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Popkultur

Die unheimliche Brücke, von der sich Hunde in den Tod stürzen

Die Overtoun Bridge in Schottland gilt als verflucht, besonders gefährlich ist sie für Hunde mit Todessehnsucht.

von James McMahon
26 April 2018, 8:00am

Fotos: Gerard Ferry | Alamy Stock Photo || Ray Larabie | Flickr | CC BY 2.0 || Collage: VICE

"Ich bin mehrmals über die Brücke gegangen", sagt die 20-jährige Jenna aus Glasgow. "Das erste Mal hatte ich an einer Stelle das Gefühl, als würde die Luft dünner werden. Mein Magen machte einen Sprung – wie wenn du eine Treppe runtergehst und eine Stufe verpasst. Das zweite Mal wurde ich einfach das Gefühl nicht los, dass etwas Schlimmes passieren wird. Da war eine Frau mit einem Hund am Rand der Brücke und der Hund wollte keinen Schritt weitergehen. Später habe ich erfahren, dass an diesem Wochenende mehrere Hunde von der Brücke in den Tod gesprungen sind."

Die berüchtigte Overtoun Bridge befindet sich in der Nähe der Ortschaft Milton im schottischen Bezirk Dunbartonshire. Das viktorianische Granitgemäuer, entworfen vom renommierten Landschaftsarchitekten H.E. Milner, führt in 15 Metern Höhe über den Bach Overtoun Burn. Wer die mehr als 100 Jahre alte Brücke überquert, gelangt zu einem Herrenhaus auf einem Hügel, dem Overtoun House, das auch im Science-Fiction-Epos Cloud Atlas zu sehen ist.

Auf dem Overtoun House soll ein Fluch liegen. Im Grunde ist in Schottland alles, was alt und schottisch ist, irgendwie verflucht. Die Brücke allerdings ist offenbar extra-verflucht. Ihre Vergangenheit ist ohne Zweifel mehr als tragisch.


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An einem sonnigen Tag im Jahr 1994 warf ein 32-Jähriger seinen zwei Wochen alten Sohn, Eoghan, von der Brücke. Er war davon überzeugt, dass der Säugling der leibhaftige Antichrist sei. Seine Frau konnte ihn gerade noch davon abhalten, hinterher zu springen, woraufhin der Mann versuchte, sich mit einem Messer, das er zufällig gefunden hatte, die Pulsadern aufzuschlitzen. Das Kind verstarb am nächsten Tag im Krankenhaus. Der Mann wurde wegen geistiger Unzurechnungsfähig freigesprochen und in eine Psychiatrie eingewiesen.

Doch meistens sucht der Fluch der Overtoun Bridge keine Menschen heim, sondern Hunde. Seit den 1950ern sind etwa 50 Vierbeiner von der Brücke in den Tod gesprungen. Weitere 600 Hunde haben offenbar im gleichen Zeitraum den 15 Meter tiefen Fall überlebt. Es wird sogar von Tieren berichtet, die von der Brücke sprangen, überlebten und bei der nächsten Gelegenheit wieder versuchten, sich in die Tiefe zu stürzen.

Alle Hunde sind anscheinend an der gleichen Stelle von der Brücke in den Tod gesprungen

Alle betroffenen Hunde sollen zu langnasigen Rassen gehören, wie Deutsche Schäferhunde oder Scottish Terrier. Und alle Hunde sind anscheinend an der gleichen Stelle abgesprungen – zwischen den beiden Mauern auf der rechten Seite am Ende der Brücke. Alle Vorfälle ereigneten sich bei gutem Wetter. Und lange ahnte niemand warum.

Die gängigste Erklärung für das lebensmüde Gebaren der Tiere ist, dass ein bestimmter Geruch die Tiere in ihr Unglück lockt. Eichhörnchen, Mäuse und besonders geruchsstarke Nerze sollen unter der Brücke nisten. Deren Ausdünstungen wirken anziehend auf Hunde, insbesondere Jagdhunde. Eine wissenschaftliche Untersuchung mit zehn Langnasen-Welpen, die verschiedenen Gerüchen folgen sollten, zeigte, dass sich 70 Prozent für den Nerz entschieden. Die Theorie erklärt auch gleich mehrere Fragen um die geheimnisvolle Brücke. Nerze wurden in den 1950ern in dieser Gegend eingeführt, als die Hundeselbstmorde begannen. Außerdem müffeln Nerze an klaren, trockenen Tagen besonders stark.

Aber warum die Overtoun Bridge und nicht eine der vielen anderen schottischen Brücken, unter denen Nerze leben? Und warum springen die Hunde immer von der gleichen Stelle?

Können Tiere überhaupt bewusst Selbstmord begehen? Hundepsychologe David Sands sagt Nein. Nichtsdestotrotz sind einige ähnliche Fälle in der Tierwelt bekannt. 2009 berichtete die Daily Mail, dass 28 Kühe in einem Zeitraum von drei Tagen absichtlich über ein Klippe in den Schweizer Alpen gelaufen seien. In dem ebenfalls 2009 erschienen Oscar-prämierten Dokumentarfilm Die Bucht erzählt Delfintrainer Richard O'Barry, wie sich Delfin Kathy, die in der 1960er Fernsehserie Flipper aufgetreten war, in seiner Gegenwart ertränkte. Und immer wieder gibt es Berichte von Hunden, die ihr eigenes Leben beenden: 1845 berichtete die Illustrated London Times von einem Neufundländer, der versucht hatte, sich selbst zu ertränken. Der Hund sprang immer wieder ins Wasser, wo er "die Beine und Füße komplett still hielt". Jedes Mal wurde er gerettet. Dann hielt er einfach seinen Kopf unter Wasser, bis er aufhörte zu atmen.

Einige Einheimische vermeiden, mit ihren Hunden über die Overtoun Bridge zu gehen

Der Hundepsychologe David Sands besuchte 2005 mit einer Filmcrew die Brücke, um den Fall im Rahmen einer Dokumentation zu untersuchen. Als er an der gleichen Stelle steht, von der die Hunde springen, sagt er: "Allein für mich als Menschen sind hier alle Sinne alarmiert. Das hier erzeugt ein komisches Gefühl."

Er schloss in dem Film auch andere Erklärungsansätze aus. Die Aussicht, sagte er, könne keine Rolle spielen, da Hunde lediglich das efeubedeckte Granit der Brücke sehen. Klang käme ebenfalls nicht infrage. Ein andere Theorie hatte vermutet, dass in der nahegelegenem Faslane Bay, der Heimat der britischen Trident Atom-U-Boot-Flotte, eine Frequenz erzeugt wird, die nur Tiere wahrnehmen. Diese Theorie wurde allerdings widerlegt, nachdem Akustik-Experten die Brücke untersucht hatten und nichts Ungewöhnliches feststellen konnten.

"Die Einheimischen haben gemischte Gefühle zu der Brücke", sagt Jenna. "Einige haben zu große Angst, um mit ihren Hunden dort spazieren zu gehen, und meiden sie komplett. Nach meinen eigenen Erfahrungen wollte ich nie wieder dorthin zurück. Die müssen da einen Zaun hinbauen oder so. Wirklich."

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