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Warum Österreich unbedingt studierte Arbeiterinnen und Arbeiter braucht

Wer in beiden Welten eine Heimat hat, ist der beste soziale Kleber für eine gespaltene Gesellschaft.

von Joachim Klaunzer
04 Juli 2018, 5:00am

Foto: imago | Xinhua

"Wohin bringt dich diese Studiererei eigentlich? Das verwirrt dich doch nur. Du weißt ja immer noch nicht mal, was du später arbeiten willst!“ Diese Frage hat mir vor kurzem ein guter alter Kumpel aus meinem Tiroler Heimatstädtchen gestellt, der vor kurzen seine Kaufmannslehre abgeschlossen hat. Ein anderer meinte: "Versteht doch kein Mensch, was ihr da redet. Ihr diskutiert im stillen Kämmerchen über gesellschaftliche Probleme, aber ihr habt keinen Plan von der Wirklichkeit. Was bringt die ganze Klugscheißerei von den Linken, wenn ihr keinen Zugang zur arbeitenden Bevölkerung habt?"

Was soll ich sagen. Beide haben Recht. Mein Studium und die Beschäftigung mit sprachlich komplexen Theoriegebäuden haben mich von meinen Wurzeln am Land entfernt. Als ich von Osttirol nach Wien übersiedelte, habe ich einen Freundschaftskreis verlassen, der hauptsächlich aus Lehrlingen und Arbeitenden bestand. Ich konnte mich in meiner Jugend einfach mehr mit ihrem Lebensstil identifizieren, bei dem der Hedonismus, das Abenteuer und das Leben im Moment im Vordergrund standen. Auch den ungezwungen Umgang miteinander fand ich angenehmer als das distanzierte Verhalten in den bürgerlichen Kreisen.


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In Wien bin ich durch mein sozialwissenschaftliches Studium in eine Blase eingetaucht, in der die intellektuelle Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen im Vordergrund stand. In meinem neuen Umfeld verbrachte man die Freizeit damit, in linkslinken Gremien über die "Minderheitenpolitik im Realsozialismus“ oder den "Habitus der FPÖ-Wählerschaft im Gemeindebau" zu diskutieren. Rechtsextreme und konservative Politik wurde bis ins Detail ausgeleuchtet. Man träumte gemeinsam im Sitzkreis von linkspolitischen Utopien.

In diesen semi-intellektuellen Diskursen wird der Großteil der FPÖ-Wählerschaft als überarbeitete, ungebildete Opferschar einer populistischen Panikmache gesehen, die es aufzuklären gilt. Auch in Vorlesungen wurde den Studierenden diese Dynamik – durch ausschweifende Analysen auf hohem Niveau – näher gebracht. Menschen, die über ein politisches Bewusstsein dieser Art aus eigener Erfahrung berichten konnten – also aus der Arbeiterschicht kommen und in einer nichtakademischen Familie aufgewachsen sind, die womöglich sogar blau gewählt hat –, habe ich unter meinen Mitstudierenden wenig bis gar nicht angetroffen.

Vor kurzem habe ich dann Mario getroffen. Mario hat eine Kaufmannslehre abgeschlossen und vor kurzem sein Studium auf der BOKU begonnen. Er erzählte mir davon, wie er immer wieder durch die akademische Sprachkultur und vorausgesetzte Erwartungshaltungen daran erinnert wird, dass er ein eher exotischer Teil des universitären Betriebs ist. Oft sind es kleine Dinge, wie Nebensätze von Professoren, die ihn abschrecken. Sätze wie: "Dieses Thema haben Sie ja bereits in der Oberstufe gründlich bearbeitet."

Wenn die Sprache, mit der wir über gesellschaftliche Probleme reden, von der Gesellschaft nicht mehr verstanden wird, ist sie selbst Teil des Problems.

Auch die Inhalte und die Gesprächskultur wirken für Studierende aus Arbeiterfamilien oft fremd. So meint etwa Anna, die selbst im Gemeindebau aufgewachsen ist und deren Eltern traditionell blau wählen, zu mir: "Ich habe mich selbst in den letzten Jahren mehr und mehr politisch links orientiert und mich intellektuell in alle möglichen Richtungen weitergebildet. Trotzdem merke ich, dass ich im Kontakt mit Kommilitoninnen immer noch in Fettnäpfchen steige und manchmal Probleme mit der Political-Correctness habe. Da wünsche ich mir von Links manchmal mehr Toleranz." Und Mario sagt: "Ich hatte anfangs auch Minderwertigkeitskomplexe, weil ich mit der bürgerlichen Gesprächskultur nicht mithalten konnte. Bald hab ich aber gemerkt, dass hinter der ganzen Hirnwichserei eh nichts steckt."

Eine differenzierte, systematische wissenschaftliche Sprache stellt in der Lehre natürlich ein wichtiges Werkzeug dar. Man braucht sie, um gesellschaftliche Sachverhalte gut zu durchleuchten. Außerhalb von Seminararbeiten und peer-reviewten Papers schafft sie aber auch Barrieren zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.

Akademische Sprache wirkt für alle Nichtakademikerinnen ausschließend.

