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Kranker Scheiss aus dem Leben eines Döner-Verkäufers

Wir haben mit dem Inhaber einer Dönerbude in Zürichs Ausgehviertel über die alltäglichen Hürden seines Jobs gesprochen.

von Sascha Britsko
14 März 2016, 4:00pm

Foto: William Neuheisel

Nachdem wir uns bereits den kranken Scheiss von Tankstellenmitarbeitern, Würstchenverkäufern und Nachtlieferanten angehört haben, bleiben wir noch ein wenig bei den Menschen der Dienstleistungsbranche.

In der Nacht passieren bekanntlich schräge Dinge. Die Nacht verändert nicht nur die Welt um dich herum, sondern gerne auch mal deinen Bewusstseinszustand. Dabei versammeln sich die Menschen auf der Suche nach dem Hoch an Hotspots wie der Zürcher Langstrasse oder der Hardbrücke. Was fast jeder der angestrebten Räusche mit sich bringt: Hunger. Unsere Kollegen von Noisey haben hier schon ausführlich gezeigt, wo die nächtlichen (Nicht-)Gourmet-Tempel in Zürich liegen.

Wenn du in diesen Dönerbuden, 24-Stunden-Shops oder Asia-Imbissen landest, befindest du dich auf der Seite des nicht mehr ganz zurechnungsfähigen, zu Streichen hingezogenen Besuchers. Dabei vergisst du gerne einmal, dass auf der anderen Seite der fettigen Theke Menschen stehen, die nicht wie du nur vereinzelte Resultate, sondern die ganze Summe der Rauschideen aller Besucher abbekommen. Diesen Menschen bleibt nichts anderes übrig, als gegenüber den manchmal wirklich ausserordentlich dummen Leistungen der Betrunkenen zu resignieren und diese als ihren Alltag zu akzeptieren.

Trotz der Resignation bleibt aber oftmals mehr als ein grosses Fragezeichen zurück, wie ich beim Gespräch mit einem Dönerverkäufer in einem von Zürichs beliebtesten Ausgangsvierteln gemerkt habe. Bei einem solchen Feuerwerk von Geschichten über fliegende Döner und Pfefferspray-Witzbolde ist das allerdings auch nicht sonderlich erstaunlich.

Unsere New Point-Dönerbude hat am Wochenende 24 Stunden geöffnet. Die meiste Kundschaft besucht uns zwischen 02:00 und 05:00 Uhr morgens. Also dann, wenn der Rausch und der Hunger am grössten sind. Wir bekommen das Nachtleben dementsprechend in seiner vollen Härte ab. Ich arbeite seit zwölf Jahren hier und ich kann eines mit Sicherheit sagen: Die Jugend von heute ist viel gewalttätiger als jene von vor zehn Jahren. Aus Lust und Laune zerkratzt sie Tische oder klaut Salz und Pfeffer—das hätte sich früher niemand getraut.

Foto: MGA73bot2 | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Geklaut wird sowieso sehr viel. Nicht nur das ganze Menage, auch das Besteck verschwindet ständig. Ich glaube kaum, dass jemand das wirklich braucht. Die stehlen das einfach so, aus Spass. Viele Leute haben auch das Gefühl, dass der Unterteller zum Döner mit dazu gehört. Nach Schichtende finden wir dann immer wieder Teller von uns am Bahnhof.

Vor ein paar Jahren brachen ein paar Jungs auch einmal total dreist hier ein. Zu den Stosszeiten schlichen sie sich an den Mitarbeitern vorbei und verschafften sich mit Hilfe eines Schraubenziehers Zugang zur Personal-Garderobe. Alle Wertsachen waren danach weg.

Aber auch kleinere Delikte können schnell mal zu grossen Dramen werden. Einer wollte einmal abhauen, ohne zu bezahlen. Dank der Videoüberwachung haben wir das aber gesehen und konnten den Mann sofort damit konfrontieren. Trotz der klaren Beweise weigerte er sich immer noch, zu bezahlen—wir bestanden darauf. Auf einmal wurde er aggressiv und handgreiflich. Seine fünf bis sechs Kumpel haben ihn dabei unterstützt und mit Stöcken und Fusstritten auf einen Mitarbeiter eingeprügelt. Danach musste er ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Foto: Alex Kehr | Wikimedia | CC BY 2.0

Mittlerweile können wir aber einschätzen, wer aggressiv reagieren könnte und handeln schon präventiv. Das Problem ist einfach, dass die Leute uns immer anlügen und gratis essen möchten. Wenn sie wirklich kein Geld dabei haben, könnten sie es auch ein andermal vorbeibringen. Das wäre kein Problem. Aber ich verstehe einfach nicht, wieso die Menschen so aggressiv werden.

Allgemein merke ich, dass die Leute am Wochenende grundsätzlich ungeduldiger sind. Alles muss schnell gehen und sofort fertig sein. Wo bleibt dann die Zeit, die Dinge zu geniessen?

Manchmal kommt es deshalb vor, dass die Leute einfach so einen ganzen Döner durch die Luft schmeissen. Entweder passt ihnen der Preis nicht, sie sind zu besoffen oder auf Drogen. Manche finden auch einfach, der Döner habe zu wenig Fleisch drin. Mich hat so ein fliegender Döner zum Glück noch nie getroffen aber die Sauerei durfte ich deswegen trotzdem aufräumen. Einmal haben ein paar Betrunkene auch einfach den Zigarettenautomaten zertrümmert—ich weiss gar nicht genau wieso. Ich habe das erst im Nachhinein mitbekommen. Aber ich nehme an, dass ihre Zigarettenmarke ausverkauft war oder der Automat das Geld nicht annahm.

Sehr absurd war auch der Vorfall, als einer dachte, dass es doch witzig wäre, mit einem Pfefferspray in einem geschlossenen Raum herumzusprühen. Auch hier frage ich mich, wie man auf so eine hirnrissige Idee kommt—aber das frage ich mich sowieso sehr oft. Auf jeden Fall haben wir sofort die Polizei gerufen. Wir mussten zuerst den ganzen Laden, also den Raum mit den Stehplätzen und sogar den ganzen Sitzbereich, räumen und richtig gut auslüften, bevor wir nur daran denken konnten, wieder hineinzugehen. Dadurch verloren wir natürlich einiges an Umsatz.

Aber auch an ganz normalen Abenden passieren seltsame Dinge. Es kommt zum Beispiel immer wieder mal vor, dass einige Gäste die Toiletten mit ihrem Zuhause verwechseln. Dann kotzen sie alles voll oder schlafen auf der Toilette ein. Die Pissoire werden immer wieder zerschlagen und praktisch jede Woche muss ich einen neuen WC-Deckel kaufen. Wieso zum Teufel zerschlägt man einen WC-Deckel? Kann mir das einer mal sagen?

Ich denke ganz grundsätzlich, dass die Kebab-Szene von den Partywütigen heutzutage unterschätzt wird. Die Leute meinen, wenn sie ein paar Franken bei uns liegen lassen, dürfen sie tun und lassen, was sie wollen. In einem À-la-carte-Restaurant würden sie ja auch nicht einfach das Personal verprügeln oder das Klo zertrümmern. Manchmal glaube ich auch, dass die Menschen sich so daneben benehmen, weil sie sehen, dass das Geschäft von einem Ausländer geführt wird. Ich spüre einen gewissen Hass und musste mir deswegen nicht nur einmal blöde Sprüche anhören. Das finde ich sehr schade.

Sascha klaut selbst manchmal den Salzstreuer: @saschulius

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Titelbild: William Neuheisel | Flickr | CC BY 2.0

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