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Wir haben uns gefragt, was am "Vaterkomplex" wirklich dran ist

Ist die Beziehung zum Vater bestimmend für das restliche Liebesleben?

Hannah Schindler


Es war ein Satz, den ich nicht hören wollte: "Dein Freund ist genau wie dein Vater." Er wurde beiläufig von meiner Mutter fallengelassen, so, als wäre es das Normalste der Welt. Hätte ich die Fähigkeit dazu gehabt, wäre ich in diesem Moment aus meiner Haut geschlüpft, um als unförmiger Fleischklumpen der Situation im Speziellen und meiner Existenz im Allgemeinen zu entkommen.

Nicht falsch verstehen: Ich würde die Beziehung zu meinem Vater als sehr gut bezeichnen, aber deswegen wollte ich trotzdem nicht ein Abziehbild von ihm als Partner haben. Auch, weil ich damals dachte, dass ich viel zu reflektiert sei, um in diese klischeehafte Falle zu tappen. Denn der sogenannte "Vaterkomplex" war für mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als das: Ein Klischee, im besten Fall Küchenpsychologie. Eine simple Antwort auf eine komplexe Frage. Allerdings musste ich meiner Mutter leider recht geben: Es gab definitiv Parallelen zwischen diesen beiden Männern.

Ich habe mich daraufhin oft gefragt, ob es tatsächlich so einfach sein kann. Ob sich Frauen wirklich meistens in Männer verlieben, die ihren Vätern ähnlich sind und ob sie wirklich unbewusst das Verhältnis zum Vater mit ihrem Partner reproduzieren. Und würde das umgelegt nicht bedeuten: Schlechte Vaterbeziehung—schlechte Liebesbeziehungen, gute Vaterbeziehung—gute Liebesbeziehungen?

"Die Beziehung zum Vater ist die erste Liebesbeziehung, die eine Tochter überhaupt hat. Es ist die erste Erfahrung, die sie mit einer Person des anderen Geschlechtes macht. Das ist prägend.", erklärt mir die Psychologin Mirjam Walthart. Der Vater hätte schon von Beginn an einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Tochter, allerdings gäbe es zwei Schlüsselstellen, im Leben eines Kindes, in denen die Beziehung zum Vater von besonderer Wichtigkeit sei: Die Adoleszenz und die ödipale Phase.

Die ödipale Phase durchläuft ein Kind etwa im Alter von drei Jahren. Es heißt, dass das die Zeit ist, in der kleine Mädchen ihre Väter heiraten wollen. Walthart bestätigt das: "In der ödipalen Phase, also mit etwa drei bis vier Jahren, ist die Tochter zum ersten Mal 'verliebt' in den eigenen Vater. Sie wünscht sich ihn als Partner und möchte an die Stelle der Mutter treten."

Der distanzierende Vater vermittelt der Tochter das Gefühl, dass etwas mit ihrer Sexualität nicht in Ordnung ist.

Das sei zwar Teil einer normalen und gesunden Entwicklung, allerdings wäre es für das Mädchen wichtig zu verstehen, dass sie die Rolle der Mutter dann eben doch nicht einnehmen könne. Gelinge das nicht, sei man ein Leben lang nicht wirklich frei für andere Männer, sondern würde diese Position insgeheim immer den Vater zuschreiben, so Walthart. Hat man diese Phase erfolgreich überwunden, wartet allerdings bereits die nächste Gefahrenzone auf einen: Die Adoleszenz. "Die Tochter entwickelt sich vom Kind zur jungen Frau und viele Väter wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen", meint die Psychologin.

Manche würden sich distanzieren, weil sie von den plötzlichen sexuellen Reizen überfordert wären. Andere hätten im Gegensatz dazu eine Art "Flirt" mit der eigenen Tochter und würden diese, in gewisser Weise, so behandeln, als wäre sie ihre Frau. Das Wort "Flirt" mag manche Leser in diesem Zusammenhang vielleicht ein wenig irritieren. Birgit Maurer, Psychologin und Leiterin der Liebeskummerpraxis in Wien, erklärt daher genauer: "Damit ist auch einfach ein gewisser Stolz auf die Schönheit der eigenen Tochter gemeint. Der Vater schmückt sich mit ihr."

