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Warum dir die „Panama-Papers“ nicht am Arsch vorbeigehen sollten

Tweets nach dem Motto „Große Überraschung: Reiche und mächtige Leute sind korrupt. Warum sollte mich das interessieren?" sind falsch, denn der aktuelle Finanzskandal betrifft auch dich.

von Drew Schwartz
05 April 2016, 9:46am

Foto: FuFu Wolf | Flickr | CC BY 2.0

Die sogenannten „Panama-Papers" schlagen derzeit weltweit hohe Wellen. Dabei handelt es sich um eine Ansammlung von 11,5 Millionen geleakten Dokumenten, die einen detaillierten Einblick in die Tätigkeiten der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca geben. Dieser Anwaltskanzlei wird vorgeworfen, Drogenbossen, berühmten Sportlern, Betrügern, Königen, Präsidenten, Premierministern, FIFA-Offiziellen, Mafia-Mitgliedern, Dieben, Politikern und auch mindestens einem verurteilten Sexualverbrecher dabei geholfen zu haben, Geldwäsche zu betreiben, sich den Steuerpflichten zu entziehen und eine strafrechtliche Verfolgung abzuwenden.

Mossack Fonseca wird aber auch mit dem Brink's-Mat-Goldraub von 1983 in Verbindung gebracht, der von den britischen Medien als das „Verbrechen des Jahrhunderts" bezeichnet wurde. 33 der Klienten sind von den US-Behörden auf die schwarze Liste gesetzt worden, weil sie angeblich Geschäfte mit mexikanischen Drogenbossen, terroristischen Organisationen und „Schurkenstaaten" wie etwa Nordkorea oder dem Iran gemacht haben. Aus den Dokumenten geht außerdem hervor, dass eine 1,75 Milliarden Euro schwere, dubiose Geldspur zu Wladimir Putin führt. Ein anderer Mossack-Fonseca-Klient spielte eine entscheidende Rolle in der Watergate-Affäre und ein weiterer wurde für die Folter und den Mord an einem US-Drogenvollzugsbeamten verurteilt. Zudem hat sich herausgestellt, dass auch Österreich in den Skandal verwickelt ist. So tauchen neben dem Namen eines ehemaligen bekannten österreichischen Bankers auch Verbindungen zu Raiffeisen International und der Hypo Vorarlberg in den Dokumenten auf.

Bei einer Angelegenheit eines solchen Ausmaßes—Edward Snowden hat das Ganze auch schon den „größten Leak in der Geschichte des Datenjournalismus" genannt—ist es nicht gerade einfach, den Überblick zu behalten und alle Folgen zu verstehen. Die „Panama-Papers" sind ohne Zweifel ein Riesenskandal. Aber wie genau betreffen sie eigentlich Leute wie dich und mich?

Wenn du in einem der 200 Länder wohnst, die auch die Klienten von Mossack Fonseca ihre Heimat nennen, dann betreffen die „Panama-Papers" auch dich, denn mit dem Geld, das die Anwaltskanzlei quasi „verschwinden" ließ, sollten eigentlich deine Schulen finanziert, deine Straßen instand gehalten und deine Krankenhäuser betrieben werden. Die Kriminellen, mit denen das Unternehmen zusammenarbeitet, leiten die gewalttätigsten Verbrechensorganisationen, die es in deinem Land jemals gegeben hat. Die Politiker, die Schmiergelder angenommen und verteilt, die Steuerpflichten umgangen und die ein unglaubliches Vermögen angehäuft haben, mischen in deiner Regierung mit.

Kurz nachdem der Skandal öffentlich gemacht worden war, kamen auch schon erste Tweets, die ungefähr so aussahen: „Große Überraschung: Reiche und mächtige Leute sind korrupt. Warum sollte mich das interessieren?" Natürlich sollte dich das interessieren, denn diese Story—eine Geschichte von versteckten Millionenbeträgen, von Korruption, von Mord, Bestechung, Macht und Verrat—betrifft auch dich. Es folgt nun eine Abhandlung darüber, wie diese Machenschaften aufgedeckt wurden und warum dir das Ganze nicht am Arsch vorbeigehen sollte.

