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Neuland, oder weshalb Flüchtende selbst in ihrem Zielland noch nicht angekommen sind

In einer Erstaufnahmestelle habe ich einen Syrer kennengelernt. Seit über drei Monaten schreibt er mir über die Hürden, die er überwinden muss, um in Österreich bleiben zu können.

von Britta Rotsch
22 März 2016, 5:00am

In einer Erstaufnahmestelle habe ich einen Syrer kennengelernt. Seit über drei Monaten schreiben wir über WhatsApp hin und her. Seine Erfahrungen und seinen Weg, bis er endlich dort ankommt, wo er endlich zuhause sein kann, habe ich festgehalten.

Schau, das ist eines meiner Lieblingslieder, schreibe ich. Auf YouTube gebe ich „Wendy Rene—After laughter" ein. Drei Minuten später antwortet Muhammad*: „Sounds nice". Und deiner, frage ich? 15 Minuten später bekomme ich einen Link: „Serena Ryder—Blown like the wind at night" mit einem Lyrics-Video. Noch nie gehört. Die ersten beiden Strophen sind mehr als nur bedrückend.

"Let's get drunk and let's pretend
We are not slaves to anything
Or anyone who tells us how to be.

We're simply witness to the war
Participating on the living room floor
And eating up are television dreams."

Als ich Muhammad kennenlernte, war er noch in Wien in einer Notunterkunft am Rande der Stadt im Nirgendwo. Das war am 4. Dezember 2015. Weil er unbedingt Deutsch lernen möchte, biete ich ihm an meine geschriebenen, englischen Nachrichten zusätzlich ins Deutsche zu übersetzen. „Yes, it is a good idea", antwortet er. Seitdem tippe ich immer erst Englisch und im Anschluss die deutsche Übersetzung.

Unser erstes Gespräch war auch unser einziges Treffen. Als ich in dieser mit Menschen überfüllten, grellen und lauten Halle stehe, um mich mit Muhammad über seinen Weg von Syrien bis nach Österreich zu unterhalten, hab ich ein mulmiges Gefühl. Er scheint so zuversichtlich zu sein und voller Hoffnung auf die Zukunft. Irgendwie schön, aber gleichzeitig denke ich an die österreichische Bürokratie und das komplexe System des Asylverfahrens. Aber Muhammad zeigt bloß frech auf sein Zelt, das mit Pappkartons umrahmt ist. „Für die Privatsphäre?", frage ich. Er lacht und schüttelt den Kopf. So etwas gibt es hier nicht. Seine „Tür" steht immer offen für alle.

Während er mit mir spricht, hat er immer ein Grinsen auf seinem Gesicht. Es bringt schließlich nichts, Trübsal zu blasen. Man muss immer weitermachen, um voranzukommen, meint er. Warum bin ich eigentlich viel hoffnungsloser und negativer als Muhammad, der knapp anderthalb Monate brauchte, um überhaupt aus Syrien rauszukommen, dann von der Türkei übers Meer acht Tage lang auf einem Schiff nach Griechenland verbrachte und jetzt von einem Dorf zum nächsten verfrachtet wird?

Zu seiner Familie in Syrien hat er jeglichen Kontakt abgebrochen, seinen Facebook-Account habe er gelöscht. Er erträgt die ständigen Nachrichten über den Krieg, den Tod, die Angriffe nicht mehr. Er checkt jetzt einfach immer das Wetter auf seinem Handy oder spielt darauf und lernt mit YouTube-Videos ein paar Worte Deutsch. Das war's und das reicht.

15. Dezember:

Es gab einen Transfer. Muhammad ist jetzt in Traiskirchen. Bei Traiskirchen denke ich sofort an das Schlimmste. Er schickt mir eine Sprachnachricht und klärt mich über die Situation vor Ort auf. Alles scheint besser zu sein als in der Erstaufnahmestelle, in der wir uns trafen. Alles läuft schneller und er wird hier nur temporär sein.

