I said what I said

Als Schwarze im Dirndl wurde ich beleidigt – jetzt schlage ich zurück

"Ich will, dass die Ungerechtigkeiten, die Ahmad, Ali und Adesuwa widerfahren, der Schmerz aller Marias, Lenas und Herberts wird."

von Imoan Kinshasa
07 August 2018, 10:46am

Bild von Foto Buchacher

Dieser Artikel ist der Auftakt unserer neuen Kolumne 'I said what I said'.


Unter dem Alias Imoan Kinshasa habe ich einen Post über Alltagsrassismus verfasst, der ziemlich viral gegangen ist. Einige kennen mich seither als "Dirndl-Opfer" (Zitat Heute). Mein Besuch auf einem Weinfest, als Schwarze Frau in Volkstracht, beziehungsweise das, was dort passiert ist, hat viel Aufmerksamkeit erregt. Ich wurde auf diesem Fest als "Neger" beleidigt, ausgelacht und ausgegrenzt. Die Reaktion der Facebook-Community war für mich absolut überwältigend. Es war erfrischend zu sehen, dass der Rassismus, mit dem ich und so viele täglich konfrontiert sind, endlich auch die notwendige mediale Aufmerksamkeit und den noch notwendigeren Gegenwind bekommt.

Normalerweise berichte ich über diese unangenehmen Erlebnisse nicht öffentlich – und schon gar nicht so ausführlich. Warum? Ganz einfach, weil ich oft nicht ernst genommen werde. Auch Menschen, die mir sehr nahestehen, schaffen es manchmal nicht, mir beizustehen. "Die meinen es nicht so", höre ich oft, wenn ich rassistischen Erfahrungen erzähle; dicht gefolgt von "Nicht alle sind so", oder "Sei nicht immer so empfindlich". Also warum noch darüber reden, wenn man meistens sowieso nur noch mehr verletzt wird, statt Trost zu bekommen?

Auch beim Weinfest, wo ich mit rassistischen Ausdrücken und exotischen Blicken konfrontiert war, haben mir einige Spaßvögel unterstellt, dass alles inszeniert wäre und ich mich selbst zum Opfer stilisieren würde. Schließlich haben es dann auch Melde-Mobs geschafft, mein Posting offline zu bringen. Das heißt, es wurde bei Facebook so oft in so kurzer Zeit gemeldet, dass die dort zuständigen Content-Moderatoren es als problematisch eingestuft haben. Ich wurde gleich zweimal gesperrt, meine Posts wurden gelöscht und das alles ohne jede Stellungnahme von Facebook.

Nur dank dem hartnäckigem Einsatz der Medien hat Facebook mich und meine Posts wieder freigeschaltet. Im Endeffekt bekam die ganze Causa dadurch noch mehr Aufmerksamkeit. Meine Oma würde jetzt mit "wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" oder so daherkommen. Aber hey, ich habe gesagt was ich gesagt habe und ich stehe dazu. Da ich während meiner Facebook-Isolation mit Anfragen nach dem Originaltext und -bild überhäuft wurde, habe ich kurzerhand einen Blog gestartet, um mich nicht zensieren zu lassen.

Und weil ich schon mal dabei war, die Leichen aus Österreichs Keller zu zerren (double-pun intended), dachte ich mir, es wäre nur konsequent, das Thema Rassismus und Alltagsrassismus im Besonderen auch gleich zu Ende zu diskutieren. Was ich hiermit in dieser Kolumne machen werde. Basta. Dass so etwas leider immer noch nötig ist, zeigen mir die vielen völlig weltfremden Reaktionen auf den Weinfest-Vorfall.

Ich glaube, einigen ist der Ernst der Lage nicht bewusst. Für People of Color, sichtbare Musliminnen und alle, die auf andere Art nicht ins Weltbild des "besorgten Bürgertums" passen, ist das Leben nicht immer lebenswert. Menschen mit Behinderung, Übergewichtige und andere an den Rand gedrängte Minderheiten haben wenig davon, dass Wien und Österreich angeblich extrem lebenswert und scheißreich sind. Die Saat der täglichen Hetze geht immer häufiger auf. Und neben dem "Wutbürgertum" wird sie auch von der Regierung und vor allem den Rechtsextremisten der FPÖ immer mehr bedient.

Die Ängste der Rechten sind unsere Realität.

Aber die Ängste der Rechten sind unsere Realität. Während sie sich Gefahren zusammenfantasieren, die ihnen angeblich begegnen, wenn sie nachts das Haus verlassen, haben wir Schwarze mit der echten Bedrohung zu leben, dass Menschen uns attackieren, weil sie uns für die Gefahr halten oder einfach nur weghaben wollen. "Fremd im eigenen Land" ist vielleicht eine Parole dieser Rassistinnen und Rassisten; aber es ist vor allem auch mein Gefühl, wenn ich von ihnen ausgesondert werde.

