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Sex

So hat man vor dem Handy gedatet

Für die Geliebten Mixtapes basteln, stundenlang am Telefon hängen und dabei von den Eltern belauscht werden. So hat man vor Handy und Social Media gedatet.

von Adrian Aranyos
04 Dezember 2014, 2:11pm

Foto: VICE Media

​ Das Internet, Handys und die stetige Abrufbereitschaft dominieren unseren Alltag. Auch aus unserem Liebesleben, oder den Versuchen, eins zu führen, kann man sich die Technologie nicht wegdenken. Beziehungen und die Suche nach Liebe und Zuneigung sind aber so alt wie die ersten Menschen, die mit Keulen auf Partnersuche gegangen sind und für eine Mammuthaxe eine gemeinsame Nacht miteinander verbrachten und so vielleicht das Überleben der ganzen Menschheit sicherten. Aber weil unser Zielpublikum nicht 300.000 Jahre alt ist und ich euch nicht mit Geschichten über Romeo und Julias Balkongeflüster langweiligen möchte, springen wir in die 90er Jahre, als der Handys noch ein neues, teures Spielzeug für Elektronik-Nerds waren und man tatsächlich fast ausschließlich Face to Face miteinander reden musste. Weil ich mit 27 Jahren aber zum ersten Mal zu jung für irgendetwas bin und in dieser Zeit eher auf die Nippel meines Game Boy gegriffen habe, habe ich mich mit Leuten unterhalten, die diese Zeit in ihrer ganzen Blüte erlebt haben.

Wie man sich trifft

Foto: VICE Media

Wenn man dann also mal jemanden gefunden hat, der einem gefällt, oder schon wild am Schmusen war, und gern wüsste, ob das Abenteuer noch weiter den Kaninchenbau hinunter geht, musste man Nummern austauschen. Gut, muss man heute auch noch, aber damals musste man sich die Nummer tatsächlich irgendwie auf ein Taschentuch, eine Speisekarte oder ein Glückskekspapier schreiben und die Nummer dann im besten Fall auch nicht verlieren. An der Nummer hing vieles, wenn sie weg war, war sie weg (oder er). Dann hing man für gewöhnlich eine gute Zeit lang in erwartungsvoller Vorfreude vor dem Festnetz-Telefon oder ist jedes Mal aufgesprungen, wenn es geläutet hat—immerhin will man ja nicht, dass die Eltern abheben. Dieser peinliche Fall ist aber öfter eingetreten als man wollte und wenn man sich am anderen Ende der Leitung befand, sahen Gespräche in etwa so aus: „Hallo? Ja ähm ... ich rufe an wegen Gertrude ... ist die da? Kann ich die bitte haben? Ich bin ... ähm ... wir haben uns vor kurzem kennengelernt.". 

Dann ist kurze Pause und man hört eine desinteressierte Mutter sowas wie „irgendein Adrian ... wer isn des?!" durch den Raum rufen. Meistens hat man dann versucht, das Telefon schnell an sich zu reißen und sich so weit wie möglich mit dem in der Telefondose verankerten Telefon weg von den neugierigen Eltern zu verknuspern. Dann hat man sich was ausgemacht und sich getroffen. „Date" hat man damals noch viel weniger gesagt als heute—wer hat das überhaupt eingeführt? Man musste also zu einer sehr bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein—einfach mal schnell absagen oder dem Schwarm mitteilen, dass man zu spät kommt, war nicht drin. Vor allem, wenn man bei jeder verstrichenen Minute eine größere Angst hatte, versetzt zu werden.

