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Berliner Umkleidekabinen im Realitätscheck

Machen die Spiegel dicker? Macht Licht von oben faltig? Ich habe verschiedene Umkleidekabinen getestet, um zu schauen, ob ich anders aussehe als im echten Leben.

von Gina Nicolini
30 Mai 2016, 10:00am

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Umkleidekabinen sind die auf einen Quadratmeter komprimierte Hölle. Manchmal auch auf zwei, je nachdem wie viel Platz einem zugestanden wird, um etwas anzuprobieren. In meinem Fall sieht das meistens so aus: schnell mit geschlossenen Augen aus den eigenen Klamotten springen und mich dann mit elektrisierten Haaren und rotem Gesicht in die potenzielle Beute quetschen. Kurz die fliegenden Haare anlegen und tief durchatmen. Erst dann dürfen die Augen wieder geöffnet werden. Der Anblick gefällt mir meistens nicht. Deswegen probiere ich fast nichts mehr an, bevor ich es kaufe. 28 Tage Rückgaberecht: yay!

Manche Kleidungsstücke müssen aber anprobiert werden, weil sie entweder zu teuer sind, um sie mal eben so zu kaufen (festliche Kleider, Jeansjacken) oder weil es 1000 verschiedenen Faktoren gibt, die dafür sorgen, dass mir das gewählte Kleidungsstück nicht passen könnte (Hosen, Hemden aus der Männerabteilung). Also komme ich ab und an nicht drum herum, mich der Tortur des "Anprobierens" auszusetzen.

Natürlich weiß ich, dass ich mit einer 38/M völlig im Rahmen dessen bin, was unter "normalgewichtig" gefasst wird, ich finde eigentlich überall etwas zum Anziehen, ich bekomme keine bösen oder herabsetzenden Blicke, wenn ich mich vor der Umkleide meiner Begleitung zeige, und so weiter. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass mich ein Nachmittag in der Stadt in eine mittelschwere Krise stürzt und ich danach am liebsten nie wieder essen würde.

Ich kenne niemanden, wirklich keinen Menschen auf der Welt, der behauptet, dass er sich gerne in einem Umkleidekabinenspiegel anschaut. Doch was macht Umkleidekabinen eigentlich so schrecklich? Sind es tatsächlich die Spiegel? Ist es das Licht? Ist es die generelle Atmosphäre dort? Um das herauszufinden, war ich einen Tag in Berlin unterwegs und habe mir die Umkleidekabinen einiger größerer Modeketten angeschaut, sprich: da, wo ich war, warst du zu 100% auch schon mal, und ich glaube, wir haben uns ähnlich gefühlt.

Zara, TAUENZIENSTRASSe 7A

Meine erste Station ist der Zara. Es gibt zwei Spiegel, das Licht kommt von der Seite, der Raum ist ziemlich beengt und als Kunde hat man dort wirklich wenig Platz. Trotzdem fühle ich mich OK. Ich habe das Gefühl, mein Spiegelbild stimmt ungefähr mit dem überein, wie ich mich selbst einschätzen würde, ich bin weder gestaucht noch gestreckt, glaube ich zumindest. Hinzu kommt, dass die seitliche Beleuchtung dafür sorgt, dass ich mich wieder wie 22 fühle, so ganz ohne erste Fältchen.

Uniqlo, Tauentzienstrasse 7b

Gegenüber bei Uniqlo in der Tauentzienstraße 7b (die haben ja richtig gute Sachen? Wieso hat mir das nie jemand gesagt?!) sieht das Ganze schon anders aus. Das Licht kommt von vorne, es ist noch enger als bei Zara und ich habe das Gefühl, ich sehe runder aus als sonst. Jetzt wäre es schön, jemanden dabei zu haben, den ich dazu befragen könnte.

Vero Moda, Tauentzienstrasse 13a

Bei Vero Moda hingegen fühle ich mich richtig wohl. Auch wenn die Vorhänge winzig sind und es auch hier wenig Platz gibt, ist die Atmosphäre irgendwie netter als in anderen Läden. Das Licht kommt von vorne, hinter dem Spiegel (es gibt nur einen) sind Lampen angebracht, die der Haut schmeicheln und ich fühle mich schmaler als sonst.

Mango, Tauentzienstrasse 17

Das gleiche gilt für Mango. Die haben, im Gegensatz zu vielen anderen Läden, helle Vorhänge, so dass natürliches Licht in die Umkleide fällt. Das kommt dem ziemlich nahe, wie es vielleicht im eigenen Schlafzimmer mit halb zugezogenen Vorhängen aussehen könnte. Der Spiegel ist schön groß und es wirklich auf mich nicht so, als wäre an mir etwas verzerrt oder verändert.

H&M, Tauentzienstrasse 13

Dann geht es weiter zu H&M, die mit dem berüchtigten "Rückspiegel". Den mag keiner, behaupte ich jetzt mal. Glücklicherweise hat man bei H&M auf dem Ku'damm ein paar Gedanken darauf verwendet, die Anproben großzügiger und heller zu gestalten. Das Licht ist OK, trotzdem fühle ich mich nicht besonders wohl. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich seit einer Stunde nichts anderes mache, als meine Oberschenkel darauf zu überprüfen, ob sie in dem jeweiligen Spiegel dicker aussehen als sonst.

