Fotos mit freundlicher Genehmigung der Abgebildeten

Ein Transmann und eine Transfrau erzählen, wie ihre Transition ihr Männlichkeitsbild verändert hat

"Ich bin in die Drogerie, hab mir Make-up gekauft, bin heim, habe meine männlichen Klamotten abgelegt, und sie nie wieder angezogen."

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16 August 2018, 7:00am

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Abgebildeten

Dieser Artikel ist Teil unserer Reihe " Neue Männlichkeit ".


"Wir sind ein Dreamteam", sagen Alessandro und Gabi und geben sich einen Kuss. Gabi ist als biologischer Mann zur Welt gekommen, Alessandro als biologische Frau. 2014 haben sie sich in einer Selbsthilfegruppe für Transmenschen kennengelernt, heute sind sie ein Paar. Gabi ist Ende 40, Alessandro Mitte 20. Mit ihrer Transition – also dem Weg, sich äußerlich an ihr wahres Geschlecht anzugleichen – haben sie beide vor zirka vier Jahren begonnen.

Ihre Nachbarin habe einmal gesagt, dass es ja eigentlich verrückt sei, dass der eine das sei, was der andere sein will und umgekehrt, erzählen sie. Aber man könne halt nicht einfach tauschen. Wessen biologisches Geschlecht nicht mit der eigenen Identität übereinstimmt, setzt sich zwangsläufig intensiv und auch anders mit Männer- und Frauenbildern auseinander. Was bedeutet Männlichkeit also für die beiden?

VICE: Gabi, hat sich dein Bild von Männlichkeit im Laufe deiner Transition geändert?
Gabi: Ich habe erst sehr spät damit angefangen, mit Mitte 40. Das Thema ist bei mir seit der Pubertät da, ich habe aber lange versucht, der sogenannten Norm zu entsprechen. Habe versucht zu machen, was ein Mann zu machen hat und zu sein, wie er zu sein hat. Ich hatte auch Partnerinnen, das muss ein Mann schließlich. Ich habe aber immer gemerkt, dass ist nicht das, was ich will. Es war nicht richtig. Ich konnte diesem Männerbild einfach nicht entsprechen, weil ich es einfach nicht bin.

Irgendwann wird aber der Leidensdruck so groß, dass es nicht mehr geht. Man geht daran zugrunde. Deswegen habe ich es dann in Angriff genommen – ich wusste nicht, wohin die Reise geht. Ich war für alles offen und habe dann gesehen, dass der Weg, wie ich ihn gehe, für mich richtig ist. Ich hatte eine Geschlechtsangleichung, die ist sehr gut verlaufen, aber geistig ist es immer ein Prozess. Da kommt man wahrscheinlich nie wirklich an.


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Alessandro, wie war das bei dir?
Alessandro: Bei mir war es schon lange vor der Pubertät. Als ich sechs war, ist mein Cousin auf die Welt gekommen, wir haben uns damals Fotos angesehen und ich hab gefragt, wann bei mir "so etwas" wächst. In der Pubertät war es dann schlimm, Brustwachstum oder die erste Regel waren schrecklich für mich, ich wollte ja gar kein Mädchen sein. Mit 19 hatte ich einen Suizidversuch, aber bis ich wirklich was unternommen habe, hab ich dann noch einmal fünf Jahre gewartet.

Weil du nicht wusstest, wie du weiter tun sollst?
Ich wusste, es gibt diesen Weg. Aber sagen wir es so: Ich war feig. Es ist einfach auch ein schwieriger Weg.

Wie warst du als Kind? Hast du versucht, diesem klassischen Mädchen-Bild zu entsprechen?
Ich wollte nie lange Haare haben, bis zur Erstkommunion musste ich sie aber wegen meiner Eltern lang lassen. Ich wollte auch nie Röcke oder Kleider anziehen und habe mich einfach strikt geweigert.

Hattet ihr ein Vorbild, an dem ihr euch irgendwie orientiert habt?
Alessandro: Mein Pflegevater war es auf jeden Fall nicht. Aber zum Beispiel David Beckhams Frisur hat mir immer gefallen. Ich war glücklich, wenn ich kurze Haare haben und eine Jeans tragen durfte. Aber es war immer ein Kampf.

Gabi: Die breite Masse war es bei mir, woran ich mich orientiert habe. Wenn ich einkaufen war, hab ich Frauen angesehen, aber nicht, weil ich sie sexuell interessant fand, sondern weil ich geschaut habe, was sie tragen oder ob es mir auch stehen könnte. Und das habe ich dann manchmal versucht zu kopieren.


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Gibt es bestimmte Dinge, die ihr bewusst tut, um mehr dem allgemeinen Bild von Männlich- beziehungsweise Weiblichkeit zu entsprechen?
Gabi: Auf gar keinen Fall. Ich bin eine Schrauberin und keine Schreiberin. Ich bin Radio- und Fernsehmechanikerin und Zerspannungstechnikerin. Wenn ich da überall verschmiert bin und von oben bis unten schmutzig bin, dann ist mir das wurscht. Das ist eine Arbeit, die mir Spaß macht. Genauso ist das bei meiner ehrenamtlichen Arbeit beim Roten Kreuz, da muss man anpacken können.

Alessandro: Dafür hat sie in der Küche nichts zu suchen, weil das mein Bereich ist.

Reagieren biologische Männer und biologische Frauen unterschiedlich auf Transmänner und Transfrauen?
Gabi: Man kann nicht sagen: "Männer reagieren so, Frauen so" finde ich. Im Alltag reagieren die einzelnen Menschen verschieden.

Alessandro: Na ja. Ich hab schon öfter festgestellt, dass biologische Frauen eher wenig Probleme mit Transmenschen haben. Männer hingegen haben oft irrsinnige Probleme mit Transfrauen.

Gabi: Bei Beziehungen glaube ich das auch. Biologische Männer würden Beziehungen mit Transfrauen weniger eingehen, weil sie glauben, sie könnten dann als schwul oder pervers eingestuft werden.

Habt ihr euch erst ab einem gewissen Punkt männlich gefühlt beziehungsweise ab einem gewissen Punkt nicht mehr männlich gefühlt?
Gabi: Ich habe meine Männlichkeit Ende Juli 2014 abgelegt – und ich will sie nicht mehr zurückhaben. Das war der Tag, an dem ich mein männliches Äußeres abgelegt habe. Ich bin einkaufen gegangen, dann zum Friseur; lange Haare hatte ich sowieso schon, die habe ich dann schneiden und färben lassen. Dann war ich in der Drogerie, hab mir neues Make-up gekauft, bin heim, habe meine männlichen Klamotten abgelegt und sie nie wieder angezogen. Vieles ist einfach auch Kopfsache. Mit dem Körperlichen muss man sich arrangieren.

Alessandro, hast du den Druck, dass du dich noch nicht männlich genug fühlst, dass du von deinem Umfeld noch nicht als das wahrgenommen wirst, was du bist?
Alessandro: Ich mache das mit mir selbst aus. Mit meiner Stimme bin ich schon weitgehend zufrieden. Jetzt fehlt noch, dass der Bart wächst, das muss sein. Ich bin 1,56 groß, das ist ein Problem, weil es sehr wenige so kleine Männer gibt. Wenn man das ändern könnte, dann würde ich es machen. Das allerdings würde ich nicht für mich, sondern für die anderen Leute tun, die mich sonst nicht als Mann akzeptieren können. Und so betrachtet bin ich beim Thema Körpergröße natürlich auch in einem Kampf mit mir selbst.

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