Interviews

Im Gespräch mit Leuten, die mit Fackeln gegen ein Aargauer Asylheim protestieren

Was bewegt Menschen in einem idyllischen Dorf dazu, mit Fackeln gegen eine geplante Asylunterkunft auf die Strasse zu gehen? Wir haben sie gefragt.

von Sebastian Sele und Philippe Stalder
30 November 2016, 10:00am

Alle Fotos von Philippe Stalder

Obwohl ganze vier Bahnhöfe die Gemeinde erschliessen, ist es normalerweise ruhig in Muhen. Sieben Zugminuten von Aarau entfernt leben etwas mehr als 3.800 Einwohner in der Gemeinde, die sich auf ihrer Webseite mit dem Slogan "Willkommen in Muhen—dem naturnahen Dorf an zentraler Lage" beschreibt. Doch mit der Ruhe ist es seit dem 19. November nicht mehr weit her. An jenem Samstagabend gab der Gemeinderat an der Gemeindeversammlung bekannt, dass aus einem ehemaligen Gasthof im Zentrum des Dorfes eine Asylunterkunft werden soll. Der Besitzer des Gebäudes habe dieses ohne Wissen der Gemeinde dem Kanton als Asylunterkunft angeboten. Bislang leben in Muhen 19 Asylbewerber, 60 weitere könnten im Gasthof dazukommen.

Nur vier Tage später organisierten sich Einwohner gegen die Asylunterkunft und riefen die "IG pro Muhen" ins Leben. 140 Leute sollen gemäss Martin Kaufmann, dem Präsidenten der IG, noch am selben Abend Mitglied geworden sein. Gut eine Woche später unterstützten bereits 1.500 Leute den Protest mit ihrer Unterschrift. Am Dienstagabend hat die IG eine Mahnwache mit Fackeln organisiert. Sie erwartete mehrere hundert Teilnehmer, die bei Würsten und Glühwein ihrem Ärger symbolisch Ausdruck verleihen.

Wir waren am Dienstagabend in Muhen, um zu erfahren, was Menschen in einem idyllischen Dorf in einem der wohlhabendsten Länder der Welt dazu bewegt, mit Fackeln gegen eine Asylunterkunft auf die Strasse zu gehen. Hier die ungekürzten Gespräche.

STEFAN, 33 JAHRE, UND MARCEL, 29 JAHRE

VICE: Was sind eure Beweggründe, an dieser Mahnwache teilzunehmen?
– Es kann doch nicht sein, dass 60 junge Männer direkt neben dem Schulhaus untergebracht werden. Die Befürchtung ist berechtigt, unabhängig von der politischen Einstellung. Hier waren auch viele Leute, die nicht SVP wählen. Es gab auch viele Schüler und Familien.

Was genau ist denn Ihre Befürchtung? Dass diese Männer dann kriminell werden, oder einfach stören, oder wie?
– Ja, also mir würde das nicht anders gehen, wenn ich den ganzen Tag nichts zu tun hätte, dann dümpelst du umher oder keine Ahnung, was die dann machen.
– Ich denke, es geht auch darum, weil die Asylunterkunft direkt im Dorfzentrum geplant ist. Die Lage ist ungünstig. Wir haben hier vis à vis Einkaufsmöglichkeiten, eine Schule, die Kirche und das Altersheim. Ich denke, das ist der Hauptgrund, weshalb es die Leute stört. Die Lage ist schlicht nicht geeignet.

Also wenn das Asylzentrum ausserhalb des Dorfkerns gelegen wäre, hättet ihr kein Problem damit?
– Dann würde es bestimmt anders aussehen, dann wären nicht so viele Leute hier.
– Ein anderes Problem, ist, dass der neue Eigentümer des Gasthauses die Gemeinde hintergangen hat und direkt zum Kanton gegangen ist. Ein Auswärtiger kauft hier ein Haus und will damit zusammen mit dem Kanton Geld verdienen. Das kann es doch nicht sein. Die Gemeinde muss ja schlussendlich dann mit diesen Leuten leben und nicht der Eigentümer, oder die Verantwortlichen vom Kanton. Wir wurden gar nicht gefragt.

Habt ihr persönlich denn schon negative Erfahrungen mit Asylanten gemacht?
– Was meinst du mit negativen Erfahrungen?

