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Therapie

Was ich durchgemacht habe, als ich zwei Jahre lang zum Psychologen gegangen bin

Kurz vorm Einschlafen fing mein Herz an zu rasen, ich konnte nicht atmen und dachte, ich müsse sterben. Es war die erste Panikattacken in meinem Leben.

von Toni Freitag
21 August 2018, 12:10pm

Symbolfoto: pxhere | CC0 Public Domain

Wir sind gerade an einem wichtigen Thema, als mein Therapeut sagt: "Alle Eltern hinterlassen bei ihren Kindern, auch ganz unbewusst, emotionale Schäden. Es kommt nur darauf an, wie groß dieser Schaden ist."

Dreimal die Woche liege ich bei meinem Therapeuten auf einer Ledercouch, so wie Hollywood es uns oft verkaufen möchte, und beschäftige mich mit tiefgehenden Themen: Es geht um meine emotionale Entwicklung, wieso ich mich auf keine Beziehung einlassen kann, und meine Ängste und Wünsche. Und das Klischee ist wahr: Ich erzähle im Liegen von dem, was mich beschäftigt. Mein Therapeut sitzt dabei hinter mir und macht sich Notizen. An wichtigen Punkten hakt er sich ein. 360 Stunden Psychoanalyse hat mir die Krankenkasse genehmigt.

So einfach es ist, über diese Erfahrungen zu schreiben, so unglaublich kompliziert und anstrengend war es, sie durchzumachen. Denn: Eine Psychoanalyse ist alles andere als einfach. Für Außenstehende ist es oft schwer nachzuvollziehen, was dabei genau passiert. Besonders von dem ersten Jahr möchte ich hier berichten.

18 Millionen Menschen in Deutschland haben mit psychischen Problemen zu kämpfen und viele von ihnen werden dafür von der Gesellschaft stigmatisiert. Der bayerische Landtag hat im Juli ein Gesetz verabschiedet, das in seinem ersten Entwurf psychisch Kranke wie Verbrecher behandelte. Wohl auch wegen solcher Vorurteile nehmen weniger als 20 Prozent aller Betroffenen [PDF] professionelle Hilfe in Anspruch. Auch ich möchte nicht, dass meine nächsten Arbeitgeber mich als jemanden betrachten, der "nicht funktioniert". Deshalb, und um andere hier erwähnte Menschen zu schützen, schreibe ich diesen Text nicht unter meinem richtigen Namen. Ich schreibe ihn jedoch, damit sich andere Menschen mit meiner Geschichte identifizieren können. Ich möchte ihnen sagen: Du bist nicht der einzige Mensch, der sich so fühlt. Auch ich musste das erst lernen.

Nach einer Tumor-Diagnose hatte ich meine erste Panikattacke

Mein Weg auf die Couch begann 2016 vor einer Operation, bei der ein Tumor aus meiner Lunge entfernt werden sollte. Wie so oft dachte ich, dass ich das schon schaffen würde, keine Hilfe bräuchte, und machte auf cool. Von außen konnte niemand sehen, welche Unruhe in meinem Innenleben herrschte. Mit 22 hatte ich mich selbst von meinen Gefühlen so weit entfernt, dass ich nicht mehr mitbekam, wie viel Angst ich eigentlich hatte und wie verzweifelt ich war. Die Jahre zuvor hatte sich viel Ballast auf meinen Schultern angesammelt: gescheiterte und enttäuschende Beziehungen, unerfüllte Wünsche und eine unglückliche Kindheit. Aber dazu später mehr.


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Am Abend der Tumor-Diagnose, eine Woche vor der OP, lag ich zu Hause im Bett. Kurz vorm Einschlafen fing mein Herz an zu rasen, ich konnte nicht atmen und dachte, ich müsse sterben. Es war die erste Panikattacke in meinem Leben – und es sollten noch viele weitere kommen. Ich landete in der Notaufnahme der Berliner Schlosspark-Klinik. Dort verschrieb man mir ein angsthemmendes Medikament. "Machen Sie eine Therapie?", fragte mich der Psychologe im Nachtdienst in der Klinik. "Nein", war meine Antwort – oder besser gesagt: Jein.

