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Das ist die Wirklichkeit junger Tschetschenen in Österreich

„Wenn ein Tschetschene bei uns etwas Gutes macht, ist er Russe. Macht er etwas Schlimmes, ist er Tschetschene."

Vor etwas mehr als zehn Jahren, etwa ab 2004, kam es zur großen tschetschenischen Flüchtlingswelle. Zehntausende Menschen flüchteten vor Krieg und Unterdrückung nach Österreich. Trotz jahrelanger Integration eilt ihnen ein scheußlicher Ruf voraus. Seither erwecken manche Medienberichte immer wieder den Eindruck, dass es sich bei Tschetschenen ausnahmslos um gewalttätige, frauenfeindliche Wildlinge handelt. Wir wollten wissen, was tatsächlich hinter diesem Image steckt. Deshalb haben wir uns in der tschetschenischen Community auf die Suche nach einer Antwort gemacht.

Schauplatz Nr. 1: Am Spitz, Floridsdorf

Der 21-jährige Zamir F. sitzt im ersten Stock der Floridsdorfer McDonald's-Filiale und zeigt aus dem Fenster auf das Marktgebiet am Spitz. Ungeduldig tummeln sich hunderte Menschen zwischen Lokalen und Verkaufshütten. Geschäftsleute am Weg zur U-Bahn, Eltern mit Kinderwägen und Obdachlose, die einfach ihre Zeit totschlagen wollen. „Siehst du die vier Polizisten, die in unsere Richtung kommen? Wäre ich unten, würden sie mich filzen. Nur weil ich Tschetschene bin."

Ein paar Tage zuvor hat Zamir ein Interview auf PULS4 gegeben. Was er machen würde, wenn seine Schwester ohne Kopftuch aus dem Haus geht, wurde er gefragt. „Dann würde ich sie wohl umbringen", antwortete er kalt, mit einem hämischen Lächeln. Mittlerweile bereut Zamir diese Aussage. Auf die Schnelle sei ihm einfach nichts Besseres eingefallen. Seine Familie lebt zwar nach strengen islamischen Vorschriften, seiner Schwester könne er aber nie etwas antun.

Zamir F. heißt nicht wirklich so; seinen wahren Namen will er aber nicht im Internet lesen. Er wurde 1995 in Grozny, der tschetschenischen Hauptstadt, geboren. Mit neun Jahren ist er mit seinen Eltern, zwei Brüdern und einer Schwester nach Österreich gekommen. Nach einem Jahrzehnt voller Krieg und Gewalt hofften sie, ein neues Leben anfangen zu können. Wie rund 30.000 andere Tschetschenen, die derzeit in Österreich leben. Offizielle Zahlen gibt es keine, denn auf dem Papier gelten Tschetschenenen als Staatsbürger der russischen Föderation. In Statistiken werden sie somit nicht eigens angeführt.

Zamir ging in Wien zur Schule und hat nach seinem Pflichtschulabschluss eine Ausbildung zum Kellner gemacht. Ein paar Monate konnte er sich in der Gastronomie halten, wurde aber bald gefeuert. Wegen seiner Herkunft, meint er. Derzeit ist Zamir arbeitslos und lebt von der Mindestsicherung. Seine einzige regelmäßige Beschäftigung ist das Judotraining, das er dreimal pro Woche absolviert. Sonst sitzt er meistens zuhause oder trifft sich mit seinen Freunden in Floridsdorf. Er würde gerne wieder arbeiten. Abgesehen von Putzen kann er sich alles vorstellen. Aber als Tschetschene sei das alles nicht so einfach.

An seine Heimat kann sich Zamir nicht erinnern. Grozny kennt er nur von Bildern. Deshalb kann er es sich auch nicht vorstellen, irgendwann zurückzukehren. Während er redet, blickt er verlegen auf den Boden und zwickt nervös auf seiner Hand herum. „Das hier ist meine Heimat. Ich mag Österreich. Ich mag Wien. Im Gegensatz zu Tschetschenien ist Österreich ein freies Land. Das ist mir wichtig."

Schauplatz Nr. 2: Alterlaa, Liesing

Aus der großen, grell beleuchteten Halle im ersten Stock eines Einkaufszentrums dröhnen laute Musik und dumpfe Männerstimmen. Wie jeden Freitagabend findet in diesem Kampfsportzentrum das Mixed Martial Arts Training statt. Über 20 Männer in Boxhandschuhen und Schienbeinschonern schlagen und treten paarweise aufeinander ein. Was auf den ersten Blick wie eine unkontrollierte Massenschlägerei aussieht, geschieht unter der Aufsicht mehrerer Trainer. Ein Trainingskampf dauert etwa eine Minute, danach wird der Partner gewechselt. Diese kurze Atempause nutzen die Trainer, um den anwesenden Sportlern nützliche Tipps zu geben. Einer dieser Sportler ist der 28-jährige Tamerlan B. Er ist gebürtiger Tschetschene und 2004 im Alter von 16 Jahren nach Österreich gekommen.

