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Als Modeverkäuferin zu arbeiten, ist das Letzte

Unsere Autorin hat bei einer großen Modekette gearbeitet und ist neben Rassismus auch auf Menschen getroffen, die nicht wissen, was ein Kleid ist.

Edie Calie

Illustration von Florian Appelt via VICE Media

Als Studentin machte ich die klassischen Studentenjobs: Flyer verteilen, kellnern, Energy Drinks in Tuben verkaufen, anderen Studenten Zeitungen andrehen. Nach einem Jahr landete ich in der Filiale einer großen Textilkette, unwissend, dass ich die nächsten acht Jahre dort bleiben würde.

Als Nebenverdienst konnte ich mich wirklich nicht über die Arbeit beklagen: nur einen Tag die Woche, Bezahlung war OK (vor allem pünktlich und regelmäßig), Urlaubs- und Weihnachtsgeld, ich konnte krank werden (und wurde trotzdem bezahlt, im Gegensatz zu anderen Jobs) und Mitarbeiterrabatt gab es auch. Natürlich kam ein nicht unwesentlicher Teil des Gehalts wieder dem Geschäft zugute, wenn ich mich für einen miesen Tag mit dem Kauf irgendeines unnötigen Teils entschädigte.

Nach Ende des Studiums brauchte ich schnell einen Job oder eigentlich Geld und stockte von geringfügig auf 30 Stunden auf. Aufgeteilt auf drei Tage, die jede Woche anders verteilt waren, arbeitete ich die Zeit ab. Schnell wurde mir klar, warum so viele der rund 325.000 Beschäftigten im Handel teilzeittätig sind—Vollzeit hält den Scheiß kaum jemand aus.

Die Arbeit an sich war deppeneinfach, aber anstrengend und ermüdend. Mag sein, dass sich Albert Camus Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellte, aber Camus musste sicher nie Stapel von T-Shirts zusammenlegen und stundenlang Leuten Kleidung aus Kabinen nachräumen.

Und ja, was man in denen findet, entspricht genau dem, was man befürchtet: blutverschmierte Unterwäsche, benutzte Tampons, getragene Windeln, Hundekot im McDonald's-Sackerl und so weiter. Nach der Anprobe wurde das schweißgetränkte Gewand wieder auf dem Haken zurück auf die Stange gehängt.

In der Kabine stand immer eine Dose Raumspray, damit man den Gestank aushielt. Natürlich hatte jeder in der Filiale Verständnis für die Teenies, die ihre Freizeit auf dem Boden von Umkleidekabinen verbrachten, das gesamte Sortiment anprobierten, haufenweise Fotos knipsten und nichts kauften. Schließlich brauchen Teenager einen geschützten Bereich, in dem sie sich wie Königinnen und Könige aufführen dürfen—auch, wenn die Frage „Alter, sieht das schwul aus?" wenig royal war. Bis heute ist mir keine gute Antwort darauf eingefallen.

Dafür wurde ich Zeugin etlicher Gespräche, die ich einfach nur süß fand. Wie zum Beispiel: „Überall sonst hätte ich schon Angst vor der IS-Miliz, aber nicht in Österreich. Weil Österreich ist neutral, das heißt Österreich darf niemanden angreifen und niemand darf Österreich angreifen."

Selbst die kaputtesten Kundenfragen überraschen sicher niemanden, der schon mal Kontakt mit anderen Menschen hatte:

„Haben Sie so was, das ist oben wie ein T-Shirt, aber lang und unten offen."
„Ein Kleid?"
„Aber oben so mit Oberteil!"
„Ja, ein Kleid!"
„Aber unten offen!"
„Ein. Kleid."

Zahlreiche Leute glaubten, dass es einen Ständer mit allen Hosen und einen mit allen Röcken gibt und bevor man die Schilder las oder mal den Kopf zur Seite drehte, wurde lieber gleich gefragt. Auch das Anstellen in einer Schlange war für viele eine größere Herausforderung, als man für möglich halten würde und offenbarte die unterschiedlichen Abstufungen des Arschlochverhaltens. Zu diesem wurden die Kunden ohnehin ermuntert—schließlich kriegte der, der sich am lautesten beschwerte und schrie, in der Regel am Ende das, was er wollte.

