The Dystopia and Utopia Issue

Das Trauma der Hood: Wie Waffengewalt in US-Städten junge Leben zerstört

"Wenn du in den Straßen von N'awlins 25 wirst, giltst du als OG", sagt Caswick aus New Orleans. Der 24-Jährige hat schon zwei Schießereien überlebt.

von Jimmie Briggs
10 Mai 2018, 4:30am

Caswick Naverro mit seiner Tochter Cassidy im Haus seiner Mutter in Morgan City, Louisiana | Alle Fotos: Andre Lambertson

Aus der Dystopia and Utopia Issue.

Wenige Tage vor Weihnachten 2015 fuhr Caswick Naverro die 150 Kilometer von New Orleans nach Morgan City. Er war nicht unterwegs, um mit seiner Familie zu feiern – Caswick fuhr zur Beerdigung eines Cousins. Josh war wie ein Bruder für Caswick gewesen. Dann hatte ihm jemand in den Kopf geschossen.

In seinen 21 Jahren war Caswick auf mehr als zwölf Beerdigungen, schätzt er. Josh war erst 23, als er starb. Die Nachricht von seinem Tod erschütterte Caswick zutiefst. "Ich glaube, Josh war da, um seinen Mitmenschen zu zeigen, dass Gott uns Engel schickt, und mit denen sollten wir gut umgehen", sagt er, die Stimme kaum mehr als ein Krächzen. "Er konnte nicht die Hälfte von dem machen, was Gott für ihn geplant hatte."

Am folgenden Tag lag Josh aufgebahrt in einer Kirche in Morgan City. Von den vielen Trauergästen gingen einige zu dem verzierten weißen Sarg, um ein letztes Mal seine Schulter zu berühren. Kinder hielten sich am Rand, verunsichert von der Trauer und der Fassungslosigkeit.

"Das ist nicht mein Baby. Gott, bitte, das ist er nicht!"
"Oh Herr, ich kann es nicht glauben! Mein Gott!"

Dann schloss der Pastor, ein großer, breitschultriger Mann, den Sarg und stieg auf die Kanzel. "Ehre sei Gott!", tönte er. "Für all die Dinge, die er bereits getan hat, und alles, was er noch tun wird. Diesen Samstag ist das mein zweiter Gottesdienst für einen jungen Mann. Wir können Gott nichts vorschreiben. Doch ich sage euch heute, dass alles seinen Zweck hat."


Auch bei VICE: Was es braucht, um in eine Gang aufgenommen zu werden


Caswick hörte den Pastor nicht. Er stand rauchend auf dem Parkplatz, ein Bild seines Cousins auf seinem T-Shirt. Er drückte die Zigarette aus und setzte sich zu seinen zwei Freunden ins Auto. "Ich erweise ihm noch die Ehre, aber reingehen kann ich nicht", sagte er leise. Bei geschlossenen Fenstern rauchten sie Gras, Caswick starrte auf das Beerdigungsprogramm, das in seinem Schoß lag. "Meine Leute sollten glücklich sein, aber sie sind da drin und weinen." Er wischte sich die Augen. "Und ich sitze hier draußen, obwohl ich mehr Zeit mit ihm verbracht hab als jeder Einzelne von denen."

13.463 Menschen wurden im Jahr 2015 in den USA mit einer Schusswaffe ermordet – dreimal so viele wie gefallene US-Soldaten im gesamten Irakkrieg. Ein großer Teil dieser Morde passiert in Gegenden wie denen, in den Caswick aufgewachsen ist: arme Viertel mit mehrheitlich nichtweißen Bewohnern in Städten wie Baltimore, St. Louis, Detroit und Memphis. Die Zahl an Gewaltverbrechen hält sich hier hartnäckig hoch, obwohl sie im Rest des Landes stetig sinkt. Schusswaffengewalt ist landesweit die Todesursache Nummer eins bei jungen afroamerikanischen Männern.

Inzwischen ist anerkannt, dass Menschen nach bedrohlichen Erfahrungen wie Krieg an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden können. Zu den Symptomen gehören Albträume, unerwünschte Gedanken, erhöhte Wachsamkeit und Depressionen. Wie sich die traumatische Gewalt, die in einigen US-Städten alltäglich ist, auf ganze Bevölkerungsgruppen auswirkt, ist allerdings weniger erforscht. In einer der wenigen staatlich finanzierten Studien zum Thema befragten Forscher in Atlanta mehr als 8.000 Stadtbewohner, die meisten jung und schwarz. Fast ein Drittel hatte Symptome, die sich mit PTBS deckten – eine vergleichbare Rate hat man bei US-Veteranen der Kriege in Vietnam, Irak und Afghanistan festgestellt.

Caswick aus New Orleans sitzt mit gefalteten Händen an einem Tisch
Caswick in der Wohnung, die er zeitweise in New Orleans hatte. Er liebt seine Heimatstadt am Mississippi trotz der Gefahren

Allerdings erhalten die Betroffenen in den Städten nicht dieselbe Unterstützung wie Veteranen. Und Afroamerikaner sind zusätzlich benachteiligt: Studien zufolge erhalten sie weitaus weniger medizinische Versorgung als Weiße und leben häufiger in Gebieten mit eingeschränktem Zugang dazu. Viele junge Männer wie Caswick müssen ihren Kampf mit den traumatischen Erlebnissen allein bewältigen.