Der Leak

Vor gut einem Jahr kontaktierte eine anonyme Quelle die Süddeutsche Zeitung und stellte den Journalisten einen ganzen Haufen an internen Dokumenten der bereits erwähnten panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Aussicht. Mossack Fonseca hat sich darauf spezialisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen auf der ganzen Welt einzurichten. Die Quelle verlangte auch keine Gegenleistungen. In der E-Mail stand nur eine Bitte: „Macht diese Verbrechen öffentlich!"

Im Laufe der darauffolgenden Monate wurden der SZ dann insgesamt 2,6 Terabyte an Daten zugespielt. Die Zeitung weihte schließlich auch das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) in die ganze Sache ein und so konnten sich letztendlich Hunderte Journalisten von mehr als 100 Medienunternehmen aus 80 Ländern mit den Unterlagen auseinandersetzen. Nach einem Jahr Recherche war dann endlich klar, wie Mossack Fonseca vorgeht und wie ein Unternehmen, das noch nie strafrechtlich verfolgt worden war, so tief im Sumpf der Korruption, der Bestechung und anderer Verbrechen stecken kann.

Motherboard: Diese Katze beweist, wie kinderleicht es ist, eine Off-Shore-Firma anzumelden

Das System

Briefkastenfirmen (auch Offshore-Firmen genannt) sind global gesehen an sich erst einmal nichts Illegales. Wenn man sie jedoch dazu nutzt, um sein Vermögen vor den Steuerbehörden zu verstecken, um Ermittlungen zu erschweren und um Kriminelle zu schützen, dann verstößt das auf jeden Fall gegen das Gesetz.

Ich umreiße nun kurz, wie dieses vertrackte System funktioniert:

Eine Person gibt Mossack Fonseca (oftmals durch einen nahestehenden Mittelsmann) den Auftrag, eine Briefkastenfirma zu gründen—also ein augenscheinliches Unternehmen, das in Wahrheit jedoch nur ein Lager für einen ganzen Haufen Geld ist. Dabei ist es egal, ob dieses Geld nun in bar oder in Firmenanteilen vorliegt. Mossack Fonseca baut diese Offshore-Firma dann an Orten wie etwa Panama (wo sich die Anwaltskanzlei auch selbst befindet), den Britischen Jungferninseln oder irgendeiner anderen Steueroase auf. Als Steueroasen bezeichnet man dabei Orte, an denen der wahre Besitzer eines Unternehmen anonym bleiben kann und das Heimatland dieses Besitzers (das normalerweise sowieso nichts von den jeweiligen Unternehmen weiß) keine Möglichkeit hat, Steuern zu erheben.

Gehen wir mal davon aus, dass ein Politiker im Jahr 100.000 Euro verdient und durch zwielichtige Geschäfte wie etwa Schmiergelder noch mal eine Million Euro drauflegt. Wenn er diese Summe nun in eine Offshore-Firma investiert, dann hat er Zugriff auf das Geld, ohne dafür Steuern zahlen zu müssen. Und selbst wenn diese Briefkastenfirma auffliegen sollte, kann sie nicht direkt mit dem Politiker in Verbindung gebracht werden, weil sie so gesehen ja einer anderen Person gehört. Bei dieser anderen Person handelt es sich um eine Art Vertreter, der von Mossack Fonseca zumindest auf dem Papier als Besitzer angegeben wird, in Wahrheit aber keinen Finger rührt. Um das Geld zu bewegen, gibt das Unternehmen dann vor, irgendwelche Geschäfte zu tätigen: Durch die „Panama-Papers" sind zum Beispiel Tausende an unechten Aktiendeals, „Beratungszahlungen" in Millionenhöhe sowie riesige „Kompensationszahlungen" für geplatzte Transaktionen ans Licht gekommen.

„Dabei handelt es sich nicht um reale Geschäfte", meinte der Geldwäsche-Spezialist Andrew Mitchell QC gegenüber der BBC. „Nein, damit soll nur der Anschein eines Unternehmensalltags erzeugt werden, um die Gelder weiter bewegen und verstecken zu können."

Die Skandale

Fangen wir doch gleich mal mit dem größten an: Wladimir Putin.

