Aus Verzweiflung und aus Protest zünden sich Bulgaren selbst an

Selbstverbrennung entwickelt sich zu einem schrecklichen Trend, um auf die eigene Not aufmerksam zu machen.

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Okt. 14 2013, 7:20am

Fotos von Jackson Fager


Donka und Georgi Kostow in der Abteilung für Brandopfer des Krankenhauses St. Georg in Plowdiw, zwei Wochen nach Georgis Selbstmordversuch

Man hat nicht jeden Tag die Gelegenheit, jemanden zu treffen, der sich selbst angezündet hat. Das liegt zum einen daran, dass es sich um die schrecklichste und irrsinnigste Sache handelt, die man sich vorstellen kann. Zum anderen sterben die meisten Menschen, die sich selbst in Brand setzen, meist unmittelbar an den Folgen. Überraschenderweise sind nicht immer die erlittenen Verbrennungen die Todesursache. Häufig gelangen Flammen über den Mund in die Lungen des Selbstverbrenners und verursachen den Tod durch Ersticken.

Vor Kurzem lernte ich auf einer Bulgarienreise gleich zwei Menschen kennen, die einen Selbstmordversuch durch Feuer überlebt hatten. „Es ist mittlerweile Mode geworden, Probleme mit Benzin zu lösen“, erzählte mir Georgi Kostow auf der Brandopferstation des Krankenhauses St. Georg in Plowdiw, Bulgariens zweitgrößter Stadt. Weil er noch immer unter Schock stand, übernahm seine Frau Donka den größten Teil des Redens.

Sie erzählte, dass sie arbeitslos und verschuldet gewesen seien und nicht mehr wussten, wie sie ihre Kinder ernähren sollten, als Georgi, zwei Wochen vor meinem Besuch, im Schlafzimmer ihrer Wohnung in der Industriestadt Dimitrowgrad verschwunden sei. Als er wieder herauskam, war er in Benzin getränkt und überzeugt, die Mafia stünde vor der Tür, um seine Schulden einzutreiben und ihn zu töten. Vor seiner Familie stehend zündete er sein Feuerzeug und stand sofort in Flammen. Donka warf sich auf ihn, um die Flammen zu ersticken, während seine Schwester Wasser auf ihn schüttete. Es gelang ihnen, Georgi zu retten, aber seine Frau erlitt dabei Verbrennungen dritten Grades an ihren Armen. „Er war so verzweifelt“, sagte sie. „Er wusste nicht, wie er jemanden auf unsere Armut aufmerksam machen sollte. Also hatte er diese schreckliche Sache gemacht.“

Georgi ist nicht der Einzige. In den letzten sechs Monaten erlebte Bulgarien eine regelrechte Flut von Selbstverbrennungen. Allein im Zeitraum von Februar bis März begingen sechs Bulgaren durch Feuer Selbstmord und in den letzten sechs Monaten waren es mindestens zehn. (Das ist mehr als in jedem anderen Land, ausgenommen China, wo buddhistische tibetische Mönche mit der Selbstverbrennung gegen religiöse Verfolgung protestieren.)


Eine Gedenktafel für Plamen Goranow vor dem Rathaus in Warna, wo sich der Künstler am 20. Februar 2013 selbst verbrannte

Für einige geht das Phänomen auf den 36-jährigen Fotografen Plamen Goranow zurück, der sich am 20. Februar 2013 vor dem Rathaus in Warna, einem Urlaubsort an der bulgarischen Schwarzmeerküste, selbst verbrannte. Investigativen Journalisten zufolge werden Handel und Gewerbe in Warna von einer Unternehmensgruppe namens TIM kontrolliert, die in einer diplomatischen Depesche des ehemaligen US-amerikanischen Botschafters in Bulgarien, James Pardew, unsauberer Geschäfte sowie der Prostitution und Erpressung bezichtigt wurde. Die entsprechende Depesche von 2005 wurde von WikiLeaks veröffentlicht. Pardew zufolge war TIM der „aufstrebende Star der organisierten Kriminalität“. Plamen setzte sich selbst in Brand, um gegen die mutmaßliche Beziehung von TIM mit dem Bürgermeister von Warna, Kiril „Kiro“ Jordanow, zu protestieren. Bevor er seinen Körper anzündete, hielt er ein Schild hoch, auf dem er die „Abdankung von Kiro und dem gesamten Stadtrat bis 17 Uhr“ forderte.

