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Deutsche Redditor machen Martin Schulz zum Netzgott

Der Hype soll dem um Trump gleichen. Wir haben seinen Digital-Wahlkampfleiter gefragt, ob das gut oder gefährlich ist.

Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD, wird im Netz gerade gehypt. Mit Memes, mit Liedern, mit Jubelstürmen. Die Rede ist vom "Gottkanzler", ständig wird von "hoher Energie" geschwärmt. Und am Kanzleramt? Geht kein Weg dran vorbei: "Kapitän Schulz befiehlt den Warp-Sprung ins Kanzleramt."

Ganz ehrlich: Auf der Hand lag die Netz-Glorifizierung von Schulz nicht wirklich. Stellen wir uns mal folgende Fragen: Ist Schulz ein Twitter-Politiker der Generation Yolo wie Lauer? Nein. Ist Schulz ein Hoffnungsträger für Intellektuelle und Minderheiten wie Obama? Nein. Ist er ein Evil-Idiot wie Twitter-Trump? Definitiv nicht. Martin Schulz, ehemaliger Europapolitiker, ist lupenreiner Sozialdemokrat mit politisch sauberer Vita, unkonventionellem Lebenslauf und Beamtencharme. Und trotzdem jetzt auch Netzikone:

Deutsche User der Diskussions- und Forenwebsite Reddit haben den Subreddit r/the_schulz/ nach dem Vorbild von r/the_donald/ ins Leben gerufen. Sie persiflieren darin auf the_donald beliebte Ausdrücke wie "the Trump train" ("der Schulzzug") oder "Hohe Energie".

Aber: Wie gut oder wie schlecht ist so etwas für eine Wahlkampagne im Netz?

"Wir freuen uns über jede Unterstützung, das darf uns auch mal überraschen", sagt Tobias Nehren, der Leiter der SPD-Digitalkampagne im Willy-Brandt-Haus. Mit einem achtköpfigen Team bedient er für die SPD Facebook und füttert Instagram-Profile, etwa von der Generalsekretärin Katharina Barley oder auch Martin Schulz. Menschen wie er sind dafür verantwortlich, dass Politiker wie Schulz wissen, was Reddit ist.

In der Parteizentrale freut man sich über die Geschehnisse bei Reddit, allerdings "in dem Bewusstsein, dass das natürlich ab und an auch satirisch überspitzt ist", wie Nehren sagt.

Im Meta-Forum THE_SCHULZ_META selbst wird r/the_schulz als "wohlwollende Satire" beschreiben: "Gegründet wurde der Sub als Parodie. Und als eine Art Gegenmodell. Martin Schulz ist hier Projektionsfläche für alle diese Dinge, die uns an Donald Trump, bzw. T_D stören. Danach geht es bei/r/the_schulz aber nicht um Martin Schulz als Person, sondern um die Projektionsfläche 'The_Schulz'. Den Anti-Trump. Und der hat wenig mit Kandidat Martin Schulz zu tun. Selbst wenn Martin Schulz ein supertoller Übermensch wäre, könnte er nie das erreichen, was sich seine Fans erträumen."

Geht es also gar nicht um die Person Schulz und seine Inhalte? Geht es vielmehr um eine Projektionsfläche und darum zu zeigen, das Netzmechanismen auch bei soliden Typen greifen?

Im Schulz-Forum schreibt der Creator: "Nur so viel: Ich bin weder SPD-Mitglied, noch wurde ich von der SPD für diese drei Aktionen (auch das MEGA-Plakat vom Sonntag geht auf meine Kappe) bezahlt….Was mir noch wichtig ist, zu erwähnen: mein Wunsch, dass wir alle fair miteinander umgehen – und dass der SPD durchaus bekannt ist, dass es sich bei/r/the_schulz um wohlwollende Satire handelt."

Das MEGA-Plakat ging auch an Schulz – beziehungsweise dessen Netzkampagnen-Team – nicht vorbei. Per Videobotschaft bedankt sich Schulz (ja, der echte) bei den Reddit-Usern. Die Grußbotschaft von Schulz an Reddit war aber nicht die Idee von Nehren und seinen Kollegen vom Kampagnen-Team, sondern: "Die Macher des Subreds haben uns angeschrieben und nach einer Videobotschaft gefragt. Das haben wir gern zugesagt und Martin Schulz hat nach einer Pressekonferenz etwas für die User aufgezeichnet."

Die Ironie der ganzen Sache entgeht ihm allerdings: "Danke", sagt er, "erstmal für diese ungeheure Unterstützung. Das ist ja eine richtige Welle, die ihr lostretet und die für mich natürlich eine riesige Hilfe ist.

Hat das Kampagnen-Team denn keine Angst, dass das von Trump abgeleitete Wortspiel MEGA – Make Europe Great Again – auch User vom rechten Rand und Trolle mobilisiert? Es steht im Video auf Reddit sogar vor und nach Schulz' Videobotschaft. Nehren sagt: "Wir haben das Video ja nicht geschnitten, das haben die beiden Reddit-User gemacht. Aber was sollen wir dagegen haben, wenn humorvoll verstärkt wird, dass der europäische Gedanke gut ist?"

Und wie ist es mit selbst initiierten Netzinhalten, beispielsweise dem Hashtag #zeitfuermartin? Ärgert es ihn, wenn Frauke Petry den plötzlich nutzt und trollt? "Wir freuen uns, wenn der Hashtag genutzt wird. Klar ist aber auch: Im Netz ist man immer auch mit einem Kontrollverlust konfrontiert. Dinge werden aufgenommen, weiterverarbeitet, diskutiert. Kontrolle im Netz zu behalten, ist unmöglich und auch gar nicht unser Ziel. Wir moderieren hier nicht nur Kommentare, sondern produzieren auch Inhalte. Und wenn wir mit klaren Meinungen und Botschaften rausgehen, dann muss man natürlich damit rechnen, dass Leute darauf reagieren, die anderer Meinung sind."

Tatsächlich wird trotz aller Ironie in den Reddit-Foren ernsthaft diskutiert. Einige User sind der SPD beigetreten, screenshotten ihre Online-Beitrittserklärungen und diskutieren darüber.

Ironie, Persiflage und Trump-Unterbau hin oder her. Fakt ist: Martin Schulz, ausgerechnet Martin Schulz, ist zum Netzphänomen geworden. Und, nutzt die SPD selbst auch Memes? "Klar nutzen wir diese Spielform des Netzes auch. Wir sind zwar eine über 150 Jahre alte Partei, aber nicht hinter dem Mond."

Ob es der SPD hilft? Spätestens am 24. September wissen wir Bescheid, ob der Schulzzug tatsächlich mit hoher Energie ins Kanzleramt einfährt – oder ihm unterwegs die Puste ausgegangen ist.

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