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Ich war dabei, als in Zürich legal Cannabis-Gin hergestellt wurde

"Wie ein ganz leichter MDMA-Trip", meint ein Testtrinker.

Alle Fotos von Raphael Erhart

Mit Geschenken ist das so eine Sache: Man sollte seinen Mitmenschen keine Dinge schenken, die sie sich selber kaufen würden. Andererseits möchte man Dinge, die man sich selber nicht kauft, auch selten haben. Was also bleibt, ist eine kleine Schnittmenge an Geschenkmöglichkeiten, die den Beschenkten dann wirklich glücklich machen. So ein Geschenk hat unser Editor und mein Ehemann Till bekommen: Eine beeindruckend grosse und erntereife CBD-Cannabispflanze, die zu medizinischen Zwecken so gezüchtet wurde, dass ihr THC-Anteil unter einem Prozent liegt.

Diese Eigenschaft macht die Pflanze legal. Nur: Das sieht man der Pflanze nicht an und auch die Polizei führte bei dem Schöpfer dieser Cannabis-Spezies immer wieder Razzien durch, nur um dann verdutzt nach den THC-Analysen grosse Augen zu machen und die Plantagen wieder freizugeben. Till ist deshalb einigermassen angespannt, als er die gewaltige Pflanze in sein Auto pfercht und die gute Stunde Fahrt von St. Gallen nach Zürich in Angriff nimmt, um die Pflanze an den Ort zu befördern, wo sie in Gin gebadet werden soll.

Dieser Ort ist das Restaurant Maison Manesse, das für ausgezeichnete, experimentelle Küche steht. Hier angekommen, trifft Till auf einen jungen Mann, den er sogleich einspannt, die Cannabispflanze aus dem Auto zu befreien und ins Haus zu tragen. Es stellt sich heraus, dass der Mann seinen Probearbeitstag hat. Ihn scheint es nicht zu irritieren, dass er statt Getränkekisten scheinbar astreine Grasware ins Innere des Restaurants schleppen soll. Was für ein Arbeitsplatz! Das finde auch ich, als ich mit Block, Kugelschreiber und dem Fotografen im Schlepptau zu der bunten Truppe stosse.

Drinnen nimmt uns Miguel, der "Tätschmeister" vom Maison Manesse in Empfang. Er hat bereits Unmengen Gin und Wodka bereitgestellt, in denen wir den CBD-haltigen Cannabis ziehen lassen werden, um ein kleines Wundergetränk herzustellen. CBD ist ein Cannabidiol aus dem weiblichen Hanf und wirkt vor allem entkrampfend, angstlösend und gegen Entzündungen und Übelkeit. Die Forschung geht davon aus, dass CBD zusätzlich gegen psychische Erkrankungen hilft.

Es wird geerntet. Wir ziehen uns Gummihandschuhe über und beginnen, die verwelkten Blätter zu entfernen. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in den Müll. Während wir so die Blüten und Blätter von den Stängeln zupfen, öffnet sich die Tür vom Restaurant und vier Anzugmänner mit Aktenkoffern und verdutzter Miene schieben sich durch den Rahmen. "A table for four, please?", stammelt der eine in Richtung Miguel, der hinter der Bar stehend den Eindruck macht, als sei er für die Tischplatzierung die geeignete Ansprechperson. Dieser erklärt den Hungrigen, dass das Restaurant leider geschlossen habe und man im Zuge sei, einen neuen Gin-Geschmack zu kreieren. Nur, dass keine falschen Eindrücke entstehen. Den Herren wird eine Quartierskneipe um die Ecke empfohlen und damit verlassen sie unsere Szenerie.

Wir überlegen eine Weile, ob wir uns auf polizeilichen Besuch einstellen sollen und vereinbaren, dass der probearbeitende Mann im Ernstfall auch gleich den Blick anrufen soll. Schliesslich gäbe es unglaublich tolle Bilder: Zwei VICE-Journalisten, ein Fotograf und der kunterbunte Miguel, die inmitten von Unmengen Gras aus einem 15-Punkte-Gault-Millau-Restaurant abgeführt werden. Alles Tagträumen hilft nicht; unser Fotograf wird der einzige sein, der Bilder von diesem Happening schiesst.

Wir betten die abgetrennten Blätter und Blüten in die von Miguel vorbereiteten Gläser und begiessen dieses Arrangement mit Gin und Wodka. Die Gläser werden verschlossen und im Keller zwischen exquisiten Jahrgängen zum Ruhen gelagert. Aus einer dunklen Ecke holt Miguel unseren Test-Gin, den er schon Wochen zuvor mit CBD-Cannabis präpariert hatte und läutet zur grossen Verköstigung ein. Schliesslich soll kein Helfer aus dem Restaurant müssen, ohne das Endprodukt probiert zu haben. Auch der cannabisabstinente Fotograf lässt sich zu einem Drink überreden.

Miguel serviert Gin Tonic. Das Getränk ist giftgrün und erinnert mich an den Cannabiseistee, den ich als Jugendliche trank, weil ihn alle getrunken haben. Der Effekt ist allerdings ein anderer. Schon nach wenigen Sekunden entfaltet das Relaxan seine Wirkung und mein Körper entspannt sich merklich. Die berüchtigte Grasscheibe, wie man sie vom THC-haltigen Gras kennt, bleibt aber aus. Zusammen mit dem Alkohol verschafft das CBD ein subtiles High. "Wie ein ganz leichter MDMA-Trip", meint ein Testtrinker.

Ursprünglich hätte aus dem Experiment ein neuartiger Gin entwickelt werden sollen, der neben der Wirkung des Alkohols noch zusätzlich entspannt, so auch gegen Schmerzen hilft—und dennoch legal ist. Doch eine knappe Woche später, erreicht Till eine schlechte Nachricht: Lebensmittel unterliegen anderen Regulationen, wie Substanzen, die zu medizinischen Zwecken verwendet werden. So gilt die THC-Obergrenze von einem Prozent nicht für Lebensmittel. "Du darfst maximal 0.8 Gramm Gras in einen Liter Gin werfen, auf eine 70-Zentiliterflasche also nur 0.56 Gramm. Das ist so beschissen wenig, dass man am besten gar nichts reintut", erklärt Patrick Widmer, Gründer und Geschäftsführer von der Firma Medropharm, die das medizinische Cannabis anbaut.

War wohl nichts, mit der grossen Business-Idee und der Weltverbesserei. Für private Zwecke darf die Mischung zwar hergestellt werden, da alle Inhaltsstoffe legal sind. Laut dem Zürcher Kantonschemiker Martin Brunner fällt aber auch das Verschenken—wenn dies nicht im engen privaten Bereich geschieht—nach Lebensmittelrecht unter den Begriff "in Verkehr bringen" und ist somit nicht mehr legal. Ich bin mir daher sicher, dass die engsten Freunde aus dem Umfeld des Maison Manesse schöne Weihnachtsgeschenke erhalten werden, die man sich eben nicht kaufen kann.

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