Vergewaltigungswitze vs. Political Correctness: Was der Fall James Gunn über unsere Zeit aussagt

Der Regisseur von 'Guardians of the Galaxy' wurde von Disney für seine sehr geschmacklosen, aber 10 Jahre alten Witze auf Twitter gefeuert. Wie gerechtfertigt ist das?

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Aug. 12 2018, 7:00am

"Das Beste daran, vergewaltigt zu werden, ist wenn die Vergewaltigung vorbei ist und du dir denkst: 'Puh, es fühlt sich wirklich großartig an, nicht vergewaltigt zu werden'." Es sind schlechte Witze wie dieser, die den Hollywood-Regisseur James Gunn, Regisseur und kreative Kraft hinter den Guardians of the Galaxy-Filmen, Ende Juli seinem Job gekostet haben. Jemand, der für das sonst so klinisch saubere Maus-Imperium Disney arbeitet, sollte sich solche Kommentare auf Twitter auch nicht unbedingt erlauben.

Die Sache ist nur: Dieser und einige andere fragwürdige Tweets von Gunn, die nun zum Anlass für die Kündigung genommen wurden, sind vor rund 10 Jahren entstanden. In einer Zeit also, in der Gunn sich zum selbsternannten Rebell hochstilisiert hatte und Filme drehte, die eher an erwachsene Befindlichkeiten gerichtet waren.

Der junge Regisseur hat seine Laufbahn bei Troma begonnen; dem legendären Trash- und B-Movie-Studio von Lloyd Kaufman, der unter anderem Filme herausbrachte wie A Nymphoid Barbarian in Dinosaur Hell oder Toxic Avenger oder auch Poultrygeist: Night of the Chicken Dead. Nebenbei schrieb James Gunn Blogposts wie "50 Superhelden mit denen du am ehesten Sex haben willst", in denen er Iron Man unterstellte, die lesbische Batwoman "bekehren" zu können.

In den 10 Jahren seither ist es sogar schon zu einer Entschuldigung gekommen: 2012 erklärte Gunn, nicht mehr diese Person zu sein und das Ganze wurde – nach einem mittelmäßig kleinen Skandal – ad acta gelegt. Nun hat sich in den letzten Jahren bekanntlich einiges getan und die Sache mit dem ad acta legen ein bisschen erschwert.


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#MeToo ist nur das jüngste Beispiel, aber auch Bewegungen wie #BlackLivesMatter und #OscarsSoWhite haben das gesellschaftliche Klima in den USA geprägt und die Reaktionen darauf haben die beiden Fronten viel unnachgiebiger werden lassen. Als Alt-Right-Trolle am 19. Juli 2018 in einem Online-Feldzug gegen liberale Künstlerinnen und Künstler die alten Tweets von James Gunn wieder ausgruben – vermeintlich um die moralische Verlogenheit der Linken aufzuzeigen –, entschied sich Disney innerhalb von 24 Stunden, Gunn zu feuern. Die Witze über Minderheiten, Frauen, körperliche Behinderungen und Pädophilie würden nicht ihren Werten entsprechen.

Dass Kinderonkel Disney keine Freude an Vergewaltigung und Pädophilie hat, stand allerdings nie als Frage im Raum. Genauso wie vermutlich niemand ernsthaft glaubt, dass Gunn solche Taten gutheißen würde – oder sagen wir: niemand außer vielleicht Ted Cruz. Die schnelle Kündigung hat wohl eher mit dem Anliegen zu tun, die eigene Marke davor zu schützen, überhaupt im selben Atemzug wie unkorrekte Witze über das Thema Vergewaltigung genannt zu werden. Witze sind nicht mehr nur Witze, egal wie schlecht oder gut sie sein mögen. Sie sind Statements, die gerade bei so witzlosen Themen wie Vergewaltigung auch nicht den "benefit of a doubt" zugesprochen bekommen.

Ironischerweise – und das ist die eigentliche Tragik dabei – erreichen die rechten Trolle damit genau ihre Ziele; nämlich die Korrektheit der Linken für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, bis hin zur Selbstzerfleischung der Moralapostel. Nachdem durch die Kündigung Gunns die Schleusen geöffnet worden waren, gingen rechte Trolle auch gegen andere Comedians vor. Dan Harmon und Patton Oswalt, die ebenfalls attackiert wurden, konnten jedoch ihre Jobs behalten ­– unter anderem, weil sie nicht für einen Kinderkonzern arbeiten, sondern immer noch ihre Karriere auf Unkorrektheit bauen.

Uneingeschränkte Toleranz führt zum Verschwinden ebendieser, wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, sich gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen.

Sie sind die prominentesten Beispiele eines neuen Populismus, der im Internet fern der Gerichte und Untersuchungen tobt, sofort Urteile spricht und gefangen ist in einem Zyklus aus Nachrichten, Gossip, Vermutungen und Lügen. Disney hat versucht, im Sinne der Political Correctness zu urteilen und musste erstaunt feststellen, dass nicht alle die Entscheidung willkommen hießen. Hatte man wirklich übertrieben? Waren Gunns 10 Jahre alten Witze in den Augen der breiten Öffentlichkeit etwa doch OK?