Das Kämpfen, insbesondere das Ringen, ist für Tschetschenen eine Nationalsportart. Schon im jungen Alter werden tschetschenische Kinder von ihren Vätern in Kampfsportvereine eingeschrieben. Um sich verteidigen zu können, wenn es hart auf hart kommt. In Tschetschenien wird vieles mit den Fäusten geklärt. Tamerlan hat einen Großteil seiner Jugend in Tschetschenien verbracht. Er kann sich noch ziemlich genau erinnern, wie das damals abgelaufen ist: „Wir haben oft im Schulhof gekämpft. Dort ist das völlig normal. So wie Kinder in Österreich Fußball und Skifahren lieben, lieben tschetschenische Kinder das Ringen."

Tamerlan B., MMA-Fighter | Alle Fotos vom Autoren

Was in ihrer alten Heimat als alltäglich angesehen wird, ist in ihrer neuen Heimat in vielen Fällen strafbar. Dementsprechend kommen Tschetschenen besonders häufig aufgrund von Schlägereien mit dem Gesetz in Konflikt. Auch Tamerlan hat seit einigen Jahren eine Vorstrafe. Er hat aus der Situation gelernt und hatte seither keine Probleme mehr: „Anfangs fällt der kulturelle Umstieg schwer. Aber wenn wir hier leben wollen, müssen wir nun mal gewisse Regeln akzeptieren."

Mittlerweile hat Tamerlan das Training beendet und sich kurz hingesetzt, bevor er nach Hause zu seiner Frau und seinen zwei Kindern fährt. Den Kampfsport sieht er als wichtigen Ausgleich zum stressigen Alltag. „Wenn Jugendliche regelmäßig trainieren, bleiben ihnen viele Probleme erspart. Man arbeitet den ganzen Tag und geht anschließend trainieren. Danach hat man sicherlich keine Lust auf irgendeinen Blödsinn."

Am wenigsten versteht der MMA-Kämpfer jene Jugendliche, die sich für die Reise nach Syrien entscheiden, um dort für die Terrormiliz Islamischer Staat zu kämpfen. „Welchen Grund kann es geben, freiwillig sterben zu gehen? Wir kommen aus dem Krieg. Warum sollten wir wieder zurückgehen? Das hat nichts mit fehlenden Perspektiven zu tun. Diese Jugendlichen sind dumm und denken, dass der Islamische Staat cool ist." Tamerlan atmet tief ein und hält kurz inne, bevor er seinen Gedanken zu Ende bringt: „Ein Mann mit Hirn macht so etwas nicht."

„Vielleicht brauchen manche Länder einfach einen Sündenbock. So war das in Russland und so ist das auch in Österreich."

Tamerlan ist gläubig und versucht, auch seine Kinder nach dem islamischen Glauben zu erziehen. Allerdings würde er niemanden zu dem Glauben zwingen. Wenn sie nicht will, muss seine Tochter kein Kopftuch tragen. Viel wichtiger sei, dass sich seine Tochter in den richtigen Mann verliebt und bis zur ihrer Heirat enthaltsam bleibt, erklärt Tamerlan. Nur wenige Tschetschenen heiraten außerhalb ihrer Glaubensrichtung. Das hat vor allem mit der langen Geschichte der tschetschenischen Klanstruktur zu tun. Doch was, wenn sich die Tochter in einen Christen verliebt? „Ich bin zu 90 Prozent überzeugt, dass das nicht passieren wird." Und wenn doch? „Dann kann ich wohl nichts dagegen machen."

Zu einem gewissen Teil ist der schlechte Ruf der Tschetschenen auf die kulturellen Unterschiede zurückzuführen. Viele Dinge, die für Westeuropäer ungewöhnlich sind, sind für Tschetschenen Teil ihrer Kultur und somit selbstverständlich. Tamerlan hat den Ruf seiner Landsleute mittlerweile in Kauf genommen: „Vielleicht brauchen manche Länder einfach einen Sündenbock. So war das in Russland und so ist das auch in Österreich." Ein Junge, der seit einigen Minuten zuhört, mischt sich in das Gespräch ein: „Wenn bei uns in Russland ein Tschetschene etwas Gutes macht, zum Beispiel bei den Olympischen Spielen gewinnt, ist er Russe. Macht er etwas Schlimmes, ist er Tschetschene."

Schauplatz Nr. 3: Deublergasse, Floridsdorf

Christian Klar, Direktor der Franz-Jonas-Europaschule.