Temporär. Dieses Wort begleitet seine Geschichte schon seit über drei Monaten. Trotzdem scheint er immer noch optimistisch, mehr sogar als je zuvor. Zuversicht bekommt er auch in Traiskirchen, als ihm ein Job als Dolmetscher angeboten wird. Er berichtet mir, dass er zu seinem Bewerbungsgespräch im Schlafanzug kam und lacht. Er findet es irgendwie absurd

Vor seiner Flucht studierte Muhammad englische Literatur und arbeitete in China als Lehrer. Ihm ist also durchaus klar, dass ein Bewerbungsgespräch eigentlich anders abläuft. Aber der Job ist besser als nichts. Für einen Hungerlohn übersetzt er vom Arabischen ins Englische.

Ein wenig Geld zu verdienen sei gut, sagt er, aber ärgert sich gleichzeitig über die Zeitverschwendung, weil er eigentlich Deutsch lernen möchte. Das ist nicht so einfach, wenn um ihn herum nur andere Refugees leben, sagt Muhammad. Er lernt ein wenig Deutsch, indem er die Straßenschilder liest oder versucht, sich Dinge einzuprägen, die er beim Spazieren aufschnappt. Er schreibt sie auf, hört sich die Übersetzung über eine Übersetzungs-App an und schreibt es wieder auf. Schritt für Schritt, wie er sagt.

Da immer wieder Transfers stattfinden und Muhammad nur temporär in einem Camp wohnt, kann er auch keinem regelmäßigen Deutschkurs nachgehen. Einer von vielen Fehlern in diesem System. Aber es ist alles ja nur temporär. In Traiskirchen wurde ihm gesagt, es gebe noch einen Transfer und das war es dann. Dann kann er endlich in Österreich ankommen und sein neues Leben beginnen.

Die Mechanismen dieser Transfers scheinen von außen so willkürlich zu funktionieren, dass ein Entgegensteuern und Protestieren sinnlos wirkt. Man weiß nicht, ob es an einer mangelnden Koordination innerhalb der Bundesländer liegt oder ob irgendein unerkenntlicher Sinn dahinter liegt. Aber weshalb wird Flüchtlingen versprochen, es gäbe nur noch einen Transfer, obwohl es nicht stimmt? Aber ohne Asylbescheid kann sich Muhammad gegen weitere Transfers nicht wehren.

21. Dezember:

„How are you, schreibt Muhammad."
„Today is a bad day/Heute ist ein schlechter Tag", antworte ich.
„How many bad days have you had during your life?", fragt er mich.

Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen, dass heute Weltuntergangsstimmung bei mir herrscht, obwohl ich nicht flüchten musste und ein stabiles Umfeld habe. Gleichzeitig bin ich genervt, weil ich einfach auch mal schlecht drauf sein darf, ohne einen triftigen Grund haben zu brauchen. Stunden später antworte ich dann, dass es mir eh schon besser geht.

31. Dezember:

Muhammad hatte einen Transfer nach Graz. Wieder nur temporär. Heute ist der erste Tag, an dem er depressiver wirkt. Die Situation hat sich geändert, weil sie ihm wieder gesagt haben, es sei der letzte Stopp, das aber wieder nicht gestimmt hat. Ich frage, warum er genau schlecht drauf ist. Er tippt, es sei der Ort, an dem er gerade ist. Ich merke, dass er nicht darüber reden will, also frage ich nicht weiter nach.

19. Januar:

Es gibt wieder einen Transfer. Um 15:30 Uhr schickt Muhammad mir eine Nachricht: „Could u help please?" Er sendet mir einen Ort per Navi und ich versuche ihm zu sagen, ob er noch in Graz ist oder schon woanders. Irgendwie wirkt er sehr panisch. Keine Ahnung, was da gerade genau vor Ort in diesem Transporter geschieht. Ich gebe die Koordinaten auf Google ein. Es zeigt mir ein Niemandsland an, irgendwo in Kärnten.

Muhammad und seine Weggefährten wissen nicht, wohin sie gebracht werden. Niemandem wird Auskunft gegeben. Muhammad verspricht sich zu melden, sobald er angekommen ist.

8. Februar:

Sie machen heute für einen Tag Zwischenstopp. Irgendwann muss es doch wirklich der letzte Transfer gewesen sein.

