Flucht

Wie ein Schweizer in Griechenland Häuser besetzte, um Flüchtlingen zu helfen

"Du hast gar keine andere Wahl, als etwas zu machen. Man muss sich irgendwo vor dem Erfrieren schützen. Das ist überlebenswichtig."

von Sebastian Sele
10 August 2017, 8:39am

Alle Fotos von Jojo Schulmeister

"Klar habe ich geweint", sagt Nicola Bossard, als wir uns in einem Zürcher Café gegenübersitzen. "Das kannst du gar nicht verhindern." Wir reden über die zwei Monate Ende des vergangenen Jahres, die Nicola auf Lesbos verbracht hat – jener griechischen Insel, die nicht nur Nicola an die Grenzen treibt.

Da wo Nicola herkommt, ist es beschaulicher. Kölliken im Aargau ist einer dieser unscheinbaren Orte, wie sie in der Schweiz so oft die Landkarte pflastern. Etwas über 4.000 Einwohner, ein Netz aus Nebenstraßen, ein Bahnhof, an dem zweimal pro Stunde eine S-Bahn die Flucht in die nächstgrößere Kleinstadt ermöglicht. Überregionale Bekanntheit hatte Kölliken einzig deshalb erreicht, weil die Kantone Aargau und Zürich zusammen mit den Basler Chemie-Großkonzernen in einer Tongrube am Ortsrand die perfekte Lage sahen, um ab dem 16. Mai 1978 sieben Jahre lang 475.000 Tonnen Giftmüll in einer Sondermülldeponie zu vergraben.

Die 1.700 Kilometer südwestlich von Kölliken gelegene Insel Lesbos kennt seit einigen Jahren die ganze Welt. Allein im Rekordmonat Oktober 2015 erreichten gemäß UNHCR 135.000 Flüchtlinge die Insel, auf der sonst lediglich 86.400 Menschen wohnen. Die Zahl sollte bis zum Ende des Jahres noch auf rund eine halbe Million ansteigen.

3.700 Flüchtlinge verließen das türkische Festland, ohne auf einer der griechischen Inseln und damit im europäischen Asylsystem anzukommen. Einer davon hieß Alan Kurdi – der dreijährige Junge, dessen Körper leblos ans türkische Festland zurückgespült und zum Symbol für eine der größten humanitären Krisen unserer Zeit wurde. Alan Kurdi ist in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten, die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln aber blieben.

"Ich wollte mal schauen, was dort abgeht und mir meine eigene Meinung bilden", antwortet Nicola auf die Frage, wieso er ausgerechnet ins Epizentrum dieser Krise gereist sei. "Es gibt eine Webseite, auf der du siehst, wo es Hilfe braucht." Auf www.greecevol.info habe er gesehen, dass auf Lesbos Freiwillige gesucht werden. Seine Familie sei per Zufall gerade nach Italien gefahren und habe ihn bis dorthin mitgenommen. Die restliche Strecke legte er mit dem Zug, der Fähre und per Autostopp zurück. "Ich habe nicht viel überlegt, ich bin einfach mal drauf los", blickt er zurück. Dementsprechend unvorbereitet erreichte Nicola die Insel.

Nicola transportierte oft Essen und Wasser. Seine geflüchteten Kollegen dürfen auf Lesbos nicht Autofahren.

"Als ich angekommen bin, wusste ich gar nicht, wo ich zuerst anpacken sollte", erzählt Nicola. "Aber es ergibt sich vieles. Ich habe einfach darauf vertraut, dass ich etwas finden werde." Das Vertrauen führte Nicola zuerst zu Latra, einer auf innovative Big-Data-Anwendungen und Umwelttechnologie spezialisierten NGO, und anschließend zu No Border Kitchen. No Border Kitchen setzt dort an, wo die Arbeit der großen NGOs nicht greift. "Wir sind eine nicht-hierarchische, selbstorganisierte Gruppe von Aktivisten aus der ganzen Welt, die das Ziel teilen, die Grenzen und die Beschränkung der Bewegungsfreiheit zu überwinden", beschreibt sich die Gruppe auf ihrer Webseite. "Ich hatte fast kein Geld und bei No Border Kitchen gibt es besetzte Häuser, in denen man lebt", sah Nicola die Sache etwas pragmatischer und ergänzt: "Es war sehr immersiv." Als Aktivist bei No Border Kitchen zu sein, heißt, mit Flüchtlingen zusammenzuleben und sich am Abend nicht einfach ins warme Bett fallen lassen zu können. "In den besetzten Häusern war es zum Teil sehr kalt, es gab Flöhe und allerlei Krankheiten", erzählt Nicola. Doch das nahm er in Kauf. "Man gehört dazu, es gibt kaum einen Unterschied zwischen Flüchtlingen und Helfern." Diese Grenze verschwinde auch sprachlich, niemand spreche von Flüchtlingen, alle, die anpacken, seien Helfer.

