Alle Fotos: Denis Vejas

Wir haben uns von einem sehr alten Studenten den wahren Sinn des Studiums erklären lassen

Jörg, 71, studiert ohne zeitlichen und finanziellen Druck. Seine Studienkollegen bewundern ihn dafür.

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Nov. 9 2018, 1:36pm

Alle Fotos: Denis Vejas

Für einen Studenten kann Jörg Alisch erstaunlich wenig mit WG-Partys anfangen. "Lief eher schleppend", sagt er über seine letzten Partyversuch. Um 23 Uhr sei er gegangen, für die anderen fing die Nacht da gerade an.

Damals war Jörg 62, die meisten anderen Gäste 22, maximal. Auf das Sommerfest der Fachschaft Philosophie, das neun Jahre später an einem lauen Freitagabend im Juli stattfindet, wäre er normalerweise nicht gegangen, sagt der Student. Aber Alisch hat sich dazu bereit erklärt, mit uns und anderen Studierenden zu philosophieren: über den wahren Sinn des Studiums und darüber, ob Studieren im Alter überhaupt anders ist als für 20-Jährige, die nach Matura und Backpacking durch Thailand das erste Mal einen Hörsaal betreten.

Es ist Mitte Juli, kurz vor Semesterende, die kühlen Mauern des Campus Nord der Humboldt-Uni Berlin schirmen den Innenhof vom Berliner Verkehrslärm ab. Alisch sitzt auf einer Bierbank, erzählt von seiner Jugend und warum er damals das Studium abbrach. Neben ihm stehen leere Bierflaschen, türmen sich Pappteller und Plastikbecher. Ein DJ in Hawaii-Hemd und Strohhut wippt in einer Ecke des Innenhofs zu einer Mischung aus Ethno und psychedelischen Klängen. Drin im Studentencafé "Flora" wird gewuzelt, es stehen gespritzter Apfelsaft und Club Mate in den Kühlschränken bereit. Wer Durst hat, kann eine Spende hinterlassen. Alisch trinkt nichts, das hier sei nicht seine Welt.

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"Der Jörg" falle eben auf, sagt ein ehemaliger Kommilitone. "Nicht nur äußerlich – er war immer sehr intensiv dabei, hatte alle Texte gelesen und besuchte viel mehr Kurse, als er musste"

Jörg Alisch, ausgewaschene hellbraune New-Balance-Sneaker, kurze Cargo-Hose, die Hemdsärmel lässig hochgerollt, trägt eine dünne Goldkette um den Hals. Man könnte ihn für einen Architektur-Professor mit Daft-Punk-Alben im Plattenschrank halten. Er ist Jahrgang 1947, hat als Journalist für Rundfunk und Zeitungen gearbeitet, bis zur Pensionierung 2009. Dann startete er seinen Bachelor in Philosophie, mittlerweile promoviert er.


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Vierzig Jahre liegen zwischen Jörg Alisch und den meisten seiner Mitstudierenden, viele könnten seine Enkel sein. Er grüßt hier und da, schüttelt Hände, winkt, ruft "Hi, grüß dich!" in bekannte Gesichter, manche bleiben stehen, kurzer Plausch. Auch Simon Gaus, 31, braune Locken, Brille, grünes Polo-Hemd. Gaus berät mittlerweile Unternehmen für eine internationale Beratungsfirma. Er hat Alisch während seines Master-Studiums kennengelernt, sie hatten ein paar Seminare zusammen, in den Pausen diskutierten sie über philosophische Theorien, Alisch bezeichnete sich selbst als "Kant-Experte". "Der Jörg" falle eben auf, sagt Gaus. "Nicht nur äußerlich – er war immer sehr intensiv dabei, hatte alle Texte gelesen und besuchte viel mehr Kurse, als er musste", anders als Gaus' Generation.

Jörg Alisch holt das nach, was er früher nicht konnte: aus Interesse am Fach studieren, ohne finanziellen oder gesellschaftlichen Druck – auch anders als Gaus' Generation.

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"Ich bin privilegiert", sagt Alisch.

Als junger Mann habe er das anders gesehen. Sein Vater, ein Lehrer, sei früh gestorben. "Danach lag mir die Mutter in den Ohren: Ich solle in seine Fußstapfen treten, gesicherter Beruf, viele Ferien, viel Freizeit, Pensionsanspruch", Alisch streicht mit der Hand über die grauen Haarstoppel. Er gab nach, studierte Pädagogik mit Soziologie und Politik im Nebenfach.

Das Studium habe er gehasst, allenfalls Politikwissenschaften gemocht, "es waren schließlich die 68er". Als der linke Studentenführer Rudi Dutschke erschossen wurde, saß Alisch mit seinen Kommilitonen in Hamburg vor dem Springer-Haus und wartete auf prügelnde Polizisten. "Wir haben alles gemacht: Sit-ins, Teach-ins, Love-ins, den ganzen Scheiß." Alisch hebt die Augenbrauen, seine blass-blauen Augen werden größer, wenn er sich an die Zeit erinnert. Irgendwo zwischendurch hat er eine kommunistische Kleinstpartei mitgegründet. Vor ein paar Jahren habe er die handgeschriebenen Flugblätter von damals in einem Seminar wiedergesehen.

