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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
The Knuckle Sandwich Issue

Zu viele Tunesier, zu wenig Toiletten

Die Realität der Flüchtlingskrise auf Lampedusa.

von Guido Gazzilli
01 Juni 2011, 8:30am
Ungefähr 60 Immigranten wollen mit dem Bus zu einem Boot, das zum italienischen Festland fährt.

Von ertrunkenen Flüchtlingen vor Lampedusa hören wir so oft, dass wir bei diesen Nachrichten so emotionslos und abgestumpft sind, wie bei Zahlen von Toten in Syrien oder Pakistan. Dass hinter jedem Toten eine Familie und eine Geschichte steht, verdrängen wir genau so erfolgreich wie die EU-Innenminister, die die Außengrenzen nicht öffnen, sondern weiter schließen wollen. Jene Flüchtlinge, die die Reise überleben, sind aber nicht im gelobten Land angekommen. Wir waren 2011 auf Lampedusa.

Lampedusa ist Italiens südlichste Insel. Sie liegt so weit im Süden, dass sie eigentlich näher an Tunesien (110 km) als an Sizilien (210 km) und vom Breitengrad her sogar tiefer als Tunis und Algier liegt. Die Insel selbst ist winzig und hat 6.300 Einwohner mit festem, ganzjährigem Wohnsitz.

In den ersten Februarwochen flohen nach der Absetzung des tunesischen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali mehr als 4.000 Nordafrikaner über das Mittelmeer und strandeten an den Küsten der idyllischen Insel. Während die italienische Regierung und Medien über die „Flüchtlingsproblematik“ und eine „Lampedusa-Krise“ zu jaulen begannen, wurden immer mehr Tunesier und andere Flüchtlinge angespült, und Italien stritt sich mit dem restlichen Europa darüber, wohin man die Flüchtlinge bringen könne. Die Insel war dermaßen überlaufen, dass die Lage sehr schnell hätte eskalieren können.

Alles in allem landeten mindestens 20.000 Menschen auf Lampedusa, wo es nicht mal annähernd genügend Wasser, sanitäre Anlagen oder medizinische Einrichtungen gab, die dem plötzlichen Ansturm hätten Stand halten können. Das örtliche Zentrum für Identifikation und Abschiebung (CIE)—eine Mischung aus Unterkunft und Gefängnis für gerade angekommene Flüchtlinge—ist für maximal 800 Menschen ausgelegt, „beherbergte“ aber bis zu 2.500.

Die Krise erreichte am 28. März ihren Höhepunkt, als binnen 24 Stunden 2.000 Asylsuchende auf Lampedusa ankamen. Schon bald darauf gab der italienische Innenminister Roberto Maroni bekannt, dass Italien viele der Immigranten zurück nach Afrika schicken werde, wenn die tunesische Regierung dem unaufhörlichen Menschenstrom nicht Einhalt gebieten würde.

 
Ahmed im Haus der Matinas. Er trägt abgelegte Kleidung. Die Familie kochte immer drei Kilo Pasta, um Dutzende Immigranten zu versorgen und gab ihnen Jacken. Verständlicherweise waren die Lampeduser sauer, dass es Geschichten dieser Art—sie waren weit häufiger, als gedacht—nie in die Zeitungen schafften.

Am 30. März besuchte der italienische Premierminister Silvio „Setz dich auf mein Gesicht“ Berlusconi die Insel, zog seine gewohnte Show ab und verkündete in einer einzigen Pressekonferenz, dass er innerhalb von 60 Stunden alle Immigranten von der Insel evakuieren wolle, „Lampedusa für den Friedensnobelpreis vorschlagen“ werde, den Insulanern Steuererleichterungen bescheren und den möglichen Bau eines Golfplatzes und Casinos prüfen lassen wolle. Außerdem werde er sich eine Villa auf Lampedusa kaufen.

Nach Berlusconis Märchenstunde wurden etwa der Hälfte der Flüchtlinge befristete Visa ausgestellt und sie wurden in andere CIE in ganz Italien verlegt. (Viele haben seitdem versucht, nach Frankreich—Tunesiens ehemaliger Besatzernation—zu gelangen, aber die französische Grenzpolizei macht daraus ein sehr schwieriges Unterfangen.) Die andere Hälfte wurde nach Tunesien abgeschoben. Kurz gesagt, hangeln sich Tausende Tunesier durch die EU und den Mittelmeerraum und bereiten den europäischen Regierungen allerhand Kopfzerbrechen.

