Aimen Dean in London, Juli, 2018

Wie einer in den Dschihad zog und zum Top-Spion des MI6 wurde

Wir haben Aimen Dean getroffen, der zehn Jahre lang Bomben für al-Qaida baute.

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08 August 2018, 8:25am

Aimen Dean in London, Juli, 2018

Peschawar, Pakistan, Ende der 90er. Zusammengekauert in einem Internet-Café steht al-Qaidas oberster Bombenbauer vor einer Entscheidung, die sein Leben für immer verändern wird. Soll er die Männer verraten, an deren Seite er gekämpft, mit denen er zusammengearbeitet hat? Er hatte gerade erst das berüchtigte Derunta-Trainingslager in Afghanistan verlassen. Auf der einen Seite seiner Entscheidung lauert die stumpfe Klinge des al-Qaida-Henkers, auf der anderen steht der tiefe Konflikt mit seinem Glauben. Was auch immer er wählt, er wird es nicht wieder rückgängig machen können.

1999, vier Jahre nachdem er in den Dschihad gezogen war, hat der Mann, den wir heute als Aimen Dean kennen, genug gesehen. Was mit der Unterstützung bosnischer Muslime begonnen hatte, war zum Teil einer Terrorzelle geworden, die Bombenanschläge auf zwei US-Botschaften verübt und dabei 224 Menschen in Kenia und Tansania getötet hatte.

Sein Herz klopft. Mit einem Auge die Tür ständig im Blick schaut er zu, wie al-Qaidas A bis Z der Bomben und Gifte langsam auf eine andere Festplatte kopiert wird. Diese Daten sind seine Versicherung, sie garantieren ihm Schutz – falls er es schafft, sie den richtigen Menschen zu geben. Bekommen seine alten Weggefährten Wind davon, sind sie ein Expressticket zu seiner Enthauptung.


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Sobald er seine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Festplatte gesichert hat, fliegt Dean nach Katar, wo er wie geplant verhaftet wird. Man stellt ihn vor die Wahl: Entweder arbeitet er für den britischen oder den französischen Geheimdienst. Dean entscheidet sich für die Briten, bald ist er ein wertvoller Informant des MI6. Er liefert in den folgenden Jahren Einblicke in Teile Afghanistans, die vom Internet abgetrennt sind und sich klassischer Überwachung entziehen. Zwischenzeitlich ist er der einzige Zugang westlicher Geheimdienste zum Waffenprogramm al-Qaidas. Er hilft dabei, die Pläne für den Giftgasanschlag auf die New Yorker U-Bahn aufzudecken sowie die Rekrutierungs- und Finanzierungskampagnen von britischen Imamen wie Abu Hamza und Abu Qatada.

2006 wird Dean enttarnt, als ein Auszug aus The One Percent Doctrine im TIME Magazine erscheint. In dem Buch über die Terrorabwehr-Bemühungen der USA stehen hinreichend Einzelheiten über einen Spion namens "Ali", sodass die al-Qaida-Führung Dean auf die Schliche kommen konnte.

London, Juli 2018, ein Café in der Tottenham Court Road. Der 39-Jährige mit Brille und sanfter Stimme, der mir gegenüber sitzt, sieht weder aus wie ein fanatischer Dschihadist noch wie ein Topspion, der zehn Jahre mit einigen der gefährlichsten Individuen der Welt zusammengearbeitet hat – auch mit Osama bin Laden. Dean sagt, dass er den Mann anfangs bewundert habe, der wenige Jahre später der meistgesuchte Terrorist der Welt werden sollte. "Er war sehr groß – gut über 1,90 – und er hat sehr sanft gesprochen, wie ein gutmütiger Schuldirektor", sagt er. "Da war nichts von dieser Gefährlichkeit oder dem Zorn, die er später in sich trug."

Frühe Verlusterfahrungen hatten Deans Weg in den Dschihad begünstigt. Er wuchs in Saudi-Arabien auf, sein Vater starb bei einem Verkehrsunfall, als er vier war. Als er 14 war, starb auch seine Mutter unerwartet. Mit 16 brauchte es dann nicht mehr viel Überzeugungsarbeit, damit sich die Vollwaise seinem Lehrer und ein paar älteren Freunden anschloss, die bereits an der Seite bosnischer Muslime gegen serbische Milizen kämpften.