Wegen meiner Kindheit und turbulenten und gescheiterten Beziehungen hatte ich schon mehrere Versuche unternommen, den richtigen Therapeuten zu finden, oder überhaupt einen zu finden. Irgendwie wollte es nie so ganz klappen. Der Tiefpunkt war die Begegnung mit einem Therapeuten ein Jahr vor meiner OP. Ich erzählte ihm, dass ich mich von meinem Freund getrennt hatte, woraufhin er fragte: "Sie sind schwul – also haben Sie HIV?" OK, tschüß. Das war's dann erstmal.

Den Tag nach meiner Panikattacke nahm ich nur sehr verschwommen war – die Medikamente gegen die Angst ließen jegliches Gefühl in mir sterben und machten mich einfach nur müde. Die OP verlief gut. Die Ärzte entfernten einen gutartigen Tumor mit acht Zentimeter Durchmesser aus meinem Lungenflügel. Dennoch plagte mich durch die komplette Zeit vor und nach der OP ein Gefühl von Angst und Unruhe. Von den Schmerzen der Wunde ganz zu schweigen. Also musste ich etwas unternehmen.

Das erste Mal auf der Couch

In der Schlosspark-Klinik empfahl man mir ein psychotherapeutisches Institut. Nach der OP fand ich dort schnell einen Platz bei meinem heutigen Therapeuten. Noch im Vorgespräch kam mir alles sehr einfach vor. Ich erzählte von meiner schwierigen Kindheit, dass es mir schwerfalle, mich selbst gut zu behandeln, und meine Beziehungen immer wieder scheiterten. Das klingt jetzt so, als wollte ich direkt möglichst kaputt wirken, um einen Platz zu bekommen – und so war es auch. Ich hatte das Gefühl, ich müsste "gut genug" sein.

Die Ursachen für Angst- und Verhaltensstörungen, die eine Therapie erfordern, können sehr unterschiedlich sein. Häufig liegen sie in unserer Kindheit. Aus diesem Grund war ich wohl prädestiniert für eine Therapie: Ich bin in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen. Mein Vater war nie wirklich ein Familienmensch und kümmerte sich stattdessen um seine Karriere. Meine Mutter hatte ein starkes Alkoholproblem und meine Schwester litt zu sehr unter der Situation, als dass sie für mich hätte da sein können. Auch jemand, der nicht in einer solchen Konstellation aufgewachsen ist, kann sich vorstellen, was das in einem Kind auslöst: nichts Gutes.

Ich hatte meine Traumata weggesperrt

Nun lag ich selbst auf der Therapeuten-Liege und sollte mein Innerstes – von dem ich keine Ahnung hatte – nach außen kehren. Also begann ich einfach ganz von vorne: Da wären die Einsamkeit, die Leere und die Traurigkeit, die ich von kleinauf empfand. All das sind Gefühle, die viele Kinder empfinden, die in "kaputten" Familien aufgewachsen sind. Da meine Eltern mich nicht auffangen konnten, fiel es mir noch schwerer, meinen emotionalen Ballast auszuhalten. Zu Hause durfte ich meine Wut oder Traurigkeit nicht zeigen (alkoholkranke Mütter finden das nicht gut), weswegen ich mir andere Wege suchte, damit umzugehen.

Ich begann zu essen und wurde unglaublich fett. Knapp 60 Kilo brachte ich mit sieben Jahren auf die Wage. Ich stopfte mich mit Billig-Eiskrem, Schokolade und Cola voll, isolierte mich und verbrachte Tage vor dem Computer, während meine Mutter mit ihren eigenen Problemen beschäftigt war. Mit 16 schlug es in das Gegenteil um. Ich wurde besorgniserregend dünn. Meinen Hunger stillte ich mit Einkaufen, Sport, Alkohol und meinen ersten Jobs neben der Schule. So wollte ich meinen Unsicherheiten und Gefühlen aus dem Weg gehen. Erst später lernte ich, dass alle Süchte eines gemeinsam haben: Sie helfen nicht, sie machen alles nur noch schlimmer.