"Wir haben bisher viel zu wenig für junge traumatisierte Menschen in New Orleans getan", sagt Onassis Jones, ein örtlicher Pastor und Psychologe. "Wir sehen viel Trauer, viel Wut. Wenn diese Dinge nicht verarbeitet werden, greifen die Leute zu Selbstmedikation.”

Über viele Monate tauchen bestimmte Themen in meinen Gesprächen mit Caswick immer wieder auf: die Albträume, die Depressionen, die Wutausbrüche, die Selbstmedikation. Seine Geschichte wirkt wie ein Fenster in eine riesige, unerkannte PTBS-Epidemie unter People of Color in gewaltgeplagten Vierteln.

Afroamerikanische Männer tragen einen weißen Sarg
Sargträger mit dem Sarg von Caswicks Cousin Josh, der im Dezember 2015 mit 23 erschossen wurde

Caswick war keine zehn Jahre alt, als er seine erste Leiche sah. Eines Nachmittags erforschte er mit seinem Cousin Trayvon, den sie "Boogie" nannten, leere Grundstücke im Viertel. Die Jungs bemerkten einen stechenden, seltsamen Geruch aus einem verlassenen Haus. Oben im ersten Stock entdeckten sie einen Mann am Boden, zwei Schusswunden im Kopf. Caswick und Boogie waren mehr gespannt als entsetzt. Sie zogen sich zurück, um abzuwarten. Stunden später sahen sie zu, wie ein Krankenwagen und Polizeiautos unter Sirenengeheul eintrafen und Beamte ins Haus gingen.

"Man denkt immer an die erste Leiche", sagt Caswick. "Ich hab seitdem mehr gesehen, als ich zählen kann, aber ich denke immer an die erste." Caswicks Geburtsjahr 1994 war mit 424 Mordopfern das blutigste Jahr in der Geschichte der Stadt. Caswick ist das dritte von fünf Kindern – vier Jungs und ein Mädchen – einer alleinerziehenden Mutter. Sie lebten in einer Sozialbausiedlung, den Magnolia Projects im Viertel Central City, berüchtigt für Banden, Drogen und Morde.

Die Folgen negativer Kindheitserfahrungen

Die Forschung bestätigt: Eine Jugend in einer solchen Umgebung kann einen Menschen fürs Leben zeichnen. Das Non-Profit-Gesundheitsunternehmen Kaiser Permanente und die US-Gesundheitsbehörde CDC führten in den 1990ern eine bahnbrechende Studie mit 17.000 Teilnehmern durch. Darin untersuchten sie die langfristigen gesundheitlichen Folgen negativer Kindheitserfahrungen, kurz ACEs (von "adverse childhood experiences"), wie Drogenkonsum im Haushalt, Vernachlässigung, körperlicher Missbrauch oder Inhaftierung eines Elternteils.

Je mehr ACEs ein Teilnehmer hatte, desto höher war das Risiko für Depressionen und Drogenkonsum sowie für Probleme wie Diabetes und Herzinfarkte – von denen People of Color überproportional betroffen sind. "Die ersten drei bis fünf Jahre des Lebens legen den Grundstein für die Entwicklung eines Menschen", sagt Monica Stevens, Psychiatrie-Dozentin an der Tulane University. "Kinder und Erwachsene in New Orleans haben meist ziemlich viele ACE-Punkte."

Caswick kannte seinen Vater nicht und hat auch nie eine der Frauen kennengelernt, mit denen sein Vater in Louisiana, Jamaika und Haiti Kinder hat. Er soll ein Drogendealer im großen Stil gewesen sein, Gerüchten zufolge wurde er auf der Straße erschossen, Caswick weiß aber nicht, wann oder wo.

Seine Mutter litt an der seltenen Autoimmunerkrankung Lupus und kämpfte damit, ihren Kindern Essen und Unterkunft zu sichern. Caswick und seine Geschwister übernachteten oft für Wochen oder sogar Monate bei anderen.

Als Caswick acht war, nahm seine Mutter die Familie mit zurück in ihre Heimatstadt Morgan City. Mit ungefähr zehn zog er zu seinen Großeltern väterlicherseits, bald darauf kam er bei einem Onkel unter. Dieser Onkel habe "einen Mann" aus ihm machen wollen, sagt er. "Er hielt mich nicht wirklich davon ab, auf der Straße zu sein oder Drogen zu verkaufen", erinnert sich Caswick. "Er war mehr so: 'OK, wenn du das machst, dann musst du auch mit den Konsequenzen leben.'"

Caswick kannte die Konsequenzen nur zu gut: Seine zwei älteren Brüder hatten bereits mehrmals wegen Drogenhandels gesessen. Einer von ihnen bekam schließlich wegen Mordes lebenslange Haft und landete in Angola, dem größten Hochsicherheitsgefängnis der USA.

"Unsere Gesellschaft ist an dem besorgniserregenden Punkt, dass wir Einzelne zurücklassen, weil man nicht glaubt oder versteht, wie ernst ihre Krankheiten sind", sagt Paul Gionfriddo, CEO und Präsident von Mental Health America.