"Der Dschihad hat mich nicht gebraucht, ich brauchte den Dschihad", sagt er. "Im Fernsehen habe ich mitangesehen, wie bosnische Muslime von serbischen Scharfschützen erschossen oder auf dem Weg zum Bäcker in die Luft gesprengt wurden. Ich wollte ein Märtyrer werden."

Nach gerademal zwei Tagen Kampfausbildung wurde Dean als Sanitäter an die Front geschickt. Schnell merkte er, dass Krieg alles andere als glorreich ist. "Männer schrien vor Schmerzen, aber jedes Geräusch, jeder Hilferuf bedeutete auch, dass dich ein Scharfschütze ins Visier nimmt", sagt er. "Ein Mann hatte eine Maschinengewehrsalve in den Bauch bekommen. Ich habe ihm meinen Schal umgebunden, damit seine Innereien nicht rausfallen."

In der Schule war Dean besonders gut in Mathe und Kartenlehre gewesen – Eigenschaften, die plötzlich sehr gefragt waren, als es darum ging, 120 Millimeter Mörsergeschoss auf feindliche Ziele zu feuern. In einem Gefecht landete er einen direkten Treffer auf serbische Soldaten, die sich auf einem Friedhof versteckt hatten. "Ich hatte kein Mitleid mit ihnen", sagt er. "Wir hatten die verkohlten Überreste von Babys und die Leichen vieler Frauen und Kinder in muslimischen Dörfern gefunden. Die Serben, gegen die wir kämpften, waren verantwortlich für diese abscheulichen Grausamkeiten."

Als der Bosnienkrieg vorbei war, führte Deans Märtyrer-Überzeugung ihn nach Afghanistan in das al-Qaida Ausbildungslager in Derunta. Hier wuchsen die leisen Zweifel an den Aktionen der Gruppe, die ihm bereits in Bosnien aufgekommen waren, zu einem lauten Gebrüll.

In den drei Jahren seit Verlassen der saudischen Heimat hatte er erlebt, wie Freunde serbische Gefangene umbrachten. Jetzt sollte er selbst Gifte und Waffen herstellen, um damit Zivilisten zu töten. An Käfigen voller Kaninchen führte er Versuche mit dem Gift Botulinumtoxin durch. Es ging nicht mehr bloß um den Schutz verletzlicher Muslime. Der Westen sollte mit Selbstmordattentaten und Sprengsätzen in Kinos, auf öffentlichen Plätzen und in Clubs angegriffen werden. "Al-Qaida wollte unschuldige Menschen umbringen", sagt er. "Mein schlechtes Gewissen wegen dieser Tests hat mich auch als Tierliebhaber heimgesucht. In meinen Träumen wurde ich von Kaninchen verfolgt."

Der Kontakt mit einigen der hasserfülltesten Menschen der Welt im Ausbildungslager festigte Deans Wunsch, sich diesen entgegenzustellen. "Abu Nassim, der später hinter dem Anschlag auf Touristen in Tunesien stecken sollte, hat es richtig genossen, die Kaninchen bei unseren Waffentests zu quälen", sagt Dean. "Er war ein richtiger Psychopath. Er erzählte immer wieder Geschichten aus seiner Zeit als Drogendealer in Mailand – vor allem aber schimpfte er darüber, den Westen zu zerstören."

Mit einem Chemikalienmix und Batterien aus Casio-Uhren von den Märkten Pakistans hantierend war der Bombenbau extrem riskant. "Abu Hamza hat immer behauptet, dass er seine Hände und das Auge beim Kampf gegen die Sowjets oder der Räumung von Landminen verloren habe, dabei hat er einfach Hinweise ignoriert, Chemikalien nicht bei der falschen Temperatur zu mischen", sagt er. "Die Verbindung ist ihm in den Händen explodiert. Die klebten danach an der Decke."

Da er dem MI6 versprochen hatte, Licht in al-Qaidas Machenschaften zu bringen, musste Dean weiter Bomben bauen. Er sagt allerdings, dass er absichtlich dafür gesorgt habe, dass die Vorrichtungen nicht ganz funktionieren oder Probleme verursachten. So konnte er ihren Einsatz hinauszuzögern.

