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Selbstwertgefühl, Silikon und Sila Sahins Nippel

Wenn Promis nackte Haut zeigen, fehlt nie der Hinweis darauf, wie wohl sie sich in ihrem Körper fühlen. Ein Plädoyer für die Jogginghose.

von Ilona Blanco
22 Jänner 2015, 12:09pm

Symbolbild. NICHT Sila Sahin! Foto: Martin Fengel

Jeder Mensch sollte tragen dürfen, was er möchte. Und hätte ich den besten Körper der Welt und wäre auch noch prominent, ich würde jeden roten Teppich nur nackt beschreiten. Allerdings würde ich dann auch dazu stehen. „Was tragen sie heute, Frau Blanco?" - „Nichts, weil ich super Brüste habe und im Allgemeinen geil aussehe. In. Your. Face." Als Sila Sahin Anfang der Woche bei einer Fashion-Week-Veranstaltung die nicht ganz so echten Brüste aus dem Kleid fielen, war sie ein bisschen weniger ehrlich. „Wichtig ist mir vor allem, dass ich mich wohl fühle", sagte sie, angesprochen auf ihr offenherziges Outfit. Und dass die Kamera draufhält, wo ihr Ex-Freund Jörn Schlönvoigt doch gerade im Dschungelcamp und damit medial weitaus präsenter ist als sie selbst.

Aber wer sind wir zu urteilen. Wie die Nippel der ehemaligen GZSZ-Schauspielerin aussehen, konnte man bereits im Playboy sehen. Und was soll ich sagen: Ihr Körper ist nichts, was man nicht schon zuhauf auf YouPorn, Pornhub oder XHamster hätte bestaunen können. Apropos Playboy: Gerade bei den Damen, die abseits der Entblätterungsbranche bekannt geworden sind, bevor sie sich zu einem ästhetisch wertvollen und auf gar keinen Fall überpromiskuitiven Fotoshooting entschlossen haben, scheint es nur einen Grund für die Zusammenarbeit mit dem wohl bekanntesten Erotikmagazin der Welt zu geben: dass sie sich wohl in ihrer Haut fühlen und das allen zeigen wollen.

Jetzt kann man sich natürlich auch in Jogginghose auf der Couch sehr wohl in seinem Körper fühlen, während man sich Chips in den offenen Mund wirft und Orange Is the New Black durchsuchtet. Damit entspricht man aber nicht dem öffentlichen Zwang nach Perfektion, durchstrukturierter Effizienz und einem gesunden Lebensstil. Tu Gutes und sprich darüber. Stähle deinen Körper und zeige ihn. Du bist das Produkt und das Produkt muss optimal präsentiert werden. Irgendwie ist es auffällig, dass es mittlerweile zum guten Ton der mit sich selbst im Reinen seienden Weiblichkeit gehört, eben das durch möglichst viel nackte Haut in der Öffentlichkeit zu beweisen.

Keine Ursache.

Findet eine Art Entfremdung von sich selbst statt, wenn man so lange an sich gearbeitet hat, bis man seinen Körper endlich zu etwas gemacht hat, das man immer haben wollte? Pornostar Jenna Jameson schreibt in ihrer Autobiografie, dass man Frauen mit falschen Brüsten in Bars immer daran erkennt, dass sie sie von jedem anfassen lassen. Weil sie sich in ihrer Selbstoptimierung so weit vom ursprünglichen Selbst entfernt haben, dass der straffe Bauch, der neue Busen, die entschlackten Oberschenkel einen ähnlichen Accessoire-Wert haben wie die neue Hermés-Tasche. Wie sonst ließe sich auch erklären, dass Erotikmodel Micaela Schäfer in ihrer Zeit im Dschungelcamp nur unter Zwang dazu zu bringen war, sich überhaupt irgendetwas überzuziehen.

Ein bisschen erinnert das auch an das gute alte Argument für die Vorratsdatenspeicherung: Warum nicht alles zeigen, wenn man nichts zu verbergen hat? Nackte Haut ist Quote, nackte Haut ist Schlagzeile—aber ist nackte Haut auch eine Art Gradmesser dafür, wie wohl man sich als Frau fühlt? Und wenn ja, wieso scheint das dann nur für Frauen mit dem perfekten Körper (oder Lena Dunham) zu gelten? Wenn Frauentausch-Kandidatin Birgit ihr 140-Kilo-Selbstbewusstsein in einen Badeanzug verpackt, freuen wir uns dann auch noch darüber, wie selbstbewusst sie ist? Oder lästern wir auf Twitter unter Verwendung des korrekten Hashtags darüber, dass ein solcher Körper ja gar nichts mit dem selbstoptimierten Fitnessideal zu tun hat?

Wer seine öffentliche Entkleidung damit argumentiert, dass er sich nun einmal wohl fühlt, propagiert so im ersten Moment ein gutes und wichtiges positives Selbstbild. Tatsächlich tut er mit dieser Aussage langfristig aber niemandem einen Gefallen. Weder den Medien, die dadurch ein Frauenbild prägen, bei dem eine positive Einstellung zum eigenen Selbst primär mit perfekten Körpern in Verbindung steht. Noch den Frauen, die sich dadurch fragen müssen: Ich sehe nicht so aus. Darf ich trotzdem zufrieden sein?

Grundlegend ist es jedem da draußen zu wünschen, dass er einen „Busenblitzer" (wurde dieses Unwort bereits in den Duden aufgenommen?) vor Hunderten klickender Kameraauslöser ähnlich souverän wegsteckt. Aber vielleicht wäre es auch schön, wenn wir demnächst auch über das Selbstbild von den Frauen sprechen und ihnen einen Raum für die Liebe zu ihrem eigenen Körper geben, die keine perfekt sitzenden Silikonkissen ihr Eigen nennen.

Sorry, Sila Sahin. Es ist nicht deine Schuld, dass dein Nippel so widersprüchliche Emotionen und Gedanken zum weiblichen Köper in mir ausgelöst hat. Aber schade ist das irgendwie trotzdem, mit dir und dem Silikon-Selbstwertgefühl.

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