Caswick erinnert sich an Filme, die er als Kind gesehen hat. Darin wohnten die "guten" Kids – fast immer Weiße – in schönen Häusern, hatten zwei Eltern und hübsche Freundinnen. In seiner Welt waren die Kids mit hübschen Freundinnen und schicken Autos fast alle Dealer.

Caswicks ältester Bruder versuchte, ihn vor der Straße zu warnen, aber stapelweise Dollarscheine fand er überzeugender. Mit elf war Caswick bereits im Geschäft. "Ich fing mit Gras an, dann kamen Pillen. Mein großer Homie gab mir dann Kokain und sagte, damit könne ich mehr verdienen. Man kriegt das Zeug in die Poren – so kam ich auf den Geschmack und nahm es dann auch.” Schließlich kamen noch Heroin und Crystal Meth hinzu.

Caswick wird zu "Cash", dem Dealer

Er wurde abhängiger und damit auch häufiger kriminell. Er raubte Menschen aus seinem eigenen Viertel aus, verkaufte Crack, trug eine Pistole bei sich. Aber nie würde er Drogen an Großmütter, Kinder oder schwangere Frauen verkaufen, das habe er sich geschworen. Auch das tat Caswick schließlich. "Ich hatte gesehen, was Crack mit meiner Tante angerichtet hat", sagt er. "Aber ich verlor irgendwie die Kontrolle."

Bis er 2009 in die Highschool kam, hatte sich sein Spitzname gefestigt: Cash. Kurz für Caswick, aber auch als Anspielung auf sein Talent, Geld zu verdienen. Nach außen hin wirkte Cash, als ginge es bei ihm nur ums Business, hinter der harten Fassade verbargen sich Schmerz und Traumata. Lean, eine süße, betäubende Mischung aus Hustensaft und Sprite, half ihm durch den Tag.

"Ich hatte Leute auf Heroin und Crack so viele verrückte Dinge tun sehen", sagt er. "Das alles wollte ich aus meinem Kopf haben." Im ersten Jahr der Highschool kam ein weiteres Trauma hinzu. Caswick sah sich mit ein paar Jungs aus dem Viertel eine Parade an, als Typen aus einem anderen Viertel Streit anfingen.

Eine Schlägerei brach los, Caswick versuchte, dazwischen zu gehen. Da zog jemand von der anderen Crew eine Pistole und feuerte, die Kugel traf Caswicks linkes Bein. Er wurde im Krankenhaus behandelt und ging am folgenden Tag wieder in die Schule.

Caswick kuschelt mit seiner Tochter, die quer über seinen Schoss liegt, im Hintergrund sitzt die Mutter des Mädchens
Caswick und seine damalige Freundin Rose spielen mit ihrer Tochter Cassidy

Auf ihn habe es damals gewirkt, als würde wöchentlich auf jemanden von seiner Schule geschossen, sagt Caswick. Mal ging es um Drogen, mal war die Person einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Irgendwann habe er aufgehört, auf die Beerdigungen zu gehen.

Die weinenden Mütter, Tanten und Schwestern waren zu viel für ihn. Wenn er ihnen aus dem Weg ging, konnte er zumindest einen Teil seiner eigenen Trauer verdrängen. Stattdessen plagten ihn Albträume, in denen andere versuchten, ihn umzubringen. "Ich trage Geister mit mir rum", sagt Caswick. "Ich glaube nicht, dass man einfach weg ist, wenn man umgebracht wird. Die Leute bleiben bei einem."

Der Hurrikan Katrina war ein kollektives Trauma für New Orleans

Jason Williams ist Mitglied des Stadtrats von New Orleans, Strafverteidiger und ehemaliger Richter. Er weiß, wie schwer Gewalt und Trauma nicht nur die Opfer und ihre Familien belasten, sondern auch ihre weitere Umgebung. Die komplexen Probleme an Orten wie Central City verschlimmerten sich, nachdem der Hurrikan Katrina am 29. August 2005 Louisiana traf. Caswick, damals fast elf, war bei seinem Onkel in New Orleans, die Mutter und seine Geschwister waren in Morgan City halbwegs sicher.

"Die Hilfsleistungen sind alle für die Opfer sowie deren Eltern oder Bezugspersonen", sagt Williams. "Kleine Kinder, die zu Zeugen werden, bekommen nichts. Diese Kinder müssen am

nächsten Tag in die Schule gehen, als wäre nichts passiert." Nach Massenmorden wie an den Schulen Sandy Hook und Columbine habe man Sozialarbeiter und psychologisches Personal geschickt, fährt Williams fort, aber nach Katrina habe es nichts Vergleichbares gegeben.

Auch angesichts der Gewaltepidemie, an der New Orleans bereits vor dem Hurrikan litt, gab es keine derartige Unterstützung. "Es sollte uns nicht überraschen, wenn Leute, die zum Zeitpunkt von Katrina neun oder zehn waren, im Laufe der Jahre ausflippen", sagt er. "Diesem Trauma hat niemand was entgegengestellt."

