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Meine ganze Familie ist aus dem Irak geflohen, nur meine Großmutter bleibt stur

Bagdad ist seit Jahrzehnten extrem gefährlich, meine Oma hat Angst und ist einsam. Trotzdem hält sie eisern an ihrer Heimat fest. Ich habe sie gefragt, warum.

von Sona Boker; illustriert von Denise Vervuren
23 April 2019, 7:41am

Ich habe meine 78-jährige Großmutter Madlin in den letzten 20 Jahren nur ein einziges Mal gesehen. Sie lebt Tausende Kilometer entfernt: ich in den Niederlanden, sie in Bagdad. Als ich zehn Monate alt war, floh meine Familie aus dem Irak. Aber Großmutter weigerte sich. Nichts konnte zwischen sie und ihr geliebtes Land kommen – nicht mal Krieg.

Ich bewundere meine Großmutter. Trotzdem spreche ich – abgesehen von einem kurzen "Hallo, wie geht's?" am Telefon – kaum mit ihr. Deswegen rufe ich sie jetzt an, um mit ihr darüber zu reden, wie es für sie ist, im Irak zu leben, obwohl ihre ganze Familie geflohen ist.

"Ehrlich gesagt fühle ich mich schon sehr einsam", erzählt mir Madlin. Sie habe es geliebt, für Familie und Freunde zu kochen, ihre Tür habe immer offen gestanden. "Jetzt macht mir Kochen keine Freude mehr. Ich mache trotzdem noch viel zu viel Essen, weil ich meine große Familie gewohnt bin." Die Reste bekommt jetzt immer die Frau, die mit ihrer Tochter über meiner Großmutter wohnt und ihr auch im Alltag hilft. "Sie hat einen Schlüssel, falls mir mal was passiert", sagt Madlin.

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Meine Großmutter hat vier Kinder – drei Töchter und einen Sohn. Ihre älteste Tochter zog nach ihrer Hochzeit nach Bahrain. Ein paar Jahre später heiratete auch die jüngste Tochter – meine Mutter –, lebte aber weiterhin in der Nähe. "Das war eine schöne Zeit", sagt Madlin. "Kurz danach ging es im Irak aber schnell bergab."

1990 fiel der irakische Diktator Saddam Hussein im benachbarten Kuwait ein. Fünf Monate später führte George Bush senior einen militärischen Vergeltungsschlag gegen den Irak. Von da an kontrollierte die US-Regierung den irakischen Luftraum und verhängte wirtschaftliche Sanktionen gegen das Land.

Die Sanktionen setzten dem Irak stark zu. Zuvor war die Lebensqualität dort höher gewesen als in den meisten anderen arabischen Ländern. Dazu kamen regelmäßige Bombenanschläge und die Gräueltaten von Husseins Regime. Viele Familien entschlossen sich dazu, aus dem Irak zu fliehen. So auch meine Eltern: 1997 war ich elf Monate alt, als sie mit mir und meiner dreijährigen Schwester in die Niederlande zogen.

"Natürlich tat es sehr weh, als meine Tochter wegging", sagt meine Großmutter. "Es ist schwer, die eigene Familie zu verabschieden, ohne dabei zu wissen, ob man sie jemals wiedersehen wird." Zum Glück hatte Madlin damals noch ihren Mann und zwei ihrer vier Kinder um sich.

Doch in den darauffolgenden Jahren spitzte sich die Lage zu. Das Land befand sich im Krieg, es wurde immer gefährlicher für die Zivilbevölkerung. Trotzdem wollten Madlin und ihr Mann nicht weg. "Das verstehen viele Leute vielleicht nicht, aber es ist nicht einfach, alles hinter sich zu lassen – vor allem Erinnerungen", erklärt meine Großmutter. Gleichzeitig machte es ihr zu schaffen, dass ihre jüngste Tochter so weit entfernt lebte. Die beiden hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Meine Großmutter erlebte nicht mit, wie ich und meine Schwester, ihre Enkelkinder, aufwuchsen. "Das waren harte Jahre. Zwar telefonierten wir oft, aber ein Anruf ist eben keine Umarmung", sagt Madlin.

Immer wenn wir miteinander sprechen, klingt meine Großmutter müde, sie seufzt oft. Ich kann richtig hören, wie sie die Tränen zurückhält. Das macht mich traurig, aber ich weiß, dass ich mich zusammenreißen muss. Wenn ich weine, weint sie auch.


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Als Flüchtling musst du viel zu früh erwachsen werden. Aufgrund der Geschichten, die Verwandte erzählen, und wegen der Bilder, die du im Fernsehen siehst. So bleibt der Krieg immer im Bewusstsein, du erlebst quasi jede Minute davon mit. Für ein Kind ist das hart, aber gleichzeitig macht es dich stark. Ich habe dadurch viel gelernt. Ich weiß, dass eine einzige Entscheidung alles verändern kann. Du kannst alles, für das du dein ganzes Leben gearbeitet hast, schlagartig verlieren.

