Foto mit freundlicher Genehmigung von Michael Bonvalot

Wir haben versucht, den Info-Stand der "Identitären Bewegung" zu besuchen

Eine Geschichte von Runen-Tattoos, Sellner-Selfies und aufgespannten Regenschirmen.

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20 April 2018, 12:14pm

Foto mit freundlicher Genehmigung von Michael Bonvalot

Unter dem Motto "Österreich, wir müssen reden!", tourt die "Identitäre Bewegung" momentan mit ihrer "Identitären Zone" – einem gelben Pavillon inklusive Info-Tisch – durch Österreich. Laut ihrer Facebook-Seite soll diese Aktion einen Diskurs mit "Kritikern und Unterstützern" gleichermaßen sein. Ich wollte mir das Ganze anschauen und wissen, was die "Identitären" möglichen Anwerbern erzählen.

Der genaue Ort der Veranstaltung wurde vorab nicht preisgegeben, nur irgendwo im 1.Bezirk sollte es sein. Nach einem kleinen Spaziergang höre ich schon die ersten Trillerpfeifen und Rufe. Wenige Minuten später sehe ich den hellgelben Pavillon, umrundet von linken AktivistInnen mit Regenschirmen und einem weiteren Kreis aus PolizistInnen, die zwischen "Identitären" und AktivistInnen stehen. Mein eigentliches Ziel war es, direkt zum Infostand zu gehen.

Ausnahmsweise sind es diesmal jedoch nicht die "Identitären", die das direkte Aufeinandertreffen mit jemandem von VICE verhindern, sondern die Wiener Polizei. Auch nach mehreren höflichen Nachfragen meinerseits, weshalb ich diese öffentliche Veranstaltung trotz ehrlichen Interesses nicht besuchen dürfe, ändert sich daran nichts.

Ich beobachte das Ganze also aus einiger Entfernung. Nachdem ich Martin Sellner einige Zeit beim Selfiemachen zuschaue, stehen plötzlich zwei "Identitäre" mit Flyern neben mir. Ich bitte ebenfalls um einen Flyer und frage, wofür sie denn eigentlich einstehen. Der "Identitäre", der dem Look nach genauso gut ein dauerkiffender KSA-Student sein könnte, reproduziert die bekannten Schlagwörter, die man auch auf der Homepage der Bewegung nachlesen kann: Meinungspluralismus, Kultur, Heimat, Anti-Masseneinwanderung und so weiter.

Er würde liebend gerne mit Linken reden, sagt er, und antwortet auch auf die Frage, ob er mit Medien reden würde, nach kurzem Überlegen: "Ja, sicher." Auch als ich ihm erkläre, dass ich von VICE käme, beschließt er, sich weiter mit mir zu unterhalten; schließlich wolle die "Identitäre Bewegung" auf so vielen Kanälen wie möglich vertreten sein. Vom VICE-Boykott seiner Bewegung scheint der Fußsoldat nicht informiert worden zu sein.

Ich frage nach, ob er schon mit vielen Leuten diskutieren konnte, was ja als das eigentliche Ziel der ganzen Aktion kommuniziert wurde. "Nein", antwortet er, "aber das eigentliche Ziel ist ja nicht das Gespräch, sondern die Konfrontation und Provokation der Linken." Als ich ihn bitte, das näher zu erklären, schwenkt er wieder um: "Natürlich ist das Gespräch mit allen unser Ziel."

Ob er sich als rechts bezeichnen würde? "Bei den ’Identitären’ gibt es viele unterschiedliche Meinungen und Strömungen", lautet seine Antwort. Außerdem betont er, Pazifist zu sein. Ob auch die Österreich-Anführer seiner Bewegung diesen Standpunkt vertreten, konnte ich bei der Info-Veranstaltung leider niemanden fragen.

Fakt ist, dass "Identitären"-Aktionen nicht immer gewaltfrei bleiben. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Übergriffen auf linke AktivistInnen und PolizistInnen und zum Höhepunkt der "Flüchtlingskrise" versuchten die "Identitären" bekanntlich außerdem, im Mittelmeer Flüchtlingshelfer zu sabotieren.