Es gibt nicht genug Angebote für psychisch Kranke

Schon vor dem Hurrikan war es für viele Bewohner der Stadt schwierig, bei psychischen Problemen Hilfe zu finden. Der Sturm verschlimmerte die Lage nur weiter. Von den etwa 200 Psychiatern, die vor Katrina in New Orleans arbeiteten, kehrten nur ein paar Dutzend sofort zurück in die Stadt, heißt es in einem Regierungsbericht. Der damalige Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, privatisierte einige Krankenhäuser und ambulante Kliniken, um Geld einzusparen. Das New Orleans Adolescent Hospital, das auch psychologische Behandlung anbot, wurde 2009 geschlossen. Lehrkräfte und Schulpsychologen wurden zu überforderten Ersthelfern für Kinder und Jugendliche, die mit Traumata, Depressionen und Verhaltensproblemen kämpften.

Beim Zugang zu psychologischer Behandlung liegt der Staat Louisiana laut dem US-weiten Ranking der Non-Profit-Organisation Mental Health America auf Platz 41 von 51. Der Bundesstaatsetat, den Gouverneur John Bel Edwards im Januar veröffentlichte, sieht drastische Kürzungen in der Gesundheitsversorgung vor. Diese werden sich negativ auf die psychiatrische Versorgung und Behandlung für Drogenabhängige auswirken. Das US-Steuergesetz, das im Dezember verabschiedet wurde, wird voraussichtlich Millionen weitere Amerikaner ihre Versicherung kosten, sodass sie bei psychischen Problemen keine Hilfe beanspruchen können.

"Unsere Gesellschaft ist an dem besorgniserregenden Punkt, dass wir Einzelne zurücklassen, weil man nicht glaubt oder versteht, wie ernst ihre Krankheiten sind", sagt Paul Gionfriddo, CEO und Präsident von Mental Health America.

Caswick, ein junger Afroamerikaner mit tätowierten Armen, sitzt dem Pastor Onassis Jones gegenüber
Im Café Reconcile trifft sich Caswick mit dem Pastoren und Psychologen Onassis Jones. In dem Non- Profit-Restaurant werden junge Menschen psychologisch betreut und in der Gastronomie ausgebildet

Über die vergangenen drei Jahre hat Mental Health America eine Online- Umfrage durchgeführt. 2017 nahmen mehr als 4.000 schwarze, männliche Amerikaner unter 35 an einer Depressionsstudie teil. Drei Viertel von ihnen gaben Antworten, die auf mittelschwere bis schwere Depressionen hindeuteten. 83 Prozent sagten, man habe ihnen noch nie eine psychologische Diagnose gestellt, mehr als 20 Prozent gaben an, sie seien an Therapien interessiert.

"Vor allem bei jungen Men of Color gibt es das Problem, dass man ihre Schwierigkeiten als 'schlechtes Benehmen' abtut, statt sie als Symptome zu sehen", sagt Gionfriddo. Darauf verweise auch die Forschung seiner Organisation.

Dabei würden Verhaltensprobleme erst spät auftreten, erklärt er. Zuvor leiden Betroffene an Schlaflosigkeit, Albträumen, Bauchschmerzen und anderen Problemen. Werden Eltern, Lehrer und die Polizei erst bei Fehlverhalten aufmerksam, haben sie diese Symptome bereits verpasst, erklärt Gionfriddo.

Caswick kommt wieder zu sich

Im dritten Highschool-Jahr, seinem vorletzten Schuljahr, litt Caswick schon seit Jahren an Schlaflosigkeit. Wenn er endlich schlief, quälten ihn Albträume. Er wurde so ängstlich und depressiv, dass er eines Tages in der Schule eine Überdosis starke Erkältungsmedizin nahm.

Als er wieder bei Bewusstsein war, weigerte er sich zu sprechen, als könnte sonst eine Art Damm brechen. Eine Schulpsychologin an seiner Highschool, Sara Becker, sorgte dafür, dass er Hilfe bekam. Dazu gehörte ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt.

"Das war ein schlimmes Kapitel für mich", sagt Caswick. "Aber Ms. Becker war bei mir und kümmerte sich mit mir um alles. Deswegen sage ich, sie ist wie meine Momma." Um das so zu sehen, hat Caswick allerdings eine Weile gebraucht. "Ich schrie: 'Ich bin nicht verrückt! Warum haben Sie mich hier reingesteckt?'", erinnert er sich. "Da wurde mir klar, dass ich das Problem war. Ich war so wütend auf sie."

Nach drei Monaten wurde er entlassen und kam bei Covenant House unter. Die weltweite Non-Profit-Organisation unterstützt obdachlose, ausgebeutete und ausgerissene Jugendliche. Er wohnte noch bei der Organisation, als er sich eines Abends in einer Bar in eine Frau namens Rose verliebte. Sie war drei Jahre älter als Caswick und hatte drei Kinder. Sie gab ihm Halt, er wollte eine Vaterfigur für die Kinder sein. Während seines letzten Highschool-Jahres, 2013, wohnte er schon bei ihr.