Wenn die Sprache, mit der wir über gesellschaftliche Probleme reden, von der Gesellschaft nicht mehr verstanden wird, ist sie selbst Teil des Problems. Der Grund, warum man sich bei Fremdwörtern und Fachjargon bedient, kann vielfältig sein. Manchmal ist es der Drang nach Profilierung, manchmal ist es einfach Betriebsblindheit. Andere Male weiß man womöglich gar nicht, wie man es in alltäglicher Sprache ausdrücken könnte.

Das liegt daran, dass Nachdenken über Sprache Arbeit bedeutet. Genauso, wie man sich akademische Sprache aneignen kann, muss man umgekehrt auch bewusst darauf achten, das Erarbeitete wieder für die breite Bevölkerung zu übersetzen. Akademisch verklausulierte Sprach wirkt für alle Nichtakademikerinnen ausschließend.

Besonders wenn Akademikerinnen politische Themen wie "Flüchtlingspolitik" und "Ausländer-Beschäftigungspolitik" diskutieren, fällt die Auseinandersetzung aus der Sicht der betroffenen sozialen Schichten, die selber Tür an Tür mit Migrantinnen wohnen, oft sehr weltfremd aus. Dass sich die Arbeiterschicht durch linke Parteien nicht vertreten fühlt, zeigt sich am Wahlverhalten: Während 50 Prozent der Akademikerinnen und Akademiker in Österreich linke Parteien wählen, sind es bei Bevölkerungsgruppen mit niedrigerer Bildung (also, die maximal die Mittelschule oder eine Lehre abgeschlossen haben) nur noch rund 25 Prozent.

"Meine Eltern wählen die FPÖ aus Angst und Protest."

Dieses Verhältnis ist kennzeichnend für die Entfremdung zwischen Akademiker- und Arbeiterschicht. Wie John Harris im Guardian schreibt, reden die zwei Bevölkerungsgruppen im heutigen Europa komplett aneinander vorbei: Während die Reallöhne sinken und Arbeiter in den globalen Konkurrenzdruck geraten, streitet sich die akademische Community darüber, ob man lieber "StudentInnen" oder "Studierende" schreiben soll. Sie kämpft für Minderheiten, der Kampf um die Mehrheit – die Arbeiterinnen und Arbeiter – ist dabei uninteressant geworden.

Auch Anna meint: "Die meisten meiner Kommilitonen kennen kulturelle Konflikte oder die Konkurrenz am Arbeitsmarkt durch Migranten nur aus sozialwissenschaftlichen Artikeln oder Mitte-Links-Leitmedien." Dem gegenüber stünden ihre Eltern, bei denen sich gut zeige, wie es außerhalb der Blase aussieht. "Meine Eltern wählen die FPÖ aus Angst und Protest. Gerade was die Ausländerpolitik betrifft, kommt man bei Menschen wie ihnen mit hochgestochenen intellektuellen Phrasen, nicht weit. Es braucht greifbare Ansätze, die jeder versteht. Und keine poetischen Reden darüber, warum es eine offene Gesellschaft braucht und wie diese auszusehen hat."

Rechte und konservative Politiker wissen schon seit einiger Zeit, wie man sich die "greifbare Sprache" im Rahmen des Populismus zunutze macht. Sie holen die Hacklerfamilie in ihrer Alltagssprache ab. Unser Kanzler ist dabei ein Sonderfall – er kombiniert nichtaussagende sprachliche Akrobatik mit populistischer Hetze und wirkt damit einerseits gescheiter als der Durchschnitt, aber andererseits auch bodenständiger als die meisten in der Politik.

Die Politik sollte alles daran setzen, Kinder aus Arbeiterfamilien in ihren Bildungsbestreben zu fördern – und ihnen nicht durch Studiengebühren noch mehr Steine in den Weg legen.

Während jedoch linkspopulistische Politiker in Ländern wie Spanien und Griechenland große Erfolge erzielten, mangelt es in Österreich an einer linken Opposition, die Inhalte so kommuniziert, dass sie in der breiten Masse der Gesellschaft auch verstanden werden. "Durch eine akademische Wohlfühlpartei wie die Grünen, findet der gerechte Zorn der Leute auf die ungerechten Verhältnisse überhaupt keinen Ausdruck", meint der Politikwissenschaftler Benjamin Opratko im Interview mit VICE.

Studierende aus der Arbeiterschicht könnten eine wichtige Übersetzungsfunktion zwischen zwei sozialen Welten einnehmen – also der akademischen Sphäre, wo über Probleme diskutiert wird, und dem Rest der Welt, der von diesen Probleme auch betroffen ist. Das macht sie zum sozialen Kleber für ein harmonisches Zusammenleben. Die Politik sollte alles daran setzen, Kinder aus Arbeiterfamilien in ihren Bildungsbestreben zu fördern – und ihnen nicht durch Studiengebühren noch mehr Steine in den Weg legen. Außer natürlich, es ist genau diese Vermittlung, vor der die Regierung eigentlich Angst hat, weil sie ihre Wählerschaft gefügig halten will. Dann machen sowohl die Politik als auch die Unis ohne Frage alles richtig.

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