Das schwarze Herz der Güte: H.R. Giger

Das Missverständnis Gigers ist Zeugnis einer kulturell zurückgebliebenen Schweiz. Darkstar zeigt uns was es zu verstehen gab.

|
Nov. 6 2014, 7:25am

Eigentlich ist die Schweiz kaum auf einen Künstler so stolz wie auf H.R. Giger. Also eigentlich ein wenig sehr eigentlich, da der etablierte Schweizer Kunstzirkus dem Altmeister nach wie vor die gebührende Akzeptanz abspricht. Wer aber Schweizer ist und keinen meterlangen Ast im Arsch hat (der Wurzeln bis ins Gehirn schlägt), mag den Giger.

Nur sind das weniger die Kunstverständigen als halt jene, die „geilen Scheiss" an und für sich schätzen und nicht weil der Gegenstand irgendeine Szenen-Kategorie trifft, sondern halt einfach „dope" ist. Darum hat Gigers kommerzielle Karriere auch im Poster Shop von Hans H. Kunz und nicht in irgendeiner Galerie begonnen.

Paris, die Stadt, die ihren Dreck und ihr Dunkel noch zu lieben weiss (und darum eine Kulturhochburg ist), hatte derweil Mitleid mit der kulturell degenerierten Schweiz und hat Giger zum Ehrenbürger ernannt. Wegen seiner Kunst.

Foto von Flickr; Ulrich Peters; CC BY 2.0

Ja, Hans Ruedi Giger hätte es verdient, wie ein Pharao mumifiziert zu werden. Schon alleine für das Alien-Design. Ob er das jetzt selber in allen Filmen gleich toll fand oder ob es kommerziell ist oder nicht, ist an sich egal. Mit Alien hat die Schweiz dem globalen Kulturzirkus eine Ikone beigesteuert, die bis heute ihresgleichen sucht. Die Schweizer hätten das schnallen können, das Kunstmuseum öffnen und ihren Giger darin verehren. Haben sie aber nicht. Stattdessen wurde Giger zu einer ominösen, geheimnisvollen, aber irgendwie bösen Kreatur stilisiert. Bis zu seinem Tod.

Genau mit dieser helvetischen Wahrnehmungsbehinderung räumt Belinda Sallins Darkstar auf.

Der Film beginnt mit dem langsamen Eintritt in Gigers Enklave auf diesem Planeten: Ein Dreiergruppe Häuser inmitten Zürich-Oerlikon. Wir werden durch eine Kamerafahrt, die an Horrorfilme aus den siebziger Jahren erinnert, durch die Vordertür in Hans Ruedi Gigers Reich geführt. Die Wände sind schwarz, aber gleichzeitig leicht asymmetrische Schatten, aus denen sich Figuren abzeichnen.

Das Gebäude knarrt bei jeder Bewegung unsäglich, ächzt unter der Last der Jahre. Und ist damit Giger selbst ähnlich: Er wirkt wie eine Kreatur aus H.P. Lovecrafts „Schatten über Innsmouth". Vom Alter gezeichnet, jeder Schritt eine neue Herausforderung, die ihn näher an die angedeutete Verwandlung in ein froschartiges Tiefenwesen bringt.

Gleich zu Beginn erläutert uns der Künstler anhand des ältesten menschlichen Totenschädels, den er besitzt (Also besitzt er mehrere.), das zentrale Element seiner Kunst: Den Umgang mit der eigenen Angst. Er erzählt, wie er dieses Relikt als 7-Jähriger an eine Schnur gebunden und die Strasse heruntergeschleift hatte. Um zu zeigen, dass er vor dem Tod keine Angst hat. Der kleine Hans Ruedi mit dem Schädel an der Schnur die Strasse herunterhüpfend; eine erste Kunstperformance, wenn man so will.

Auch dem Horror „Geburt", dem ursprünglichen Trauma des Menschen, begegnet Giger in unzähligen Motiven. Am offensichtlichsten wird letzteres Ur-Thema anhand des an eine Geisterbahn erinnernden Geburtkanals in Gigers Garten dargestellt.

Diese verspätete und darum so tragische Erkenntnis wird im Film initiiert durch Gigers „letzte" Frau Carmen Maria Giger, die dem empathischen Künstler einen ganz besonderen Blick und ein Gefühl für den „Urgrund" der Seele attestiert. Von dort kommen nämlich Gigers Bilder: aus den Tiefen der menschlichen Seele.

Nicht aus satanischen Ideologien oder Peter Brabecks Poesiealbum. Es ist das Unterbewusstsein, die Psychologie, die in uns allen schlummert, Freuds „Es" liegt Giger um Welten näher als jenes von Stephen King.

Carmen Maria gibt durch wenige Worte ihren Zugang zu alchemistischen Mysterien preis, während Giger selbst Atheist ist. Atheist, keine Religion, kein Leben nach dem Tod, keine bösen Geister, Engel oder Dämonen. Gigers Werk ist der Psychoanalyse seiner selbst gewidmet.

Ein Grossteil des Films wird von Gigers Freunden bestritten, die über Giger erzählen, mit ihm essen und ihm, vom Agenten zum Bandleader, nach Jahrzehnten noch treue Mitarbeiter und Freunde sind, ja förmlich an ihn glauben. Er kann also auch auf persönlicher Ebene nur schwerlich eine Kreatur der Dunkelheit gewesen sein.

Der kleinste gemeinsame Schweizer aber denkt seit Jahrhunderten gleich: Wo der Teufel drauf ist, ist auch der Teufel drin. Deshalb waren wir im Hexen verbrennen führend, darum sind wir auch stolz auf Nestlé und lassen Giger nicht ins Kunsthaus Zürich. Die Schweizer haben dabei einen Bezug zum Zeitgeist wie der Vatikan: Wir Schweizer sind trotz den ganzen Uhren chronisch zu spät. Wir waren europaweit die letzten, die mit Anna Göldi noch eine Hexe verbrannten und wir begreifen lang nach dem Rest der Welt, wen und was wir mit H.R. Giger verloren haben.

So kommt auch dieser Artikel viel zu spät. Giger wäre all die Jahre nur wenige Kilometer von meiner Wohnung weg gewesen. Ich bin aber nie klingeln gegangen oder hab mich sonst irgendwie um ein Interview bemüht. Und: Die Premiere von Darkstar ist auch schon zwei Wochen vorbei. Umso mehr solltest du dich jetzt ranhalten. Geh ins Kino, um dich vom dunklen Stern erleuchten zu lassen.

Ob dein „Es" mehr mit Stephen King oder mit Freud kannst du Till auf Twitter erzählen.

Mehr VICE
VICE-Kanäle