Was man so gemacht hat

Foto: VICE Media

Nach ein paar Tagen, die man für gewöhnlich alleine mit seinem Kribbeln im Bauch verbracht hat, war es dann so weit: Man hat sich getroffen. Auf einen Kaffee, ein alkoholisches Mischgetränk oder vielleicht auch auf ein Essen. Wenn der Schwarm zu spät kommt, dann konnte man vor Verlegenheit ja nicht den Kopf ins Handy stecken, sondern musste sich andere Tricks einfallen lassen. Meistens hat man vor Verlegenheit geraucht—damals hat ja sowieso noch jeder überall geraucht—oder, wenn man ein schlauer im-Voraus-Planer war, ein Buch mitgebracht. Das Buch war dann außerdem dazu da, zu zeigen, wie man so drauf ist. Ist man der Intellektuelle, der Weltenbummler, und so weiter. Überhaupt hat man wenig voneinander gewusst, auf Facebook niederstalken ging ja noch nicht. Eine der großen Unterschiede zu damals war eben, dass man nicht schon alles vom Gegenüber wusste, bevor man überhaupt das erste Mal richtig miteinander redet. Man musste herausfinden, was der Schwarm so macht, welche Musik er gerne hört, und wo er am liebsten seine 200 Schilling Taschengeld versäuft. Aber das war auch ziemlich aufregend, ganz neue Menschen kennenzulernen, von denen man einfach nichts wusste. Diese Pre-Selection von heute gab es nicht. Was auch irgendwie dazu führt, dass man damals einfach viele schlechte Dates hatte, durch die man sich durchbeißen musste. 

Wer es gerne lässiger angehen lässt, ist Rollerbladen gegangen, hat sich im Schulschwänzercafé seines Vertrauens getroffen oder sich, wenn man ein ganz rauer Geselle war, zu den Punks gesetzt und Leute schief angeschaut. Oder man ist „zufällig" in den Plattenladen gegangen, wo der zukünftige Traumpartner gerade die neuen Bravo Hits durchstöbert hat. Stalken konnte man Leute damals auch schon, nur musste man sich ein bisschen mehr Mühe geben, nicht wie ein Verrückter dazustehen. Am Abend bist du entweder in dem Lokal, in das immer alle gehen, abgehangen oder du lässt dir von Flyern—die damals mehr als nur ein billiger Filter-Ersatz waren—sagen, wo du dieses Wochenende hingehst. Ob das Event dann der absolute Burner oder die schlechteste Party des Universums war, konnte man höchstens erahnen.

Wie Beziehungen ausgesehen haben

Foto:  ​JessieJacobson | ​Flickr | ​CC BY-SA 2.0

Auch Beziehungen, die gerade am Entstehen oder am Enden waren, haben ein bisschen anders funktioniert. Meistens hat man sich eben getroffen und ist irgendwo abgehangen, und dann war man eben nur für sich da. Da gab es kein Bedürfnis, alle 15 Minuten ins Internet zu schauen und über Lady Gagas neues Fleischkleid oder fette, glänzende Ärsche zu reden. Liebesbriefe, Collagen und nette, aufmerksame Geschenke hat es vor der Zeit von Internet und Handy auch irgendwie mehr gegeben. Oder wann habt ihr das letzte Mal statt halbromantischen SMS und unoriginellen Privatnachrichten einen waschechten, selbstgeschrieben Liebesbrief bekommen? Wenn erst vor kurzem, dann solltet ihr euch den Partner gut aufheben. Wer heute mit SMS und Facebook-Dramen zu kämpfen hat, der musste damals vielleicht die halbe Stadt (oder das ganze Dorf) nach dem Geliebten abklappern und so ist man nicht selten verheult und versoffen vor der Haustür der Eltern gelandet. Wie peinlich. Aber so war das eben, alles irgendwie direkter. Verstecken konnte man sich eben einfach besser, im besten Fall haben die Eltern dann noch bei der kreativen Ausrede mitgespielt. „Ja, der wurde wirklich ganz spontan in die Regenwald-Austauschschule von Costa Rica bestellt!". Urlaubs- und Interrail-Liebschaften wurden dann meistens zur Brieffreundschaft. Ein Mal pro Woche hat man vielleicht telefoniert und die Rechnung der Eltern zum Mond geschossen.