Durch die Therapie habe ich erkannt, dass ich die vielen Traumata, die ich in meiner Kindheit erfahren hatte, weggesperrt habe, um zu überleben. Anders ging es nicht. Als Kind wollte ich so meiner Hilflosigkeit entkommen. Doch wie mir ebenfalls durch die Therapie bewusst wurde, machten mir diese Schutzmechanismen mein Leben als Erwachsener oft sehr schwer. Sie erfüllten nicht mehr ihren Zweck.

Stattdessen führten sie dazu, dass nicht nur ich mit mir selbst überfordert war, sonder auch meine Freunde. Ich konnte ihnen nicht sagen, was mit mir los war. Auch bei sehr empathischen Freunden fiel es mir schwer, ihnen von meinen Problemen zu erzählen. Wenn sie nicht dieselben Traumata erlebt hatten, nützte all ihre Empathie nichts. Meinen Freunden ging es so, wie es womöglich vielen Menschen geht, in deren Bekanntenkreis jemand mit psychischen und emotionalen Problemen kämpft: Sie konnten nicht nachvollziehen, wonach ich suchte oder was mir hätte helfen können. All die angestauten Gefühle aus meiner Kindheit waren meinen Freunden (und mir selbst) ein Rätsel.

Es ist erstaunlich, dass diese Gefühle bleiben, so sehr ich mich auch bemüht hatte, sie loszuwerden. Ich ging mit der Erwartung zu meinem Therapeuten, dass all das besser werden würde. Die Realität bewies mir jedoch das Gegenteil – es wurde schlimmer.

Mit der Weinflasche in die Therapie

Mit jeder Therapiestunde schien ich trauriger und bedrückter zu werden. Ich hatte Angst vor den Gefühlen, die mein Therapeut und ich gezielt an die Oberfläche brachten. Sie mussten raus, denn desto länger diese Gefühle unterdrückt werden, desto schlimmer können zum Beispiel Angststörungen werden. Besonders abends, allein zu Hause nach den Therapiestunden, verzweifelte ich daran. Jedoch fand ich schnell einen Weg, damit umzugehen. Mit Alkohol und Partys medikamentierte ich mich selbst. Immer verfügbar und niemals enttäuschend linderten diese zwei Mittel meine Schmerzen. Trotz alledem funktionierte ich nach außen perfekt. Ich ging jeden Tag zur Arbeit, sah gut aus, trieb Sport und galt als "Sunnyboy". Niemand sollte wissen, wie es in mir aussah. Ich schämte mich.

Doch während es sich für mich anfühlte, als ob alles erst mal schlimmer wird, half mein Therapeut mir damit zu erkennen, wer ich wirklich bin. Ich sollte lernen, all die Gefühle auszuhalten. Und ich sollte verstehen, dass der Alkohol, die Partys und meine Arbeitswut nur Ablenkungsmanöver waren. Je mehr wir uns diesem Ziel näherten, desto schwieriger wurde es allerdings auch zwischen mir und meinem Therapeuten. Diese Nähe war schwer für mich auszuhalten. Gelegentlich ging ich betrunken zur Therapie, einmal sogar mit einer Flasche Wein in der Hand. Ich wollte provozieren, um die Beziehung zu sabotieren. Es sollte knallen. Mein Therapeut blieb gelassen und reagierte mit Verständnis. Damit lehrte er mich eine der wichtigsten Lektionen in meinem bisherigen Leben: Beziehungen können stabil sein. Es gibt Menschen, die sich wirklich für den Toni hinter der Fassade interessieren, ihn akzeptieren – und ihn auffangen.

Niemand kann mir die bedrohlichen Gefühle abnehmen, niemand kann mich heilen, niemand kann mich lehren, mich selbst zu lieben und gut mit mir umzugehen.

