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Kranker Scheiß aus dem Leben eines Kölner Karneval-Sanitäters

"Ein Mann irrte nackt über die Domplatte. Als wir ihn hatten, zog er sich eine Haarnadel aus dem Penis. In seinem Arsch steckte eine Flasche Kümmerling."

VonBenaufgeschrieben vonPaul Hertzberg

Foto: imago | Jochen Tack

Dieser Artikel wurde zuerst bei VICE Deutschland veröffentlicht.

An Fasching säuft Biene Maja mit Mönchen, Pumuckl schleppt Angela Merkel ab und auf dem Weg nach Hause steigst du über bewusstlose Hunnen wie auf einem mittelalterlichen Schlachtfeld. Ben, 27, trägt kein Kostüm, er trägt Uniform. Denn für ihn heißt Fasching vor allem eins: Arbeit. Er arbeitet als Rettungssanitäter in Köln. Er heißt eigentlich anders. Er glaubt, sein Arbeitgeber wäre aber von seiner Ehrlichkeit wenig begeistert.

Patienten gehen im Chaos verloren

In Köln herrscht Krieg. Alle sind besoffen, das Potential der Leute, sich daneben zu benehmen, ist unendlich groß. Ob du dein Blaulicht einschaltest, die Sirene laufen lässt, ist den Menschen auf der Straße völlig egal. Von links und rechts rennen sie dir vor den Rettungswagen, klopfen gegen die Fenster, brüllen herum wie irre. Andauernd springen Gruppen hinten auf den Wagen auf. Bis zu zehn Menschen passen auf das Trittbrett. Die krallen sich fest wie Äffchen, grölen, hüpfen und wollen ein Stück weit mitfahren.

Manchmal finden wir in all dem Chaos unseren Patienten nicht. Wir bekommen schließlich nur dessen Standort geschickt. Und wenn wir da ankommen, hat vielleicht ein anderer Krankenwagen den zufällig schon eingesammelt. Vielleicht ist die Person auch von selber aufgewacht und hat sich weitergeschleppt. Oder andere Betrunkene haben sich ihn oder sie gekrallt und weggetragen. Dann stehen wir da ohne Patienten und plötzlich fällt den Menschen um uns herum auf, dass sie jetzt ganz dringend einen Krankenwagen brauchen. Männer schreien uns an, Frauen tun so, als würden sie umfallen und rufen "Helft mir!" und "Hilfe, Hilfe!". Vieles ist Quatsch, das sehen wir sofort. Aber wir finden immer einen, den wir dann auch mitnehmen. Was aus der Person geworden ist, die wir eigentlich gesucht haben, erfahren wir nie.


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Über hundert Besoffene auf Feldbetten

In der Ambulanz stapeln sich bis zu 60 oder 70 besoffene Menschen in einem großen Raum. Überall, sogar auf den Gängen, sind Feldbetten eng nebeneinander aufgestellt. Das sieht aus wie in einem Lazarett. Wenn die Ärzte Glück haben, bleiben die Patienten ruhig und schlafen. Andere schreien herum und pöbeln. Die verlangen, sofort wieder zurück zur Party gebracht zu werden. Wir bringen alle in stabile Seitenlage, damit denen beim Kotzen nichts passiert. Die Betten sind durchnummeriert. Eins, zwei, drei und so weiter. Das geht bis in den dreistelligen Bereich. Ich lege meine Patienten auf einem der Feldbetten ab, merke mir die Nummer, nehme mir die Versicherungskarte, gehe zur Schwester am Empfang: "Hier, das Rotkäppchen, Bett 77", sage ich dann, "Blutzucker soundso, Blutdruck OK." Dann fahre ich zurück in die Stadt und sammle den Nächsten ein.