Schon Karl Popper hat über das sogenannte „Paradoxon der Toleranz” geschrieben: Uneingeschränkte Toleranz führe zum Verschwinden ebendieser, wenn die Gesellschaft nicht bereit sei, sich gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen.

Abseits von milliardenschweren Hollywoodstudios haben vor allem professionelle Comedians schon länger Probleme, Sets zu schreiben und aufzuführen, die nicht irgendjemanden kränken. Sie leben in einer Ära, die sie neu navigieren lernen müssen und in denen ironischen Spitzen oder Beleidigungen heute oft nicht als Gags, sondern als Ausdruck ihrer ehrlichen Meinung ausgelegt werden. Der Stand-Up-Comedian Jerry Seinfeld äußerte sich 2015 in einem Interview mit ESPN kritisch über die glühendsten Verfechter der Political Correctness – junge College-Studenten. Diese würden gern mit Anschuldigungen von Sexismus und Rassismus um sich werfen, hätten aber eigentlich keine Ahnung, so Seinfeld.

In Österreich ist die Situation noch ein wenig anders, findet die in Berlin ansässige österreichische Stand-Up-Comedian Erika Ratcliffe. Nicht zuletzt, weil es hier im Gegensatz zu den USA wesentlich weniger starke gesellschaftliche Spannungen gibt, die die Debatte zusätzlich erhitzen.

"In Österreich gelten andere Regeln als in Deutschland, USA oder Großbritannien", sagt Ratcliffe, die auf der Bühne auch gern mal – nicht immer besonders korrekt – über ihre asiatischen Wurzeln spricht. „Man konnte schon immer grindige, politisch unkorrekte Witze machen, ohne dass irgendwelche Konsequenzen gefolgt wären. Aber vielleicht wird sich das auch in Zukunft ändern."

Sie selber hält eher wenig von Vorschriften. "Ich bin gegen PC", sagt sie klar. "Wenn jemand freie, nicht reglementierte Aussagen trifft, kannst du selbst entscheiden, ob dieser Mensch ein Arschloch ist. Vielleicht ist dieser Mensch aber auch einfach nur unterhaltsam."

Auch der österreichische Kabarettist Elias Werner sieht die Sache ähnlich – wobei er schade findet, dass Political Correctness mittlerweile zu einem negativ besetzten Begriff geworden ist. "Zwischen einer simplen Beleidigung mit Spaßfaktor und einer handwerklich gut gemachten Pointe war schon immer ein Unterschied. Je nach Anspruch, Thematik und Zielpublikum muss man Pointen eventuell raffinierter servieren – oder aber eine dickere Haut haben." Dass sich der Humor in unserer Gesellschaft weiterentwickelt hat, findet er aber durchaus begrüßenswert. Die ganz große Kunst sei es, Witze zu schreiben, die diese gesellschaftlichen Änderungen aushalten und auch dann noch funktionieren. "Gerade in der Lebensdauer eines Witzes liegt seine 'ethische' Qualität", sagt Werner.

Es liegt aber nicht nur am Witz alleine, findet der amerikanische und in Wien lebende Stand-Up-Comedian Okello Dunkley, der in seinem Set nicht selten seine schwarze Hautfarbe thematisiert. "Es ist nicht die 'Wortpolizei', die dir Probleme macht. Es ist die tiefsitzende Ablehnung gegenüber einer Gruppe an Leuten, die einen irgendwann einholt. Wenn man diese Mentalität hat, wird sie einem eines Tages zum Problem werden."

Die Bedeutung von Political Correctness und die Agenden dahinter sind bis heute noch nicht ausreichend abgeklärt. Entstanden ist der Terminus im Laufe der 80er-Jahre, als amerikanische Collegestudenten erstmals Sensibilisierung im Sprachgebrauch einforderten. Der Grundgedanke ist so simpel wie gut: Anstatt davon auszugehen, dass die Meinung der weißen, westlichen, männlichen Mehrheit die objektive Wahrheit ist, könnte man doch versuchen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Statt nur über andere zu reden (zum Beispiel, indem man abfällige Begriffe aus der Vergangenheit für ganze Volksgruppen verwendet), könnte man sie doch auch selbst fragen, wie sie darüber denken (und herausfinden, dass Roma gar nicht so gern "Zigeuner" und Schwarze genauso ungern "N****" genannt werden).

Es geht also in erster Linie darum, Respekt vor den "Anderen" zu haben. Konservative kritisieren, dass diese Toleranz gegenüber Minderheiten heute allerdings Überhand nehme und zu einer neuen Intoleranz gegen die Mehrheitsgesellschaft führe, was – ihr ahnt es schon – die Meinungsfreiheit einschränken würde. (Ein gängiger Irrtum: Eine Gegenmeinung ist keine Einschränkung der Meinungsfreiheit; im Gegenteil. Einschränkungen der Meinungsfreiheit passieren dort – und nur dort –, wo Gegenmeinungen vom Staat verboten werden.) Liberale lehnen diesen Vorwurf ab. Für sie spielt die Veränderung der Sprache eine wichtige Rolle in der Veränderung der Mentalität von Menschen, um einen sozialen Wandel zu erzielen.