Muhammad schickt mir ein weinendes Smiley und schreibt, dass er sein altes Leben zurück möchte. Auch, weil er einfach nicht vorankommt. Für ihn fühlt sich all das nach verschwendeter Zeit an. Aber natürlich macht er weiter. Das Schlimme ist, dass die Flucht nicht mit der Ankunft im Zielland aufhört. Man sollte zwar meinen, damit wäre der größte Schritt getan, aber die Flüchtlingspolitik lehrt hier etwas anderes. Auch die syrische Herkunft ist nicht immer so vorteilhaft, wie man vielleicht glaubt.

Muhammad erzählt mir, dass er seine Identität sogar manchmal verleugne, wenn ihn jemand danach fragt. Er sagt dann oft, dass er aus der Türkei kommt. Bei der bloßen Erwähnung von Syrien bekomme er oft angstvolle Blicke und Menschen würden in ihm einen potentiellen Terroristen sehen, so Muhammad.

20. Februar:

Ich bekomme eine weitere Sprachnachricht von Muhammad, die sich als Rap entpuppt. Selbst wenn seine Lage gerade düster ist, erkundigt er sich immer nach meinem Befinden und macht Witze. Und dann wieder ein Transfer.

1. März:

Muhammad wird in die Slowakei gebracht. Er benötigt eine Vollmacht, um seinen minderjährigen Cousin zu sich zu holen. Eigentlich hat er bereits eine, aber diese gilt im Nachbarland nicht mehr. Muhammad ist irgendwo in der Slowakei, ohne eine Vollmacht, ohne die die er und sein Cousin voneinander getrennt bleiben werden. Der minderjährige Cousin ist währenddessen in irgendeinem Camp in Österreich. Beide wissen nicht, wie sie wieder zueinander kommen und beide haben keine Deutschkenntnisse, die ihnen in diesem bürokratischen Chaos helfen könnten.

„I don't know how to make it or where", bekomme ich. Am Ende der Nachricht ist ein weinender Smiley. Muhammad schickt mir ein Bild der Vollmacht. Ich rufe bei der Behörde an. Die zuständige Ansprechpartnerin befindet sich diese Woche im Urlaub. „Dann leiten Sie mich bitte an eine andere Kontaktperson weiter". Sie ist heute nicht im Haus; ich soll morgen wieder anrufen.

This is supposed to be the last place before my last transfer.

Wenn mich schon ein Anruf am Amt fast zum Verzweifeln bringt, will ich mir gar nicht erst vorstellen, wie es jemandem gehen muss, der ständig dieser Willkür ausgesetzt ist—ohne klare Ansagen, mit ständiger Verzögerung, in dieser ewigen Ungewissheit.

Muhammad sagt mir, dass für ihn nicht infrage kommt, ohne seinen Cousin in der Slowakei zu bleiben. Daher werde er zurück nach Österreich gehen. Er wirkt sehr entschlossen. Gleichzeitig frage ich mich, ob das so einfach wird, wie er sich das vorstellt.

17. März:

Ich frage nach, ob Muhammad bereits in Österreich ist. Nein, ist er nicht. Noch immer verweilt er irgendwo in der Slowakei. Als ich frage, warum er eigentlich in der Slowakei ist und nicht in Österreich bei seinem Cousin, erklärt er mir die Unfreiwilligkeit seines momentanen Aufenthaltsortes:

In meinem Studium habe ich „den Fremden" von Georg Simmel kennengelernt. Der, der heute kommt und morgen bleibt. Und der, der nie ganz ankommt, weil er immer außerhalb einer Gruppe, einer Gesellschaft im Zielland bleiben wird und die Gelöstheit seiner Herkunft und seiner neuen Heimat überwinden kann. Muhammad hat momentan noch nicht mal ein Ankommen in Sicht. Er muss, wie viele andere nun auch, am eigenen Leib feststellen, dass die Flucht erst der Anfang war und ein Ende dieser Reise noch länger nicht in Sicht ist.

Im Moment warte ich auf die nächste Nachricht. Bis dahin ist auch nicht sicher, wie es mit Muhammad und seinem Cousin weitergeht. Vermutlich wird es kein dauerhaftes Ergebnis geben. Es ist, wie Muhammed so oft betont hat, eben alles temporär.

*Name wurde geändert