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Die längste Wahl der Welt

Was wurde eigentlich aus den Präsidentschaftskandidaten?

Erinnert ihr euch noch an die Originalbesetzung der diesjährigen Bundespräsidentschaftswahl? Das machen die BPW-All-Stars heute.

von Franz Lichtenegger und Hanna Herbst
23 November 2016, 10:37am

Grafik via VICE Media | Samazing

Fast ein Jahr befindet sich Österreich nun schon im Wahlkampf. Seither haben wir so einiges mitgemacht—Scheibenwischer, Kornblumen, Ursula Stenzel, Tempelberg, Anfechtung, Wiederholung, Wahlkarten, Klebstoff, Verschiebung. Außerdem gefühlte 7.000 WTF-Momente mit Richard Lugner, zu viele Chanel-Schals von Irmgard Griss und 4 Calls for Khol.

Zugegeben, nach dem ersten Wahlgang im April ist es ruhiger geworden. Es gab keine Elefantenrunden mehr, in denen sechs Menschen versuchen, etwas Richtigeres über TTIP zu sagen. Kein Richard Lugner mehr, der einen seiner drei auswendig gelernten Sätze vorträgt oder die Verfassung zitiert. Keine ORF-Formate mehr, die Irmgard Griss als Spaßbremse entlarven.

Dafür ist der Wahlkampf ein bisschen widerlich geworden. Persönlich, tief, grindig. Allen Beteiligten ist anzusehen, dass sie froh sind, es bald hinter sich zu haben. Wir nähern uns dem großen Finale einer Wahl, die sich—mit all ihren unerwarteten Plot-Twists und Cliffhangern—inzwischen anfühlt, wie unsere ganze eigene Version von Game of Thrones. Aber was wurde eigentlich aus den Nebenfiguren aus Staffel 1?

Irmgard Griss

Screenshot via ORF.

Erinnert ihr euch noch an Irmgard Griss? Von allen Kandidaten war sie wohl am schwierigsten einzuschätzen. Niemand hätte zu Beginn erwartet, dass Irmgard Griss irgendwie relevant werden, geschweige denn in die Stichwahl kommen würde. Letztendlich wurde sie nur knapp Dritte.

Zunächst boten ungeschickte Aussagen über den Nationalsozialismus Angriffsfläche. Und oft wünschte man sich—wirklich—Griss würde mehr auf Experten hören und weniger das sagen, was sie wollte. Ja, es waren Prä-Trump-Zeiten. Griss hatte keinerlei Erfahrung als Politikerin und manchmal schien das ein Problem für sie zu sein. Trotzdem (vielleicht auch gerade deswegen) kam sie auf 18,9 Prozent der Stimmen—ohne eine Partei im Rücken.

Nach der Wahl wurde es ruhig um Irmgard Griss—und eigentlich ist es bisher nicht viel lauter geworden. Mitte November legte sie ihre Funktion im österreichischen Presserat zurück. Grund dafür sei die Tatsache, dass Griss "in der einen oder anderen Form in der Politik bleiben will". Schon während des Wahlkampfs hatte sie diese Tätigkeit ruhend gestellt.

Was Griss für die Zukunft plant, ist noch nicht offiziell. Im Juni hatte sie bereits eine "zivilgesellschaftliche Initiative bzw. Bürgerbewegung" angekündigt. Eine Funktion bei Neos stand im Raum, auch Sebastian Kurz soll Interesse an einer Zusammenarbeit mit Irmgard Griss gezeigt haben. Gegenüber der Tiroler Tageszeitung erklärte Griss, sich noch dieses Jahr festlegen zu wollen. Im dritten Wahlgang unterstützt sie nun Alexander Van der Bellen.

Rudolf Hundstorfer

Screenshot via YouTube.

Wisst ihr noch, Rudolf Hundstorfer? Wir auch nicht. Jeder Kandidat hatte irgendeinen Aspekt, der sich nachhaltig ins Gehirn der (Nicht)-Wähler brennen konnte—schlechte Werbespots, peinliche oder extreme Aussagen, Ähnlichkeit mit Filmfiguren. Rudolf Hundstorfer hingegen war einfach nur da. Mit 11,28 Prozent der Stimmen wurde er entgegen parteiinterner Erwartungen am Ende doch nicht der nächste Bundespräsident Österreichs. Präsident darf er sich jetzt trotzdem nennen. Anfang November wurde er nämlich zum Präsidenten der BSO gewählt. "BSO?", werdet ihr euch jetzt fragen.

BSO ist die Abkürzung für die Österreichische Bundes-Sportorganisation. "Ich freue mich, diese verantwortungsvolle ehrenamtliche Aufgabe übernehmen zu dürfen und danke allen für das mir entgegengebrachte Vertrauen", äußerte sich Hundstorfer dazu und schien dabei seine bereits vorbereitete Bundespräsidentschafts-Antrittsrede mit dem Zusatz "ehrenamtlich" adaptiert zu haben.

Weniger wiederverwertbar waren vermutlich die Wahlplakate, die die SPÖ noch vor dem Ergebnis des ersten Wahlgangs für die Stichwahl gedruckt hatte. Laut einem Bericht in der Kronen Zeitung soll es sich bei den Plakat-Kosten um 50.000 bis 60.000 Euro gehandelt haben.

