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10.000 Euro für 20 Menschenleben – Crowdfunding für Rettungsboote gestartet

Was die Regierungen nicht bereit sind zu tun, will jetzt eine NGO machen: Die Flüchtlinge im Ostmittelmeer vor dem Ertrinken bewahren.

von Matern Boeselager
16 November 2015, 12:43pm

Helfer und Flüchtling auf Lesbos. Foto: imago/ZUMA Press

Obwohl die Wetterbedingungen im Ostmittelmeer die Überfahrt zunehmend gefährlicher machen, brechen immer noch jeden Tag Tausende Flüchtlinge von der türkischen Küste auf, um auf eine der griechischen Ägäis-Inseln zu gelangen. Im November waren es laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Durchschnitt 3.300 Menschen pro Tag. Fast die Hälfte der 660.000 Flüchtenden, die dieses Jahr in Griechenland ankamen, landeten auf der Insel Lesbos, was längst eine humanitäre Krise auf der Insel ausgelöst hat.

Für die Flüchtlinge sind die Ägäis-Inseln ein sinnvolles Ziel, weil sie oft nur wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt liegen. Trotzdem ist die Überfahrt alles andere als ungefährlich: Das Bild des ertrunkenen dreijährigen Aylan Kurdi, der im September an einem türkischen Strand angeschwemmt aufgefunden wurde, steht sinnbildlich für die 3.460 Menschen, die dieses Jahr bereits im Mittelmeer ertrunken sind (360 davon in den letzten vier Wochen).

Auf Lesbos selbst sind mittlerweile freiwillige Helfer aus ganz Europa im Einsatz, um den Menschen zu helfen, die die Überfahrt geschafft haben. Auf dem Meer jedoch kommt die Hilfe immer noch oft viel zu langsam. Die griechische und türkische Küstenwachen haben nicht genug Kräfte und streiten sich um die Zuständigkeiten, freiwillige Seenotretter wie die Sea Watch versuchen zwar zu helfen, können aber nicht überall sein. Aus dem Grund hat sich die relativ junge Berliner NGO Cadus entschlossen, ebenfalls zu helfen. Mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne wollen sie genug Geld sammeln, um Rettungsboote und -ausrüstung zu finanzieren und vor Ort Leben zu retten. Sebastian Jünemann von Cadus hat uns den Plan erklärt:

Sebastian Jünemann | Foto: Cadus

VICE: Hallo Sebastian, wie seid ihr auf diese Idee gekommen?
Sebastian Jünemann: Auf griechischen Inseln gibt es an Land mittlerweile sehr viele Freiwillige, die den Flüchtlingen helfen, wenn sie ankommen, sie versorgen oder Essen verteilen. Total unterbesetzt sind sie aber, wenn etwas auf See passiert. Soweit wir wissen, ist die Lage nur auf Lesbos mittlerweile OK abgedeckt. Was es gerade braucht, sind Leute, die bei der Seenotrettung unterstützen können.

Warum können die griechischen und türkischen Küstenwachen das nicht leisten?
Das Problem ist wohl, dass Griechenland und die Türkei sich nicht wirklich einig sind, wo der genaue Grenzverlauf ist. Dabei kann man von den Inseln dort teilweise die türkische Küste sehen. Deshalb wollen wir zeigen, dass es machbar und auch finanzierbar ist, dafür zu sorgen, dass da nicht jeden Tag Menschen ertrinken.

Wie genau wollt ihr das angehen?
Wir wollen also so schnell wie möglich ein weiteres Boot auf den Weg bringen. Gleichzeitig wollen wir versuchen, mehr Ausrüstung fürs Monitoring zu bekommen, um besser sehen zu können, wann und wo tatsächlich Boote sind, so dass man die rechtzeitig erreichen kann. Mit der Idee, den ganzen zivilen Organisationen, die jetzt da sind, die Informationen, die sie für die Rettung brauchen, geben zu können.

Wie weit seid ihr mit dem Plan?
Wir sind jetzt noch in der Vorfinanzierung, aber wir hoffen, dass wir kurzfristig mit einem Boot anfangen können. Es kann sein, dass wir schon nächste Woche aufbrechen können.

Flüchtlinge kommen auf Lesbos an. Foto: imago | ZUMA Press

Ist das Wetter auf dem Mittelmeer mittlerweile nicht langsam viel zu schlecht für Überfahrten?
Das Monitoring der letzten Jahre hat gezeigt, dass die Zahl der Flüchtlinge Ende November nochmal stark ansteigt, weil die Leute kurz vor dem richtigen Wintereinbruch noch versuchen, es nach Europa zu schaffen. Ich glaube, es kommen immer noch an die 1000 Flüchtlinge pro Tag, also sind irgendwas zwischen 50 und 100 Booten unterwegs. Die See ist aber jetzt schon sehr gefährlich, es ertrinken jetzt schon jeden Tag Leute vor den Inseln.

Wie viele Leute könntet ihr mit einem eurer Boote denn retten?
Auf dem Boot werden vier Teammitglieder sein. Dazu kann man je nach Bootstyp dann noch etwa 20 Leute aufnehmen. Wenn wir zusätzlich noch eine Rettungsinsel und dementsprechend vielen Bojen auswerfen können, könnten noch mehr Leute darauf abwarten, bis wir die ersten an Land gebracht haben und wiederkommen.

Könntet ihr dafür wegen Schlepperei verhaftet werden?
Generell ist es so: Wer auf See unterwegs ist, muss Hilfe leisten, wenn er Boote in Seenot sieht. Die Definition von Seenot ist dabei schon, wenn du das Boot in Gefahr siehst, musst du helfen—und ein schwer überladenes Boot ist per Definition schon in Gefahr.

Aber: Wenn du Leute an Bord nimmst, musst du sie an die nächste verfügbare sichere Position bringen. Wenn ich also direkt in türkische Gewässer fahre, die Leute an Bord nehme und dann nach Griechenland bringe, ist das ein bisschen schwierig. Wir schauen deshalb gerade auch, wie wir es schaffen, dass wir vor allem die 50 Prozent Gewässer näher zu Griechenland überwacht. Das ist natürlich das Ziel, dass man sie da hinbringt, wo sie hinwollten.

Wie lange wollt ihr da im Einsatz sein?
Minimum einen Monat—aber die Frage ist, ob irgendwann wirklich keine Schiffe mehr kommen, weil die See zu krass ist. Aber wenn die deutsche Politik sich so entwickelt, dass die Familienzusammenführung ausgesetzt wird, kann ich mir gut vorstellen, dass es aus der Verzweiflung heraus auch im späten Dezember noch eine Menge Versuche geben wird.