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Das ist das 'Wolfenstein'-Sequel, das es nie gab und das ihr immer wolltet

Ein Fenster zu einem alternativen Jahr 1997 hat sich geöffnet und diese wunderbare Fortsetzung ist rausgefallen. Ein Hoch auf Fan-Games und 'Wolfenstein: Blade of Agony'!

von Andreas Capek
13 September 2016, 8:00am

Screenshot vom Autor

Wolfenstein 3D ist Teil meiner Jugend. Wir haben es damals heimlich am Schul-PC gespielt, wie es sich gehört, und so den Reiz des Verbotenen gleich doppelt auskostet.

Nicht nur war es ein für damalige Verhältnisse ziemlich blutiger Ego-Shooter, auch die bösen Hakenkreuzfahnen an den Wänden und Adolf Hitler in einem Mech-Suit als Endboss stellten für einen 13-Jährigen damals schon sowas wie einen verruchten Tabu-Bruch dar—und eigentlich würde das Ganze wohl heute noch zutreffen.

Bis zum ersten richtigen Sequel Return To Castle Wolfenstein hat es bis 2001 gedauert. In der Zwischenzeit haben wir uns unseren Wolfenstein-Fix mit billigen Imitaten wie dem obskuren polnischen Titel Mortyr abholen müssen, das außer (wieder für damalige Verhältnisse) total schönen Glasfenstern und einem unförmigen (und frustrierenderweise unsterblichen) Polygon-Hitler wenig zu bieten hatte. Das neue Wolfenstein: Blade of Agony der Modder-Community Realm667 macht aber nun endlich alle meine Träume einer ordentlichen Fortsetzung wahr.

Dieses von Fans gebastelte Sequel ist im Prinzip eine Modifikation von DOOM, nur in einer neuen Engine mit vielen zusätzlichen Features und Effekten. Die Technik beziehungsweise Grafik des Spiels kommt somit Pi mal Daumen im Jahr 1997 an.

Duke Nukem 3D, Blood und—wer's kennt—Strife sind gute Vergleichspunkte für das Feel von Blade of Agony: schnell und arcadig, aber gleichzeitig voller kunstvoll verschachtelter Levels und spürbarer Euphorie für dreidimensionales Raum-Design. Das war 1997 immerhin noch neu und aufregend.

Den Typen kenn ich doch! (Alle Screenshots vom Autor)

Wie in Wolfenstein 3D schlüpft man in den gestählten Körper des polnischstämmigen US-Soldaten William "B.J." Blazkowicz im Zweiten Weltkrieg und hat vor allem eine Aufgabe: "Killin' Natzis".

Anders als im Original muss man aber nicht durch rechteckige Klotz-Korridore laufen, sondern wird von einem zentralen Hauptquartier-Hub aus auf Missionen geschickt. Die Ausmaße dieser Aufträge würde man sich in einer DOOM-Mod so nicht erwarten. Man kämpft sich durch die Schützengräben von Omaha Beach, liefert sich Duelle mit einem Panzer entlang vernebelter Bahngleise und versucht, ganze Armeen aus der besetzten Pariser Innenstadt zu vertreiben.

Was das Ganze visuell so cool macht, ist die Kombination von Low-Poly-Umgebungen der Ära Quake bis Half-Life mit den klassischen 2D-Bitmap-Charakter-Sprites—ihr wisst schon, die pixeligen Kartonaufsteller von eben Wolfenstein 3D und Doom, die in der Gegend herumzappeln wie in Paper Mario.

Ja, dieses wunderschöne Spiel basiert tatsächlich auf der Doom-Engine!

Es ist ein echt mehrschichtiges Retro-Erlebnis und vereint das Allerbeste aus jedem dieser Meilensteine des Ego-Shooter-Genres. Mich hat Blade of Agony nicht nur technisch verblüfft, es spielt sich einfach verdammt gut.

Blade of Agony ist eigentlich noch in Entwicklung—die momentane Version ist "Beta 0.95"—, aber sowohl die Größe als auch der Polish-Level des Spiels überzeugen schon jetzt, vor allem weil in jedem einzelnen Level so verdammt viel Mühe steckt.

Das Leveldesign ist hervorragend, da es verwinkelt und komplex und voller Details und gut versteckter Secrets ist, ohne dabei nervig labyrinthisch zu werden. Jedes Level hat einen individuellen Zugang und seine eigenen Set-Pieces. Es gibt Schleichmissionen, chaotische Schlachtfelder und mit Fallen gespickte Puzzle-Räume.

Vor jeder Mission gibt's ein schönes verpixeltes Briefing.

Auch die Spielmechaniken geben ein sehr bedachtes Timing vor und schaffen einen schönen Rhythmus, der das Beste aus modernen Covershootern und dem "strafend"-hüpfenden Arenawahnsinn der Genre-Frühzeit vereint. Die Munition bleibt immer knapp und ermutigt dazu, erst zu denken, bevor man sich in die nächste Schießerei stürzt.

Gleichzeitig will das verfügbare Waffenarsenal ausgeschöpft und situationsorientiert eingesetzt werden. Es lohnt sich ab und zu auch mal kreative Wege zu finden, diese elenden Nazis zu dezimieren. Bestes Beispiel: Die Schaufel, die man zu Beginn der ersten Mission finden kann, und die sich super dafür eignet, hinter Türen zu warten und der eintretenden SS mit einem herzhaft-befriedigenden Knall auf den Schädel zu begrüßen. Das wird nie fad!

General Schwabbelhals

Für Blade of Agony braucht man neben der Mod selbst eigentlich nur die neueste Version der Engine GZDoom und ein DOOM 2-WAD-File. Ja, das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Das WAD-File hat man, wenn man eine Kopie von DOOM 2 herumliegen hat (was sowieso jeder haben sollte!). Die anderen beiden Files kann man sich einfach herunterladen. Wer es geschafft hat, damals in den 90ern PC-Spiele zum Laufen zu bringen, der schafft auch das.

Andreas auf Twitter: @schirmsprung

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