Zurück über der Donau. Im ersten Stock der Franz-Jonas-Europaschule steht ein Dutzend Schüler gespannt auf dem Gang. Aus einem der angrenzenden Räume hallt eine laute, kräftige Männerstimme. Ein Lehrer entfernt sich von der Schülergruppe. „Sie suchen den Direktor? Folgen Sie der Stimme." Christian Klar ist Direktor der neuen Mittelschule, steht an seinem Tisch und unterhält sich lautstark mit drei Jungen. Eingeschüchtert sitzen sie vor ihm. Ihren Blick auf den Boden gerichtet lauschen sie den Worten des Direktors. „So könnt ihr mit eurer Lehrerin nicht umgehen! Das geht so nicht weiter!" Unbegleitete Flüchtlinge aus Afghanistan, erklärt Klar später. „Wir haben 15 an unserer Schule. Sie sind noch nicht lange hier, deshalb haben wir viele Probleme. Aber wir kriegen sie schon hin."

Klar sitzt vor einem großen Regal voller bunter Ringmappen. Im Hintergrund läuft das Ö3-Nachmittagsprogramm. An den Wänden hängen Bilder und Fanartikel seiner Lieblingsfußballmannschaft, dem FK Austria Wien. Klar war der erste Wiener Schuldirektor, der mit dem Problem radikal islamistischer Schüler an die Medien ging. Seither setzt er sich stark in dieser Thematik ein. Immer wieder kam es an seiner Schule zu bedenklichen Entwicklungen unter den Schülern. Eine Schülerin tauchte im vergangenen Herbst plötzlich mit einer Burka im Unterricht auf, Kinder riefen den Lehrern „Allah uh Akhbar" zu. Besonders unangenehm fielen dem Direktor die tschetschenischen Schüler auf. „Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich verhältnismäßig viele gewalttätige Tschetschenen getroffen. Mir scheint, dass viele die Grenzen der Brutalität nicht kennen."

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich verhältnismäßig viele gewalttätige Tschetschenen getroffen. Mir scheint, dass viele die Grenzen der Brutalität nicht kennen.

Als Direktor einer neuen Mittelschule, die einen Migrationsanteil von fast 90 Prozent hat, hat Klar viel erlebt. Er hat viele Geschichten von gewalttätigen Jugendlichen auf Lager. Einmal, erzählt er, ist plötzlich ein älterer tschetschenischer Jugendlicher vor der Schule gestanden. Er hatte zuvor per SMS erfahren, dass ein Junge einem Mädchen im Schulhof auf den Hintern geschaut hatte. Unkommentiert habe er ihm so ins Gesicht geschlagen, dass seine Nase sofort gebrochen war.

Klar erklärt, dass er unter Tschetschenen zwei Extreme wahrnimmt. Der Großteil der Jugendlichen sei höflich, wissenshungrig und höchst integrationswillig. Die anderen seien enorm gewaltbereit und taumeln an der Grenze zur Kriminalität. „Wirklich kriminell werden von 100 Tschetschenen vielleicht zehn. Allerdings kriegen die anderen 90 dann einen Ruf, den sie alle nicht wollen und vor allem nicht verdient haben."

Im äußeren Erscheinungsbild merkt man bei Tschetschenen nur geringe Unterschiede zu heimischen Jugendlichen. Bei Mädchen ist das anders, erläutert der Schuldirektor. „Viele Schülerinnen tragen traditionelle Verhüllungen. Oft ist das auf den Willen der männlichen Mitschüler zurückzuführen." Meistens stecken nur wenige Strenggläublige dahinter. „Im Vorjahr hatten wir einen Tschetschenen in der Klasse, der radikales Gedankengut pflegte", erinnert sich Klar. „Er war introvertiert, ruhig und hat sich nicht viel anmerken lassen. Eines Tages ist er nicht mehr aufgetaucht. Ein paar Wochen später habe ich die Mädchen gefragt, wie es ihnen während seiner Abwesenheit geht. Sie sagten: ,Herr Direktor, Sie können sich nicht vorstellen, wie schön es ist, nicht mehr jeden Tag beschimpft zu werden, weil man kein Kopftuch trägt'."

Im Direktorat klingelt das Telefon. Die WG-Betreuerin der drei afghanischen Schüler ruft an. Sachlich erläutert Klar den Tatbestand. Verständnisvoll lächelnd sagt er zu ihr: „Es liegt noch ein bisschen Arbeit vor uns. Aber wir werden das schaffen." Tatsächlich schafft er es gemeinsam mit dem Lehrpersonal, selbst die schwierigsten Fälle unter Kontrolle zu bekommen. Es braucht lediglich die richtige Mischung aus Freundlichkeit, Verständnis und manchmal auch den passenden Erziehungsmaßnahmen. Nur ein Bruchteil bleibt auch nach der Schule problematisch. „Eines habe ich in meinem langen Lehrerleben gelernt. Leider erreichen wir nicht alle. Man kann fast die ganze Welt retten. Aber die ganze Welt geht sich nicht aus."

Bence auf Twitter: @BenceJuennemann