Naja, die Vorstellung, dass junge Männer nicht problemlos neben einer Schule wohnen können, muss ja irgendwoher kommen?
– Ich denke, diese Vorstellung haben wir von den Medien. Es ist ja aber auch eine Tatsache, dass die hier den ganzen Tag rumlungern müssen, denn sie dürfen ja keiner Arbeit nachgehen. Was würden wir denn machen, wenn wir in dieser Lage wären? Wir würden wahrscheinlich auch hier im Café sitzen und den ganzen Tag Kaffee schlürfen.

Aber ihr würdet ja wahrscheinlich keine Leute belästigen, oder?
– Ich denke nicht, nein. Aber Muhen ist halt ein Bauerndorf, hier ist man halt etwas konservativer. Das stört hier halt einfach.

Ein von der "IG pro Muhen" erstelltes Mindmap zu den Risikofaktoren der Asylunterkunft

Ein Kameramann vom Lokalsender stösst hinzu und fragt uns, ob wir etwas sagen wollen. Wir erklären ihm, dass wir nichts sagen, sondern etwas fragen wollen und er sich doch bitte hinten anstellen soll.

Wie ist das für euch, dass plötzlich Kameras und Journalisten aus Zürich hier sind, erstaunt euch das?
– Bei Tele M1 eigentlich nicht, die sind immer da. Aber dass ihr aus Zürich hier seid, erstaunt uns schon etwas. Aber wir finden es gut, dass das jetzt anscheinend auch schon in Zürich angekommen ist, dass sich die lokale Bevölkerung gegen das geplante Asylzentrum stellt. Direkt zu den Leuten gehen ist in jeder Situation besser. So erfährst du mehr und spürst, um was es den Leuten geht.
– Ich habe das Gefühl, ihr seid eher auf der linken Seite, stimmt das?

Ich kann mich politisch keiner Partei zuordnen.
– Wie würdet ihr euch denn verhalten, wenn in eurem Dorf so ein Zentrum geplant wäre?

Wir wohnen ja in der Stadt Zürich. Und da sind wir Menschen gewohnt, die auf den ersten Blick nicht wie ein Urschweizer aussehen. Wir haben keine Angst vor unseren Mitmenschen. Aber generell finde ich, dass wir ja in einem christlich geprägten und zudem sehr wohlhabenden Land leben. Nächstenliebe ist ein zentrales Element in der christlichen Lehre, deswegen finde ich, dass es sich die Schweiz leisten kann, Menschen in Not zu helfen.
– Da sind wir derselben Meinung. Nur die Verteilung innerhalb des Landes ist ja das Problem. Muhen ist ein kleines, konservatives Bauerndorf, deswegen sollten hier keine Asylanten einquartiert werden. Aber dass man Menschen in Not helfen muss, steht ausser Frage. Aber es gibt meiner Meinung nach unter diesen Asylbewerbern auch viele, die gar nicht in Not sind. Ich weiss nicht genau, was für Menschen hierherkommen.

Damit man als Flüchtling in der Schweiz Asyl erhält, muss man ja gewisse Kriterien erfüllen. Dafür gibt es ja offizielle Stellen, die diese Anträge bearbeiten und viele davon auch ablehnen. Hier stellt sich halt die Frage, ob ihr euren Institutionen vertraut oder nicht.
– Müssen wir ja wohl oder übel.

Willi, 66 Jahre

VICE: Sie haben gesagt, Sie fühlen sich vom Kanton bevormundet.
Willi: Ja, auf jeden Fall. Es ist keine Art, wie das gehandhabt wird, auch in anderen Gemeinden. Es soll immer verheimlicht werden und zuletzt kann man nichts mehr machen, dann ist es schon zu spät.

Wurde Sie also erst informiert, nachdem der Kanton die Entscheidung getroffen hat, hier ein Asylzentrum zu platzieren?
Ja, nach der Gemeindeversammlung wurde das ja publik. Gewisse Leute haben dann sofort reagiert. Es gab ein grosses Echo. Wir haben nichts gegen die Asylanten. Wir haben unser Pensum, um die 20 Leute herum. Aber einfach 60 zusätzliche im Zentrum aufzunehmen, das geht nicht. Und das weiss auch der Kanton. Das ist ja in allen anderen Orten dasselbe. Im Zentrum drin möchte man sie einfach nicht. Wir haben hier eine Schule, die letzten Geschäfte, die Gemeinde, das Altersheim—das ist einfach nicht akzeptabel.

