Eingekesselt zwischen Plünderern und dem SEK

Ein Bericht aus dem Inneren der völlig eskalierten G20-Proteste.

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Juli 8 2017, 12:39pm

Foto: Spezialeinsatzkommandos aus Österreich und Deutschland auf der Schanze | Foto: imago | Christian Mang

Verwüstete Straßenzüge, stundenlange Kämpfe zwischen Polizei und Autonomen, Rauchsäulen über der Stadt: In Hamburg ist Gewalt im Laufe des vergangenen Abends und der Nacht außer Kontrolle geraten. Sogar SEK-Einheiten kamen zum Einsatz, Anwohner sprechen von kriegsähnlichen Zuständen. Die Polizei berichtete in einer Stellungnahme, dass Beamte mit Molotow-Cocktails, Eisenstangen und Zwillen angegriffen wurden. Die Zahl der verletzten Einsatzkräfte stieg seit Beginn der Proteste auf 213. Insgesamt nahm die Polizei von Freitag bis Samstagvormittag 43 Personen vorläufig fest und 96 in Gewahrsam.

Zwei VICE-Fotografen, die das Geschehen begleitet haben, schildern ihre Eindrücke.

Rebecca Rütten: "Am Nachmittag wirkte es an vielen Stellen noch wie ein Straßenfest. Auf der Reeperbahn saßen Leute vor den Läden und tranken; vielleicht auch, um ihre Geschäfte zu schützen. Erst gegen Abend eskalierte es immer wieder. Vor allem an den Brennpunkten rund um Fischmarkt, Messehalle, Sternschanze, Reeperbahn und Hafenstraße."

Foto: Rebecca Rütten

"Gegen 21 Uhr liefen wir von der Reeperbahn zum Neuen Pferdemarkt. Vor dem Platz um die 'Grüner Jäger'-Bar war eine große Polizeiabsperrung mit Wasserwerfern. Wir hatten Gerüchte gehört, die Polizei habe das Schulterblatt aufgegeben und sei abgezogen. Also liefen wir in die Richtung. Am Schulterblatt brannte es dann überall, Geschäfte wurden geplündert."

Foto: Rebecca Rütten

"Ich hatte in diesem Moment irgendwie weniger Angst vor den Autonomen als vor der Polizei mit den Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray. Wir liefen rein in die Eskalation, rein in die Hölle. Der REWE und daneben der Budnikowsky wurden bereits geplündert. Sie verteilten zuerst Lebensmittel an Umstehende, aber nahmen dann auch selbst Sachen mit. Direkt davor loderte ein riesiges Feuer. Leute warfen immer wieder Deodosen rein. Man hörte Explosionen, es roch nach Gas."

Foto: Rebecca Rütten

"Während der Plünderung hatten rundherum noch Kioske geöffnet, wahrscheinlich, damit sie nicht selbst ausgeraubt wurden. Ein Randalierer plünderte einen Backladen und wollte stolz seine Beute an Demonstranten verteilen. Aber die lehnten ab."

Foto: Rebecca Rütten

"Als wir die Schanzenstraße entlangliefen, rannte uns ein Mann mit einem iPad entgegen. Dann sahen wir, dass ein Apple-Laden geplündert wurde. Eine Frau versuchte verzweifelt, die Tür zuzuhalten und rief: 'Ihr nennt euch Antikapitalisten? Was für eine Scheiße!'"

Foto: Rebecca Rütten

"Vielen Polizisten konnte man ansehen, dass sie übermüdet waren und Angst hatten. Es war für alle Beteiligten einfach scheiße."

Auch Gil Bartz hat die Ereignisse von Freitagnacht aus nächster Nähe beobachtet:

"Am Nachmittag war alles verhältnismäßig friedlich. Erst gegen 19 Uhr schaukelte sich die Stimmung auf dem Schulterblatt hoch bis zur puren Aggression. Da ging es absolut nicht mehr um Politik, sondern nur noch um die Entladung von Gewalt und Frust. Das war keine Kapitalismuskritik. Viele der Leute waren sehr jung, vielleicht 14 oder 15, maximal 20. Sie schienen die Gelegenheit zu nutzen, ohne Konsequenzen Scheiße zu bauen. Dazwischen legte der militante Block Feuer und entglaste Schaufenster. Da viele komplett in Schwarz gekleidet und vermummt waren, konnte man oft nicht sagen, wer zu wem gehört.

Am Schulterblatt kam es zwei Stunden lang zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Randalierern. Gegen 1:30 Uhr konnten die Beamten die Lage dann beruhigen."

Nach den Randalen der letzten Nacht gibt es kaum eine Atempause für Anwohner, Demonstranten und Polizei. Denn für Samstag sind weitere Großdemonstration in Hamburg angekündigt.

Die Polizei erwartet wieder schwere Auseinandersetzungen. Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagt laut RP Online: "Wir haben deutliche Hinweise, dass sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit diese Gewalttäter auch unter die heutige Demonstration 'G20 – not welcome!' mischen werden."

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