Als Plamen 12 Tage später starb, war sein Wunsch in Erfüllung gegangen: In jeder größeren Stadt gab es Ge­denkfeiern und Mahnwachen und unter dem Druck seiner eigenen Partei musste Jordanow abdanken. Dieser Erfolg verlieh landesweiten Protesten gegen Korruption Auftrieb. Ende Februar hatten sie solche Ausmaße angenommen, dass auch der Ministerpräsident, ein mutmaßlicher ehemaliger Amphetaminschmuggler namens Bojko Borissow, sich zum Rücktritt gezwungen sah. Als sein Ersatzmann, der Sozialist Plamen Orescharski den viel gehassten und der Korruption verdächtigten Medienmagnaten Deljan Peewski zum Leiter des staatlichen bulgarischen Sicherheitsministeriums ernannte, wurde auch Peewski durch die Proteste zum Rücktritt gezwungen.


LINKS: Nachdem er im Krankenhaus in Sofia aus dem Koma erwacht war, versuchte Dimitar Dimitrow, sich selbst mit dem Handy zu fotografieren. „Ich habe das Telefon fünf Mal fallen gelassen, als ich versuchte, es in der Hand zu halten“, sagte er. „Ich sah aus wie Quasimodo.“
RECHTS: Ein Demonstrant bei einem der abendlichen Protestmärsche in Sofia, auf denen der Rücktritt des aktuellen Ministerpräsidenten Plamen Orescharski gefordert wird

Als ich im Juni in die bulgarische Hauptstadt Sofia reiste, marschierten jede Nacht Tausende durch die Straßen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Demonstranten ihre Forderungen bereits verschärft und forderten nun auch den Rücktritt von Ministerpräsident Orescharski. Im Gedenken an den Mann, dessen Selbstverbrennung 1969 den Anfang vom Ende des Sowjetregimes in der Tschechoslowakei markiert hatte, wurde Plamen von den Menschen als „bulgarischer Jan Palach“ gefeiert.



Noch ist nicht klar, ob die letzten sechs Monate den bulgarischen Frühling eingeläutet haben oder ob es sich vielmehr um einen verheerenden Ausdruck von Nihilismus und Verzweiflung handelt. Was immer der Fall ist, eines ist jedoch klar: Die Selbstverbrennungen dauern an und sind zu einem der fragwürdigsten Vermächtnisse des Versuchs Bulgariens geworden, ein Land mit weniger Korruption und mehr Demokratie zu gestalten. „Die einzige Möglichkeit, uns Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen“, so Dimitar Dimitrow, ein weiterer Überlebender einer Selbstverbrennung, während seiner Rekonvaleszenz in einer kleinen Hütte auf dem Land bei Silistra, „besteht darin, uns selbst in Brand zu setzen.“

In einem Land, das—immer noch stark von 50 Jahren kommunistischen Regimes geprägt—um demokratische Reformen ringt, und in dem die 2007 erhaltene EU-Mitgliedschaft weder die Armutsrate noch die Transparenz in der Regierung nennenswert verbessert hat, ist Selbstverbrennung eine der wenigen Formen von Kritik, die den Bulgaren zur Verfügung steht. „Wir töten uns selbst, weil es keine Möglichkeit gibt, sich auf sinnvolle Weise mit dem politischen System auseinanderzusetzen“, sagte mir Dimitar. „Doch mir ist etwas Seltsames passiert—ich habe überlebt. Ich habe überlebt, damit ich davon erzählen kann.“


Dimitar Dimitrow in der Hütte seiner Frau auf dem Land bei Silistra, vier Monate nach seiner Selbstverbrennung

VICE: Erzähl doch bitte, was dir am 13. März, dem Tag deiner Selbstverbrennung, geschehen ist.
Dimitar Dimitrow:
Dieser Tag nahm seinen Anfang vor 23 Jahren [mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regierung 1989]. Unsere Regierung—erst die Kommunisten, später dann die „demokratischen“ Politiker—hat stets Verbindungen zu den Oligarchen, der Kriminalität, inkompetenten Leuten unterhalten. Im Kommunismus musste ich jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, um für Milch und Brot für mein Kind anzustehen. Unter dieser Regierung war ich Schmied, bis meine Werkstatt den Betrieb einstellte. Die Arbeit, die meine Familie ernährte, war futsch. Dann wurde der Strom unerschwinglich. Im Kommunismus hatten wir Geld, aber nichts zu kaufen. Jetzt gibt es alles zu kaufen, aber kein Geld. Es ging immer weiter bergab, und schließlich konnte ich nicht mehr.
 