Caswick zieht sein Hemd hoch und zeigt zwei runde Narben an seinem Oberkörper, eine vorn und eine hinten
Caswick zeigt an der Straßenecke, wo er mit 18 angeschossen wurde, die Narben des Durchschusses

US-Städte versuchen seit Jahrzehnten, dem Teufelskreis der Gewaltverbrechen zu entkommen. In den 1980ern führte die Broken-Windows-Theorie zu strenger Polizeikontrolle, während der Crack-Epidemie der 1990er griff der Staat bei Drogendelikten verstärkt mit Mindesthaftstrafen durch. Gewalt und Drogensucht begegnete man so nur mit Strafe, was die überproportionale Inhaftierung schwarzer Männer vorantrieb. Es entstand eine direkte Pipeline von der Schule ins Gefängnis, gerade in Vierteln mit vielen Gewaltverbrechen – und Traumata.

Seit einiger Zeit verfolgen die Behörden in New Orleans einen anderen Ansatz. Sie behandeln Gewaltverbrechen als eine Epidemie, deren Ausbreitung man verhindern kann. 2011 startete der Bürgermeister Mitch Landrieu den Piloten zu NOLA for Life: Mit neuen Strategien für Strafrecht und die öffentliche Gesundheit sollten Justizbehörden, Krankenhäuser und gemeinnützige Organisationen die Mordrate der Stadt senken.

Hilfe und Selbsthilfe für bessere Gewaltprävention

NOLA for Life ging nicht nur gegen gewalttätige Gangs vor, das Projekt trat auch eine Welle an Initiativen zur Gewaltprävention los. Basierend auf einem Modell, das bereits in Chicago erprobt wurde, schickt NOLA mit der Initiative CeaseFire "Gewalt- Unterbrecher" los, um bei Vorfällen zu deeskalieren und Konfliktlösung zu lehren. Die Stadt organisierte außerdem Call-ins, abendliche Gespräche im Gerichtsgebäude mit Gangmitgliedern, Straftätern auf Bewährung und gefährdeten Jugendlichen. Es ging darum, welche rechtlichen Folgen Gewalttaten haben – und welche Alternativen es zu Gewalt gibt.

Andere Programme boten Therapien für traumatisierte junge Menschen und Familien, zusätzlich gab es Weiterbildungsprogramme und Jobchancen. Ein örtliches Lokal, Café Reconcile, kombinierte gastronomische Ausbildung mit psychologischer Betreuung. Einheimische gründeten Selbsthilfegruppen, um ihre Wunden zu heilen und sich für Frieden einzusetzen. Wie Mothers' Circle, eine Gruppe für Mütter aus New Orleans, die Kinder an die Waffengewalt verloren haben.

Eindeutig lässt sich kein Zusammenhang nachweisen, doch der vielgliedrige Ansatz von NOLA for Life, der auf bestehende Programme aufbaute, schien aufzugehen. Innerhalb von vier Jahren sank die Mordrate in New Orleans um 18 Prozent, 2014 war sie so niedrig wie seit 40 Jahren nicht mehr. Selbst in Central City gingen die Schießereien um 15 Prozent zurück. Doch NOLA for Life hat nicht alle Probleme gelöst. Jährlich sind Hunderte Familien von Schusswaffengewalt betroffen, Interventionsprogramme wie Café Reconcile oder die christliche Katastrophenhilfe Camp Restore erreichen nur einen Bruchteil von ihnen. Seit 2014 finden die Call-ins seltener statt. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Schießereien und Morde wieder gestiegen. Die Stadt ist weiterhin landesweit in den Top Fünf der Morde pro Einwohner.

In den Verbrechenshochburgen der USA kann jeder durch einen unglücklichen Zufall Teil dieser Statistik werden. Diese Lektion musste Caswick mehr als einmal lernen.

"Die Probleme, mit denen sie kämpfen – das ist überwältigend", sagt Onassis Jones, Pastor und Psychologe in new Orleans. "Wie bei Caswick. Zum Alltagsstress kommen Trauer, Depressionen und Morde. Die Menschen reden einfach nicht darüber, es wird zur Lebensweise."

Im Herbst 2013, kurz vor seinem Schulabschluss, hatte Caswick schon mehr Freunde und Verwandte an die Waffengewalt verloren, als er aufzählen konnte. Die Narbe an seinem Bein erinnerte ihn täglich daran, wie knapp er selbst diesem Schicksal entkommen war. Er hatte einen Job in einem Supermarkt gefunden und wohnte mit Rose und den Kindern in East Bank, einer Wohngegend mit Einfamilienhäusern.

Im Oktober holte Caswick mit seinem Cousin Randy Windeln an der Tankstelle. Dort war auch eine Familie aus dem Viertel, mit der Rose am Vortag aneinandergeraten war. Nun hatte einer von ihnen eine Pistole dabei.

Die Kugel schoss durch Caswicks Seite und traf Randy ins Becken. Nach ein paar Stunden in der Unfallchirurgie des University Medical Center vernähte man Caswicks Wunden und schickte ihn nach Hause. Als könnte er dort in Ruhe genesen. Stattdessen konzentrierte er sich auf Rache. Am folgenden Morgen griff er sich eine Pistole und machte sich bereit, den Schützen zu finden. "Ich hatte vor zu tun, was ich tun musste", sagt er.

Als er das Haus verließ, fragte ein Unbekannter gerade die Nachbarn nach ihm. "Ich lief ihm direkt in die Arme, und die anderen so: 'Na, da ist er ja'", sagt Caswick.

