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Sex

Wie sich mein Leben verändert hat, seitdem ich keinen Alkohol mehr trinke

Als ich seit Langem mal wieder nüchtern Sex hatte, fühlte ich mich, als wäre ich Jungfrau und hätte zum ersten Mal fremde Genitalien gesehen.

von Toni Freitag
24 August 2018, 10:17am

Illustration: imago | Ikon Images | bearbeitet

Ich liebte ihn, er war einer meiner besten Freunde. Wir hatten eine innige Beziehung, eine Nähe, die ich, bis ich ihn kennenlernte, so noch nie empfunden hatte. Zwei- bis dreimal die Woche sahen wir uns, verbrachten Zeit zu Hause oder tanzten die Nächte in Berliner Clubs durch. Er enttäuschte mich nie und trotzdem machte ich vor Kurzem, in meinem 24. Lebensjahr, von einem Tag auf den nächsten Schluss: Ich und der Alkohol, wir sind nur noch Geschichte.

Seitdem hat sich mein Leben verändert, die Freundschaften, die Arbeit, die Beziehungen und der Sex. In diesem Text möchte ich von meinen Erfahrungen mit Alkoholmissbrauch erzählen. Denn vermutlich befinden sich viele andere junge Menschen wie ich in einer ähnlichen Position. Alkohol ist immerhin die Gesellschaftsdroge Nummer eins, allein in Österreich gelten etwa 340.000 Menschen als alkoholkrank und knapp 735.000 Österreicher konsumieren Alkohol regelmäßig in einem gesundheitsschädlichen Ausmaß. In Deutschland konsumieren nach Einschätzung des Drogenbeauftragten der Bundesregierung 9,5 Millionen Menschen in Deutschland Alkohol in "gesundheitlich riskanter Form".

Ich möchte aber niemanden bekehren, mit dem Alkohol aufzuhören. Und ich weiß, dass alkoholkranke Menschen auch nicht einfach über Nacht aufhören können, sondern professionelle Hilfe benötigen. Doch vielleicht hilft meine Geschichte jenen Menschen, denen ihr Alkoholkonsum nicht ganz geheuer ist und die vor allem glauben, sie müssten aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und Geselligkeit trinken. Denen kann ich sagen: Das ist totaler Blödsinn!


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Wie meine Partykarriere begann

Mein erstes alkoholisches Getränk hatte ich mit 13. Damals lungerten wir vor einem Supermarkt herum und fingen ältere Jungs von unserer Schule ab, die uns Bier-Mischgetränke kaufen sollten. Ich erinnere mich an die Leichtigkeit, die ich nach jedem Schluck empfand und wie alle Sorgen (mit 13 hatte ich sehr viele) von mir abfielen und ich seit langer Zeit wieder entspannen konnte. Alkohol machte mich sozialer, auf Partys wurde ich geselliger, kam mit jedem klar und konnte unbeschwert auf Dates gehen.

Mit 16 ging ich in die Clubs der westdeutschen Großstädte, tanzte erstmals bis zum Sonnenaufgang durch und wachte irgendwann am Mittag in unserem Vorgarten oder auf dem Badezimmerfußboden auf. Das Getuschel der Nachbarn war mir egal. Ich hatte einen neuen, coolen Freund, der mir all das gab, was ich mir immer gewünscht hatte. Dieser Freund hieß Alkohol und wir standen erst am Anfang einer innigen Beziehung.

Je älter ich wurde, desto mehr suchte ich meine Freunde danach aus, wie viel Alkohol sie vertrugen. Während meiner Abizeit feierte ich hart, konnte gar nicht genug bekommen, kannte kein Stop. Ein Glas Wein ergab für mich keinen Sinn, denn wie heißt es doch: "Halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld." Auch Krankenhausaufenthalte und Alkoholvergiftungen hielten mich nicht davon ab weiterzumachen. Ich dachte mir: Jeder muss einmal solche Erfahrungen sammeln und ich teste nur meine Grenzen aus.

Aus Spaß wurde Zwang

Mit 19 zog ich nach Berlin. Ich war das erste Mal ganz auf mich allein gestellt. Damit geriet mein Verhalten immer mehr außer Kontrolle: Während des Studiums feierte ich dreimal die Woche, traf mich an anderen Tagen mit Kommilitonen in Bars, Parks oder Kneipen, vor allem, um zu trinken. Aber hey, ich war ja jung, alles nur Spaß, kein Problem.