No Border Kitchen ist nur eine von dutzenden Hilfsorganisationen, die auf Lesbos tätig sind – oder sein müssen. Denn der griechische Staat ist von der Situation überfordert und kann diese nicht alleine meistern. "Griechenland an sich steht schlecht da", sagt Nicola. "Als junger Mensch findest du keinen Job, du bist froh, wenn du für zwei Euro in der Stunde irgendwo Kalender verkaufen kannst. Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig Leute ins rechtsradikale Lager kippen."

Tatsächlich hat Griechenland in den vergangenen Jahren die Grenze zu einem instabilen Staat wenn nicht überschritten, so doch zumindest gestreift. Die Finanzkrise von 2010 ließ die Arbeitslosenquote auf über 20 Prozent steigen, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 40 Prozent. "Die erheblichen wirtschaftlichen Umbrüche in Griechenland zeigen seit den Parlamentswahlen 2012 auch sehr deutliche politische Konsequenzen", schreibt die deutsche Konrad Adenauer Stiftung zu den politischen Auswirkungen dieser Krise.

No Border Kitchen ist nur eine von dutzenden Hilfsorganisationen, die auf Lesbos aktiv sind

Diese Polarisierung beeinflusst nicht nur, welche Partei wie viele der 300 Sitze im Parlament für sich beanspruchen darf, sondern hat auch ganz konkrete Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Seit 2012 werden der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte mehrere Morde zugeschrieben. Einer davon machte als Symbol für die politischen Konflikte in Griechenland auch international Schlagzeilen: Als der antifaschistische Aktivist und Rapper Pavlos Fyssas im September 2013 mit Freunden ein Athener Café verließ, gingen über 20 Menschen auf ihn los. Einer der Angreifer, laut Polizeiangaben ein Mitglied der Goldenen Morgenröte, rammte ein Messer zweimal in Pavlos Fyssas Herz und einmal in seinen Bauch, der bekannte Aktivist starb noch am selben Abend.

Nur ein Wochenende zuvor prügelten 50 Menschen mit nägelbeschlagenen Knüppeln auf Kommunisten ein, die Plakate für ein Jugendfestival an Wände kleben wollten. Diese Vorfälle liegen inzwischen einige Jahre zurück, an der aufgeladenen Stimmung hat sich aber nur wenig geändert. Bei den letzten Parlamentswahlen im Jahr 2015 erlangte die linkspopulistische Partei Syriza über einen Drittel der Stimmen, die rechtspopulistische ANEL vier und die rechtsextreme Goldene Morgenröte immer noch sieben Prozent.

Obwohl es in Griechenland akzeptiert ist, sich angesichts der aussichtslosen Situation in extreme Ideologien zu flüchten, scheint die Bevölkerung auf Lesbos offen gegenüber Flüchtlingen zu sein. "Sie haben selbst eine Fluchtgeschichte hinter sich", erklärt sich Nicola die Empathie. Und sie bekämen auch hautnah mit, was die Flüchtlinge durchmachen müssten. "Sie sehen, wie Leichen angeschwemmt werden und wie Kinder sterben", sagt er. In einer solchen Situation müsse man schon ein Unmensch sein, um immer noch gegen Flüchtlinge zu sein.