Ein Helfer gibt alles für Caswick

Der Fremde stellte sich als Nicholas Holmes vor, von CeaseFire NOLA. Ein Helferteam von CeaseFire wartet in der Unfallchirurgie des Universitätsklinikums auf Menschen, die mit Schusswaffen oder Messern verletzt wurden, um möglichen Racheaktionen zuvorzukommen. Holmes kam genau rechtzeitig.

"Ich hatte die Waffe dabei und alles", sagt Caswick. "Also steckte er mich ins Auto und fuhr zwei Stunden mit mir durch die Stadt." Holmes, "Big Nick" genannt, war damals auf Bewährung, wie Caswick erfuhr. "Indem er da mit mir rumfuhr, während ich eine Waffe dabeihatte, setzte er alles aufs Spiel", sagt Caswick. "Niemand hatte je so viel für mich riskiert. Big Nick hat mich zum Umdenken gebracht."

Patrina Peters sitzt an einem Tisch und weint, ihr Blick wirkt verzweifelt
Patrina Peters sitzt in ihrer Küche und weint, als sie vom Tod ihres Sohns spricht. Damon wurde mit 19 erschossen

Caswick lag zu Hause im Bett, während die Schusswunde an seinem Oberkörper verheilte. Er schaffte es, seinen Drogenkonsum zu reduzieren, aber ganz ohne Meth und Opioide kam er nicht klar. Die Albträume setzten ihm zu sehr zu. "Ich konnte nicht jeden Tag was nehmen, denn das ist schlecht", sagt er. "Aber wenn ich mich richtig depressiv fühlte, nahm ich Pillen oder trank Lean."

Zu Hause traf ihn die Angst in den Augen der Kinder härter als die körperlichen Schmerzen. Sie sahen zum ersten Mal, dass ein geliebter Mensch angeschossen worden war. "Die Älteste war drei oder vier", sagt Caswick. "Wie konnten sie nicht traumatisiert davon sein?"

Als er das zweite Mal angeschossen wurde, fand Caswick ein Netzwerk aus Unterstützern, das er bei anderen Traumata nie hatte. Nach acht Monaten Zusammenarbeit empfahlen Bick Nick und CeaseFire NOLA ihn an Café Reconcile, in der Nähe vom CeaseFire-Büro im Garden District. Zum Reconcile-Team gehört Personal, das in Sozialarbeit, Pädagogik und Psychologie geschult ist. Dort bekam Caswick psychologische Betreuung.

Als Caswick 20 war, brachte Rose ihre erste gemeinsame Tochter Cassidy zur Welt. Im folgenden Jahr bekam er einen bezahlten Job bei Camp Restore, wo er Videografie und Fotografie lernte.

"Hier laufen lauter Katrina-Babys rum"

In Patrina Peters von Mothers' Circle fand Caswick eine weitere Mutterfigur. Peters verlor ihren Sohn Damon, als der erst 19 war, jemand schoss ihm in den Kopf. Caswick sah seinen eigenen Schmerz in Peters. "Ms. Peters hat mir viel beigebracht", sagt er. "Sie lebt immer noch einen Tag nach dem anderen."

Peters wiederum sah, wie viel Caswick mit den traumatisierten jungen Männern in ihrem Viertel gemeinsam hatte. "Hier laufen lauter Katrina-Babys rum, denen alles egal ist, auch sie selbst", sagt sie. "Heute ist alles anders, diese Kids tun Dinge, die wir uns nie vorgestellt hätten. Sie sind gefühllos, wie Zombies."

Im Reconcile lehnt sich Onassis Jones in seinem Stuhl zurück. Es ist Stoßzeit, Dienstagmittag, die Glastür zu seinem Büro steht halb offen, während er Akten durchliest und E-Mails beantwortet. Jones, Mr. O genannt, ist Pastor der Kirche Christ Temple of New Orleans und Psychologe. Er schätzt, seit Katrina seien mehr als 35 junge Gemeindemitglieder ermordet worden. Stadtweit mag die Verbrechensrate sinken, doch Schießereien und Morde gehören in seiner Gemeinde weiterhin zum Alltag.

"Die Probleme, mit denen sie kämpfen – das ist überwältigend", sagt er. "Wie bei Caswick. Zum Alltagsstress kommen Trauer, Depressionen und Morde. Die Menschen reden einfach nicht darüber, es wird zur Lebensweise."

Der nächste Grund zu trauern ist nie weit

Selbst wenn alles zeitweise stabil wirkt, in Caswicks Welt ist der nächste Verlust nie weit. Da war zum Beispiel Leonard, ein Mitschüler aus dem alten Viertel. Leonard stellte als Teenager einiges an, prügelte sich, stahl und raubte. Einmal musste Caswick intervenieren, ein Typ wollte Leonard in den Kopf schießen, weil Leonard seine Waffe geklaut hatte. Leonard habe draußen das Auto seiner Mutter gewaschen, der Typ sei angekommen und habe ihm die Pistole an den Hinterkopf gedrückt, am helllichten Tag. Caswick habe eine halbe Stunde auf ihn einreden müssen, bevor er von Leonard abgelassen habe.