Auch vor Ort in Wien sind die Identitären nicht nur friedlich und durchaus auf Provokation aus. Gleich zu Beginn kommt es zu Rumgeschubse, einem Mann wird von einem "Identitären" gegen das Handy geschlagen, als dieser ihn filmt, und ich beobachte, wie Martin Sellner gleich zu Beginn die Kappe eines Aktivisten in den nahestehenden Brunnen wirft, nachdem der Mann zuvor von einem anderen "Identitären" angepöbelt und gefragt wurde, wer er denn glaube zu sein.

Andere "Identitären"-Fans vor Ort haben Tattoos mit rechtem Hintergrund. So etwa auch eine im Liegestuhl liegende und Bier trinkende Frau mit einem Yr-Runen-Tattoo. Die Yr-Rune wurde in Nazideutschland vor allem mit Wiedererstehung in Verbindung gebracht und dient laut dem deutschen Verfassungsschutz heutigen Rechtsextremisten zur Kennzeichnung von Todesdaten. Die Frau im Liegestuhl grölt in Richtung der AktivistInnen; die schreien irgendwas zurück.

"Unser Ziel ist es, die IB einzukesseln und Leute, die von außen kommen, mit unseren Regenschirmen symbolisch abzuschirmen."

Die Demonstranten haben sich mittlerweile mit Regenschirmen rund um den Info-Stand aufgestellt und versperren so komplett die Sicht auf den "Identitären"-Pavillon. "Wir machen hier einen friedlichen, kreativen Protest", erklärt mir ein Aktivist. "Unser Ziel ist es, die IB einzukesseln und Leute, die von außen kommen, mit unseren Regenschirmen symbolisch abzuschirmen. Wir hindern aber natürlich niemanden wirklich daran, zum Stand zu gehen, wenn jemand wirklich durch will."

Menschen, die den Stand besuchen wollen, gibt es abgesehen von mir allerdings ohnehin kaum. Ein älterer Mann, mit dem ich zufällig ins Gespräch komme, fragt mich verdutzt, wo eigentlich jetzt diese "Identitären" seien. Als ich auf die 10 Personen unter dem Pavillon zeige, antwortet er verwundert: "Was? Nur diese 10 Würstel?"

Sehr viel mehr werden es bis zum Schluss nicht. Die meisten Passanten wünschen den AktivistInnen Glück oder geben Ratschläge, wie sie ihren Protest das nächste Mal noch wirkungsvoller gestalten könnten.

"Bei der ’Identitären Bewegung’ gibt es eine große Diskrepanz zwischen ihren Social-Media-Auftritten und der Realität", sagt ein anderer Aktivist. "Natürlich haben sie viele Likes und Follower, aber dann stehst du in Wien und siehst selbst bei ihren eigenen Veranstaltungen nur 10 Leute mit IB-Shirts rumlaufen. Sie wissen, wie sie sich verkaufen, aber mehr nicht."

Martin Sellner dreht mittlerweile ein kurzes Video für seine Social-Media-Fans. Später wird auch ein Foto mit der Unterschrift "Girls & Antifa" hochgeladen, das den Kontrast zwischen hübschen "identitären" Frauen und verbitterten Gegendemonstranten zeigen soll. Auf dem Platz selbst wird Musik gespielt, die man eigentlich der Linken Szene zuordnen würde. Auch das ist typisch für die "Identitäre Bewegung"; sie bedient sich bei linken Symbolen und linkem Aktionismus, wie auch bei ihren Theater-Störaktionen, um diese für sich zu vereinnahmen.

Als ich gerade noch mitten im Gespräch mit einem Aktivisten bin, sehe ich plötzlich, wie einige Polizisten wahllos auf ein paar Aktivisten zu laufen und diese auf den Boden drücken. Zwar hat die Polizei das Recht, eine unangemeldete Gegendemo aufzulösen, da sie auch eine zweimalige Verwarnung ausgesprochen hat.

Wie notwendig das Ausmaß der Staatsgewaltanwendung hier war, ist allerdings fraglich. "Die Polizei hat die Funktion, deeskalierend und nicht eskalierend zu wirken. Das war hier nicht der Fall", meint ein Aktivist.

Weng später ist die ganze Sache aber ohnehin bereits beendet. Mit den "Identitären" findet an diesem Tag kein Austausch statt; und auch, wenn damit das eigentliche Ziel ihrer Veranstaltung verfehlt wurde, bin ich mir auf dem Rückweg unsicher, ob das nicht vielleicht das bessere Ergebnis für alle Beteiligten ist.

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