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Ein Einblick in die aufstrebende Skateboard-Szene des Iran

In Teheran sind nicht die Autos, sondern die Skateboarder die Könige der Straße.

von Mathias Zwick
12 April 2016, 4:00am

Alles Fotos: Mathias Zwick

Aufgeschreckt durch das Klappern der Rollen auf dem Asphalt beobachten einige Passanten eine wilde Horde von 30 Skateboardern. Diese Skateboarder werfen sich in waghalsigem Tempo steile Straßen hinunter—dabei tragen sie Klamotten von amerikanischen Marken, filmen das Ganze mit GoPros und zeigen auf ihren mit Totenköpfen verzierten Brettern keine Spur von Angst. Man könnte meinen, hier dem südkalifornischen Alltag beizuwohnen. Aber nein, ich befinde mich in Teheran, der Hauptstadt des Iran.

Im Gegensatz zu amerikanischen Staatsbürgern ist es für Franzosen relativ einfach, in den Iran zu reisen. Nachdem ich in der iranischen Botschaft mein Visum beantragt hatte, flog ich im September 2015 von Paris nach Teheran, um die iranische Skateboard-Szene kennenzulernen und zu dokumentieren. Während meines Trips habe ich die Skateboarder dann durch acht Städte begleitet und bin dabei komplett in ihren Alltag eingetaucht. Anders als ihre Regierung sind viele junge Iraner dem westlichen Lifestyle dabei inzwischen nicht mehr abgeneigt.

Laut mehreren Skateboard-Enthusiasten, die ich bei meiner Reise kennenlernen durfte, gibt es im Iran ungefähr 2.000 Skater. Dabei handelt es sich meistens um Schüler und Studenten zwischen 15 und 25. Aufgrund der Schwierigkeiten beim Import von amerikanischen Produkten sowie der anhaltenden Inflation ist das Skateboarden im Iran nicht für jeden zugänglich.

„Dieser Sport stellt hier ein wirklich teures Hobby dar, das quasi der Mittel- und Oberschicht vorbehalten ist", erzählte mir Alireza Ansari, der Besitzer von TSIXSTY, dem ersten Skateshop des Landes.

Während in Teheran neue Skateparks gebaut werden, ist man in anderen Städten diesbezüglich noch zögerlich. Schuld daran trägt das westliche Stigma des Sports. Und dennoch kommt das Skateboarden im Iran immer mehr in Fahrt und ist sogar eine der wenigen Sportarten, bei der es keine Geschlechtertrennung gibt. So finden sich zwischen den Jungs auch viele Mädchen, die über ihren diskreten, aber dennoch vorgeschriebenen Schleiern umgedrehte Caps tragen.

Während sich die politischen Oberhäupter des Landes also weiter im Clinch mit der westlichen Welt befinden, leben die jungen Iraner einfach ihr Leben und schlängeln sich auf ihren Brettern durch das Verkehrstreiben—in Teheran sind sie nämlich die Könige der Straße.

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Vor sechs Jahren eröffnete in einem Teheraner Einkaufszentrum der erste iranische Skateshop. Dort findet man die meisten beliebten amerikanischen Marken. Die wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen gegen den Iran zwingen den Shop-Besitzer Alireza jedoch dazu, seine Waren aus Dubai zu importieren. Obwohl er das nicht muss, hat Alireza trotzdem ein Bild der iranischen Staatsoberhäupter aufgehängt, um bestimmte Kunden nicht zu verärgern

Eine Gruppe Skateboarder aus Teheran macht sich auf, um andere iranische Skateboard-Enthusiasten kennenzulernen. Die rund 340 Kilometer südlich gelegene Stadt Isfahan ist dabei ihr erster Halt. Vor einer Moschee skitcht Erfan an einer Kutsche, die eigentlich für Touristen gedacht ist

Normalerweise sitzt man im Iran auf einem Teppich, um zu essen, um Tee zu trinken oder um sich auszuruhen. Während sie auf Freunde aus Isfahan warten, improvisieren die Skateboarder aus Teheran mit einem Board ohne Rollen

Normalerweise tummeln sich unglaublich viele Menschen auf dem Großen Basar von Teheran, aber am Freitag herrscht im Iran Ruhe. So haben die Skateboarder die Möglichkeit, in gespenstischer Atmosphäre durch die engen Gassen des Marktlabyrinths zu rollen

Ashkan vollführt vor einem Wandgemälde des ehemaligen Ajatollahs Ruhollah Chomeini einen Kickflip

In der südöstlichen Stadt Kerman sind auch Mädels auf Skateboards unterwegs. Dabei tragen sie die vorgeschriebenen Schleier

Die Gruppe aus Teheran kommt bei ihrem Trip auch in den Genuss, bei Yazd durch die iranischen Berge zu skaten

Erfan ist das ganze Jahr über als Skateboard-Lehrer aktiv. Während der Reise durch den Iran wird er aufgrund des rollenden Gegenstands unter seinen Füßen immer wieder von Kindern und Jugendlichen angesprochen. Viele von ihnen haben noch nie zuvor ein Skateboard gesehen

In den vergangenen Jahren hat sich in allen größeren iranischen Städten eine Skateboard-Szene entwickelt. Dabei nutzen die Skateboarder die Mischung aus moderner und traditioneller Architektur als ihren Spielplatz—und dort, wo es keinen Skatepark gibt, bleibt ihnen auch nichts anderes übrig

Bei Âbo atash [Wasser und Feuer] handelt es sich um den größten Skatepark im ganzen Nahen Osten. Die Anlage wurde vor drei Jahren von einem deutschen Unternehmen gebaut und dient seitdem als Ort, wo sich Jugendliche auf ihren Skateboards und BMX-Rädern austoben können. Über diverse Lautsprecher wird Elektro-Musik gespielt und Schaulustige sitzen auf der Tribüne, um das Treiben bei einem islamfreundlichen alkoholfreien Bier zu beobachten

Teheran ist nicht nur die fortschrittlichste Stadt des Iran, sondern auch die Heimat der größten Skateboard-Community des Landes. Die Jugendlichen filmen sich unter Beobachtung der erstaunten Passanten dabei gegenseitig mit GoPro-Kameras und laden die Aufnahmen anschließend bei Instagram hoch (die App wurde von der Regierung im Gegensatz zu Facebook noch nicht geblockt)