Gerade als Caswick dank Café Reconcile, CeaseFire und Camp Restore Halt gefunden hatte, ermordete der Freund von Leonards Mutter die gesamte Familie. Neben Leonard verlor Caswick damit auch Leonards Schwester Trisa. "Ich war mal verliebt ihn sie", erinnert er sich. "Wir saßen früher immer bis spät draußen und redeten über unsere Probleme. Sie wollte weglaufen, als der Freund anfing zu schießen, aber er holtesie ein." Caswicks Tante war dabei, als man die Leichen entdeckte.

Im Herbst 2016 fuhr Caswick nach der Arbeit nach Hause, als ein Streifenwagen der Polizei von New Orleans seine Lichter hinter ihm aufblitzen ließ. Für die meisten dunkelhäutigen Männer in den USA ein vertrauter Anblick.

Hände in Nahaufname, die verschiedene Dosen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten halten
Caswick nimmt verschreibungspflichtige Medikamente, um mit Angst und Depressionen klarzukommen

Ein Polizist kam zum Fahrerfenster, eine Hand habe er am geöffneten Holster gehabt, erinnert sich Caswick. Der Beamte sagte, er habe ihn angehalten, weil sein Vorderlicht kaputt sei. Dann behauptete er, Marihuana zu riechen. Der Polizist und sein Partner fanden keines, doch Caswick setzte die beiden darüber in Kenntnis, dass er eine Pistole hatte, die auf seine Freundin zugelassen war. Sie forderten Caswick auf, auszusteigen und sich mit gespreizten Beinen hinzustellen. Laut Polizeibericht seien Tüten mit 91 Methamphetamin-Pillen aus seinem Hosenbein gefallen.

"Ich weiß nicht genau, wie viele Pillen ich hatte, aber so viele waren es auf keinen Fall", sagt er. "Es waren so wenige, dass ich sogar vergessen hatte, dass sie da waren."

Caswick wurde angeklagt wegen illegalen Waffenbesitzes und Drogenbesitzes mit Handelsabsicht. Ihm drohten zwei oder mehr Jahre Haft. Doch Caswick sagt, er habe die Pillen nur für sich selbst gebraucht, um wach zu bleiben. Die Albträume seien so schlimm geworden, dass er versucht habe, so wenig wie möglich zu schlafen.

Kampf um Caswicks Zukunft

Den folgenden Monat über arbeitete Caswick mit einer örtlichen Jugendorganisation namens ReThink und seinem Pflichtverteidiger Joseph Roam, um mildernde Umstände geltend zu machen. Sie stellten einen kleinen Ordner zusammen, der eine andere Geschichte über Caswick erzählte. Keine, in der er Zombies Drogen verkaufte, Leichen fand und angeschossen wurde, sondern die Geschichte seiner harten Arbeit, um seinen Schulabschluss zu schaffen, Fotos von ihm beim Lunch mit Präsident Obama, als der CeaseFire besuchte, seine Ehrung vom Stadtrat, weil er ein paar ausgesetzte Kinder gerettet hatte, und Empfehlungsschreiben von Sozialarbeitern. Caswick hoffte, der Richter würde "erkennen, was für ein Mensch ich bin, und mich mit anderen Augen sehen". Er hasste es zwar, seine psychischen Probleme vor Gericht breitzutreten, doch er gestand Roam, dass er die Drogen genommen hatte, um mit seinen Albträumen fertigzuwerden.

"Die meisten jungen Menschen, die man als Strafverteidiger kennenlernt, sind in irgendeiner Weise traumatisiert. Vor allem Jugendliche, deren Gehirn sich zum Zeitpunkt des Traumas noch entwickelt, trifft es schwer", sagt Williams, das Stadtratsmitglied. "Trauma sollte immer ein mildernder Umstand sein, aber die Richter hier sind schon abgestumpft, weil sie das so häufig hören."

"Es ist verrückt, aber ich habe mir nie vorgestellt, alt zu werden", sagt Caswick. "In New Orleans bist du skeptisch, ob du lange leben wirst. Wenn du in den Straßen von N'awlins 25 wirst, giltst du als OG." Original Gangsta – ein Status, der Respekt und ein wenig Schutz vor den alltäglichen Gefahren der Straße bringt. "In anderen Hoods sind die OGs 35, 45. Aber hier sind sie 25."

Am Morgen von Caswicks Verhandlung war der Gerichtssaal voll, es gab nur noch Stehplätze. Außer den gut gekleideten Anwälten, den uniformierten Justizvollzugsbeamten und den Polizisten in den ersten Reihen waren fast nur schwarze oder hispanische Angeklagte anwesend.

Caswick traf 35 Minuten zu spät ein, in Tarnhose und schwarzem Hoodie. Roam war frustriert, er hatte lange vor dem Gerichtsgebäude gewartet. Doch nur 20 Minuten später hatte Roam bereits eine Übereinkunft mit dem Gericht: Caswick musste in die Drogentherapie, bekam fünf Jahre Bewährung und keine Haftstrafe. Man würde seine Vorstrafe tilgen, wenn er die Drogentherapie erfolgreich abschließen und während seiner Bewährung nicht festgenommen würde.

"Ich habe doch gesagt: 'Erzähl mir alles und ich regle das'", sagte Roam, als er mit Caswick die vielen Anwälte und Angehörigen im Korridor passierte. "Caswick, du weißt gar nicht, wie positiv das gerade für dich lief."

