Alle Fotos: Ken Hermann und Gemma Fletcher

So bezwingen indische Stunt-Fahrer die Steilwände des "Todesbrunnens"

Keine Helme, keine Überrollbügel, nur Vollgas. Der Fotograf Ken Hermann hat das vermeintliche Chaos indischer Stunt-Shows in beeindruckenden Bilder festgehalten.

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29 Mai 2018, 8:27am

Alle Fotos: Ken Hermann und Gemma Fletcher

Um im "Todesbrunnen" mitleiden zu dürfen, zahlen Schaulustige in Indien 40 Rupien, rund 0,50 Euro. Was klingt wie eine Foltermethode ist eine spektakuläre Jahrmarktsattraktion, in einigen Bundesstaaten Indiens ist sie mittlerweile verboten. Stunt-Fahrer peitschen in dem knapp 20 Meter hohen Holzzylinder mit Motorrädern oder Autos senkrecht die Steilwand entlang, inklusive gewagter Kunststücke – und das 20 mal täglich, elf Monate im Jahr.

Fotograf Ken Hermann und Art Director Gemma Fletcher haben den Alltag einer Gruppe von Stunt-Männern und -Frauen im Todesbrunnen dokumentiert. Wir haben mit Hermann über den gefährlichen Publikumsmagneten gesprochen und von ihm erfahren, wie die Fahrer und Fahrerinnen damit umgehen, sich jeden Tag einem enormen Risiko auszusetzen.

Ein Stunt-Fahrer in seinem Auto

VICE: Erzähl uns doch erstmal etwas über die Stunt-Gruppe, mit der ihr herumgereist seid.
Ken Hermann: Die Gruppe wurde vor vier Jahren gegründet. Der Anführer ist ein Typ, den wir nur "Boss Man" genannt haben. Früher arbeitete er als Mechaniker und alle Fahrer kamen zu ihm, wenn etwas repariert oder gewartet werden musste. So machte er sich einen Namen in der Szene und kaufte sich eine transportierbare Steilwand. Die meisten Mitglieder der Gruppe stammen aus der Provinz Uttar Pradesh im Norden Indiens.

Solche Steilwände sieht man auch auf Jahrmärkten in Europa oder den USA. Wie unterscheidet sich die indische Variante?
In Indien spielt die Sicherheit keine Rolle. Die Fahrer tragen keine Helme. Trotzdem hat die Stunt-Frau Radha, auf die wir uns in der Doku fokussieren, in 20 Jahren noch keinen einzigen Unfall gebaut. Diese Leute wissen eben genau, was sie da machen. Gestorben ist noch niemand, aber zu Verletzungen ist es dennoch schon gekommen – zum Beispiel 2016, als ein Auto während einer Show auf dem Dach landete.

Zwei Stunt-Fahrer steigen an der Steilwand aus dem Auto

Welcher Moment aus der Zeit mit dem Stunt-Team ist dir am meisten im Gedächtnis hängengeblieben?
Als Radha auf der Steilwand aus dem Auto geklettert und trotzdem weitergefahren ist, wurde mir schon etwas mulmig zumute. Am krassesten war es aber, als ich selbst mitten im Todesbrunnen stand, während über mir drei oder vier Autos herumkreisten. Da bekam ich schon etwas Angst. Die Geräuschkulisse war unglaublich. Und weil es innerhalb der Konstruktion keinen Windzug gibt, hat man immer mit ohrenbetäubendem Lärm und extrem dreckiger Luft zu kämpfen.

Die Stunt-Fahrerin Radha auf einem Motorrad

Hat dich eine Geschichte der Fahrer besonders beeindruckt?
Die von Radha. Anfangs glaubte der Boss nämlich nicht, dass sie das Zeug zur Stunt-Frau hat. Sie war erst 13, als sie anfangen wollte zu fahren. Er forderte die schriftliche Einwilligung ihrer Eltern und gewährte Radha dann einen Testlauf. Da sah er ihren Willen und ihr Potenzial. Jetzt bezahlt er sie sogar ein bisschen besser als die anderen Fahrer, weil sie mehr Leute anlockt.

Warum lockt sie mehr Leute an?
Ich dachte erst, dass die Zuschauer ihr als Frau nicht so viel Respekt entgegenbringen, aber es ist sogar eher das Gegenteil der Fall. Sie wird sehr wohl respektiert und man kümmert sich um sie. Das Geschäft mit dem Todesbrunnen ist gefährlich und es geht viel um Motoren und so weiter. Vielleicht gibt es deswegen nur wenige Stunt-Fahrerinnen. Und das macht Radha so besonders.

Ein Stunt-Fahrer fährt auf seinem Motorrad die Steilwand entlang

Wie beliebt sind die Steilwände in Indien noch?
Einige Bundesstaaten haben solche Shows inzwischen verboten. Ich glaube, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es im ganzen Land so ist. Früher gab es dort mehr Todesbrunnen. Vielleicht liegt der Wandel daran, dass das Ganze ein so anstrengendes Geschäft ist. Der Aufbau dauert eine Woche, dann ist zehn Tage lang Betrieb und schließlich geht es weiter in die nächste Stadt. Im Grunde handelt es sich um eine Zirkusshow und die Darsteller sind elf Monate im Jahr unterwegs.

Findest du es schade, dass diese Form der Unterhaltung ausstirbt? Rechtfertigt der Unterhaltungswert deiner Meinung nach das Risiko?
Diese Entwicklung finde ich tatsächlich schade. Die Stunt-Leute machen das ja freiwillig. Vielleicht sollten sie aber mal anfangen, Helme zu tragen. Einige der Motorräder sind schon ziemlich runtergefahren. Immerhin stellt ein Mechaniker zwischen den Shows sicher, dass die Fahrzeuge noch richtig funktionieren.

Von außen wirkt das Ganze wie ein großes Chaos, aber eigentlich weiß jeder genau, was zu tun ist. Ich finde, auf Indiens Straßen ist man als Autofahrer einem größeren Risiko ausgesetzt als an der Steilwand. Inzwischen bereue ich es auch, nein gesagt zu haben, als man mir anbot, in einem der Stunt-Autos mitzufahren.

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Ein Stunt-Fahrer fährt auf seinem Motorrad die Steilwand entlang
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