Die Sache ist nur: Auch Humor trägt zu einem solchen Umdenken bei. Und zwar definitionsgemäß durch unkorrekte Witze, die gängige Wahrheiten hinterfragen. Wo aber verläuft die Trennlinie? Wie weit darf Humor gehen? Für Erika Ratcliffe ist eins der wichtigsten Kriterien, wem ein Witz gilt. "Ein Witz auf Kosten anderer ist immer schwierig. Am einfachsten ist es, einen Witz über eine Gruppe zu machen, die historisch, gesellschaftlich oder sozial höhergestellt ist als die eigene", erklärt sie ihren Zugang.

"Witze über Deutsche und Österreicher funktionieren fast immer, weil sie historisch weiß sind, wirtschaftlich gut situiert sind und eine nationalsozialistische Vergangenheit haben.“ Um manche Themen mache aber auch sie lieber einen Bogen. "Ich persönlich mache keine Witze über Schwarze Menschen, geistig oder körperlich behinderte Menschen oder fette Menschen. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich als körperlich und geistig komplett fitte Asiatin keine Ahnung von diesen Lebensrealitäten habe."

Auch Okello Dunkley hat Auflagen, wenn es um Themen wie rassistische Witze geht. "Ich bin Schwarz, also rede ich über den Rassismus, der mir widerfährt. Ich scherze aber nicht darüber, rassistisch zu sein." Dass andere diese Witze sehr wohl machen, ist für ihn Geschmacksache. "Ich habe kein Problem damit, wenn Leute Witze über Minderheiten machen, solange sie lustig sind. Aber meistens sind sie das nicht. Es ist oft sehr amateurhaft, wenn du keine Ahnung hast was du tust. Diese Leute wollen vermutlich nur eine schockierte Reaktion provozieren oder brauchen die Aufmerksamkeit. Wenn jemand einen wirklich guten Witz über Rassismus hätte, wäre ich der erste, der lachen würde."

"Humor ist ein Werkzeug um unfassbare, unerträgliche Dinge zu verarbeiten, aber auch, um zu enttabuisieren."

Was Humor darf, fasst der Comedian Elias Werner so zusammen: "Humor ist ein Werkzeug um unfassbare, unerträgliche Dinge zu verarbeiten, aber auch, um zu enttabuisieren. Es gibt also kein Thema, über das man keine Witze machen darf. Es ist aber durchaus relevant, wie der Witz erzählt wird und welche Message damit transportiert wird.“ Humor diene als Werkzeug, um größere soziale Zugehörigkeit zwischen Individuen zu schaffen und gesellschaftliche Distanzen zu vermindern.

"Hin und wieder ertappe ich mich dabei, durch bemühte Differenzierung an Aussagekraft und Profil zu verlieren“, gesteht Werner. "Man darf auf der Bühne keine Angst haben, sich zu positionieren." Wer jedes beleidigende Wort, jeden Satz oder jede Geste auf die Wagschale legt und Humor daran misst, wie sehr er zum eigenen Wohlfühlen beiträgt, der verhindert damit auf lange Sicht, dass Humor seine eigentliche Aufgabe erfüllen kann – nämlich auf tabuisierte Themen hinweisen, gesellschaftliche Probleme neu verhandeln und den Leuten auf dem Weg zur Veränderung gleichzeitig ein Ventil bieten.

Wie so häufig liegt die Lösung vermutlich auch hier zwischen den Extremen. "Das Meiste im Leben spielt sich in den Grauzonen ab", sagt Erika Ratcliffe dazu. "Oft sagen Menschen etwas und meinen es nicht im Geringsten. Ich beurteile Menschen deshalb immer nur nach ihren Aktionen und nie allein nach ihren Aussagen."

James Gunn hat nach einer öffentlichen Entschuldigung inzwischen alle Tweets gelöscht. Seinen Job bei Disney wird er vermutlich trotzdem nicht mehr zurückbekommen. Was seine Geschichte für die Kreativ-Branche bedeutet, ist vorerst unklar. Allerdings sollten wir uns als Gesellschaft fragen, ob wir es Erika Ratcliffe nicht gleichtun wollen – damit sich am Ende nicht nur rechte Trolle die Hände reiben. Vielleicht sollten wir auch alle noch mal über die Kernbotschaft der Guardians of the Galaxy-Filme nachdenken. Immerhin ist es die Geschichte einer Gruppe kaputter Außenseiter, die alle mehr als einmal im Leben danebengegriffen haben – nur um sich am Ende zu ändern und allen zu beweisen, dass es nicht auf Altlasten (oder Tweets), sondern die Taten ankommt.

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Titelfoto: Anthony Quintano | Flickr | CC BY 2.0

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