Neuanfang ohne Drogen

Roam forderte Caswick auf, diese Gelegenheit zu nutzen. "Ich vertrete so viele junge Brüder wie dich, die mit Trauma und Stress kämpfen, aber nichts davon verarbeiten. Sprich bei der Drogentherapie mit den Betreuern. Hör auf ihre Empfehlungen. Das hier ist eine Chance, dich um dich selbst zu kümmern. Such dir Hilfe und stell dich den Dingen, die du verarbeiten musst." Caswick dankte ihm und ging die Treppe hinunter, um sein Leben auf Bewährung zu beginnen. Festgenommen wurde er nicht mehr, doch die Drogentherapie war nicht einfach. Es waren nicht nur die drei Termine pro Woche, die ihm zusetzten. Caswick konnte sich nicht länger betäuben, wie er es getan hatte, seit er elf war.

Auch finanziell war die Situation schwierig: Caswick hatte sich von Rose getrennt und war nun mit Jasmia zusammen. Für seine inzwischen zwei Töchter musste er an Rose Unterhalt zahlen, und auch Jasmias Kinder brauchten Geld. Auch wollte Caswick seine Mutter unterstützen und musste zusätzlich die Drogenbetreuung zahlen. Seine Festnahme und die Gerichtstermine hatten ihn seinen Job bei Domino's Pizza gekostet.

"Wenn sie vor den Richter kommen, erwarten wir von ihnen, dass sie ihr Leben in drei Tagen auf die richtige Bahn bringen", sagt Karen Marshall, Geschäftsführerin von ReThink. "In der Drogentherapie sagen sie: 'Such dir einen Job.' Beim nächsten Termin heißt es: 'Nenn uns eine dauerhafte Adresse.' Als wäre dieser Scheiß einfach."

Nach seinem Urteil fand Caswick einen Job in einem Restaurant, wo er kochte und abspülte. Er bekam regelmäßig Lohn und, was noch wichtiger war, eine Alltagsroutine. Mithilfe der Drogentherapeuten bekam er Medikamente verschrieben, mit denen er besser schlief, tagsüber dämpften sie seine Ängste und Depressionen. Zum ersten Mal hatte er über längere Zeit hinweg eine Einzelbetreuung.

Er zahlte Rose und den Kindern Unterhalt, und da Jasmia bei Burger King arbeitete, konnten Caswick und Jasmia sich eine Reise ins texanische Houston leisten, wo Jasmias Kinder bei einer Tante wohnen. Caswick wusste nicht, wohin sein neuer Lebensweg ihn führen würde, aber wenigstens verkaufte er keine Drogen, stahl nicht und raubte niemanden aus.

Caswick sitzt an einem Tisch, eine Restaurantangestellte fasst ihn an der Schulter und spricht zu ihm
Caswick spricht mit einer Mitarbeiterin des Café Reconcile, wo er eine Zeit lang psychologisch betreut wurde

Bei unserer letzten Begegnung Ende Januar 2018 wohnt Caswick mit Jasmia und seiner Tochter Cassidy in einem Wohnwagen auf dem Grundstück seiner Mutter in Morgan City. Im Haus wohnt seine Mutter mit ihrem Mann. Mit Jasmia gehen wir in ein mexikanisches Restaurant, bei einem Teller Nachos erwähnt Caswick beiläufig, dass ein Paar aus New Orleans wenige Stunden zuvor mit Kopfschüssen ermordet worden sei. Er blickt kaum auf, scrollt sich durch sein Handy, um Fotos von den Opfern zu finden. Selbst in dieser kleinen Stadt entkommt Caswick der traumatischen Gewalt seiner Großstadtheimat nicht komplett.

Er habe sich nie vorstellen können, New Orleans zu verlassen, sagt Caswick. Die Straßen, das Lebensgefühl – es war die einzige Stadt, die er wirklich kannte, gezeichnet von Trauer, Freude, Verlust und Überleben. "Ich will wieder nach Hause", sagt er. "Aber kennst du das, wenn du etwas so sehr liebst, dass es dir schadet? Das ist New Orleans für mich." Seit seinem Umzug nach Morgan City geht er regelmäßig in die Kirche. Der Pastor vermittelt ihm Kontakte für Gelegenheitsjobs, wie einfache Reparaturen. Seine Drogentherapie wurde um neun Monate verkürzt und endet damit diesen Herbst. Caswick schreibt diesen Erfolg seinem neu erstarkten Glauben zu. Er ist überzeugt: Wenn er in der Kirche und nah bei Gott bleibt, "werden mir gute Dinge passieren".

"Es ist verrückt, aber ich habe mir nie vorgestellt, alt zu werden", sagt er. "In New Orleans bist du skeptisch, ob du lange leben wirst. Wenn du in den Straßen von N'awlins 25 wirst, giltst du als OG." Original Gangsta – ein Status, der Respekt und ein wenig Schutz vor den alltäglichen Gefahren der Straße bringt. "In anderen Hoods sind die OGs 35, 45. Aber hier sind sie 25." Caswick wird im November 24 Jahre alt.

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Investigative Fund des Nation Institute und mit finanzieller Unterstützung von der Puffin Foundation entstanden. Redaktionelle Mitarbeit von Andre Lambertson.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Twitter.