Forever 21, tauentzienstrasse 13

Forever 21 in der Tauentzienstraße 13 ist einer der überfülltesten Läden, die ich kenne, sowohl was die Kunden angeht als auch die Kleidung, an manchen Tagen gibt es kein Durchkommen mehr, weil überall entweder ein Mensch oder ein Kleiderständer rumsteht. Dafür sind die Umkleidekabinen riesig. Und hell. Und das Licht kommt von allen Seiten, was angenehm ist und natürlich. Bemerkenswert ist, dass ich schlanker aussehe, je weiter ich vom Spiegel weggehe. Das erinnert mich ein bisschen an diese Kippbilder, wo man mal eine Katze und mal einen Tiger sieht, oder so.

Weekday, Friedrichstrasse 140

Nein, ich bin gerade wirklich nicht glücklich

Die Umkleidekabinen bei Weekday an der Friedrichstraße sind eine Katastrophe. Sie sind winzig, viel zu dunkel, das Licht kommt von oben und ich habe das Gefühl, ich bin um 30 Zentimeter geschrumpft. Da helfen auch die Spiegel und verspiegelten Oberflächen nicht.

Monki, FRIEDRICHSTRASSE 140

Zu Monki im gleichen Gebäude zu gehen, macht eigentlich immer Spaß, auch wenn diese Filiale viel kleiner ist als die in der Münzstraße. Die Umkleiden dort sind weniger schrecklich als in anderen Modeketten, das liegt vor allem an den bunten Vorhängen. Sie wirken freundlich und selbst der beengte Raum ist zu verkraften. Und mit meinem Spiegelbild bin ich auch zufrieden.

Urban Outfitters,
Weinmeisterstrasse 10

Urban Outfitters hat wirklich schöne Umkleidekabinen (guckt euch mal den Boden an!). Überall kann ich meine Sachen ablegen oder drüberhängen, die grauen, glänzenden Wände lassen den Raum größer wirken, als er ist, ohne mich mit schrecklichen "Rückspiegeln" zu verstören. Ein großer Spiegel vorne reicht auch völlig aus, um mich betrachten zu können. Mit dem, was mir da entgegenblickt, bin ich auch zufrieden.

Acne Studio, Weinmeisterstrasse 2

An der Weinmeisterstraße mache ich Halt bei Acne Studio. Wer Baumwollpullis für 340 Euro verkauft, sollte seinen Kunden vielleicht etwas mehr bieten, als es tatsächlich der Fall ist. Es gibt zwei kleine Umkleidekabinen im urbanen Betonlook, mit einer insgesamt sehr ungemütlichen und kühlen Atomsphäre. Aber das gehört wohl zum Konzept denke ich mir, dafür ist das Licht OK und der Spiegel bringt mich auch nicht an den Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Primark,
Tunnel Alexanderplatz 5-7

Ganz anders dagegen bei Primark. Als ich das erste mal in London bei Primark war, haben sich die Leute in den Gängen, im Treppenhaus und hinter Kleiderständern umgezogen, weil die Umkleidekabinen völlig überfüllt waren und überall Klamotten und Kleiderbügel rumlagen. Am Alexanderplatz wirkt man dem entgegen, indem sehr penibel darauf geachtet wird, wer wie viel mit in die Umkleide nimmt. Allerdings: diese türkisen Vorhänge zusammen mit dem traurigen grauen Industrieteppich haben ungefähr so viel Charme wie die Umkleidekabinen beim Frauenarzt. Primark scheint vermitteln zu wollen: Bei uns muss es schnell gehen. Schnell aussuchen, schnell anprobieren, schnell kaufen, schnell wieder wegschmeißen. Fast Fashion eben.

Mein Fazit nach fünf langen Stunden in den Berliner Einkaufsstraßen fällt gemischt, aber freundlich aus. Wenn ich ganz ehrlich bin, ich habe Schlimmeres erwartet. Ich bin positiv davon überrascht, wie realistisch mir mein Spiegelbild erschienen ist, auch wenn Licht und Abstand zum Spiegel Einfluss darauf haben, wie ich am Ende tatsächlich im Spiegel aussehe.

Das Problem scheint viel mehr in der Erwartungshaltung zu liegen, mit der ich normalerweise eine Umkleidekabine betrete. Ich mache mich schon vorher dafür fertig, dass ich wahrscheinlich schrecklich aussehen werde, zumindest in meiner Wahrnehmung. Das ist aber nicht die Schuld der Spiegel, die irgendwas an meinem Körper kleiner, größer, dicker oder dünner machen. Über das gesellschaftliche Idealbild des (weiblichen) Körpers muss ich hier gar nicht erst anfangen zu sprechen. Vielmehr ist das, was ich da im Spiegel sehe, ein Zusammenspiel aus Licht, Abstand, meiner Stimmung und natürlich dem, was ich gerade anprobiere.

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