Nach einigen Jahren im Berliner Partymodus fühlte ich mich jedoch komisch. Ich fand mich immer wieder in denselben Situationen wieder, in Clubs oder Bars. Kaum zu glauben, aber ich war gelangweilt. Später fand ich auch die Partys von der Arbeit und die fancy Events der Berliner Medienbranche nicht mehr geil. Der Spaß war weg.

Stattdessen ging es mir jedes Mal schlecht, wenn ich trank. Meine Katerphasen zogen sich im Alter von 22 Jahren bereits über mehrere Tage, was ich sonst nur von "älteren" Menschen kannte. Ich war ständig müde und hatte das Gefühl, nicht mehr die Kontrolle über mein Trinkverhalten zu haben. Aus dem einstigen Spaß wurde immer häufiger ein Zwang, um dazuzugehören. Ende letzten Jahres war ich dann so weit: Ich hatte den Alkohol satt. Von heute auf morgen ließ ich all die Champagner-Partys, die schicken Cocktail-Events und die schmutzigen Suff-Nächte hinter mir. Ich wollte dieses Leben nicht mehr.

Was hat sich ohne Alkohol in meinem Leben verändert?

Beziehungen
Eine Sache, die sich seit meiner neu entdeckten Trockenheit veränderte, sind die Beziehungen. Die waren für mich immer schwierig, aber Alkohol machte vieles einfacher. Besonders bei ersten Dates, Weihnachten mit der Familie oder anderen Situationen, die vielleicht nicht ganz so angenehm waren, hatte ich immer ein Glas Wein in der Hand.

Nun sieht das anders aus. Ich muss unangenehme Gefühle aushalten, wie die Nervosität beim ersten Date, die Wut auf meinen Vater, wenn er Weihnachten mit seiner unzuverlässigen Art mal wieder ruiniert, oder auch die Anspannung beim Sex. Aus dem Wahrnehmen von Gefühlen habe ich mittlerweile einen kleinen Sport gemacht: Mittenrein statt drumherum.

Das Ergebnis könnte nicht besser sein! Seit einigen Monaten kann ich wieder Dates genießen, habe eine bessere Bindung zu meiner Familie und ich selbst bin vor allem viel verlässlicher und pünktlicher geworden – nicht ständig einen Kater zu haben, wirkt Wunder.

Sex
Auch in meinem Sexleben war Alkohol ein ständiger Begleiter. Ob beim One-Night-Stand oder auch bei ernsteren Geschichten: Es war einfach nicht dasselbe ohne Wein im Blut oder Kater im Kopf.

Der erste Sex ohne Alkohol war deshalb komisch; ich fühlte mich, als wäre ich wieder Jungfrau und hätte zum ersten Mal fremde Genitalien gesehen: "Ach, so sieht das also mit klarem Blick aus. Was mache ich damit jetzt?" Antworten auf diese und andere Fragen habe ich zum Glück gefunden. Der Sex ist intensiver ohne Alkohol und macht viel mehr Spaß, da ich wirklich nur noch mit Menschen schlafe, die ich bei klarem Verstand attraktiv finde. Kein Schamgefühl mehr am nächsten Morgen, so wie es häufig war, wenn ich verkatert neben einer Partybekanntschaft aufwachte.

Freunde
Mit dem Ende meiner Alkohol- und Party-Karriere hatte ich zunächst Angst, alleine zu sein. Berechtigt, wie sich herausstellen sollte: Ich trennte mich von all den Party- und Gut-Wetter-Freunden, mit denen ich jede Woche gesoffen hatte. Diese Abschiede schmerzten, da ein großer Teil meiner Vergangenheit mit diesen Menschen zusammenhing.

Ich habe nicht alle alten Freundschaften verloren oder "aussortiert". Ein paar sind geblieben. Nämlich die, mit denen es sich gut anfühlt, Zeit zu verbringen. Und ja, ich habe auch neue Freundschaften gefunden, verdammt gute! Heute kann ich sagen, dass ich den Freundeskreis habe, den ich mir immer gewünscht habe. Die Leere, die ich zuvor in Freundschaften empfunden habe, da es in der Regel um oberflächliche Themen ging, ist verschwunden. Stattdessen umgebe ich mich heute mit interessanten Menschen, die etwas zu sagen haben und bei denen ich mich gut aufgehoben fühle.