Improvisieren gehört im Chaos auf Lesbos zum Alltag

Auf anderen Inseln nahe der türkischen Küste ist die Stimmung weniger freundlich. "Auf Chios, der Nachbarinsel von Lesbos, haben Neonazis versucht, Flüchtlinge umzubringen", erzählt Nicola. Dort liege ein Flüchtlingslager unterhalb einer Felswand. Nicola spricht davon, dass die Neonazis von oben Steine auf die Zelte im Lager geschmissen hätten, Amnesty International sogar von Molotowcocktails. "Die Polizei stand anscheinend daneben und hat nichts gemacht", sagt Nicola. Nach zwei aufeinanderfolgenden Nächten mit Angriffen auf das Camp forderte auch Amnesty International die Polizei auf, endlich einzugreifen.

Doch selbst ohne Gewalt ist das Leben in den Camps alles andere als leicht. "In den Camps gibt es viel zu wenig Platz, es ist kalt und das Essen ist ungenießbar – zum Teil gibt es Kakerlaken und Maden", erzählt Nicola. Anfang dieses Jahres schreibt der Guardian, dass in Moria, dem bekannteren der zwei Camps auf Lesbos, 4.000 Menschen untergebracht seien. Offiziell bietet das Camp Platz für 1.500 Flüchtlinge. Laut einem Spiegel-Bericht entscheiden auf Lesbos neun Beamte über die Anträge von 6.000 Flüchtlingen. Einer von ihnen habe zwischenzeitlich einen Burn-out erlitten. Die Europäische Union weigere sich, Beamte auf die Insel zu schicken, da sie offenbar um deren Sicherheit fürchtet.

Ständig auf der Hut: Die Polizei kann die zur Flüchtlingshilfe besetzten Häuser jederzeit räumen

Zwölf syrische Flüchtlinge, die in Moria lebten, entschieden sich im April für einen radikalen Protest gegen die Auswirkungen, die das Asylsystem auf Lesbos auf ihre Leben hat: Sie traten in den Hungerstreik. "Das grösste Problem ist, dass wir von der Asylbehörde immer das gleiche Wort zu hören bekommen: 'wartet'", schreiben sie am ersten Tag des Protests in einem Statement.

"Die meisten von uns warten seit acht, neun Monaten hier, andere sogar über ein Jahr – und wir haben nichts bekommen. Unsere Asylanträge wurden abgelehnt und nach einem Rekurs noch einmal abgelehnt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Uns wurde gesagt, wir könnten in die Türkei zurückgeschickt werden, aber wir sind Kurden." Obwohl die EU die Türkei als sicheres Drittland ansieht, in dem Flüchtlinge nicht gefährdet seien, schreibt etwa Amnesty International im aktuellsten Bericht zur Türkei, dass es in mehrheitlich von Kurden bewohnten Gebieten zu Menschenrechtsverletzungen durch Sicherheitskräfte kommt. Verfolgt werden Verstöße gegen das Menschenrecht nicht.

"Wir können das nicht mehr ertragen. Wir hoffen, dass uns mit dem Hungerstreik jemand zuhört und uns unsere Rechte gibt", schließen die Flüchtlinge ihr Statement ab. Am dritten Tag ohne Wasser brach einer der Flüchtlinge zusammen und musste unter kritischen Bedingungen ins Spital gebracht werden. Nach einer Woche beendeten sie den Hungerstreik. Eine den Flüchtlingen nahe stehende NGO schreibt auf Facebook, dass sie diese Entscheidung trafen, nachdem ihnen die Behörden bei einem Treffen versicherten, dass sich nichts ändern werde.

No Border Kitchen hat jeden Tag 600 Portionen Essen ausgegeben

"No Border Kitchen bietet auch Platz für Leute, die einfach mal kurz ausbrechen möchten", blickt Nicola auf die Erfahrungen seiner zwei Monate in Griechenland zurück. "Es gibt eine Spielecke für Kinder und einen Social Space für Frauen, damit sie mal etwas Ruhe bekommen. Je nachdem, welche Freiwilligen gerade da sind, gibt es auch Deutsch- und Englischkurse." Insgesamt hatte No Border Kitchen während Nicolas Aufenthalt fünf Gebäude besetzt, die Platz für einige hundert Leute boten. Täglich kochten sie dort für 600 Leute.