Ich frage meine Großmutter nach ihrem Alltag. "Tagsüber bin ich viel in der Küche, die ist groß und dort hab ich einen Fernseher und eine Sitzbank", sagt sie. Meist gehe sie gegen 21 Uhr schlafen, aber nicht in einem der Schlafzimmer: "Dort will ich nicht mehr schlafen. Die Zimmer sind im hinteren Teil des Hauses, ich habe Angst, dass jemand einbricht und niemand meine Hilferufe hört."

Diese Angst verfolgt sie seit Husseins Herrschaft. Damals verließen viele Leute ihre Häuser so selten wie möglich. "Wir hörten oft Bomben und Schüsse, keine Frau traute sich ohne Kopftuch auf die Straße", sagt meine Großmutter. "Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, regelmäßig wurden Leute entführt, um Lösegeld zu erpressen. Wir hatten oft lange Phasen ohne Strom. Nicht mal zu Hause fühlten wir uns sicher."

2005 reiste meine Familie nach Syrien, um sich dort wiederzusehen. Ich war neun, für mich war es die erste Begegnung mit meinen Angehörigen, seit wir in die Niederlande geflohen waren. Ich erinnere mich kristallklar an das unbeschreibliche Gefühl, das ich hatte, als ich meine Verwandten sah. Ich kannte ihre Gesichter nur von Fotos und Skype, und da standen sie nun in der Ankunftshalle am Flughafen.

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Am deutlichsten sehe ich die Reaktion meiner Eltern vor mir. Nie zuvor oder danach habe ich gesehen, wie jemand so intensiv weint. Es war unheimlich rührend, endlich meine Großeltern, Tanten, Onkel, Neffen und Nichten zu umarmen. Und auch seltsam: Du kennst sie, aber du bist ihnen noch nie begegnet. Schon bald war es aber, als wären wir nie voneinander getrennt gewesen.

Ich bin neugierig, wie meine Großmutter sich an unsere Syrien-Reise erinnert. Sie fängt sofort an zu lachen, als ich sie darauf anspreche. "Endlich war alles, wie es sein sollte. Wir planten viele Ausflüge und gemeinsame Abendessen. Es war, als würden wir acht Jahre Trennung in wenigen Wochen aufholen, jeder Tag machte mir so eine Freude."

Hinterher reisten alle in ihre jeweiligen Länder zurück. 17 Tage darauf starb mein Großvater. Wir wussten alle, dass er schwächer wurde, trotzdem kam sein Tod überraschend, vor allem für Madlin. "Ich konnte mich kaum damit abfinden", sagt sie. "Zu dieser Zeit fühlte ich mich leer. Ich dachte ständig, er kommt wieder."

Ein paar Jahre später verließ ihre mittlere Tochter den Irak und zog in die USA. Madlin verlor die letzte Tochter, die sie täglich gesehen hatte. Fünf Jahre später entschied sich auch ihr Sohn, mein Onkel, seine Familie in die Staaten zu bringen.

Madlin war am Boden zerstört. "All meine vier Kinder hatten mich verlassen", sagt sie. "Wir waren eine Großfamilie mit einem engen Verhältnis, und auf einmal war ich völlig allein." Sie war viele Jahre zäh geblieben, war in jeder Hinsicht eine starke Frau, doch nun fühlte sich Madlin schwach.

Der Irak war noch immer kein sicheres Land, doch sie blieb in ihrem Bagdad. "Andere fragen mich ständig, warum ich nicht nach Europa oder in die USA gehe, aber ich kann einfach nicht", sagt sie. "Mein Haus ist voll mit wunderschönen Erinnerungen." Aus ihrer Sicht ist es immer noch an ihren Kindern und Enkelkindern, zu ihr zurückzukehren.

Wann immer meine Mutter anruft, sagt meine Großmutter, dass sie sich wünscht, dass wir zurückkommen. Meine Schwester und ich wurden im Irak geboren, sind aber in den Niederlanden aufgewachsen. Die Vorstellung, unser ganzes Leben hinter uns zu lassen und in ein anderes Land zu ziehen, fällt uns ähnlich schwer wie Madlin.

Meine Großmutter ist immer noch einsam, aber sie kommt damit zurecht. Die vielen Telefonate mit uns allen helfen. "Zum Glück gibt es Facetime und WhatsApp", sagt sie. Auch ein Besuch in den Niederlanden würde ihr sehr gefallen. "Ich habe dich seit 13 Jahren nicht mehr gesehen. Aber die Reise wäre schwer für mich. Ich werde inzwischen schnell müde und mag nicht alleine reisen." Trotzdem hofft sie, in den nächsten Jahren zu uns zu kommen. "Je älter ich werde, desto deutlicher merke ich, dass ich euch alle bald wiedersehen muss. Die ganze Familie soll wieder zusammenkommen – das ist mein größter Wunsch." Bis dahin werden wir telefonieren. Und ich ab jetzt mehr fragen als "Hallo, wie geht’s?".

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