Dass ich nicht dazugehöre, irgendwie andersartig bin, haben mich viele in meinem Umfeld von klein auf spüren lassen. Wenn ich die Leute gebeten habe, mich einfach als die Einheimische zu akzeptieren, die ich bin, kam oft als Antwort: "Sei doch einfach stolz auf deine Wurzeln." Das bin ich auch, keine Sorge. Aber die ewige Notwendigkeit, darauf hinzuweisen – und vor allem, dass ich mir nicht selbst aussuchen darf, wann und wie ich diesen Stolz auslebe – treibt mich gleichzeitig in den Wahnsinn. Meine Wurzeln sind auch heute noch Angriffspunkt und Schwachstelle Nummer 1. Ich habe nichts, wofür ich mich schämen müsste, aber ich verstehe auch nicht, warum alle wollen, dass ich "zurück nach Afrika" gehe, obwohl ich noch nie in meinem Leben dort war.


Aus dem VICE-Netzwerk:


Meine Weinfest-Geschichte, die so unglaublich hohe Wellen schlug, ist nur eine von unzähligen leidlichen Erfahrungen, die Menschen wie ich regelmäßig machen. Gleichzeitig scheinen die Meldungen über Alltagsrassismus in den letzten Wochen allgegenwärtig. Mittlerweile haben wir sogar ein prominentes, wenn auch umstrittenes Maskottchen in Mesut Özil gefunden. Und unter dem Hashtag #MeTwo berichten tausende Migrantinnen und Migranten oder andere Menschen mit einem nicht reinweißen, reineuropäischen Hintergrund von ihren Erfahrungen als Betroffene von Alltagsrassismus und Diskriminierung. Ich bin wirklich dankbar, dass ich dazu beitragen konnte, den für mich allgegenwärtigen Rassismus ans Licht zu bringen. Es ist wichtig, dass wir darüber reden, uns empören und uns mit den Opfern solidarisieren.

Ich will, dass die Ungerechtigkeiten, die Ahmad, Ali und Adesuwa widerfahren, der Schmerz aller Marias, Lenas und Herberts wird.

Ich will, dass die Ungerechtigkeiten, die Ahmad, Ali und Adesuwa widerfahren, der Schmerz aller Marias, Lenas und Herberts wird. Ihr sollt verstehen, warum wir den Rassismus so persönlich nehmen – weil es ganz einfach persönlich ist, wenn wir als einzelne mit unseren individuellen Erfahrungen auf unsere Herkunft oder Hautfarbe reduziert und von euch zu Stereotypen gemacht werden. Einerseits gibt es viele Menschen die sich aktiv, und im Alltag gegen Rassismus zur Wehr setzen, andererseits vergiften rechtsextreme Agitatoren und der Boulevard weiter täglich das Klima ins unserem Land. Immer häufiger wirkt es, als gäbe es zwei unversöhnliche Fronten in diesem Land (und leider nicht nur hier): diejenigen, die hetzen und hassen und diejenigen, die weiter für die Menschlichkeit kämpfen.

Seit meiner zweifelhaften Bekanntheit als Schwarze im Dirndl wurde mir eine Frage von den Medien immer wieder gestellt: "Gibt es mehr Rassismus seit der neuen Regierung?" Und was soll ich sagen. Natürlich ist die Regierung auch ein Ausdruck, nicht nur die Ursache des Problems. Aber die Antwort ist trotzdem ein klares Ja. Natürlich gedeiht der anschwellende Hass auf alle "Anderen" mit jedem neuen Sager, jedem neuen Gesetz gegen Zuwanderung, jeder Diskussion über Flüchtlinge und Grenzschließungen, jedem hochgespielten Einzelfall von Leuten, die das System ausnutzen oder Straftaten begehen (während Österreicherinnen und Österreicher das System selbst laufend ausnutzen und immer noch selbst die meisten Straftaten begehen, aber das nur am Rande).

Natürlich ist die Geisteshaltung in unserem Land auch ein Produkt von rechten Hetzkampagnen. Natürlich leiden Menschen mit Migrationshintergrund darunter, wenn in den Medien hochoffiziell über Migrantinnen und Migranten hergezogen wird, als wären sie Freiwild. Und natürlich müssen wir dagegen etwas tun. Weil es eben auch mein Land ist. Und weil ich auch Ängste habe. Vor euch. Vor Übergriffen. Vor Rassismus, der irgendwann keine Grenzen mehr kennt. Um das zu ändern, brauchen wir mehr Stimmen, mehr Öffentlichkeit und mehr Selbstbewusstsein. Ich hab es satt, die liebe Exotin zu sein. Ich bin eine von euch. Eine von hier. Ich hab’s gesagt und dabei bleibe ich.

Helft mit, Alltagsrassismus sichtbarer zu machen und schickt uns eure Erfahrungen per Mail.

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