Aus einem Umfeld von angehenden Massenmördern heraus informierte Dean den Geheimdienst über den britischen Dschihadisten Hamayun Tariq – einen Mechaniker aus Dudley. Dean hatte Tariq ursprünglich auf den absichtlich unbrauchbaren Plan gebracht, Autotürgriffe mit Nikotin zu vergiften. "Seitdem", so Dean, "ist er sehr geschickt geworden. Er ist wahrscheinlich der beste Bombenbauer aus Großbritannien. Heute hat er es darauf abgesehen, mit Drohnen Stadien und öffentliche Veranstaltungen anzugreifen. Er war verantwortlich für das Laptopverbot in amerikanischen Flügen."

Während seiner Zeit beim MI6 besuchte Dean immer wieder Großbritannien, wo er die florierende Dschihadisten-Szene um die Finsbury-Park-Moschee Anfang der 2000er infiltrierte. Dean sagt, dass keiner der Männer in den Führungspositionen – unter anderem Abu Hamza und Abu Qatada – jemals hätten Imame werden dürfen. Sie seien Betrüger. "Männer wie Qatada kannten den Koran noch nicht mal und haben trotzdem psychotische Fatwas erlassen, um andere umbringen zu lassen", sagt er. "Er hat eine Fatwa erlassen, dass algerische Männer Polizisten, Diplomaten und Familien von Beamten töten sollen – die Köpfe von Babys wurden gegen Wände geschlagen."

Seine Spionagetätigkeit brachte Dean mehrmals in ernsthafte Bedrängnis. In Afghanistan setzte ein Offizier von al-Qaidas Geheimpolizei einmal eine Waffe auf seine Wirbelsäule. "Er sagte zu mir: 'Das Spiel ist aus, wir wissen, wer du bist.' Der Geheimdienst von al-Qaida führte immer wieder solche Tests durch, obwohl das gegen die Lagerregel verstieß, die Waffe auf jemanden zu richten." Während seiner Zeit im Derunta-Lager wurden sechs andere Spione enttarnt und enthauptet. Der einzige, der überlebte, war Dean. "Ich konnte mir die Prozesse oder Exekutionen der Spione nicht anschauen. Meine eigener Verstand hat es mir nicht erlaubt", sagt er.

Als seine Spionagetätigkeit aufflog, zog Dean nach Großbritannien und versuchte, dort ein normales Leben zu leben. Er arbeitet jetzt in der Terrorabwehr und anderen Sicherheitsbereichen. Der Gefahr, in der er immer noch schwebt, begegnet er mit bemerkenswerter Gleichgültigkeit. Zwar sind viele seiner potenziellen Rächer für viele Jahre weggesperrt, aber zwischendurch holt ihn seine Vergangenheit immer wieder ein. 2016 brach er eine Reise zu einer Familienhochzeit in Bahrain ab, nachdem die Behörden ihm den Tipp gegeben hatten, dass zwei Attentäter schon auf seine Ankunft warteten. Bei einem anderen Vorfall entging er knapp einer ehemaligen al-Qaida-Gruppe in der Londoner U-Bahn. Er versteckte sich in einer Drogeriefiliale, bis die Gefahr vorbei war.

Der Kampf gegen den islamistischen Extremismus ist immer noch nicht gewonnen, aber Dean hat eine Warnung für alle, die mit dem Dschihad liebäugeln: "Ich habe sechs Jahres meines Lebens in fünf verschiedenen Kriegsgebieten verbracht", sagt er. "Ich kann dir sagen, dass der Nationalstaat, den du gerade so sehr verabscheust, niemals als selbstverständlich hingenommen werden darf. Polizei, Krankenhäuser, ein Sozialsystem. Diese Möchtegern-Dschihadisten haben noch nie einen Tag ohne eine warme Mahlzeit erlebt. Die könnten noch nicht mal ohne Internet überleben. Denk gut darüber nach, was du dir wünscht."

Aimen Deans Buch Nine Lives: My Time As MI6's Top Spy Inside al-Qaeda ist im Juni bei Oneworld Publications erschienen.

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