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Aufwachsen im Fürstentum Liechtenstein

Im Paradies aufzuwachsen heisst nicht, dass du um Billig-Smirnoffs und Nazi-Pöbeleien herumkommst.

von Sebastian Sele
22 Oktober 2015, 5:00am

Foto von Alkan Boudewijn de Beaumont Chaglar

Wie klein Liechtenstein eigentlich ist, merkst du erst, wenn du das zwischen Österreich und der Schweiz eingeklemmte Mini-Land hinter dir gelassen hast. Wenn du bei deiner sommerlichen Aufgabe—die Qualität der Sonnenbrände in Berlin, Rom und Wien miteinander zu vergleichen—gefragt wirst, woher du kommst. Und deine Antwort wahlweise einen Haufen Fragezeichen ins beschämt lächelnde Gesicht des Gegenübers zaubert, bei diesem ein „Aaah, Luxemburg!" hervorruft oder es dich mit einem „Aus Liechtenstein?! Ich habe noch NIE jemanden aus Liechtenstein kennengelernt!" in den Exotenstatus erhebt.

Bei den ersten beiden Reaktionen wechselt das Gesprächsthema—wegen Scham oder Unkenntnis—meist sehr schnell. Bei der letzten aber folgt meist ein zwischenmenschliches FAQ in so ziemlich genau dieser Antwort-Reihenfolge:

„Ja, Liechtenstein ist ein eigener Staat—nein, es gibt dort trotzdem keine Stadt—ja, dort wohnen etwa gleich viele Menschen wie in deiner Strasse, nämlich 37'000—ja, der Staat wird von einem Fürsten regiert—nein, wir bezahlen nicht mit Schokotalern, sondern mit Schweizer Franken—ja, Liechtenstein ist eines der reichsten Länder der Welt—nein, ich wurde nicht im Lamborghini zur Schule gefahren—klar darfst du meinen Ausweis, meinen Führerschein, meine Bankkarte, meine Krankenkassenkarte, meinen AHV-Ausweis und meinen 1999 abgelaufenen Bibliotheksausweis anschauen—und klar, du darfst auch lautstark jeden einzelnen deiner hundert Freunde dazu auffordern, dasselbe zu tun."

Als Liechtensteiner kennst du das schon. Du weisst, dass Menschen dich als etwas Spezielles ansehen, obwohl du rein gar nichts dafür geleistet hast. Du bist der mit dem süssen Dialekt oder der Typ aus dem Land, gegen das sein Land im Fussball immer gewinnt—der Liechtensteiner eben. Oft finde ich das witzig.

Menschen hören gerne Geschichten aus einem Staat, in dem praktisch alle per Du sind, der seine Aufgabe als Staat aber trotzdem ernst nehmen will. Darüber, dass der Regierungschef meinem Mitbewohner aus Versehen einmal mehrere SMS schickte. Darüber, dass die Tageszeitung Liechtensteiner Vaterland—der Name der zweiten Tageszeitung Liechtensteiner Volksblatt zeugt übrigens von gleich viel historischem Bewusstsein—zur aktuellen EM-Qualifikation erfreut „Liechtenstein zum ersten Mal nicht Letzter" titelte.

Und darüber, dass bei monarchiekritischen Abstimmungen Menschen gerne mal „Für Gott, Fürst und Vaterland"-Sticker an ihre Autos pappen. Nur ganz selten erzähle ich aber davon, dass meine Jugend geprägt war von Billig-Alkohol, Nazis und Revolution—ich sie aber gerade deswegen irgendwie spannend fand.

Feuerwerk am jährlichen Volksfest. Foto von Clemens v. Vogelsang | Flickr | CC BY 2.0

Meine Kindheit habe ich in einem idyllischen paartausend-Seelen-Dorf verbracht. Dort durchlief ich die klassische Laufbahn von Kindern in Dörfern, die heute von Roboterrasenmähern dominiert werden: Fussballverein, Klavierunterricht, Ministrieren, Pfadfinder. Länger als drei Jahre habe ich—meiner schon damals sehr ausgeprägten Faulheit sei dank—aber nichts davon ausgehalten.

Bis auf die Pfadfinder. Das Rumknoten und Mädchen mobben erschien mir anscheinend als eine ganz angenehme und wenig anstrengende Variante der Zeitverschwendung. Ich wusste ja auch noch nicht, dass meine Pfadfinderabteilung Jahre später aufgelöst werden würde, weil auf einem öffentlich gewordenen Foto etwa die Hälfte meiner Leiter den rechten Arm zum Gruss an den wohl berühmtesten Oberlippenbartträger der Welt in den Himmel streckte.

