​Akademiker unter sich

Der Wiener Akademikerball ist eine junge Institution und wurde 2012 ins Leben gerufen, um den letzten Exemplaren einer aussterbenden Gattung einmal im Jahr ein natürliches Habitat zu schaffen.

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29 Jänner 2016, 7:36am

Maximilian Zirkowitsch ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Als Bezirkowitsch hat er im Wien-Wahlkampf die Einwohner erfreut, die Medien verstört und Armin Wolf verärgert, weil er mit dem angeblichen Wolf-Sager „Ich kenne diesen Mann nicht" auf Facebook warb. Sein Wahlkampf in Wien Fünfhaus warf Fragen über Satire in der Gemeindepolitik auf und gab Antworten, die uns noch mehr irritierten. Jetzt schreibt er eine zweiwöchentliche Kolumne bei uns, gestartet hat er damit, dass alle Menschen Sexbomben sind, heute hat er sich Gedanken darüber gemacht, wie Gespräche am Akademikerball so ablaufen könnten.

Foto von Hanna Herbst.

Wien, 29. Jänner 2016. In den Prachträumlichkeiten der Wiener Hofburg haben sich auch heuer zahlreiche illustre Festgäste versammelt, um das Kulturgut Ball gegen welsche Unsitten (Maskerade) und französische Arglist (Quadrille) zu verteidigen. Unter ihnen sind neben altvertrauten Gesichtern wie Heinz-Christian Strache, dem längstdienenden Klubobmann des österreichischen Parlaments, Andreas Mölzer, Romancier und Silberrücken, und Susanne Winter, Herzensdame des Reichs, auch die jungen Damen und Herren des Jungdamen- und Jungherrenkomitees. Frau Winter trägt eine elegante Kombination aus Stahlhelm und Aluminium-Overall. Die Herren tragen lustige Hütchen und haben ihre Körper nach germanischer Sitte mit Bändchen verziert.

Auch aus dem befreundeten Ausland (Pommern, Schlesien, Südtirol, Elsass) sind wieder Gäste angereist, um sich dem Höhepunkt des närrischen Treibens, das die alten Teutonen Fasching nannten, hinzugeben. An vorderster nationaler Front steht Marine Le Pen. Sie reiste in Begleitung einer deutschen Schäferhündin und Michel Houellebecqs an. Beide blicken fahrig um sich.

Nichts vermag die Stimmung zu trüben. Bereits am Nachmittag labten sich die Besucherinnen und Besucher an einem Buffet, das ausschließlich aus Schweinsprodukten (Schinken, Speck, Schinkenspeck, Schlachtplatte kl.u.gr., Klachl, Schmalz, Grammeln, um nur ein paar Erzeugnisse heimischer Schlacht- und Bauerskunst zu nennen) bestand. Während so manchem alten Herren noch der Schinken am Kummerbund baumelt, haben sich ein paar Fuchsen zusammen gefunden. Es handelt sich um Emil Przestvanek, genannt Loki, Istvan Egyaseniszmaros, genannt Heinrich, und Pascal Leibstandartics, genannt Ustasch. Sie halten Lagebesprechung:

Loki: „Burschen, also was sagts, wie is', wie hammas?"
Heinrich: „Es ist schon eine Freude und eine Ehre hier zu sein. Lauter honorige Herrschaften, Helden der Erlebnisgeneration, ... alles da. Da gibt's nix!"
Loki: „Tüchtig!"
Ustasch: „In Zagreb haben wir keinen solchen Ball." Er schweigt. „Aber wir haben auch sehr viele tapfere Patrioten was auch Erlebnisgeneration sind." Seine Augen werden glasig und schweifen in die Ferne.
Loki: „Bravo!" Er wendet sich seinem Bundesbruder Heinrich zu: „Bundesbruder, hast du nicht gesagt, du hast ein Weib gefreit welches dich heute begleiten wird? Wo ist die Schöne und wie ists um ihr Becken bestellt?"
Ustasch kommt wieder in Wien an: „Gebärfreudig muss es sein! Hart wie Kruppstahl."
Loki: „Recht so!"
Heinrich: „Die Babsi wollt nicht mitkommen. Wie wir von der letzten Heinrich Waggerl-Gedächtnis-Kneipe heimgekommen sind, hab ich ins Bett gspieben. Seitdem reden wir nicht mehr."
Loki: „Pfui!"
Heinrich schweigt, dann rezitiert er „Die Sonnenblume":
„Entflammte Sonnenblumenscheibe,
die du, ans Himmelsdach entrückt,
hoch über meinem Scheitel stehst.
Gestirn des späten Jahres, bleibe!
Die Nacht, schon nah herangerückt,
wird lang sein, wenn du untergehst."
Loki: „Das muss dir erst einmal einfallen ..."
Ustasch: „... und dann musst es auch noch aufschreiben."
Loki: „Heil unsern deutschen Dichtern. Wir sind wirklich ein begnadetes Volk, wie es uns unsere Hymne schon wissen lässt."
Ustasch: „Schöne Hymne haben wir da! Ich sag nur masonische Umtriebe!"
Loki: „Was is' jetz' mit der Babsi?"
Heinrich: „Sie hat gsagt, wenn ich heut herkomm, macht sie Schluss."
Ustasch: „Welsche Sitten!"
Loki: „Undeutsch!"
Heinrich: „Ja, aber ich hab kommen müssen. Der Teut hat gsagt, wenn ich nicht kommt, erzählt er alles der Babsi ihrem Papa."

Heinrich errötet. Loki und Ustasch blicken betoffen zu Boden. Auch ihre Ohren glühen heiß. Schweigen breitet sich aus, langsam zerstreut sich die Gruppe. Weiter vorne, an einem Tisch an der Tanzfläche, haben zwei Männer in gesetztem Alter Platz genommen. Vor ihren zwei Bäuchen stehen zwei Bierkrüge. Sie grinsen einander verschmitzt an wie alte Freunde. Ihre Namen sind Alois Czech, genannnt Teut, und Arthur Prischnigg, genannt Arthur. Sie tragen ihre Gesinnung im Gesicht.

Arthur: „Wenig Weiber heuer—und alle blond."
Teut: „Nur Russinnen und Französinnen. Von denen hab ich schon damals genug ghabt."
Sie lachen beide wie alte Raucher, wenn sie mit der Trafikantin firten. „Cha cha cha cha!"
Arthur: „Es werden auch immer weniger Burschen."
Teut: „Es braucht nicht viele, um ein Volk zu erhalten und zu führen. Sie müssen nur ihren Mann stehen—wie eine Eiche!" Wieder lachen sie.
Teut: „Aber diese Milchgesichter wichsen nicht nur ihre Stiefel! Da bleibt dann nichts mehr für die zugedachten Weiber."
Arthur grinst: „Stiefelschaft ..."
Beiden fangen an zu singen:
„O alte Burschenherrlichkeit,
Wohin bist du entschwunden?
Nie kehrst du wieder, goldne Zeit ..."

Sofort schließen sich weitere Besucher an. Der Ballsaal widerhallt im deutschen Liedgut. Danach setzen die alten Paukkombattanten ihr Gespräch fort.

Arthur: „Aber hin und wieder ist schon gut, sich die Stiefel von einem Fuchs wichsen lassen."
Teut: „Rauf und runter, rauf und runter ..." Er atmet schwer, dann: „Ich nehm immer denselben, den Leibfuchs von meinem Filius."
In diesem Moment bleibt Heinrich am Tisch stehen. Er hat Tränen in seinen stahlblauen Augen: „Daran ist nichts Schlechtes! Alle tun das!"
Teut: „Komm her!" Er klopft auf seinen Schenkel.
Arthur: „Das ist nicht schwul, wenn sich Brüder ihrer Männlichkeit versichern. Magst noch ein Bier?"
Der Abend hat begonnen.