Wenn der Kanton Sie gefragt hätte, bevor der Kanton die Entscheidung getroffen hat, wären Sie unter Umständen bereit, die 60 Leute aufzunehmen oder liegt es an der Zahl selbst?
Das liegt an der Zahl selbst. Das sind einfach zu viele. Das weiss man. Mit 60 Nasen, alles Männer, das gibt einfach Radau. Das sind keine Vorurteile, das sind Tatsachen, wenn Sie sich etwas umsehen. Ich kenne das aus Bekanntenkreisen, es gibt überall Radau.

Wo würden Sie denn die Schmerzensgrenze festlegen?
Das wird bei 20 liegen, darüber auf keinen Fall. Und nicht an diesen Orten. Da sind einfach Ängste vorhanden und diese sind auch berechtigt, mit Kindern und so weiter. Ausserhalb vom Dorf: OK. Da hätte man vielleicht mit ihnen umgehen können. Das habe ich auch sehr oft gehört, als ich mich etwas damit befasst habe. Aber nicht im Zentrum drin. Das ist eigentlich das Hauptproblem, das wir hier haben. Plus die hohe Anzahl. Da habe ich Unterstützung bekommen, mehr oder weniger waren alle der gleichen Meinung, als ich Unterschriften gesammelt habe.

Sie sagten, Sie hätten Erfahrungen gemacht. Das seien Tatsachen und keine Vorurteile. Was waren das denn für Erfahrungen?
Die stammen aus dem Kollegenkreis, wo man das eins zu eins mitbekommen hat. Und von den Jungen, die sagen: nichts als Sozialfälle, man muss auch etwas weiter schauen. Da gebe es bereits Gemeinden, die mit den Steuern herauf müssen oder andere Sachen streichen. Sonst hätten sie schlicht und einfach kein Geld mehr.

Also ein Kostenpunkt.
Ja, ein Kostenpunkt letzten Endes.

Also nicht, dass die Leute negativ aufgefallen wären?
Nein, nicht einmal—wobei, das gehört auch einfach dazu. Da können Sie nach Aarau, auf Buchs. Sobald es 30 oder mehr Männer sind, gibt es riesige Probleme. Das habe ich von diversen Orten bestätigt bekommen. Von Leuten, die nebenan arbeiten, die direkt mit diesen Leuten arbeiten. Dort, wo Familien drin sind, funktioniert es einigermassen. Aber sobald es nur Männer hat, gibt es Schlägereien. Auch wenn es nur einer oder zwei oder drei sind, schon sind alle im selben Topf drin.

Sie sagen also, für Sie wäre es OK, wenn die Unterkunft ausserhalb des Dorfes liegen würde.
Damit könnte ich noch leben, ja. Irgendwo müssen Sie ja auch sein. Wobei: Europa hat ja sehr viele. In der Schweiz sind sie sehr gut gehalten. Ich habe bei diesen Rundgängen auch Leute aus Deutschland getroffen. Die sagen, jene, die in der Schweiz sind, hätten ein gutes Leben. Bei ihnen sei es ganz anders, da seien die Leute irgendwo in einem Ghetto draussen eingekapselt.

Der Gasthof, der dem Kanton als Asylunterkunft angeboten wurde

Bea, 48

Wollte kein Foto.

VICE: Was war ihr persönlicher Beweggrund, heute Abend an diese Mahnwache zu kommen?
Bea: Es geht ja darum, dass der Kanton Aargau Asylbewerber, 60 junge Männer unterbringen möchte, im Dorf, mitten im Zentrum, gegenüber von der Schule und den Einkaufsmöglichkeiten. Da sind wir nicht ganz dafür. Es geht nicht darum, dass wir nicht für die Asylbewerber sind aber wir sind dagegen, weil es ein schlechter Standort ist.

Was sind die Befürchtungen bezüglich dem Standort?
Das wissen wir nicht, das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Liegenschaft von jemandem gekauft wurde, der nicht hier ansässig ist. Das ist wahrscheinlich eine Briefkastenfirma oder was auch immer, die das Gebäude gekauft und dem Kanton zur Verfügung gestellt hat für diese Asylbewerber.

Und wenn jemand aus dem Kanton, zum Beispiel der alte Wirt, das machen würde—würde es für Sie anders aussehen?
Nein, wir würden uns auch wehren. Einfach auch weil es sehr zentral ist. Ich habe selbst zwei kleine Kinder.

Sie hätten also Angst um Ihre Kinder?
Ja, ich sag mal, wir haben nächstes Jahr auch das Jugendfest hier, das alle vier Jahre stattfindet. Es ist einfach vom Gefühl her, sag ich mal, nicht dasselbe. Dass ich meinen Kindern nicht einfach sagen kann, dass sie bis um 22:00 Uhr bleiben können, ohne dass ich dabei bin.

