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Wiener Originale

Wiener Originale: Der Zetteldichter Helmut Seethaler

Den Zetteldichter und seine Werke kennt jeder in Wien. Wir haben mit ihm über seine Arbeit, Ausländer und Schulden gesprochen. Sein Motto: „Wenn mich alle mögen, hör ich auf."

von Lisa Wölfl
22 Mai 2015, 9:45am

Foto von der Autorin.

Der Zetteldichter steht in der U-Bahn-Station Schwedenplatz und zückt eine Rolle breites Klebeband. Sein bürgerlicher Name ist Helmut Seethaler, bekannt ist er aber unter seinem Pseudonym. Drei Säulen befinden sich in der Station direkt vor der Stationsaufsicht. „Tatort" nennt er das. Er drückt den Anfang des Klebebands auf eine Säule, dreht das Band um, sodass die klebrige Seite außen ist, und umringt die Säule. Jetzt kann der Zetteldichter seine Pflückgedichte einfach anbringen.

Ein paar Leute schauen interessiert. Plötzlich taucht der Stationsaufseher auf und gebietet Seethaler, er möge die Zettel sofort wieder entfernen, sonst würde er das übernehmen. Als die Aufsicht Anstalten macht, sich an Seethalers Kunst zu vergreifen, beginnt er zu schreien: „Hilfe! Hilfe! Ein amtlicher Kunstvandale!" Niemand kommt zur Hilfe. Der Aufseher ruft die Polizei.

Foto von der Autorin.

Lange habe er solche Szenen nicht mehr erlebt. Immer wieder versichert Seethaler, dass die Situation nicht gestellt ist. Er sei selbst überrascht. Tatsächlich wirkt er ein wenig durcheinander mit seiner improvisierten Frisur und der großen Brille. Die Polizei trifft ein. Sie stellen sich Seethaler gegenüber und diskutieren ruhig. Es gehe nicht um die Kunst, die darf er laut Höchstgericht seit 1998 offiziell auf diesem Wege verbreiten, sondern um einen falschen Hilferuf, Ruhestörung. Nach dem Zwischenfall lacht ihn ein Zeitungsverkäufer an und streckt ihm seine Hand entgegen. Weil zum fünften Mal die Polizei wegen ihm hier ist, erklärt der Zetteldichter.

Meistens seien Beamte freundlich und Beamtinnen noch freundlicher. Eine extreme Ausnahme erlebte Seethaler 2008, als er Plastikplatten bei Wien Mitte beschrieb. Ein Polizist und FPÖ-Gewerkschafter sagte zu ihm: „Leit wie di hätt'n wir früher wegg'ramt. Schod, dass die Zeit nimmer gibt." Seethaler meldete den Vorfall, der Polizist wurde versetzt.

Grundsätzlich hat er aber nichts gegen die FPÖ: „Auch Strache hat manchmal leider Recht". Seine Formulierungen findet Seethaler hingegen gefährlich und teils an Gewalt grenzend. Seethaler ist aber gegen die „Heiligsprechung von allen Ausländern"—es gebe solche und solche. Nur die Taschendiebe in den Öffis, die sind meistens aus dem Osten, merkt er an. Als ich entgegne, Österreicher würden nun mal lieber Millionen vom Staat stehlen, lacht er: „Das könnt' von meiner Tochter sein!"

Foto mit freundlicher Genehmigung des Zetteldichters.

Töchter hat er drei. Sie tragen den Namen ihrer Mutter, damit sie sich nicht mit Seethalers Ruf herumschlagen müssen. Aus diesem Grund sind seine Lebensgefährtin und er auch nicht verheiratet. Trotzdem wird seine Familie immer wieder mit seiner Kunst konfrontiert. Eine seiner Töchter lernte im Kunstunterricht über ihren Vater—nur, dass der Lehrer von einem lange verstorbenen Künstler sprach. Sie antwortete, dass es ihm gut ginge und er sie gleich abholen kommen würde. Seiner Lebensgefährtin wurde bei der Matura an einer Abendschule die Aufgabe gestellt, ein Gedicht Seethalers zu interpretieren.

