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Was ich meinen Zürcher „Freunden“ sagen will

Letzte Woche beschrieb ich, wie sehr ich das Pendeln nach Zürich hasse. Dieser Hass brachte viele Zürcher dazu, ihren Hass gegen mich in Worte zu fassen. Dies ist der Versuch einer Friedenserklärung.

von Benjamin von Wyl
09 Februar 2015, 8:00am

Foto von Thomas8047

Ich habe mich letzte Woche etwas über mein Dasein als Pendler ausgelassen. Dass man als Pendler meist nicht nur positive Gefühle mit dem Ort verbindet, an den man hinpendelt, ist irgendwie recht logisch. (Das ist mitunter der Grund, weshalb alle Agglo-Bewohner Angst vor den Städten, Bahnhöfen bei Nacht etc. haben. Das ist der Grund, warum die Agglo jeweils so abstimmt, als würden alle Agglo-Bewohner direkt neben dem Aussichtspunkt oberhalb des Aletschgletschers leben und vor jedem Zmorgen dem Matterhon salutieren.)


Screenshot von Facebook

Natürlich, habe ich euch beleidigt. Das stimmt. Ich habe meine komplizierten Gefühle zu euch mit dem Verb „hassen" in Verbindung gebracht. Dabei bin ich ja selbst erst dabei, meine Gefühle zu Zürich zu ordnen. Also: Es tut mir leid, wenn ihr euch wegen meinem Artikel genötigt gefühlt habt, solche Kommentare zu schreiben:


Screenshot von Facebook

Solche:


Screenshot von Facebook

Oder solche:


Screenshot von Facebook

Ehrlich gesagt, dachte ich, ihr steht über diesem Züri-Hass. In Basel erzählt dir jeder Zürcher, dass in Zürich niemand was gegen Basel habe; die Städterivalität sei einseitig. Basel hasse Zürich, aber Zürich möge Basel. Der Aargau hasse Zürich, aber Zürich hasse den Aargau nicht. (Angeblich hassen Zürcher nur die Aargauer Pendler und Cyril aus der Sendung Jung, Wild & Sexy.) Letzten Sommer schrieb ich einen Artikel über das Argovia-Fäscht, der sich auch als Artikel gegen den Aargau an sich lesen liess. Da zeigten Kommentatoren und die beim Pissen und beim (kaum ernst gemeinten) Hitlergruss fotografierten „Argovia-Fäscht"-Besucher, viel mehr Humor als bei dem Zürich-Pendelartikel.

Ich verstehe, dass ihr wütend seid, wenn jemand schreibt, dass er euch hasst. Ich verstehe, dass ihr euch in Kommentaren gegen mich, meinen Bartwuchs und meine Selbstgerechtigkeit richtet, aber so viele plumpen Anti-Basel-Vorurteile, so viele Beleidigungen gegen die Stadt Basel, etwa „Chemiestadt" und „Pharma-versüchte Rhyy", hätte ich nicht erwartet. Insbesondere, da aus dem Text hervorgeht, dass ich nicht mal Basler bin. (Beleidigungen gegen Aargauer drehen sich eher um Atomkraftwerke und Autobahnen.)


Screenshot von Facebook

Ehrlich gesagt, hätte ich solche Reaktionen eher erwartet, wenn jemand einen Artikel gegen Basel geschrieben hätte. In Basel ist Lokalpatriotismus etwas, das jeder in seinem gedanklichen Bauchladen vor sich herträgt. Schon seit Mitte Januar hängt die neue Fasnachtsplakette an meinem Mantel und das obwohl ich bei der Arbeit an der Bar an der letztjährigen Fasnacht wegen meinem Aargauer Dialekt „diskriminiert" wurde:

Fasnächtlerin: „Wie viel gchostet e Bier?"
Ich: „En Föifliber."
Fasnächtlerin: „Wie bitte?"
Ich: „En Föifliber."
Fasnächtlerin: „Wie viel?"
Ich: „En Föifliber."
Fasnächtlerin: „Ah ... En Fünfliber. Red doch so, dass me's verstooht."


Screenshot von Facebook

Die Zürcher, die ich kenne, sagen, alle Zürcher seien arrogant genug, um nichts auf die Meinung von Aargauern, Baslern oder Bernern zu geben. Ausserdem steigt „Ich hasse es jeden Tag nach Zürich zu pendeln" zwar mit offenem Zürich-Hass ein, aber ist trotzdem ein persönlicher Annäherungsversuch an die Stadt: Ich gebe zu, dass mein Zürich-Hass nur prinzipieller Natur ist, dass ich viele Teile von Zürich mag, dass ich mich sogar mit der Vorstellung abfinde, vielleicht irgendwann in Zürich zu wohnen.

Den Blick am Abend habe ich im Text ebenfalls auf die Schippe genommen: Er biete keine Information, aber unterhalte wenigstens gut, steht da. Natürlich habe nicht erwartet, dass sie in der Blick am Abend-Redaktion, dann Hass-Kommentare gegen meinen Bart verfassen. Aber trotzdem war ich vom Humor der Blick am Abend-Leute positiv überrascht, als sie den Artikel mit einem Zürcher „Messi" selbst getweetet haben.

Ich glaube, sie haben verstanden, worum es mir mit dem Artikel ging: Ich stelle meine engstirnig, verbohrt-verkrustete Abneigung gegen Zürich aus—im Bewusstsein, dass meine Abneigung verbohrt, verkrustet und nicht ausreichend begründet ist. Natürlich bietet ein Artikel wie dieser keine Erkenntnisse, aber Unterhaltung und Einblick in mein Pendler-Denken.

Falls jemand von euch immer noch wütend ist, bietet es ihm vielleicht Genugtuung, dass mir—seit es ein Kommentator gepostet hat—dieses lokalpatriotische pro-Züri-Lied („Doch de König vo de Tiär isch weder Steibock, Bär no Stiär. De Löi, de lacht überd Provinzeglön.") nicht mehr aus dem Kopf geht:

Meine Mitbewohner hassen mich schon, da ich es seit Tagen in Dauerschleife laufen lasse und summe, wenn wir unterwegs sind. Also, liebe Zürcher und Zürich-Hass-Hasser: Bis die Tage! Besucht mich doch einfach in Basel. Oder kommt das nächste Mal mit, wenn ich ins „Coq d'Or" nach Olten oder in die „Garage" nach Aarau gehen will. Dann habe ich auch keinen Grund mehr, so rumzuquengeln.

Benj bekommt Liebesbriefe am liebsten auf Twitter: @biofrontsau

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Titelbild von Thomas8047; Flickr; CC BY 2.0