Ein weiterer Klassiker der Pre-Supervernetzungs-Ära war, dass man sich heimlich mit dem Liebsten getroffen hat, und den Eltern erzählt hat, man schläft bei einer Freundin oder einem Freund. Heute leben wir im Zeitalter der absoluten Überwachung, die Eltern könnten einen ja sogar per GPS tracken, wenn sie ihren Glauben an die Menschheit schon verloren haben. Damals musste man noch ein wenig mehr Vertrauen an den Tag legen. Apropos Vertrauen: Irgendwann in eurem Leben seid ihr sicher Menschen begegnet, die jeden kleinen Vorgang in eurem Leben (oder dem Leben eines anderen) kontrollieren wollen, eure SMS lesen, alle eure Passwörter kennen und euch am liebsten einen GPS-Sender ins Ohr implantieren lassen würden. Damals war das einfach nicht möglich. Vielleicht hat der eifersüchtig-obsessive Partner in den Hosentaschen nach Nummern gewühlt oder den Rucksack durchstöbert—no harm done.

Foto:  ​Atilla1000 | ​Flic​kr | ​CC BY-ND​ 2.0

Schlussmachen übers Telefon,  ​über ein Post-it oder indem man jemandem „etwas ausrichtet" sind die Vorgänger der Schlussmach-SMS. Wie man Beziehungen handlet und ob man ein großes feiges Federvieh ist oder die letzten Reste Klasse mobilisieren kann, um ​wie ein anständiger Mensch Schluss zu machen, ist jedenfalls eine Stilfrage, die unabhängig von der Zeit beantwortet werden kann. Wenn man damals aber übers Telefon gedumpt wurde wie das Curry von gestern, musste man erst mal dasitzen und in seinem eigenen Saft kochen. Das letzte Wort war damals eben echt das letzte Wort, und man konnte sich nicht noch die tolle Konter-SMS überlegen, mit der der Schmerz nur halb so schlimm war.

Was war besser?

Foto:  quinn​.anya | ph​otopin | c​c

Heute kann man zugegebenermaßen vielen unangenehmen Sachen entgehen, wenn man einfach mal in sein Handy oder in die Tastatur klopft, ohne gleich Angst zu haben, sein Gesicht zu verlieren. Jede Zeit hat ihre gesellschaftlichen Konventionen und Kommunikationsmittel, und meistens lernen wir eh aus irgendwelchen Soap-ähnlichen Serien, wie unser Liebesleben auszusehen hat. Damals hat man niemand aufgrund seines Facebook-Profils verurteilt. Da musste man sich schon eine Stunde hinsetzen, um sie ordentlich verurteilen zu können. Man hat sich nicht über seine Online-Präsenz definiert, sondern durch das Umfeld, Kleidung, Körperschmuck und ob man Maggi mag oder nicht. Beziehungsdramen und sonstiger Schnickschnack wurde meistens Face to Face ausgetragen, dafür sind einem aber auch Dummheiten wie ​Drunk-Dials und Drunk-Texting erspart geblieben. Das Telefon war die einzige Möglichkeit, sich von zuhause aus mit anderen zu vernetzen, und oft hat man dann stundenlang telefoniert, obwohl man sich eine halbe Stunde vorher eh noch im Schulschwänzercafé getroffen hat. Die Eltern haben mit einem heißen Ohr an der Tür gelauscht und dich dann nachher ausgequetscht, Fotos musste man erst entwickeln lassen und überhaupt hat alles ein bisschen länger gedauert. Man ist länger mit den Schmetterlingen im Bauch durch den Alltag gegangen, bevor man seine Liebsten wiedergesehen hat, die Gefühle haben sich einfach von selbst ein bisschen hochgeschaukelt. Man war ein bisschen mehr bei der Sache, heute bekommt man während einem Date 20 E-Mails, 5 Tweets und 3 Einladungen zur nächsten Party des Jahrtausends (die alle am selben Tag stattfinden). Man hat sich Zetterl geschrieben, Fotos aufgehoben und meine Mixtapes liegen bestimmt jetzt noch in irgendwelchen Schuhschachteln herum. Heute ist alles auf irgendeiner Cloud, oder auf dem Rechner. Aber damals waren einfach viele Dinge anders, und wie man mit Beziehungen umgeht, ist immer auch ein bisschen im Zeitgeist der Gesellschaft verankert. Immerhin bin ich damals noch zwei Stunden vor MTV gesessen, und habe auf die Vengaboys gewartet.

Schickt Adrian eure Mixtapes auf Twitter:  ​@doktorSanchez