Putins Jugendfreund Sergej Roldugin, ein gefeierter Cellist und der Pate der erstgeborenen Tochter des russischen Präsidenten, wird als Besitzer einer ganzen Reihe an Briefkastenfirmen angegeben. Diese Briefkastenfirmen wurden natürlich von Mossack Fonseca gegründet und man hat Gelder in zehnfacher Millionenhöhe in sie investiert. So steht es in den „Panama-Papers". Es hat allerdings den Anschein, als würden diese Gelder gar nicht an Roldugin gehen. Das ICIJ vermutet, dass sie stattdessen in die Taschen von Putins engsten Vertrauten—und vielleicht sogar in Putins Taschen selbst—fließen.

Wie das funktioniert, ist ein wenig kompliziert. Ich denke, es lässt sich am besten anhand eines haarsträubenden Beispiels erklären, das das ICIJ in seiner Berichterstattung aufgezeigt hat:

Am 10. Februar 2011 lieh eine anonyme Firma aus den Britischen Jungferninseln namens Sandalwood Continental Ltd. 200 Millionen Dollar (176 Millionen Euro) an eine ebenso zwielichtige Firma in Zypern namens Horwich Trading Ltd.

Am folgenden Tag übertrug Sandalwood das Recht, Zahlungen (inklusive Zinsen) für diesen Kredit entgegenzunehmen, an Ove Financial Corp., eine mysteriöse Firma auf den Britischen Jungferninseln.

Für diese Rechte bezahlte Ove einen Dollar.

Doch dort hörte die Geldfährte nicht auf.

Am selben Tag gab Ove die Rechte, Kreditzahlungen entgegenzunehmen, an eine panamaische Firma namens International Media Overseas weiter.

Auch diese Firma bezahlte dafür einen Dollar.

Der Rennfahrer Nico Rosberg scheint ebenfalls in den Skandal verwickelt zu sein | Foto: imago | crashmedia

Innerhalb von 24 Stunden war der Kredit auf Papier durch drei Länder, zwei Banken und vier Firmen gewandert, sodass das Geld so gut wie unmöglich zu verfolgen wurde. Die Bank Rossija in St. Petersburg, deren Mehrheitseigentümer und Vorsitzender schon als einer von Putins „Kassierern" bezeichnet worden ist, war die Person, die Sandalwood Continental einrichtete und den Geldfluss dirigierte.

International Media Overseas, die Firma, bei der anscheinend die Rechte an den Kreditzahlungen für die 200 Millionen Dollar gelandet sind, wurde auf dem Papier von keinem Geringeren als einem von Putins ältesten Freunden kontrolliert: Sergej Roldugin.

Der springende Punkt ist dieser: Hier hat jemand mit einer extrem engen Verbindung zu Putin 200 Millionen Dollar gegen einen Dollar eingetauscht. Das ist nur eine von vielen Transaktionen, welche die Mossack-Fonseca-Papiere belegen—sie belaufen sich insgesamt auf 2 Milliarden Dollar (1,76 Milliarden Euro)—, an denen Firmen oder Individuen beteiligt waren, die Putin „unangenehm nahestanden". Wie das ICIJ betont, könnte das Geld im Geheimen die Besitzer gewechselt haben, weil es sich dabei um Zahlungen für Unterstützung von der russischen Regierung oder für den Zuschlag bei großen Firmengeschäften handelt. Diese Erklärung lässt sich auf ein gewisses Wort reduzieren: Korruption.

Die FIFA ist auch um einiges beschissener, als wir dachten—und Mossack Fonseca hat auch hier seine Finger im Spiel. Vier der 16 Funktionäre, die in den USA der Korruption angeklagt wurden, nutzten Mossack Fonseca, um Offshore-Firmen einzurichten. Ein Mitglied der unabhängigen Ethikkommission der FIFA, Pedro Damiani, hat für sieben von Mossack Fonseca eingerichtete Offshore-Firmen gearbeitet, die Verbindungen zum ehemaligen FIFA-Vizepräsidenten Eugenio Figueredo aufweisen—demselben Typen, der im Mai letzten Jahres wegen Betrugs, Geldwäsche und Racketeering angeklagt wurde. Es sieht außerdem so aus, als sei es völlig ausgeschlossen, dass Damiani nicht wusste, dass Hugo und Mariano Jinkis—ein Vater-Sohn-Duo, das angeblich Bestechungsgelder in Höhe von dutzenden Millionen an FIFA-Funktionäre gezahlt hat, um die Übertragungsrechte für lateinamerikanische Spiele zu sichern—etwas Verbotenes taten. Gegen Damiani gibt es nun eine interne Ermittlung von derselben Ethikkommission, der er angehört.