MOTHERBOARD: Diese Leute wollen die Kunst des Handschreibens bewahren.

Früher sagte Seethaler gegenüber dem Standard noch, seine Töchter seien ihm zu angepasst. Mittlerweile leben sie vegan und haben damit ihre eigene Rebellion gefunden. Seethaler selbst ist auf dem Weg dorthin. Manchmal kauft er Löskaffee, in dem Milchpulver enthalten ist. Die Jüngste versalzt ihm den Kaffee dann. „Ich schimpf nicht, ich erwart' es fast". Gerade hat er sich meine überflüssige Milch zusätzlich in seine Melange gekippt. „Sie sehen meiner großen Tochter ähnlich".

Seit fast 40 Jahren beklebt und bemalt Seethaler die Stadt. Der Zivildienst war seine letzte geregelte Arbeit. Plus, minus 700 Euro verdient er mit seiner Kunst. Er bekommt kleine Förderungen von der Stadt. Außerdem unterstützen ihn seine Fans. Wenn er Strafe zahlen muss, macht er sich keine Sorgen. „Da beginnt der Jammereffekt." Seethaler scheut sich nicht davor, den armen Künstler zu markieren.

Schon 1998 flehte er die Bank Austria an, ihm seine Schulden zu erlassen. „Ich habe oft gebeten, Verständnis für einen armen Künstler zu zeigen. Gebeten, es als Künstler-Förderung anzusehen, mir VORERST die Schuld zu erlassen – bis ich nicht nur berühmt wie jetzt bin, sondern auch reich genug, um mir die hohen Minuszinsen zu leisten.", heißt es auf seiner Website. Der Reichtum ist nie gekommen, Seethalers Zahlungen auch nicht.

Foto mit freundlicher Genehmigung des Zetteldichters.

Als die SPÖ-Politikerin Hilde Hawlicek Ministerin für Kunst war, durfte Seethaler zu ihr ins Büro kommen und seine Zettel kopieren. Mit Helmut Zilk hatte er eine andere Abmachung. Er durfte auf der Kärntner Straße zwei Bäume bekleben: „Da hast zwa Bam und gib a Rua". Nach dem Urteil des Höchstgerichtes, Seethaler sei es erlaubt, seine Zettel überall anzubringen, war die Abmachung hinfällig. Laut eigener Aussage hat der Zetteldichter bis heute 4.000 Klagen und ebenso viele Freisprüche gesammelt. Seine Kunst ist sehr leicht entfernbar. Zum Vatertag bekam er einen Edding, der mit einem trockenen Taschentuch entfernt werden kann. Graffiti sieht Seethaler ambivalent. Pubers Tags zum Beispiel empfindet er als inhaltslos.

Einmal im Jahr bekommt Seethaler ein Reisestipendium. Meist fährt er nach Deutschland, wo seinen Aktionen weniger Grant entgegenschlägt. In München und Berlin haben sie andere Sorgen. Wiener Touristen hingegen fühlen sich verfolgt: „Jetzt is' der Trottl auch schon in Berlin!" Beleidigungen tun Seethaler aber nicht weh.

Körperliche Übergriffe sind selten. Ein Mal habe ihm fremder Mann „3 Mal in den Hintern getreten". Trotzdem braucht Seethaler Wien. „Ohne die Schwierigkeiten hätt' ich's nicht geschafft", ist er überzeugt und sagt weiter: „Wenn mich alle mögen, hör' ich auf." Auf seinem Anrufbeantworter (01-330 37 01) spricht er Gedichte, bevor der Piepton kommt. Wer ihn beschimpfen will, muss zuerst seiner Stimme lauschen. Laut Seethaler halten die wenigsten durch.

Nach dem Gespräch bittet er mich, die Rechnung zu übernehmen. „Als Kunstförderung", fügt er mit einem Zwinkern hinzu.

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