Am 11. April führte ein Aufstand der im lampedusischen CIE untergebrachten Immigranten zu einem Feuer und weiteren Abschiebungen. Bei Redaktionsschluss waren die meisten der Einwanderer von der Insel gebracht worden, aber die Folgen dieses Massenexodus’ sind noch nicht absehbar. Die europäischen Länder und die Mittelmeernationen werden sich auch zukünftig mit dem Problem auseinandersetzen müssen, da die Neuankömmlinge auf der Suche nach Unterkünften und Arbeit sind.

Einer der verlässlichsten italienischen Fotografen von VICE, Guido Gazilli, kehrte kürzlich von einer Reise zu der Insel zurück. „Die Medien labern nur Scheiße“, war sein erster Kommentar. Das weckte unser Interesse, und wir baten ihn, uns von seinen Eindrücken zu berichten.

Die Autoritäten wählten scheinbar willkürlich aus, wer gehen konnte. Natürlich sagten die Immigranten alles Mögliche („Ich bin krank“, „Mein Bein ist gebrochen“), um es auf ein Boot zu schaffen und die Insel zu verlassen. Die Beamten wählten dann jeweils 60 aus und eskortierten sie zu den Anlegern.   Die Behelfszelte auf dem „Hügel der Schande“, wo die meisten Immigranten der Insel ihr Lager aufschlugen. Nachdem Berlusconi sie alle von der Insel gefegt hatte, schlich sich Guido in ihre „Heime“ und machte diese Fotos. Einige von ihnen hatten fast einen Monat lang in Behausungen wie diesen gelebt.

Ich ging nach Lampedusa, als die „Krise“ in Italien Tagesgespräch war. Sie bestimmte die Titelseiten aller Zeitungen, war Aufmacher jeder Nachrichtensendung und Thema jeder Talkshow. Ich hatte viele Bilder und Berichte gesehen, die zeigten, wie aufgebracht die Bewohner Lampedusas über die Verwüstung der Insel durch die Immigranten waren, die sich überall breitmachten. Die Berichte stellten es so dar, als hätten die Einheimischen Angst, ihre Häuser zu verlassen, und als wäre ihr alltägliches Leben zerstört.

Mir wurde jedoch sofort nach meiner Landung klar, dass Lampedusa eher einer nordafrikanischen als einer italienischen Fischerinsel glich: Die Farben, die Holzboote, das orange Licht, das sonnenverbrannte Gras, ja sogar die Gesichter der Einheimischen sahen nordafrikanisch aus. Während der ersten Stunden auf der Insel hatte ich Probleme, die Einheimischen von den Einwanderern zu unterscheiden. Mir wurde auch bald bewusst, dass die italienischen Medien ihrem Volk einen Riesenteller Scheiße vorgesetzt hatten.

Die Situation war das Gegenteil von dem, was berichtet worden war: Ich erlebte Nächstenliebe. Ich sah, wie die Einheimischen die Immigranten aufnahmen, ihnen zu essen gaben und sie einkleideten. Einige Familien gaben drei oder vier Immigranten Obdach, während andere sie in ihren Booten oder Garagen schlafen ließen. Ich sah das Rote Kreuz zweimal täglich kostenlose Mahlzeiten verteilen. Der Unterschied zwischen dem, was ich mit meinen eigenen Augen beobachtete und was ich in den Nachrichten gesehen hatte, schockierte mich. Die Reporter hatten alles aufgebauscht und wie immer versucht, eine möglichst erschreckende Version der Geschichte zu erzählen, um die Quote nach oben zu treiben.


Der Müll, den die Flüchtlinge bei einem ihrer Boote zurückgelassen haben. Man stelle sich nur mal Dutzende von Menschen vor, die in so einem Boot das Mittelmeer überqueren.

Mir wurde auch klar, dass die ganzen Fernsehteams und Topjournalisten lediglich an den Docks rumhingen und filmten, wie die Boote ankamen und abfuhren. Ich sah niemanden, der sich unter die Stadtbevölkerung mischte, deren Häuser besuchte oder ihre Seite der Geschichte erzählte. Das führte natürlich dazu, dass die Einheimischen den Reportern misstrauten. Ihnen gefiel nicht, was über ihre Insel erzählt wurde, und auch mir misstrauten sie unwillkürlich. Aber als sie sahen, dass ich alleine, ohne Assistenten und große Kameras oder Jacken mit Taschen, Kabeln und Logos unterwegs war, merkten sie, dass mich ihre Meinung ernsthaft interessierte, und schließlich öffneten sie mir ihre Türen.