"Es waren vor allem die Flüchtlinge, die gekocht haben", erzählt Nicola. "So haben sie etwas zu tun gehabt und das Essen gekocht, das sie gern haben und das nicht viel kostet. Bohnen, Linsen, Reis. Es war teilweise schon etwas monoton." Trotzdem ist auch No Border Kitchen kein absolut sicherer Hafen. "Die Polizei hat zwar nicht jeden Tag vorbeigeschaut", erzählt Nicola, aber: "Ich kann mir gut vorstellen, dass manche schlaflose Nächte hatten, weil ihnen Polizeikontrollen nahe gingen. Du bist von Zuhause geflüchtet und hast die unmenschlichsten Dinge durchlebt. Dann kommst du in Europa an und musst schon wieder flüchten, vor der Polizei, die dir helfen sollte."

Wie schnell sich die Lage auf Lesbos ändern kann, zeigt die Entwicklung in der Zeit zwischen meinem Gespräch mit Nicola und der Veröffentlichung dieses Textes. "Wenn die Polizei uns vertreibt, gehen wir einfach ins nächste Gebäude", sagte Nicola damals pragmatisch, als ich ihn auf mögliche Räumungen der illegal besetzten Häuser ansprach. "Du hast gar keine andere Wahl, als etwas zu machen. Man muss sich irgendwo vor dem Erfrieren schützen. Das ist überlebenswichtig." Die Temperaturen auf Lesbos sinken im Winter auf bis zu minus vier Grad Celsius.

"Wenn die Polizei und vertreibt, gehen wir einfach ins nächste Gebäude", sagte Nicola noch vor wenigen Monaten.

Am 28. April, einige Wochen nach diesen Worten von Nicola, räumte die Polizei das größte der von No Border Kitchen besetzten Häuser. Bis heute haben sie keinen Ersatz gefunden. "Im Sommer werden wieder mehr Flüchtlinge auf Lesbos ankommen, weil die Menschenschmuggler aus den klaren Nächten und dem vielen Schiffsverkehr Profit schlagen wollen", schreiben die Aktivisten in einem Blog-Eintrag. Sie geben sich kämpferisch: "Die EU versucht, die Existenz der Flüchtlinge auszuquetschen, aber wir sind entschlossen, ihnen Raum zum Atmen und die bestmögliche Chance zu verschaffen, um ihren Weg zu einem besseren Leben weiterzugehen."

Inzwischen kommen nur noch einige hundert Flüchtlinge pro Monat auf Lesbos an, auch wegen politischen Entscheidungen der europäischen Staaten. Am 9. März 2016 berichtete die deutsche Tagessschau: "Die Flüchtlingsroute von der Türkei Richtung Nordwesteuropa ist faktisch dicht: Seit Mitternacht lässt Slowenien keine Flüchtlinge mehr durch.

Als Reaktion kündigten Kroatien, Mazedonien und Serbien ihrerseits an, ebenso zu verfahren." In den Medien und der Politik wird von der Schließung der Balkanroute gesprochen, einem der Hauptwege für Flüchtlinge, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Nicht einmal zwei Wochen nach der Schließung setzten die Verantwortlichen der EU zudem ihre Unterschrift unter einen Deal mit der Türkei.

Dieser sieht unter anderem vor, dass die Türkei Maßnahmen trifft, um die "irreguläre Migration" in die EU zu stoppen, und dass Leute, die kein Recht auf internationalen Schutz haben, sofort in die Türkei zurückgeschickt werden. Amnesty International kritisiert das Abkommen als "Desaster für die Tausenden, die in einer gefährlichen, verzweifelten und scheinbar endlosen Gefangenschaft gestrandet sind". Seit der Deal zwischen der EU und der Türkei in Kraft ist, sind gemäß der Internationalen Organisation für Migration 45 Prozent mehr Flüchtlinge in Griechenland gestrandet.


Auch bei VICE: Leben in Camp Moria, dem grössten Flüchtlingscamp auf Lesbos


"Es kommt auch zu Konflikten zwischen den Flüchtlingen", erzählt Nicola. "Einer, der mal Streit angezettelt hatte, war ein guter Freund von mir." Er habe sich einfach abreagieren müssen, der Streit sei ein Ventil für den aufgestauten Druck gewesen. "Viele der Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, haben in ihrem Heimatland und auf der Flucht traumatische Ereignisse erlebt", schrieb die deutsche Kammer der Bundespsychotherapeuten in einem Bericht.