Was denken Sie denn, was passieren könnte?
Ja, ich weiss es nicht. Man hört ja auch Dinge, natürlich auch positive. Aber ich sage mal grundsätzlich, auch wenn es 60 Schweizer im gleichen Alter wären—das kommt nicht gut. Da denke ich einfach so.

Wenn die Unterkunft etwas ausserhalb vom Dorf wäre, wäre das kein Problem?
Dann würde es etwas anders aussehen, ja. Weil es einfach nicht ganz so zentral wäre. Wie gesagt, es ist grundsätzlich nicht gegen die Asylbewerber, sondern einfach gegen die Lage.

Es ist ja nicht nur hier in Muhen der Fall, sondern es ist oft so, dass Asylbewerber über die ganze Schweiz verteilt werden und dass es in gewissen kleineren Dörfern Widerstand gibt. Hätten Sie einen Vorschlag, wie man dieses Verfahren für alle Beteiligten besser machen könnte?
Vor Ort helfen. Ich denke, das wäre für alle Beteiligten besser.

Also in Syrien?
Ja, in Syrien zum Beispiel oder wo auch immer. Ich denke, auch für die Leute, die flüchten müssen. Das ist keine schöne Sache, das ist mir schon klar.

Und mit denen, die jetzt schon auf der Flucht sind? Vielfach ist es ja so, dass diese Leute schon mehrere Jahre unterwegs sind, bis Sie hier ankommen. Das Bekämpfen von Ursachen dauert aber wahrscheinlich etwas länger.
Da habe ich keine Lösung—zumindest nicht gerade jetzt. Es ist schwierig, ja.

Möchten Sie sonst noch etwas loswerden?
Nein, ich habe eigentlich alles gesagt. Eben: Grundsätzlich sind wir nicht gegen die Asylbewerber, sondern die Lage ist einfach ist einfach sehr unpassend für so ein kleines Dorf.

Werner, 56 Jahre

VICE: Wieso sind sie heute hergekommen?
Werner: Ich wollte wissen, wer der neue Eigentümer des Gasthofs ist. Nach einer kurzen Recherche im Handelsregister habe ich herausgefunden, dass dubiose Briefkastenfirmen aus Baar (ZG) in das Geschäft involviert sind. Diese wollen den Gasthof nun dem Kanton als Asylzentrum vermieten und damit einen Haufen Geld verdienen. Das macht mich jetzt am meisten verrückt.

Was sind das für dubiose Firmen?
Das sind etwa sechs Trading-Firmen. Ich kann Ihnen die Handelsregisterauszüge zeigen.

Und was ist das dubiose an diesen Firmen?
Das seht ihr, wenn ich euch die Handelsregisterauszüge zeige. Das ist eine ganz dubiose Sache. Da wäre ich froh, wenn ihr dieser Sache einmal nachgeht, und in Baar schaut, was genau das für Firmen sind.

Ich bin in Zug aufgewachsen, ich weiss, dass es dort noch ein paar dubiose Firmen gibt.
Eben (lacht). Ja und genau das macht mich wütend. Solche Geldsäcke wollen jetzt hier das grosse Geschäft machen—auf unsere Kosten. Und Regierungsrätin Hochueli vom kantonalen Departement für Gesundheit und Soziales spielt da mit.

Würde Sie das geplante Asylzentrum auch stören, wenn keine Firmen aus Baar, sondern ein lokaler Eigentümer, den Gasthof dem Kanton vermieten würde?
Ja, 60 sind zu viele.

Wo liegt Ihrer Meinung nach denn die Schmerzgrenze?
Also wir haben mit 17 Flüchtlingen aktuell unser Soll ja bereits erfüllt.

Und das ist die Schmerzgrenze?
Nein, also vier, fünf könnten wir schon noch aufnehmen hier in Muhen.

Und was befürchten Sie, wenn jetzt noch 60 hinzukommen?
Das sind alles junge Männer, die sitzen dann den ganzen Tag am Bahnhof rum und besetzen die Haltestelle. Das ist halt schon ein Problem. Zudem ist die Lage direkt neben dem Schulhaus sehr schlecht.

Geht von diesen jungen Männern denn eine Gefahr aus?
Das weiss ich nicht, das müsst ihr sie schon selbst fragen.

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