An dieser Stelle fing die eigentliche Therapie an: Ich verabschiedete mich von meinen Party-Freunden und wenig später auch vollständig vom Alkohol. Ich erkannte, dass es so nicht weiterging. Ich war müde vom Kämpfen. Ich kündigte meinen Job, um mich auf die Therapie zu konzentrieren, und hörte auf, mir Sachen zu kaufen, die ich nicht brauchte. Ich begriff langsam, dass der Ausweg nur über die Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen führte. Das ist jetzt ein halbes Jahr her – und in diesem halben Jahr habe ich mehr über mich gelernt als je zuvor in meinem Leben.

Niemand kann mir die bedrohlichen Gefühle abnehmen, niemand kann mich heilen, niemand kann mich lehren, mich selbst zu lieben und gut mit mir umzugehen. Das ist ganz allein meine Aufgabe – aber: Es gibt Menschen, die mein Sicherheitsnetz sind, die mich verstehen und die mich unterstützen. Ich habe durch die Therapie gelernt, dass Nähe zu anderen Menschen, und ich rede von einer wirklich starken Nähe, nur zustande kommt, wenn ich vor ihnen meine Unsicherheiten offenlege, mich zeige und keine Fassade präsentiere. Nähe über Unsicherheiten herstellen? Vor einem Jahr hätte ich noch gelacht und eine Flasche Weißwein entkorkt. Aber das war einmal. Ich habe gelernt, dass all meine Gefühle, die guten und die Arschloch-Gefühle, dazugehören.

Ich wurde zu dem Menschen, den ich als Kind gebraucht hätte

In mir sind "Lücken" entstanden. So nennt mein Therapeut all die versäumten Wünsche und Bedürfnisse aus meiner Kindheit. Während es für die meisten Menschen völlig normal ist, musste ich erst lernen, diese Lücken auszuhalten – wenn ich zum Beispiel Liebe brauche und nichts und niemand sofort parat steht. Ich muss mit diesem Gefühl allein bleiben, es nicht verdrängen und es willkommen heißen. Das Gefühl sagt hallo und verabschiedet sich dann wieder. Ich begegne diesem Leere-Gefühl und der Sehnsucht nach jemandem, der mich rettet, mit Liebe und Verständnis.

Das liegt vor allem an einem der wichtigsten aller Schritte, den ich erst vor Kurzem unternommen habe: Ich bin zu dem Erwachsenen geworden, den mein inneres Kind immer brauchte. Denn all die Verzweiflung, das Bedürfnis nach Liebe und der Selbsthass kommen aus einer unschönen Kindheit. Ich war mein Leben lang allein mit diesen Gefühlen. Mein inneres Kind trage ich heute immer noch mit mir rum, aber ich gehe sehr liebevoll mit ihm um. Ich sage ihm, dass alles OK ist, weil ich mich jetzt um es kümmere.

Ich will nicht sagen, dass all die negativen Gefühle verschwinden. Es wird jedoch besser. Ich habe gelernt, damit zu leben. Ich musste lernen, mit mir gut umzugehen, so wie ich es mir von meinen Eltern gewünscht habe. Selbstliebe und Selbstsicherheit sind erlernbar. Der Weg dorthin führt aber durch all die unangenehmen Gefühle. Einen anderen Weg gibt es nicht. Glaube mir, ich habe es versucht und bin gescheitert.

Mittlerweile gehe ich keine Umwege mehr und suche direkt den Weg durch die Traurigkeit, Einsamkeit, Wut, Leere oder was auch immer es in dem Moment ist. Es ist OK, all diese Sachen zu fühlen. Es ist OK, nicht OK zu sein. Und vor allem ist es OK, du selbst zu sein. Eine Therapie ist harte Arbeit, die sich lohnt. Eine Therapie kann keine Wunder bewirken, sie kann dir aber ein schöneres und glücklicheres Leben ermöglichen. Und eines möchte ich noch loswerden: Es ist vor allem OK, um Hilfe zu bitten.

Wenn ihr oder jemand in eurem Umfeld Hilfe benötigt, wendet euch an entsprechende Stellen, die euch unterstützen können.

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