Arbeit
Meine Arbeit gab mir immer das Gefühl, ein richtig geiler Kerl zu sein. Mit 24 war ich schon ziemlich erfolgreich und durfte berufliche Wege einschlagen, von denen andere nur träumen. Alkohol gab mir ziemlich viel Selbstvertrauen und damit die Möglichkeit, auch Projekte anzunehmen, die ich eigentlich nicht gut fand.

Auch das hat sich verändert. Ich kündigte meinen Job und orientierte mich neu. Dieser Prozess dauerte lange und erforderte viel Geduld. Erstmals stellte ich mir Fragen, die ich mir zuvor nie gestellt hatte: Was möchte ich in diesem Leben bewirken? Kann ich mit meiner Tätigkeit anderen Menschen helfen? Was hat mir vorher nicht gefallen? Auf diese Fragen fand ich nach und nach Antworten und bin schließlich erstmals an Jobs gelangt, die ich wirklich gerne mache.

Abend- und Wochenendbeschäftigung
Wer nicht trinkt, geht auch nicht mehr auf Partys und ist eine Couchpotato? In meinem Fall stimmt das, und ihr wisst ihr was? Ich liebe es! Einfach meine Ruhe zu haben, eine Tüte Chips (oder drei) in mich reinzustopfen, Serien zu schauen oder zu lesen – solche Abende waren für mich vor einigen Monaten noch eine absolute Horrorvorstellung. Heute kann ich mir nichts Geileres vorstellen.

Das heißt aber nicht, dass ich nicht mehr ausgehe. Alle zwei bis drei Monate gehe ich mit Anderen in Clubs, gelegentlich auch in Bars. Aber dann halt nur, wenn ich wirklich Bock darauf habe. Und nicht, weil ich meine, ich könnte etwas verpassen. Denn die Wahrheit ist: Man verpasst gar nichts. Ich konnte zuvor auch nicht verstehen, wie Menschen am Samstagabend ins Fitnessstudio gehen können. Heute bin ich einer von ihnen, denn die Studios sind angenehm leer am Wochenende. Mittlerweile geben mir "Opa-Aktivitäten" wie Yoga, Meditationen, Spaziergänge und Joggen einen zusätzlichen Kick.

Essverhalten
Wer den Exzess liebt, der wird diesen nicht mit dem Verzicht auf Alkohol ablegen können. Was zuvor meine Suff-Nächte waren, sind jetzt meine Fress-Nächte. Ganz so schlimm ist es zwar nicht, wie das jetzt klingen mag, aber ich LIEBE Essen einfach. Diese Liebe war nicht immer da, Alkohol hat immerhin viele Kalorien und beeinträchtigt die Fettverbrennung. Zu den drei Flaschen Wein mit Freunden gab es also immer nur Salat, um das schlechte Gewissen zu besänftigen.

Heute schmiere ich auf Oreo-Kekse zentimeterdick Erdnussbutter und haue mir danach noch Chips rein. Dick bin ich dadurch nicht geworden – das Fitnessstudio hilft da bestimmt –, aber ziemlich glücklich.

Einstellung zum Alkohol
"Ist das OK für dich, wenn ich jetzt trinke? Du sollst dich nicht unwohl fühlen", ist einer dieser Sätze, die ich oft von Freunden und Freundinnen höre. Ich antworte dann: Nein, es stört mich überhaupt nicht, wenn ihr um mich herum trinkt. Nur weil ich keinen Alkohol konsumiere, heißt das nicht, dass ich Alkohol verachte oder nicht von betrunkenen Menschen umgeben sein möchte.

Ganz im Gegenteil: Ich freue mich für Menschen, wenn sie Spaß haben und ihren Alkoholkonsum genießen können. Ich bin dann halt der Freund, der alle nach Hause fährt und am nächsten Tag erzählen kann, wer im Blackout dem Barmann die Möpse gezeigt hat. Und was ich wirklich nicht vermisse, sind diese verdammten Katertage, an denen ich nicht mehr wusste, welchem Ex ich in der Nacht zuvor fünfmal auf die Mailbox gesprochen hatte.

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