der Location, die sich für eine Veranstaltung, bei der es Alkohol umsonst gibt, recht schnell leert. Sollte man sich nicht freuen, dass das wahrscheinlich bekannteste Ex-Playmate der Welt ihre Reichweite nutzt, um politische Veränderung anzustoßen? Über Tierquälerei und Klimawandel aufklärt, anstatt Geld damit zu verdienen, Anti-Falten-Cremes und Abnehm-Tees in die Kamera zu halten?

Pamela Anderson ist charismatisch, smart, lustig und hat die Gabe, auch komplexere Vorgänge auf einen leicht verständlichen, emotional aufgeladenen Kern herunterzubrechen. Das mag sie stellenweise zu einer Populistin machen, holt aber unter Umständen auch die Leute ab, die sich sonst keine Gedanken über, sagen wir mal, Umweltschutz oder unzureichende Steuerbelastung für Superreiche machen. Ganz abgesehen davon, dass sie mit dem Klischee des Baywatch-Dummchens aufräumt, das ihr jahrelang nachhing.

Leider zeigt sich aber auch immer wieder, welchen Einfluss Leute wie Julian Assange, Philosoph Slavoj Žižek und deren Umfeld auf Andersons Weltbild haben. Putin? Gar nicht so schlimm, der mag schließlich auch Tiere. Vor allem aber scheint zwischen alternden männlichen Aktivisten wenig Raum für Identitätspolitik oder weibliche Solidarität zu bleiben. In ihren aktivistischen Auftritten sieht man Pamela Anderson meist neben Männern. Selbst mit ihrer aktivistischen Agenda wirkt sie wie politisches Beiwerk, Magnet für die Presse, damit ihre politischen Mitstreiter ein Publikum haben, zu dem sie sprechen können. Ist das nicht schade?

Vielleicht möchte sie aber auch gar kein feministisches Vorbild sein. In einer der unangenehmsten Szenen der Durch die Nacht mit-Folge erzählt Anderson von einem "schrecklichen Witz", für den sie sehr viel Kritik bekommen habe. Zur MeToo-Bewegung habe sie mal geäußert, dass man sowieso nicht zu einem Meeting in ein Hotelzimmer gehen solle, wenn der Gesprächspartner nur im Handtuch die Tür öffne. Wenn man aber trotzdem ins Zimmer gehe, solle man zumindest dafür sorgen, dass man den Job bekomme. Ein älterer Mann im Screening-Raum lacht schallend. Anderson wippt mit ihren Beinen.

Als sie wenig später von der anwesenden Filmemacherin auf diese Szene angesprochen wird, sagt sie: "Jeder nutzt immer alles, was er hat, und auch Männer können dem zum Opfer fallen." Das wolle sie auch ihren beiden Söhnen mitgeben.

Pamela Anderson träumt von einer Welt, in der sich alle Menschen vegan ernähren, Tiere nicht mehr in Pelzfarmen zu Tode kommen und unsere Ozeane wieder von Meerestieren bevölkert sind, nicht von Plastik. Das klingt nach einer schönen Utopie. Nur ist sie nichts wert, wenn Gewalt gegen Frauen weiterhin als nicht nennenswertes Kavaliersdelikt abgetan wird.

Durch die Nacht mit Pamela Anderson und Srećko Horvat läuft am 21. Mai Um 0:35 auf Arte.

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