Der isländische Premierminister Sigmundur Gunnlaugsson, der nach dem Zusammenbruch mehrerer großen Banken in seinem Land an die Macht kam, besaß im Grunde eine Offshore-Firma (natürlich von unseren Freunden bei Mossack Fonseca eingerichtet), die große Anteile an genau diesen Banken besaß. Ich sage „besaß im Grunde", denn er war zwar einmal Eigentümer der Hälfte der Firmenanteile, hat diese aber seither an seine Frau verkauft. Für einen Dollar. Während es zwar nicht ganz klar ist, ob Sigmundur Gunnlaugsson etwas Illegales getan hat, so ist es doch deutlich, dass er und seine Regierung Abfindungen mit denselben Banken ausgehandelt haben, an denen er Anteile besaß. Seit der Veröffentlichung der Panama-Story sind Rufe nach seinem Rücktritt laut geworden. Ein Fernsehinterview, bei dem schwedische Journalisten ihn auf die Offshore-Firma Wintris ansprachen, brach er wütend ab.

Jeder große Skandal, den die „Panama-Papers" ans Licht gebracht haben, ist mindestens so komplex wie die ganze Putin-Sache. Wenn du dich für die Beweise hinter jeder dieser Geschichten interessierst, kann ich dir die ICIJ-Website nur wärmstens empfehlen.

Inzwischen sind auch schon Tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen den isländischen Premierminister Sigmundur Gunnlaugsson zu demonstrieren | Foto: Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Das Fazit

Ich könnte tagelang Skandale auflisten und die zweifelhaften Finanzgeschäfte aufzählen von Leuten wie dem Premierminister von Pakistan, dem König von Saudi-Arabien, den Kindern des aserbaidschanischen Präsidenten, dem Sohn des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, acht Mitgliedern des chinesischen Politbüros, und selbst Jackie Chan—doch fürs Erste reicht es eigentlich, wenn du die Zahlen kennst.

Die „Panama-Papers" haben insgesamt Geschäfte von 61 Familienmitgliedern und Personen aus dem Umfeld von Premierministern, Präsidenten und Königen enthüllt, die Mossack Fonsecas Dienste nutzen. Die Firma hat geholfen, Milliarden Euro vor Regierungen in aller Welt zu verstecken, die normalerweise versteuert worden wären. Sie hat mit Leuten Geschäfte gemacht, die Millionen aus Waisen- und Witwenrenten geplündert haben. Und das hat die Firma 40 Jahren lang so gemacht, ohne dass es jemand wusste— bis sich dieser anonyme Informant bei der Süddeutschen Zeitung meldete.

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Wir leiden alle am Informationsüberfluss. Jeden Tag brüllen uns Hunderte Werbungen von Reklametafeln und Handybildschirmen und Fernsehern entgegen. Wir könnten uns nicht einmal die ganze Musik anhören, die im letzten halben Jahr erschienen ist, wenn wir uns den Rest unseres Lebens dafür Zeit nehmen müssten. Wir ertrinken in Schlagzeilen, überwältigt von den vielen Nachrichten, zu denen wir Zugang haben, und oft auch unsicher, auf welche Quelle wir hören sollen. In einer Zeit, in der Informationen so reichlich zugänglich sind, sind wir erschöpft von dem Versuch, so viel wie möglich davon zu konsumieren.

Die „Panama-Papers" sind, vermutlich mehr noch als jede andere Nachricht, die du im nächsten Jahrzehnt lesen wirst, keine einfache Geschichte. Sie zu verarbeiten, braucht ein wenig Zeit und Energie. Es wird auch lange dauern, bis wir insgesamt alles verstanden haben—die dutzenden Medien, die darüber berichten, haben noch nicht einmal alle Dokumente gesichtet, die ihnen vorliegen. Doch diese Geschichte ist unsere Zeit wert. Denn anders als so viele Geschichten, die es da draußen gibt, ist das hier eine, die dich direkt betrifft.



Titelbild: FuFu Wolf | Flickr | CC BY 2.0

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