Mehr als zwei Drittel hätten Gewalt gegenüber anderen miterlebt, mehr als jeder Zweite Leichen gesehen und fast jeder Zweite sei gefoltert worden. "Ein Flüchtling hat in der Nacht einmal rumgeschrien, weil der dachte, er müsse ein Kind vor dem Ertrinken retten", hat Nicola die individuellen Geschichten hinter diesen Zahlen miterlebt. "Sein Schiff ist bei der Überfahrt gekentert. Weil er ein guter Schwimmer ist, konnte er die verbleibende Strecke zum Ufer in zwei Stunden schwimmen." Er musste allerdings mit ansehen, wie eine Frau und ein Kind ertrunken seien.

"Das geht dir extrem nahe, du kannst aber nichts machen", sagt Nicola. "Ich habe ihn einfach in den Arm genommen. Mehr geht nicht." Nicola und die anderen Aktivisten seien komplett überfordert gewesen. "Wir waren froh, wenn wir es geschafft haben, jeden Tag Essen zu machen." Gebe es zusätzlich noch Konflikte, sei das einfach zu viel. "Wir sind schließlich keine Psychologen oder Krisenmanager", sagt Nicola und erklärt, wie er diese Ohnmacht zwei Monate lang aushalten konnte: "Du schaltest in den Modus, in dem du das Ganze gar nicht an dich ranlässt. Du musst irgendwie funktionieren."

Trotzdem sei er sich bewusst, dass die Hilfe vor Ort nur Symptombekämpfung ist. "Du kannst gar nichts am großen Ganzen ändern", sagt er konsterniert. "Du bist einfach dort und hilfst Tag für Tag. Schaust, dass die Leute nicht erfrieren und keinen Hunger haben. Ich hoffe, dass ich mit diesem Wissen auch in meiner Heimat etwas bewirken kann." In der Schweiz suchten im vergangenen Jahr 27.207 Menschen um Asyl an. Die meisten davon kommen aus Eritrea, Afghanistan und Syrien. Etwas mehr als jeder Fünfte von ihnen erhielt Asyl, 40 Prozent der Gesuche wurden abgelehnt.

"In den Camps ist es kalt und das Essen ist ungenießbar, zum Teil gibt es Kakerlaken und Maden", sagt Nicola.

Als Nicola nach zwei Monaten auf Lesbos zurück in die Schweiz kam, machte er eine kleine Beobachtung, die wohl die Grundlage für eine komplexe Situation ist: "Ich kann ohne Probleme ausreisen, kann auf die Fähre gehen oder in ein Flugzeug steigen und bin innerhalb eines halben Tages daheim." Dabei fühle er sich nicht anders als die Menschen, die auf Lesbos gestrandet sind. "Sie haben auch alle ein Handy, sie hören die Pop-Songs, die bei uns gehört werden."

Mit einem habe er sich angefreundet, weil sie in einer Nacht zusammen den Kriegsfilm Operation Walküre geschaut haben. "Ich fühle mich nicht anders als die Menschen, die auf Lesbos gestrandet sind und dort noch immer auf Asyl warten." Und trotzdem kann sich Nicola entscheiden, für welches Studium er sich einschreibt. "Es ist wirklich nicht einfach, mit den Erfahrungen von Lesbos zu leben", sagt er. "Ich habe mich bei meiner Rückkehr aufgeregt, wie normal hier alles läuft. Dass man sich mit Dingen wie einem Burkaverbot oder Händedruckverweigerern beschäftigt, während es so viel Wichtigeres gäbe."

Nicola versuche zwar, sich nicht aufzuregen, doch einfach sei das nicht. "Ab und zu schreibe ich einen wütenden Facebook-Kommentar, aber das reicht natürlich nicht", sagt er und schmunzelt. Darum engagiert er sich etwa für die Kriegsgeschäfte-Initiative, die Investitionen von Schweizer Vorsorgegeldern in die Kriegsmaterialproduktion verbieten will. "Mit dieser Initiative werden Fluchtursachen effektiv bekämpft", erklärt er sein Engagement. Bevor Nicola am 18. September zum ersten Mal als Student der Umweltsystemwissenschaften in einem Hörsaal der ETH in Zürich sitzen wird, möchte er allenfalls wieder zurück nach Lesbos.

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