Beides bliebe auf jeden Fall, laut Walthart, nicht folgenlos: "Der distanzierende Vater vermittelt der Tochter das Gefühl, dass etwas mit ihrer Sexualität nicht in Ordnung ist. Diese Mädchen haben später oft ein Problem damit, ihre Geschlechtsidentität zu finden. Wohingegen der andere Typus Vater eine Rolle einnimmt, die ihm nicht zusteht und dadurch die Tochter für weitere Männer in ihrem Leben blockiert. In diesem Lebensalter ist es besonders wichtig, dass das Mädchen vom Vater positiv bestärkt wird und vermittelt bekommt, dass es liebenswert ist. Und zwar auf eine nicht-sexualisierte Art und Weise."

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Studien zeigen, dass Väter wesentlich am Aufbau des Selbstbewusstseins ihrer Töchter beteiligt sind. Frauen, die eine positive Beziehung zu ihrem Vater haben, sind selbstständiger und erfolgreicher, als Frauen die dieses Verhältnis als problematisch einstufen. Das wirke sich auch auf das Beziehungsleben aus. Linda Nielsen schreibt in ihrem Aufsatz Divorced Fathers and Their Daughters: A Review of Recent Research, dass zu wenig Aufmerksamkeit und Fürsorge seitens des Vaters, dazu beitrage, dass diese Frauen auch später instabilere und schwieriger Beziehungen hätten. Wohingegen Töchter mit einem guten Verhältnis zum Vater deutlich zufriedener mit ihrem Liebesleben wären.

In ihrem Aufsatz Über Töchter und Väter, erklärt die Psychologin und Sozialwissenschaftlerin Sophie Freud-Loewenstein außerdem, dass ungeliebte Töchter dazu tendieren sich Männern zuzuwenden, die ihnen ebenfalls wieder wenig Beachtung schenken. Wer jetzt irritiert ist, darf das zu Recht sein. Warum sollte man sich noch einmal einer Situation aussetzen, die schon beim ersten Mal unangenehm war? Laut Maurer wiederholen diese Frauen dasselbe Muster, weil sie sich insgeheim erhoffen jemanden zu finden, der diesen Komplex für sie heilen kann. Sie stellen die gleiche Situation unbewusst nach, in der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang.

"Vaterlose" Töchter hätten wiederum das Problem, dass sie in späteren Beziehungen zu Ambivalenz gegenüber ihrem Partner neigen würden. Der Psychotherapeut Frank Dammasch schreibt in seinem Aufsatz Der unsichtbare Dritte—Über die innere Welt eines vaterlos aufgewachsenen Mädchens, dass diese Frauen sich zwar nach der männlichen Nähe sehnen, gleichzeitig aber so große Angst davor haben verlassen zu werden, dass sie sich auf eine tiefe emotionale Bindung schwer einlassen können.

Es ist durchaus normal, dass man das, was man kennt und gewohnt ist, als angenehm empfindet und wieder sucht.

Doch nicht nur eine problematische Vaterbeziehung, würde sich auf die spätere Partnerwahl auswirken. Frauen zum Beispiel, die das Verhältnis zu ihrem Vater als positiv beschreiben würden hätten, laut einer ungarischen Studie aus dem Jahr 2004, die Tendenz dazu, sich in Männer zu verlieben, die ihren Vätern optisch ähneln. Walthart wiederum, fand im Zuge ihrer Diplomarbeit heraus, dass auch charakterliche Ähnlichkeiten keine Seltenheit sind. "Man darf das aber nicht falsch verstehen, es muss nicht immer pathologische Gründe haben, wenn Frauen sich ihren Vater als Männervorbild nehmen. Es ist durchaus normal, dass man das was man kennt und gewohnt ist, als angenehm empfindet und wieder sucht."

Wer jetzt über seinen Partner und seinen Vater nachdenkt und eine innerliche Checkliste von Ähnlichkeiten und Unterschieden zusammenstellt, kann aber beruhigt sein. So einfach und linear sei es dann, laut Maurer, doch nicht ganz. Der Vater sei zwar eine prägende Schlüsselfigur, wichtig für die spätere Partnerwahl und das Agieren in Beziehungen wäre aber auch das Verhältnis zur Mutter, der Umgang dieser mit dem Vater und generell der Bindungsstil, den man als Kind beobachte und erlebe: "Wir lernen am Modell was Liebe ist und im ungünstigsten Fall was Liebe nicht ist."

So. Jetzt könnt ihr über eure Mütter nachdenken.