Bekannte von mir redeten zwar schon länger davon, dass sich hinter den Glatzen, die ihre Magen fast jeden Abend im Pfadiheim mit Bier füllten, ziemlich eklige Gedanken versteckten—doch darauf reagierte ich, wie man in einem Mini-Staat eben auf solche Vorwürfe reagiert: „Ich kenne die doch persönlich, die sind sonst ganz OK." So wie ich es OK fand, dass einige meiner besten Freunde in ihrer Freizeit Texte von Landser und den Zillertaler Türkenjäger auswendig lernten.

Einige Zeit später, mit etwa 13 Jahren, entdeckte ich am einzigen wirklichen Open Air des Landes—an dem sogar mal Liquido (!) gespielt hatten, das es wegen einer Lärmklage einige Jahre später aber nicht mehr gab—den treusten Begleiter meiner Jugend: den Alkohol. Gerüchteweise ist das Rheintal, in dem Liechtenstein liegt, sogar jene Region der Schweiz, in der am meisten Bier getrunken wird. Erstaunen würde es mich in diesem Land, das den Spagat zwischen Wohlstand und Langeweile perfektioniert hat, nicht.

Die Fussgängerzone von Vaduz. Foto von Jens Ohlig | Flickr | CC BY-SA 2.0

Ein Ort, an dem ich und meine Freunde unsere Jugend sinnstiftend verbringen wollten, existierte nicht wirklich. Wenn wir uns also nicht gerade bei DVD-Abenden an The Ring gruselten, verbrachten wir unsere Zeit damit, Wochenende für Wochenende mit unseren Mopeds an beliebige Orte zu fahren und uns anfangs mit Alcopops und später mit Bier und Sangria zu betrinken. Mal hinter einem zu gut ausgestattenen Jugendtreff. Mal in der für Menschen geschaffenen—von Menschen aber gemiedenen—Fussgängerzone des Hauptortes Vaduz. Mal bei Home-Partys, an denen wir Kübel mit Kotze füllten. Mal unter den Argusaugen polizeiaffiner Nachbarn auf den Spielplätzen der Primarschulen.

Regelmässig bekamen wir dabei Besuch von der Polizei. Wir waren der festen Überzeugung, dass die Streifen nichts besseres zu tun hatten, als friedliche Jugendliche zu kontrollieren—und wir hatten wohl recht. In Liechtenstein gibt es kaum Kriminalität. Da kommt die Polizei gerne drei Mal pro Abend bei derselben gemütlichen Outdoor-Party vorbei, um darauf zu achten, dass die Menschen dort auch wirklich nicht zu viel Spass haben mit ihren Shishas. Doch irgendwie haben wir das natürlich auch gern gehabt, dieses kleine Outlaw-Gefühl.

Immer öfter fuhren wir aber, von unseren schmalen Portemonnaies gesteuert, 20 Minuten mit dem Bus in die österreichische Kleinstadt Feldkirch. Dorthin, wo wir schon mit 16 Jahren von Tequila und Billig-Smirnoff angefeuert zu Böhse Onkelz und Die Ärzte mitgrölen konnten.

Die Fussgängerzone der Nachbarstadt Feldkirch. Foto von library_mistress | Flickr | CC BY-SA 2.0

Liechtenstein wird—trotz seiner Kleinheit—von einer unsichtbaren Mauer in zwei Regionen gespalten: das Unterland und das Oberland. Die wirklichen Unterschiede zwischen den beiden Regionen sind zwar sehr klein. Trotzdem wusste jeder, dass im Unterland klischeehaft ausser ein paar Fascho-Partys nichts los ist und dass die Oberländer ziemlich abgehoben sind—nur weil bei ihnen das einzige Spital des Landes, das einzige Freibad des Landes, die einzige Uni des Landes und das einzige Gymnasium des Landes liegen. Ich lebte im Unterland, öffnete meinen Horizont aber immer weiter. Zum Gymnasium ins Oberland, zum Weggehen in Österreich.