Nach '68 kam der Studienabbruch, 2020 will Alisch promovieren

Alisch brach sein erstes Studium nach vier Semestern ab. Das war 1969. Auf Drängen seiner damaligen Freundin, sagt er. "Die hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder du hängst dich jetzt rein oder du brichst ab und machst das, worauf du wirklich Lust hast." Was beide damals nicht ahnten: Heute hätte er damit im Trend gelegen.

Während im Hintergrund psychedelische Musik plätschert, erzählt der Pensionist von Miles Davis, dessen grüne Trompete er im Backstage-Bereich der Berliner Philharmonie anfassen durfte. "Das werde ich nie vergessen." Für den Job hat er sein abgebrochenes Studium nie gebraucht.

Heute gönne er sich "den Luxus", Philosophie zu studieren. Finanziell sei er schließlich abgesichert. Eine Deadline oder ein schlechtes Prüfungsergebnis werfen Alisch nicht aus der Bahn. Er lässt sich etwas mehr Zeit, machte in vier Jahren das Bachelorstudium, in drei Jahren seinen Master. Für Alisch ist die Regelstudienzeit das, was das Girokonto für viele seiner jüngeren Mitstudierenden ist: Ein bisschen überziehen ist schon OK. Anfangs habe er gar nicht erwartet, überhaupt einen Abschluss zu erreichen: "Das war eher Nebenprodukt." Auf dem Weg dahin hat er weder ein Erasmus-Semester gemacht noch zwei, drei Praktika bei einer NGO oder eine Babypause – Dinge also, mit denen heutige Studierende ihr Studium verlängern, sei es, um ihren Lebenslauf aufzupolieren, sei es, um einfach ihr Leben zu leben. 2020 will Alisch promovieren.

Zwei Frauen Ende 20, jede ein Bier in der Hand, gehen vorbei, Alisch verfolgt sie mit den Augen. "Ach die Katharina gibt's auch noch", sagt er, "mit der habe ich angefangen zu studieren, erstes Semester Bachelor 2009/2010 war das, Tutorium 'Einführung in die praktische Philosophie'." Katharina verschwindet mit einer Freundin hinter dem Haus, bei den anderen, die auf Bierbänken sitzen, reden, lachen. Sie hat Alisch anscheinend nicht gesehen, später kommen sie doch ins Gespräch.

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Katharina Nagel ist 28, in fünf Tagen will sie ihre Masterarbeit abgeben, "danach steht das große Fragezeichen", sagt sie, kleine Falten bilden sich auf ihrer Stirn. Im Philosophie-Studium habe sie noch stärker gelernt, die Dinge zu hinterfragen, nichts einfach so hinzunehmen, immer bereit zu sein, zu diskutieren. "Studieren ist Charakterbildung", stimmt ihre Freundin zu, "aber es ist auch ein Lebensabschnitt gewesen." Nagel nickt. Sie sagt: "Vielleicht mache ich danach etwas mit Theater, Dramaturgie wäre cool." Aber wer wisse das schon so genau nach dem Studium.

Alisch kann diese Hin- und Hergerissenheit verstehen. Fragt man ihn, ob jüngere Studierende was von ihm lernen könnten, schüttelt er den Kopf: "Es wäre arrogant von mir, die jungen Studierenden zu belehren zu wollen." Er sagt, die eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Studierens gebe es nicht, der Sinn eines Studiums sei individuell, ganz unabhängig vom Alter. Nur, wer heute studiert, tue das vielleicht öfter aus Selbstverständlichkeit, es werde von der Gesellschaft eben erwartet, sagt der Senior: "Wenn du etwas erreichen willst, musst du studieren." Er spricht vom Studium als "Teil der 'Berufsbildungsmaschinerie'".

Anfangs habe er auch deshalb ein schlechtes Gewissen gehabt, sich gefragt: Nehme ich hier jemandem einen Studienplatz weg? Die Bilder von auf dem Boden zwischen vollen Stuhlreihen sitzenden Studierenden kennt schließlich fast jeder. Doch die Universitätsverwaltung habe seine Frage verneint: "Die Universität hat einen Bildungsauftrag, der gilt auch für ältere Leute." Sie biete Jungen und Alten den Raum, ebenbürtig miteinander zu diskutieren, sagt Alisch.

In Hausarbeiten und Seminaren könne man nicht einfach irgendwas behaupten. "Auch ich musste erst lernen, nach gewissen Standards zu argumentieren" – und das sei gerade in Zeiten von Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien und von Fake News eine wichtige Kompetenz.

Um 20 Uhr lässt Jörg Alisch die Backsteingebäude der Humboldt-Universität hinter sich, die Ethno-Klänge aus der Anlage und das Stimmengewirr der Menschen werden leiser, verstummen langsam. Der studierende Pensionist setzt sich in die nächste Tram in Richtung Prenzlauer Berg, zu den "neureichen Bio-Spießern", wie er sagt. Er sei den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, erschöpft. Die jüngeren Studierenden werden noch lange auf den Beinen sein, das Ende des Semesters feiern, bis in die Nacht hinein.

Doch den faulen, jungen Studenten, der nur Party machen will, die Studentin, die öfter feiern geht als in Vorlesungen, sie alle hält der Senior für einen Mythos. Gefeiert wurde auch zu Alischs Sponti-Zeiten viel, vielleicht sogar ab und zu wilder. "Es wäre schlimm, wenn sich junge Menschen nicht erstmal ausleben wollten", sagt ihr 71-jähriger Kommilitone zum Abschied.

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