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Menschen

Darum fühlt sich deine Angst nachts noch viel schlimmer an

Experten erklären, warum sich die Frage "Was mache ich eigentlich mit meinem Leben?" zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens so häufig aufdrängt.

von Daisy Jones
22 Oktober 2019, 2:05pm

Illustration: Kim Cowie

Es ist 23 Uhr, du kuschelst dich in dein gemütliches Bett. Alles ist gut. Du knipst deine Lampe aus und schlummerst langsam weg. Doch dann wachst du schlagartig wieder auf, es ist jetzt 3 Uhr morgens und du starrst an deine dunkle Zimmerdecke.

"Ich sollte mal meine Steuererklärung machen", denkst du, "ich will ja keinen Stress mit dem Finanzamt. Ich bin jetzt ja auch schon fast 27. Was, fast 27? Was habe ich in meinem Leben bisher eigentlich erreicht? Ich war erst in vier Ländern und hatte noch nie einen Dreier. Mögen mich meine Freunde wirklich oder tun sie nur so? Ach ja, ich muss den Vermieter noch wegen des Schimmels im Bad anrufen. Ich bin richtig überfordert."

Viele Menschen kennen diese Situation sehr gut: denn Angststörungen sind mit einer "Lebenszeitprävalenz von knapp 30 Prozent die am häufigsten auftretenden psychiatrischen Erkrankungen". Und für viele dieser Menschen wird die Angst nach Sonnenuntergang besonders schlimm, wenn es keine Ablenkung mehr von den düsteren Gedanken gibt. Dennoch existiert nur wenig Forschung dazu, warum sich Ängste nachts oft so akut anfühlen und warum wir uns in der Dunkelheit von Dingen stressen lassen, die tagsüber gar nicht so schlimm erscheinen.


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Die 32-jährige Kat sagt, dass es ihr tagsüber eigentlich immer gut gehe, sie sogar entspannt sei. Sobald sie abends aber ins Bett geht und schlafen wolle, kämen all ihre Ängste hoch. "In meinem Kopf streite ich mich dann immer mit anderen Leuten über Dinge, die sie gar nicht getan haben", erzählt sie. "Das fühlt sich an wie ein emotionaler Wirbelsturm und macht mich wütend. Ich habe sogar nachts schon wegen eingebildeter Beziehungsdramen geweint. Am nächsten Morgen kann ich mich dann nicht mehr daran erinnern, warum ich so sauer war."

Gabriel, 27 Jahre alt, leidet ebenfalls an Angstzuständen, die zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens besonders schlimm sind: "Ich bin schon immer ein besorgter Mensch gewesen, der viel nachdenkt. Tagsüber kann ich mich aber besser ablenken. Wenn ich nachts aufwache und mich Panik überkommt, ist das ein abstraktes Gefühl der Isolation. Man sieht die Zusammenhänge und die Ursachen der Probleme nicht so klar wie tagsüber."

Gabriel hat im Laufe der Jahre verschiedene Dinge ausprobiert, die bei der Angst helfen. "Marihuana hilft mir zwar beim Einschlafen, lässt mich nachts aber verwirrt und total verängstigt aufwachen. Ein zweischneidiges Schwert. Was mir im Allgemeinen sehr viel bringt, ist meine Therapie. Da kann ich über alles reden und die Wurzeln meiner Probleme angehen. Außerdem ist es wichtig, eine Routine zu haben und tagsüber körperlich aktiv zu sein – zum Beispiel im Fitnessstudio. Dann ist man abends auch wirklich müde."

Abgelenkt am Tag, einsam in der Nacht

"Akute Angstzustände in der Nacht sind ein weit verbreitetes Problem", sagt Emma Carrington von der gemeinnützigen Organisation Rethink Mental Illness. Sie könne sich auch vorstellen, warum sich Angst nachts schlimmer anfühlt: "Tagsüber sind wir normalerweise beschäftigt, egal ob mit Arbeit, Freunden oder Familie. Um drei Uhr morgens gibt es diese Ablenkung nicht. Dann sind die negativen Gedanken viel präsenter."

Chris O'Sullivan von der Wohltätigkeitsorganisation Mental Health Foundation glaubt, dass es mehrere Gründe dafür gibt, warum manche Menschen Angst nachts als extremer wahrnehmen. "Man neigt dazu, über den vergangenen Tag und alle möglichen Dinge nachzudenken. Dann haben viele Leute Probleme, richtig einzuschlafen. Zudem ist es nachts einsamer und stiller, man greift nicht so schnell zum Handy, um einem Freund oder einer Freundin zu schreiben. Und dann gibt es noch die Zukunftssorgen. Tagsüber ist man häufig abgelenkt oder kommt besser damit klar. Aber je später es wird, desto größer wird der Platz für unsere Sorgen."

O'Sullivan weist zudem darauf hin, dass sich verschiedene Formen der Angst nachts auch anders zeigen. "Schlaf und der veränderte Bewusstseinszustand können bei Menschen, die ein Trauma erlitten haben, besonders häufig Angstzustände hervorrufen", sagt er. "Der Moment des Einschlafens oder die Dunkelheit wirken manchmal wie ein Trigger. Aufgrund von PTBS-Symptomen und komplexen Traumata – etwa durch sexuelle Gewalt während der Kindheit – fürchten sich manche Leute vorm Schlafen, weil dann oft Albträume und Flashbacks auf sie warten."

Es gibt verschiedene Hilfsansätze

Wie ist es da möglich, die Angst nicht an sich ranzulassen, auch wenn man alleine im Bett liegt? Eine Patentrezept gibt es nicht, man muss verschiedene Dinge ausprobieren. "Es hilft, sich schon tagsüber mit der Angst auseinanderzusetzen", sagt Carrington von Rethink Mental Illness. "Die richtige Vorbereitung auf die Nachtruhe ist ebenfalls wichtig. In den drei Stunden vor der Schlafenszeit kein Sport mehr. Und kurz vor dem Zubettgehen nichts mehr essen. Ein heißes Bad hilft dabei, sich zu entspannen. Weniger Koffein und Alkohol ist nie verkehrt. Das Handy sollte ausgeschaltet und das Zimmer gut gelüftet sein."

Und wenn das alles nicht weiterhilft, lohnt sich ein Besuch beim Arzt. "Dort klärt man einen über verschiedene Therapieansätze auf, zum Beispiel über die kognitive Verhaltenstherapie", so Carrington. "Die bringt bei Angstzuständen sehr viel. Aber auch im Internet findet man viele Tipps und Guides, die einem im Notfall weiterhelfen."

Du leidest an einer Angst- oder Panikstörung oder sorgst dich um einen nahestehenden Menschen? Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist 0800 111 0 111. In der Schweiz erhältst du in einem akuten Moment der Angst oder Panik Hilfe unter der Nummer 0848 80 11 09. Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist 142. Den Notfallpsychologischen Dienst erreichst du hier unter 0699 18 85 54 00.

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