Andreas Khol

Screenshot via YouTube

Notlösung, Gollum, Porno, Kholera, Call4Khol, Blindflug. Andreas Khol war das geborene Opfer dieser Wahl. Der damals 74-Jährige musste kurzfristig einspringen, nachdem ÖVP-Wunschkandidat Erwin Pröll einen Rückzieher gemacht hatte, und im Eifer des Gefechts ging einiges daneben: Domains wurden nicht gesichert, Wahlkampfvideo und -fotos erst Stunden vor Bekanntgabe aufgenommen—die gesamte Kampagne war ein einziger Plan B. Gewinnen konnte er damit nur das Internet. Zugegeben, Khol bot wirklich viel Angriffsfläche. Und das will was heißen, schließlich war einer der Konkurrenten Richard Lugner.

Und irgendwie hat sich auch niemand daran gestört, dass das ganze Land kollektiv einen lieben, an Rosen schnuppernden Opa mobbt. Die Maschek-Parodie, die Anfang des Jahres online ging und Andreas Khol als Gollum zeigt, ist heute nur noch eine weitere Erinnerung daran, dass in dieser Wahl nicht erst seit "Alpen-Mordor" konsequent mit Herr der Ringe-Referenzen gespielt wird. Was das über Österreich aussagt, wissen wir selbst nicht so ganz.

Wäre die Bundespräsidentschaftswahl 2016 eine Folge Family Guy, Andreas Khol wäre Meg. Er selbst scheint die Fußabtreter-Rolle inzwischen recht gut weggesteckt zu haben. Erst im Oktober verrät er nach halbjähriger Politabstinenz im Standard-Interview, dass er derzeit viel lese, da und dort kommentiere, und sich um seine "fast sechzehn Enkel" kümmere—was auch immer das bedeuten mag.

Richard Lugner

Screenshot via YouTube

Nach einem langen Wahlkampf und einer bitteren Niederlage ist König von Österreich und Nationalheiligtum Mörtel Lugner inzwischen wieder ganz der Alte und verkleidet sich zum Beispiel für Wir sind Kaiser als Donald Trump. Es war bereits seine zweite Bundespräsidentschafts-Kandidatur—und wird voraussichtlich wohl auch seine letzte bleiben, immerhin wird er bei der nächsten Wahl 2022 stramme 90 Jahre auf dem Buckel haben.

Richard Lugners Wahlkampf 2016 war einer für die Geschichtsbücher: Vom legendären Antrittsvideo ("Ich bin ein MANN des VOLKES!") über diesen Unfall, den sie Pressekonferenz nannten, bis hin zum ZIB-Interview im Tapeten-Sakko. Und dann war da natürlich dieser Welthit: Putin, FPÖ, Titten, Minderjährige, Macarena, Nachtschicht-Beat und ein toter Bär—Lugners Wahlkampfsong war alles und so viel mehr.

Mörtel hat gegeben, wir haben dankend empfangen. Seine Fremdsprachenkenntnisse haben eine ganze Generation an multilingualen Jungwählern geprägt, mit seiner Antwort auf die Frage, wen er denn nun bei der Stichwahl unterstützen werde, gelang es ihm, die grundlegende Mentalität Österreichs in nur drei Silben einzufangen ("NIEMANDEN!").

Nach der tapferen Wahl-Niederlage ging Ehefrau Cathy in den Promi Big Brother-Container, Mörtel dagegen auf die Barrikaden. Die Scheidung soll noch in diesem Jahr vollzogen werden. Im November 2016 teilte Richard Lugner mit, schwer erkrankt zu sein—es sei "etwas Schlimmes", er werde es jedoch überleben. Wir wünschen gute Besserung.

Robi Hofer

In diesen postfaktischen Zeiten, in denen jeder nur noch überlegt, welcher Kandidat bei welcher Wahl in welchem Land vom sogenannten Trump-Effekt profitieren könnte, liegen Richard Lugner und Norbert Hofers Katze wohl ziemlich weit vorne. Würde der erste Wahlgang heute stattfinden, es wäre vermutlich ein Triumphsieg für beide. Aber könnte Robi Hofer jetzt überhaupt noch antreten? Wir sehen Norbert Hofer inzwischen nur noch mit Hund Jessy, die als Welpe natürlich viel süßer ist, als der in die Jahre gekommene Robi.

Puls 4-Infochefin Corinna Milborn hat Norbert Hofer am 21. November gefragt, was aus Robi wurde: "Kater Robert hat das Kommando übernommen über den Hund. Die zwei verstehen sich recht gut, aber im Alltag ist der Kater Robert der Boss. Wenn Journalisten kommen, dann ist der Kater weg. Fremde mag er nicht so gern. Er ist aus dem Tierheim und wenn jemand kommt, den er nicht kennt, dann ist er irgendwo im Garten unterwegs." Mit "Fremde mag er nicht so gern" ist über Robis Politik vielleicht auch schon alles gesagt.

Fazit

Viele sehen die Teilnahme an der Wahl zum Bundespräsidenten vielleicht als das österreichische Äquivalent zum Dschungelcamp. Und mit "viele" meinen wir Richard Lugner. Andere wiederum nutzen sie als Karrieresprungbrett und landen direkt an der Spitze der Bundes-Sportorganisation.

Fürs Erste sind wir aber alle mal erleichtert, dass diese endlos scheinende Wahl nun doch ein Ende hat. Zumindest hoffen wir das. Und weil man die meisten Dinge immer erst dann zu schätzen weiß, wenn man sie bereits verloren hat, freuen wir uns an dieser Stelle auch schon ein bisschen auf 2022 und die Wahlkämpfe von Felix Baumgartner, David Alaba und Margit Fischer.

Hanna auf Twitter: @HHumorlos, Franz auf Twitter: @FranzLicht


Header-Fotos via YouTube: Richard Lugner, Irmgard Griss, Andreas Khol, Rudolf Hundstorfer | Facebook: Norbert Hofer

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