Ich habe irgendwann aufgegeben, zu diskutieren, weil spätestens die Chefin alles durchgehen ließ. Zwei Jahre alte Umstandshose, die nicht mehr gebraucht wird, weil das Baby längst da ist, wegen einer aufgewetzten Stelle zwischen den Beinen reklamieren? Klar, kein Problem, ging alles.

„Haben Sie so was, das ist oben wie ein T-Shirt, aber lang und unten offen."
„Ein Kleid?"
„Aber oben so mit Oberteil!"
„Ein Kleid."

Was übrigens nicht ging, war, dass im Geschäft die Sachen entsprechend der Jahreszeiten vorhanden waren. Ende Jänner eine Winterjacke kaufen? Vergiss es. Dafür gab es ab Februar Bikinis. Beschwerden darüber brachten klarerweise nichts, weil in großen Ketten das Personal keinen Einfluss darauf hat, was verkauft wird. Was nicht heißt, dass es nicht die Hundertste versuchte und mich bat: „Geben Sie das doch bitte weiter."

Was die Kollegen angeht, war es um die Intelligenz selten besser bestellt. „Hackln die nix?" war eine beliebte Frage, wenn am Vormittag viele Kunden im Geschäft waren. Dabei hätte auch ich drei Tage die Woche Zeit zum Shoppen gehabt—wozu ich in meiner Freizeit wirklich keine Lust mehr hatte. Und es soll angeblich auch Menschen geben, die am Abend, in der Nacht oder am Wochenende arbeiten.

Jedenfalls war man gut beraten, sich vor Diskussionen zu hüten—vor allem was tagesaktuelle Themen anbelangte. Schließlich waren die bunten Heftchen mit den großen Bildern und angsteinflößenden Überschriften die einzige Informationsquelle meiner Kolleginnen. Da hieß es dann schon mal im Pausenraum: „Sollens die Islamisten doch alle ausreisen lassen, nach Syrien oder was weiß i wohin. Dann sammas los. I versteh net, warums de auch noch aufhalten am Flughafen."

Wer genau eigentlich zum Kollegenkreis in der Filiale gehörte, war meistens unklar, denn die Fluktuation war so hoch, dass fast immer gerade jemand kam oder ging. Das betraf in meiner Zeit auch die höheren Posten, zu denen man leicht Zugang hatte, wenn man nur Vollzeit arbeitete und sich nicht zu blöd war, zu kontrollieren, ob die Mitarbeiter auch richtig lächelten und laut genug „Bitte" und „Danke" sagten. Dadurch waren die Abteilungsleiter meistens sehr jung und noch nicht lange im Job. Was die Kunden schon mal irritierte, wenn sie den Boss sprechen wollten und eine Anfang-20-Jährige auftauchte. Kein Wunder—gefangen im Druck zwischen Geschäftsführerin, Firma und Mitarbeiter wollte sich den Job kaum jemand antun der schon länger dabei war.

Das Schlimmste war allerdings die herrschende Diskriminierung, die niemandem bewusst oder jedem egal war. Es war ganz normal, dass die homosexuellen Kollegen nach allen Details ihres Sexlebens gefragt wurden und sich darüber lustig gemacht wurde, wie „schwul" die Herrenmode aussah.

„Bist du deppert sind grad viele Neger im Geschäft" sagte eine Kollegin im Vorbeigehen zu mir und ließ mich überrascht und sprachlos zurück. Alltagsrassismus durchzog die gesamte Kommunikation, obwohl geschätzt die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen selbst Migrationshintergrund hatte. Was nicht heißt, dass die nicht auch bedenkliche Aussagen wie „Zigeuner sind nur glücklich, wenn sie was stehlen. Ein Tag an dem sie nichts stehlen, ist ein verlorener Tag" von sich gaben—und sich sogar wunderten, wenn ich widersprach.

Mag sein, dass dieses Wirtshausniveau für viele nichts Neues ist und mir ist vollkommen bewusst, dass es in anderen Branchen genauso zugeht. Aber ich hatte angesichts von „Alter, voll die jüdischen Symbole auf dem T-Shirt" endgültig die Nase voll. Kündigen war ja zum Glück kein Problem, sondern eher Teil des Montags-Jour-Fixes. Zum Abschluss gab mir noch eine Kollegin den Tipp: „Lass erst mal deinen Mann hackeln und genieß den Sommer." Natürlich! Warum bin ich da noch nicht drauf gekommen.

Edie Calie ist Schriftstellerin. Ihr Buch 3 a.m. ist bei Edition Roter Drache erschienen.

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