Mir fiel sofort auf, dass die Kirche das Zentrum des Geschehens war. Die Kirche war überall, wo es darum ging, den Immigranten zu helfen. Die Priester und Freiwilligen halfen ihnen finanziell, gaben ihnen zu essen und organisierten eine Kleidersammlung. Ich traf zwei einheimische Freiwillige—Pippo und Maurizio—die den Immigranten Duschmöglichkeiten vermittelten, damit sie sich waschen konnten. Das CIE war über Monate so überfüllt, dass einige Leute ohne Wasser, Nahrung oder Elektrizität auf der Straße wohnen mussten. Das Lager kann 800 Menschen aufnehmen, aber als ich ankam, lebten zwischen 1.200 und 1.400 Menschen dort. Es gab noch ein Zentrum für Frauen und Kinder—eine umgebaute amerikanische Militärbasis aus dem Zweiten Weltkrieg, in der sich ungefähr 200 Flüchtlinge aufhielten—und ein weiteres Zentrum für ältere Minderjährige, das um die 200 bis 300 Seelen beherbergte. Meinen Schätzungen nach lebten darüber hinaus 5.000 bis 6.000 Immigranten außerhalb der Auffanglager. Alle Aktivitäten der Freiwilligen verschafften Linderung, und der Großteil der Inselbewohner hatte sich über Nacht in ein riesiges Heer von Freiwilligen verwandelt.

Die meisten Neuankömmlinge hielten sich auf dem sogenannten „Hügel der Schande“ gleich hinter den Docks auf, wie ihn die italienischen Medien in der für sie typischen Dramatik getauft hatten. Er sah wie ein improvisierter Slum aus. Jeden Morgen kamen die Tunesier vom Hügel runter zu den Docks und warteten dort den ganzen Tag in der Hoffnung, dass die Behörden—die ihre Auswahl scheinbar völlig willkürlich trafen—sie auf einem Boot zu den anderen CIE in Civitavecchia, Crotone oder Campobasso brachten. Schockierenderweise wussten viele der Gestrandeten vor ihrer Ankunft auf der Insel nicht, dass Lampedusa nicht zum italienischen Festland gehörte. Einige besonders Verzweifelte versuchten, aus dem CIE zu fliehen, als könnten sie die 800 Kilometer Meer bis zum italienischen Festland zu Fuß zurücklegen. Die Wachen zogen los, um nach ihnen zu suchen.

 
Dies ist ein alter Speicher, den Immigranten auf einem Hügel in der Nähe des Strands fanden. Es roch wirklich übel.

Pippo und Maurizio stellten mich einer örtlichen katholischen Familie—den Matinas—vor, die viele Immigranten aufgenommen hatten. So traf ich den 23-jährigen Tunesier Ahmed. Die Matinas gaben ihm Kleidung, ließen ihn das Bad benutzen, kochten für ihn und machten ihm Kaffee. Da sie aber keinen Schlafplatz in ihrem Haus mehr frei hatten, schlief er, wo es gerade ging.

„Sobald ich das Haus betreten hatte, sagten sie: ‚Dieses Haus ist jetzt dein Haus‘“, erzählte mir Ahmed, der ein T-Shirt vom ältesten Sohn der Matinas trug.

Verglichen mit denen, die keine gastfreundlichen Familien wie die Matinas gefunden hatten, hatte er Glück. Die Matinas wollten sogar, dass er für immer auf der Insel blieb und hofften, ihm einen Job in einer örtlichen Bar besorgen zu können, aber Ahmed sollte in ein anderes CIE verlegt werden. Bevor er ging, schenkte er ihrer Tochter seinen Koran. Sie gab ihm ihr Kruzifix.

Seitdem stehe ich mit Ahmed in Kontakt. Ich habe ihn in seinem CIE in Civitavecchia besucht, das Platz für 400 Menschen bietet. Ich möchte ihn begleiten, ihm helfen und, wenn möglich, seinen Onkel auf Sizilien erreichen. Ahmed erzählte mir, dass er in Djerba (der größten nordafrikanischen Insel vor der Küste Tunesiens), wo er vor der Überfahrt nach Lampedusa gewohnt hatte, als Kellner 60 Euro im Monat verdient habe. Um nach Italien zu kommen, musste er Schleppern für eine 25-stündige Überfahrt in einem winzigen Fischerboot, vollgepackt mit zwei Dutzend anderen Tunesiern, 800 Euro zahlen. Seine Mutter hatte die Hälfte ihres Hab und Guts verkauft, um ihm die Fahrt zu finanzieren.

„Ich bin meiner Zukunft, meiner Familie wegen gegangen“, sagte er mir. „Wegen meiner Mutter. Ich danke Gott, der mich hier ankommen und diese wunderbare Familie treffen ließ, die mich aufgenommen hat. Die Lampeduser sind warmherzige Menschen. Sie behandeln die Algerier, Tunesier, Marokkaner und Libyer gut. Es gibt keinen Rassismus wie bei den Franzosen. Ich bitte Gott nur um Glück, damit ich meine Mutter nach Mekka schicken und ihr ein Haus kaufen kann—und ein goldenes Armband.“