Manchmal landete ich mangels Alternativen oder aus Faulheit trotzdem wieder an einem der Unterländer Zeltfeste, an denen die Glatzen meiner Pfadfinderleiter und ihrer Freunde meinen Blick in die Zelte prägten. Meine Eltern, Die Toten Hosen und Indymedia hatten mir irgendwann aber genug politisches Bewusstsein eingebläut, um solche Feste zu meiden. Ebenso wie die zwei Clubs des Landes, in denen Menschen zu Songs von Timbaland und Kid Rock Spass hatten, was ich fast so schlimm fand wie die Zeltfeste.

Das Dorfzentrum der Heimat vieler Rechten. Foto von Manolo Gómez | Flickr | CC BY 2.0

Meine Flucht vor diesem Landalltag bestand darin, meine Haare bis über die Schultern wachsen zu lassen, viel zu grossen peruanischen Wollpullovern den Weg vom Kleiderschrank meines Vaters in meinen zu bereiten und in einem mindestens so versifften wie geliebten Kellerloch—ebenfalls in der österreichischen Kleinstadt Feldkirch, für mich damals aber die Welt—mit Freunden die Revolution zu planen. Bei der Planung blieb es aber auch. Und so mussten wir jeweils antikapitalistisch befeuert im saubersten und pünktlichsten Bus der Welt mit unseren staatlich subventionierten Busabos heim in die Einfamilienhäuser unserer Eltern fahren.

Auf dem Heimweg trafen wir im Bus nicht nur andere Freunde, die sich ihre Abende in Clubs um die Ohren schlugen, sondern manchmal auch eine Gruppe von Neonazis aus unserer Gemeinde. Wenn wir uns nicht gekonnt gegenseitig ignorierten, versuchten beide Seiten die andere von ihrer Wahrheit zu 9/11 und der vorherrschenden Weltordnung zu überzeugen—und manchmal liessen wir uns, wehrlos wie wir mit unseren Streichholzarmen waren, auch einfach von ihnen bespucken. Was wir damals nicht wussten: Einer unserer Diskussionspartner wird Jahre später zum Chef der rechtsextremen Europäischen Aktion Liechtenstein erkoren und als Vorzeige-Neonazi durch Europa touren, ein anderer Monate im Knast verbringen, weil er Molotow-Cocktails in eine kurz vor der Eröffnung stehende Döner-Bude warf.

Der damalige Innenminister kommentierte das übrigens mit: „Wir wissen, dass rechtsextreme Einstellungen bis weit in die Mitte der Gesellschaft in Liechtenstein verbreitet sind. " Die Europäische Aktion preist Liechtenstein trotz diesem 2009 entwickelten Bewusstsein als ihr Vorzeigeprojekt an.

Als ich die Matura hinter mich gebracht hatte, öffnete sich mein Horizont weiter. Auf das Gymnasium im Oberland und das Weggehen in Feldkirch folgte das Soziologie-Studium in Zürich und Wien. Anfangs fuhr ich jedes Wochenende zurück nach Liechtenstein, wie das alle meine Freunde machten. Doch irgendwann verlagerte sich der Lebensmittelpunkt hin zur Stadt und ihren Möglichkeiten.

Elektronik-Fachgeschäft mit Farbfernsehen in Liechtenstein. Foto von Kamil Biedermann

Wenn ich heute, nach acht Jahren im Ausland, wieder einmal in Liechtenstein bin, werde ich öfters schräg angeschaut. Wohl weil ich noch immer nicht mitfeiere, wenn Kid Rock seinen allabendlichen Auftritt in der Playlist der einzigen In-Bar hat oder weil ich mit meinem „Züri-Outfit"—wie es mein Vater nennt—nicht dem vorherrschenden Dresscode entspreche.

Einheimische Kinder sprechen mich mittlerweile auf Hochdeutsch anstatt in unserem gemeinsamen Dialekt an und bringen mir so das Konzept von Entfremdung näher—und trotzdem denke ich oft an diesen kleinen, erzkonservativen Provinzflecken, den ich die längste Zeit meines Lebens „Heimat" genannt habe. Und hin und wieder kehre ich auch gerne dorthin zurück, in dieses Land, in dem zwischen Wohlstand und Langeweile die Zeit stehen geblieben scheint—doch nur, weil ich weiss, dass die urbane Gegenwart nur zwei Bus- und Zugstunden entfernt ist.

Sebastian wird manchmal auch auf Twitter ganz sentimental: @nitesabes

Vice Schweiz fängt ihn wieder auf: @ViceSwitzerland


Titelfoto von Alkan Boudewijn de Beaumont Chaglar | Flickr | CC BY-SA 2.0