Unfreiwillig auf dem ersten Ecstasy-Trip

Der Großteil unserer Patienten ist einfach nur richtig blau. Die liegen auf dem Boden, können nicht mehr stehen, oder pinkeln sich voll. An einem harten Tag werde ich drei oder vier mal angekotzt. Trotzdem glauben fast alle, jemand habe ihnen etwas ins Glas getan. Die schreien uns an, die regen sich richtig auf. Das könne gar nicht sein, gestern noch hätten sie doch viel mehr getankt. "Glückwunsch!", denke ich da.

Ganz unberechtigt ist deren Sorge aber nicht. Es gibt tatsächlich Idioten, die dir Zeug ins Kölsch kippen. Wir sind einmal zu einem Kölsch-Fest gerufen worden, das völlig eskaliert ist. Auf diesen Partys trinken alle gemeinsam Bier aus den großen Stangen. Fünf Liter gehen da auf jeden Fall rein. Schon klar, dass es da jedem irgendwann mies geht. Aber so schlecht wie bei diesem Fest sollte es eigentlich niemandem gehen. Wie sich herausstellte, war wohl irgendein Irrer durch die Reihen gelaufen und hatte wahllos Ecstasy-Pillen in den Riesengläsern versenkt. Das war in all dem Bier natürlich gut verdünnt, hat aber doch gereicht, um anzuschlagen. Für uns hieß das, dass wir uns plötzlich um 18-Jährige kümmern mussten, die unfreiwillig ihren ersten Ecstasy-Trip geschoben haben.

Der Hausmeister landet im eigenen Krankenhaus

Einmal mussten wir jemanden auf einer Karnevalssitzung abholen. Alle singen und schunkeln und bechern Kölsch wie blöde und mittendrin lag dieser Typ: 150 Kilo schwer, ein Riesenkerl mit Wampe. Offenbar hatte er eine Flasche Wodka angesetzt, die leer gezogen und war dann schwer zu Boden gegangen. Er lag da und schnarchte. Also haben wir ein paar Männer zusammengetrommelt und ihn ins Auto gehievt. Was wir nicht wussten: Der Typ war der Hausmeister des Krankenhauses. Deswegen schrie die erste Schwester, der wir begegnet sind, gleich los: "Oh Gott, das ist ja unser Hausmeister."

Genau in diesem Moment fing er an, seltsame Geräusche zu machen. Er hustete und keuchte. Dann würgte er einfach so eine intakte halbe Mettwurst auf den Krankenhausboden. Noch zehn Minuten später, als ich vorne das Protokoll ausgefüllt habe, habe ich gehört, wie die Schwester ihn angeschrien hat. Offenbar kam einfach immer mehr aus ihm raus. Vor allem Sauerkraut, das er im Alkoholkoma einfach weitergekaut hat. Er lag da und spuckte Essen aus. Und das alles an seinem Arbeitsplatz. Aufgewacht ist er bis zum Abend nicht. Da hat ihn dann seine Frau abgeholt. Ihr war das extrem peinlich.

Wie respektlos Betrunkene sind

Letztes Jahr ist ein Mann über die Domplatte geirrt. Er war vollständig nackt. Er sei der Antichrist, meinte er, und die Welt stehe kurz vor dem Untergang. Um ihn einzufangen, brauchten wir die Hilfe der Polizei. Und als wir ihn dann hatten, zog er sich in aller Seelenruhe erst einmal eine Haarnadel aus dem Penis. In seinem Arsch steckte eine kleine Flasche Kümmerling. Als Reserve.

Manchen Kollegen gehen diese Geschichten an die Nieren. Die fressen das in sich rein und werden davon bitter. Ich gebe mir Mühe, den Spaß am Job nicht zu verlieren. Es gibt nur eins, was mich jedes Jahr wütend macht: wie undankbar viele Menschen sind. Wie fordernd und anmaßend sie sich uns gegenüber verhalten. Der Alkohol killt jeden Anstand. Ich bin da, um zu helfen. Alles, was ich verlange, ist, dabei nicht angeschrien oder aggressiv angemacht zu werden.

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