Was lieferte den letzten Anstoß?
Ich hatte die Entscheidung am Tag zuvor getroffen. Der Ministerpräsident [Bojko Borissow] war gerade zurückgetreten, Neuwahlen wurden angekündigt und ich hatte die Nase voll. Also beschloss ich, mir vor dem Sitz des Präsidenten das Leben zu nehmen. Ich wurde früh wach und trank einen Kaffee mit meiner Frau. Ich hatte eine Entscheidung getroffen, aber ich habe ihr nichts davon gesagt. Ich war ganz ruhig. Anschließend ging ich in einen Laden und kaufte ein Bier, das ich mit meinen Nachbarn trank. Dann ging ich zur Tankstelle und zapfte etwas Benzin in eine leere Wodkaflasche. Ich stieg in den Zug zum Zentrum und als ich dort ankam, bin ich eine Weile umhergegangen. Es war etwa zehn Uhr morgens und ich bin bis halb zwei nachmittags umhergelaufen. In dieser Zeit habe ich noch allein ein Bier in einer fremden Bar getrunken. Ich habe eine Tochter, und ich musste an sie denken. Es ist nicht so, dass ihr Leben so schlecht ist, aber ich möchte, dass sie ein Leben führen kann wie amerikanische Mädchen. Ich dachte, wenn sie ein besseres Leben haben könnte, wäre es das wert, dass sie keinen Vater mehr hätte. Man kann nicht in ständiger Stagnation leben.

Schließlich ging ich zum Sitz des Präsidenten und stellte mich vor das Gebäude. Ich nahm die Flasche mit Benzin und goss sie mir über Brust und Kopf. Ich zündete das Feuerzeug. Ich habe [als Schmied] mein ganzes Leben mit Feuer gearbeitet, aber dieses Mal gab es eine große Feuerkugel und ich bekam Angst. Ich schrie vor Schmerzen. Ich war überrascht, dass es sofort wehgetan hat. Hast du dich schon mal an einem Tropfen heißen Öls aus einer Bratpfanne verbrannt? Es war, als wäre ich in einer Bratpfanne. Mein Kopf, das Gesicht, Schultern, Hände, einfach alles.

Dann hörte ich, wie Leute riefen: „Der Mann hat sich angezündet!“ Das waren die Sicherheitswachen und sie kamen sofort mit Feuerlöschern zu mir und versuchten, das Feuer zu löschen. Zu dieser Zeit hatte es bereits so viele Selbstmorde gegeben, dass sie vorbereitet waren. Sie hatten Angst davor, dass jemand das tun würde, was ich getan hatte. Also löschten sie mich. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein und wachte im Krankenhaus wieder auf. Ich überlebte, weil die Wachen so schnell gewesen waren und das Krankenhaus in der Nähe lag, aber ich kann mich an nichts erinnern. Ich lag eine Woche im Koma.

Als ich aufwachte, sah ich furchtbar aus. Ich habe mich selbst mit dem Handy fotografiert. Ich habe es bei dem Versuch, ein gutes Foto zu machen, fünf Mal fallenlassen. Ich hatte keine Haut. An meinen Armen konnte man die Knochen sehen. Ich besaß keine Lippen mehr. Ich sah grotesk aus, wie Quasimodo. Als ich das Foto sah, dachte ich, jetzt müsste ich irgendwo in einem Dorf in der Wildnis ganz für mich allein leben. Ich sah aus wie ein Vampir. Ich habe nicht geglaubt, dass es mir je wieder besser gehen könnte.

Doch im Pirogow-Krankenhaus, wo ich mich erholte und operiert wurde, hat mich der Gesundheitsminister jeden Tag besucht. Die Schwestern erzählten mir, ich stünde unter dem Schutz des Präsidenten. Das hieß, dass ich überleben musste. Selbst wenn sie mich dazu nach New York fliegen mussten, was sie getan hätten. Ich musste leben, denn wenn ein Mensch vor dem Sitz des Präsidenten stirbt, dann sind das schlechte Nachrichten. Ich hatte kein Recht zu sterben. Und so überlebte ich. Danach hat die Regierung meine persönliche Website stillgelegt, sie ließen außerdem meine Profile in sozialen Netzwerken wie Facebook löschen, sie löschten alles, überall. Ich gelte als „gefährlich“ und man hat Angst, dass ich andere anstifte.

Warum hast du dich für Feuer entschieden? Warum nicht für eine Schusswaffe?
Ich wollte nicht einfach nur Selbstmord begehen. Es gab all diese Proteste—und es gibt sie noch—und nichts wird getan. Nichts ändert sich. Ich erwarte nichts mehr von den bulgarischen Politikern. Ich hatte gehofft, dass die Welt, Menschen wie du, ein wachsames Auge auf unser Land richten würden. Als Plamen Goranow Selbstmord beging, hat er den Bürgermeister von Warna mit seiner Selbstverbrennung gestürzt. Ich wollte das ganze System stürzen.

Noch mehr Einblicke in die Welle der Selbstverbrennungen in Bulgarien erhaltet ihr in unserer Dokumentation The Burning Men of Bulgaria, die diesen Monat auf VICE.com zu sehen ist.

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